Leben mit Schubert

Werner Güra

Immer schneller, immer effizienter. Im rasanten Digitalzeitalter wirkt ein reiner Schubert-Liederabend wie eine Botschaft aus einer fernen anderen Welt. Werner Güra lässt uns erleben, wie wichtig sie ist und bleibt. Schubert-Glück im Musikverein.

„Der blinde Knabe‘ von Schubert – kennen Sie das Lied?“, fragt Werner Güra. „Das ist eine Welt, die einen so unglaublichen Durchblick und Tiefgang hat! Und ich, als Mensch, finde da einfach für mich: Ich kann so etwas in keiner Oper finden.“ Am 13. Dezember singt Werner Güra dieses Lied im Brahms-Saal. Es ist die vorletzte Nummer eines Programms mit Schubert-Liedern. Nichts sonst. Ein reiner Schubert-Abend. Sicherlich: Es gäbe und gibt noch so vieles, das kostbar ist – vor und neben ihm und darüber hinaus. Aber wenn man die Essenz sucht, das Herzwerk des Liedgesangs, dann ist es doch er: Schubert. Und noch einer ist ihm zur Seite zu stellen, wenn wir vom Wesentlichen in der Musik reden: Bach. „Schubert und Bach“, sagt Werner Güra, „das sind die zwei, die ich immer singen könnte und immer singen möchte.“

Durchblick nach innen

Musikliebende wissen, wie es gemeint ist. Es geht um Himmelswillen nicht um ein Ranking, nicht um diese neumodische Bewerterei nach Punkten und Sternderln, wie sie dem Homo digitalis heute permanent entlockt wird. Nein, dieses Schubert-und-Bach-Bekenntnis bringt schlichtweg zum Ausdruck, bei welchen Schwingungen jemand wie Werner Güra die tiefsten Resonanzen verspürt. Und kaum ein Lied könnte es besser verdeutlichen als „Der blinde Knabe“. Denn wovon wird da gesungen? Vom Reichtum, der im Inneren liegt. Der blinde Knabe ist die metaphorische Figur dafür. An so vielem unter der Sonne kann er nicht teilhaben – er aber erfährt das Unmögliche als Hinlenkung auf seine Möglichkeiten, und die brauchen das Äußere nicht, um zur glücklichsten Entfaltung zu kommen. „Mein innres Leben schön mir lacht,/ Ich hab der Freuden viel.“ Merkwürdig, dass Werner Güra beim spontanen Hinweis auf dieses Lied vom „unglaublichen Durchblick“ spricht, den es gewähre. Aber genau das ist es ja: „Der blinde Knabe“ weist im Nicht-sehen-Können auf eine Innenwelt, die in der Tiefe erspürt und erlauscht werden will.

Mutmaßungen über Musikmenschen

Die Schubert-und-Bach-Menschen haben dazu eine besondere Neigung. Oder sollte man sagen: ein eigenes Talent? Es ist ein weites Feld, das sich auftut mit dieser Art von Musik-Psycho-Typologie – aber reizvoll ist es schon, die Gedanken in dieser Richtung spielen zu lassen. Denn es gibt sie schon, diese Typen unter den Musikliebenden: den Schubert-und-Bach-Menschen und den Wagnerianer, den Mozart- und den Beethoven-Typ, den Mahler-Liebenden, den Verdi-und-Verismo-Aficionado ... Es mag Überschneidungen gegeben, Polyamouröses so und so, doch Hand aufs Herz: Viele unter den Musikfreunden wüssten spontan von sich zu sagen, wozu sie sich zählen und welche Art Musikmensch sie sind. 
Bei Werner Güra ist das eine besondere Geschichte, und gerade sie macht es so anregend, über Disposition und Prägung nachzudenken. Er nämlich begann als Wagner-Mensch. Tonangebend war da sein Vater, der als Tubist der Bayerischen Staatsoper tief in die Wagner-Welt verwoben war und seine große Liebe auf den kleinen Werner übertrug. „Mozart“, erinnert sich Güra lachend, „war für mich eigentlich unbekannt, und dass es auch Opern geben kann, in denen zwischen Musiknummern gesprochen wird, das wusste ich bis zur Schulzeit nicht.“

Geweckte Passion

Diese Schulzeit führte ihn zu den Regensburger Domspatzen und stark hinein in die Chor-Motetten-Oratorien-Welt. „Als Abiturient“, erzählt Güra, „konnte ich – wie später nie mehr im Leben – locker einen vierstimmigen Satz schreiben, so vertraut war mir das alles.“ Als ihn der Stimmbruch zum Tenor machte, war für ihn eines klar: „Schubert. Sofort Schubert!“ Ein Gesangspädagoge unterstützte ihn phänomenal darin, Richard Brünner, bis heute bekannt als Verfasser eines Standardwerks über Gesangstechnik und damals Stimmbildner bei den Domspatzen. „Mit ihm habe ich Schubert rauf und runter gesungen. Das war im Alter von 17 einfach meine Lieblingsbeschäftigung.“ So entdeckte sich Güra als Schubert-Mensch, der fast im gleichen Atemzug auch zum Bach-Menschen wurde. „Ich war 15 oder 16 Jahre alt, vielleicht auch schon im Tenoralter, als ich bei einer Aufführung der ,Matthäuspassion‘ dem Cembalisten umblättern durfte. Ich saß also mitten im Orchester, hörte die Evangelisten-Partie und spürte ganz intensiv: ,Das möchtest du singen!‘“ Die Passion in ihm war geweckt, ein tiefes Körper-und-Seele-Gefühl dafür, wohin er sängerisch gehöre. „Damals war ich noch der totale Wagner-Verehrer, aber für mich war instinktiv klar: Wagner werde ich nie singen.“ 

