Das Geheimnis liegt in den Nuancen

Ein neues Buch über den Musikverein

150 Jahre nach der Eröffnung des Musikvereinsgebäudes erscheint ein neues Buch über das Haus, das für viele das Haus für die Musik schlechthin ist. Autor Joachim Reiber und Fotograf Wolf-Dieter Grabner machen sich auf die Suche nach dem Besonderen, das den Musikverein und seine Menschen prägt.

Zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, das treibt den forschenden Menschen an – und auch den neugierigen, der mit Herz und Hirn lauscht. In der speziellen Wunderwelt des Wiener Musikvereins liegt die Antwort auf der Hand: die Musik. So ist es auch kein Zufall, dass sie sich als Leitmotiv schon durch die Inhaltsangabe des neuen Buchs von Joachim Reiber zieht: „Der Musikverein in Wien. Ein Haus für die Musik“ heißt der nun bei Styria erschienene Band, „Musik spüren“, „Musik denken“, „... formen“ und so fort sind seine Kapitel überschrieben – und behandeln, um bei Goethe zu bleiben, „alle Wirkenskraft und Samen“ der Tonkunst in diesen heil’gen Hallen. Reiber hat sie hellhörig abgeklopft und aus spannenden Perspektiven neu betrachtet – ebenso wie im wahrsten Sinne auch Wolf-Dieter Grabner, der das einfühlsame und zugleich selbständige Bildmaterial beigesteuert hat. Ein Werkstattgespräch.

Joachim Reiber, viel ist schon geschrieben worden über den Musikverein, die Institution, das Gebäude, seine Geschichte und Gegenwart. Wie findet man da einen weiteren, eigenen Zugang?
J. R.: Es war sicherlich eine Herausforderung, den Musikverein nach den gelungenen Veröffentlichungen der letzten Jahre neu ins Visier zu nehmen. Klar war: Das Haus sollte im Mittelpunkt stehen und die Hauptfigur sein – das war schon durch den Anlass gegeben, das 150-Jahr-Jubiläum des Musikvereinsgebäudes. Aber weder wollte ich die Geschichte chronologisch abhandeln noch das Haus Raum für Raum beschreiben. Das Buch sollte keine kunsthistorische Abhandlung und kein Museumsführer werden. Auch inspiriert von Wim Wenders und seinem Kurzfilm über die Berliner Philharmonie habe ich mir schließlich die Frage gestellt: Wie dient das Haus der Musik, welche vielfältigen Zugänge und Brücken zu ihr eröffnet es? Ohne Musik kein Musikverein, ohne Menschen keine Musik: Letzten Endes sind es die Menschen vom Saalmeister bis zur Künstlerschar, die das Haus und auch das Buch in vielen Kapiteln mit Leben füllen. Der Kunsthistoriker Friedrich Dahm etwa oder natürlich der grandiose Michael Heltau, mit denen es gelungen ist, neue gedankliche Räume zu erschließen. Oder reale Räume: Was Rudolf Buchbinder zum unscheinbaren, schmalen Gang zwischen Künstlerzimmer und Bühne zu sagen hat! In diesen Räumen Menschen zu begegnen, das erzählt wunderbare Geschichten über diesen Ort. Zu ihnen gehört natürlich auch Intendant Thomas Angyan, der ein Fünftel der Lebenszeit des Hauses mitgeprägt hat, länger als jeder andere.

Wolf-Dieter Grabner, wie ist der Musikverein als Fotomodell? Eher prätentiös oder zugänglich?
W.-D. G.: Eine spannende Herausforderung war es auch für mich, nach zehn Jahren, die ich das Haus mittlerweile fotografiere, immer noch neue Blickwinkel zu finden. Der Musikverein ist faszinierend, für mich selber aber gar nicht so sehr im Lauten, sondern in den Nuancen, im Leisen. Gerade den Goldenen Saal finde ich manchmal missverstanden: Ich sehe hier kein farblich überbordendes Strahlen, sondern mehr das Reflektieren dessen, was da ist, das Licht als Träger für die Inszenierung im Detail. Mit der Orgel in der Mitte hat er natürlich etwas sehr Sakrales. Das Haus als Ganzes fasst enorm viel zusammen, was Wien ausmacht, der Musikverein ist auch mal selbstironisch, mal zuckersüß. Und das führt uns wieder zurück zu den Menschen, die ihn mit Seele und Geschichte füllen.
J. R.: Dieses Reflektieren ist auch für mich unbedingt ein Schlüsselwort, sowohl beim Schreiben als auch in unserer Zusammenarbeit bei diesem Buch, bei der viel über intuitives Verstehen und Einander-Ergänzen gelaufen ist. Reflexion, das heißt: den vielzitierten Glanz nicht plan abbilden zu wollen, sondern in Spiegelungen, in mannigfaltigen Reflexionen sprachlich einzufangen.
W.-D. G.: Wenn ich Fotos allzu hell halte, habe ich weder Schatten noch Modellierung, dann fehlt die Dynamik. Auch in der Musik kann ich nicht die ganze Zeit laut spielen, ohne irgendwann zu langweilen. Die Aufführung einer Symphonie ist nicht völlig verschieden von dem, was guten Bildern gelingt: eine nuancenreiche Geschichte zu erzählen. Wenn sich Musik an die Grenze wagt und das Scheitern in Kauf nimmt, wird’s spannend; was nur zu gefallen versucht, gerät beliebig, verliert die Seele.