Loge lockt nicht

Dass Güra mit seinem wundervollen lyrischen Tenor in den Orbit der Oper eintrat, konnte nicht ausbleiben. Gute eineinhalb Jahrzehnte sang er vor allem Mozart- und Rossini-Partien an ersten Häusern, sei’s an der Sächsischen Staatsoper Dresden als Ensemblemitglied seit 1995, sei’s an der Staatsoper Unter den Linden Berlin, in Frankfurt, Zürich, Brüssel oder Paris. Die Lockung, sich vom lyrischen Tenor Richtung Loge oder Lohengrin zu bewegen, verspürte er auch dann nicht. Mit dem David in den „Meistersingern“ habe er einmal geliebäugelt, erzählt er, mit Peter Schreier wollte er die Partie durchgehen – es kam nicht dazu. Im Rückblick, findet Werner Güra, hat dies alles seine Richtigkeit. Denn das Singen in der Wagner-Welt, „das gibt die Stimme nicht her und der ganze Mensch nicht.“ Ja, vor allem der Mensch. Die „Zerbrechlichkeit einer Schubert-Figur“ ist ihm näher als alles Operntenorheldentum, die Seelennöte und -töne einer „Winterreise“ liegen ihm mehr als der Schönklang monochromer Charaktere. „Wenn ich einen Schubert-Liederabend singe“, sagt Werner Güra, „dann kann ich mich voll und ganz einbringen.“

Mitten im Leben

So konzentriert sich Werner Güra, weltweit gefragt, auf den Lied- und Konzertgesang. Allein bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ist er in dieser Saison – neben seinem Schubert-Abend mit dem Pianisten Christoph Berner – in vier weiteren Konzertprojekten zu hören: mit dem Concentus Musicus Wien, mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra und zweimal mit den Wiener Symphonikern. Dass der Operngesang derzeit keinen Raum daneben beansprucht, hat auch mit einer weiteren Passion des Sängers zu tun: dem Unterrichten. Lehren und Lernen sind treibende, tragende Kräfte seines Künstlerlebens. Werner Güra ist seit zehn Jahren Professor an der Zürcher Musikhochschule, gibt Meisterkurse in aller Welt und nimmt selbst Unterricht in Wien, bei Wessela Zlateva. „Das ist, wenn man so will, eine Win-win-Situation. Ich profitiere als Lernender und kann es als Lehrender weiter einbringen.“ Singen hat seinen Sitz mitten im Leben. Und weil es so ist, wird man als Singender ein Leben lang nicht fertig damit. 

"Schubert und Bach, das sind die zwei, die ich immer singen könnte und immer singen möchte." Werner Güra

Hübsche Stimmen und der Zeitgeist

Werner Güra, der diese Überzeugung lebt, nimmt seine Studierenden aus dem Kontext ihres Lebens wahr. Sie kommen mit hübschen, starken, schönen Stimmen in seine Klasse – aber eben auch mit all dem, was der Zeitgeist ihnen aufbürdet: einer immensen Fülle (theoretischer) Möglichkeiten und dem bedrängenden Anspruch, sich unbedingt verwirklichen zu müssen, und das noch möglichst rasch. „Es gibt die Grundlage für viele, sich zu verwirklichen“, sagt Güra. „Aber eine Verwirklichung braucht eben auch unfassbar viele Einsichten – die meisten sind da erst einmal überfordert.“ So geht es im Studium vielfach auch darum, Druck wegzunehmen, damit Entwicklung überhaupt stattfinden kann. Es ist ein schwieriges Unterfangen in Zeiten wie diesen. Der Voyeurismus im Netz lässt kaum mehr Raum fürs unbeobachtete Sich-Erproben. „Jeder Mist“, sagt Güra deutlich, „wird aufgenommen. Wenn du Pech hast, wird irgendwo in der Pampa etwas von dir mitgeschnitten und auf Youtube gestellt – das führt zu einer unglaublichen Unfreiheit im künstlerischen Bereich.“ Und dann drängt diese Zeit penetrant auf Effizienz. Werner Güra erfährt es auch als Künstler. Erst neulich wieder, erzählt er, habe er in Deutschland eines dieser total durchorganisierten Konzertprojekte erlebt. Klavierprobe, Orchester- und Generalprobe, Konzert – alles aufs Dichteste zusammengepackt. „Der Dirigent war so beschäftigt, dass er während der ganzen Produktion kein einziges Wort mit mir gesprochen hat.“ Nach dem Konzert folgte, via Agentur, die Anfrage fürs nächste Engagement. Alles bestens demnach.

Schuberts Antwort

Es ist eine schwere, verantwortungsvolle Aufgabe, junge Sängerinnen und Sänger für dieses Umfeld zu rüsten. Wie sollen sie singen in einer Welt, in der kein Platz mehr für ein Wort der zweckfreien Zuwendung ist? Wie sollen sie ihre Werte finden, wenn alles gleich bewertet wird? Wie ihre Stimme, wenn über jeden Ton gleich abgestimmt wird? 
Schubert hat nicht die Antwort darauf, aber doch eine, auf die man immer lauschen kann. Wer den Blick von den Äußerlichkeiten abzieht, hört die Botschaft. „Mein innres Leben schön mir lacht,/ Ich hab der Freuden viel.“ Werner Güra öffnet Sinne und Seelen dafür. Und überhaupt: Es kann nicht genug Schubert-und-Bach-Menschen geben. 

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.