A house for music

At the end of October 2019, the Society of Friends of Music presents a new book, "Der Musikverein in Wien. Ein Haus für die Musik" (Author: Joachim Reiber, Photography: Wolf-Dieter Grabner). The book, which will be published by Styria Verlag, will be available at the Musikverein shop and in bookstores for a price of 30 Euros. Members of the Society of Friends of Music, who buy the "Jubiläumszyklus", receive it for free as a bonus to the subscription.

 

Bleiben wir bei der Musik: Da gibt es das penibel Vorbereitete und das Spontane im Moment der Aufführung. Wie verhält sich das bei diesem Buch?

W.-D. G.: Zur genauen Vorbereitung zählte für mich auch die Beobachtung dessen, was andere in diesem Haus fotografieren, allein um Wiederholungen zu vermeiden. Einerseits führe ich als Fotograf quasi die vorhandene Komposition auf, andererseits ist Improvisation darüber sehr wohl möglich, also etwas Humor oder eine Prise von schelmenhaftem Blick zuzulassen. Rein praktisch war das Einholen der Fotografiererlaubnis von vielen Künstlern mit großer Vorarbeit verbunden, manchmal ging’s spontan. Yo-Yo Ma etwa gab sofort seine Einwilligung, fotografiert zu werden, denn es sei ja „fürs Haus“. Sicher auch ein bezeichnendes Wort für dieses Projekt!
J. R.: Das Spannende ist immer das Nicht-Planbare, das Überraschende. Sicher muss man als Autor gut vorbereitet sein, aber dann beginnt mit dem ersten hingeschriebenen Wort auch das Abenteuer. Kurt Schwertsik hat mir einmal gesagt, man müsse als Komponist darauf horchen, wo die Musik hin wolle: Das ist für mich auch beim Schreiben ein Schlüsselsatz geworden. Was man vorab sucht, ist ein Gefühl für die Stimmung, die Tonart und den Resonanzraum eines Texts. Da verdanke ich auch dem Styria-Lektor Johannes Sachslehner tolle Anregungen – er brachte mich bei einem unserer ersten Gespräche auf Gaston Bachelard und seine „Poetik des Raumes“. Der essayistische Ansatz durch die Frage, wie Atmosphäre im Raum entsteht, hat mir einen wunderbaren neuen Blick ermöglicht auf das Haus, für das ich nun auch schon seit dreißig Jahren arbeite. 


W.-D. G.: Ich habe sicherlich mehr als doppelt so viel fotografiert als ursprünglich angenommen, war in sechs Monaten mehr als hundertmal im Musikverein – das ist sehr viel für letztlich rund 125 Fotos im Buch. Unser Grafikdesigner Stefan Fuhrer hat aber mit seinem liebevoll-pragmatischen Zugang da viel Druck rausgenommen, aus dem Pool an Fotos mit viel Gespür ausgewählt und fantastische Arbeit geleistet.

J. R.: Die Fotos sind eben keine kleinliche Bebilderung des Texts, sondern erzählen auf größeren Strecken eine eigene essayistische Geschichte. Das Buch lässt sich also lesen als die Verflechtung zweier Wege durch das Haus, die sich immer wieder überkreuzen, von denen aber jeder Weg auch seine eigene Freiheit hat: polyphon und kontrapunktisch. Hinzu kommen die zahlreichen Künstlerstatements, die Eva Angyan gesammelt hat: Dieses vielstimmige Echo verleiht dem Ganzen zusätzliche Tiefe und Resonanz. Gleichzeitig müssen wir Autoren damit leben, dass nicht alles und alle vorkommen. Das Haus hat eine Geschichte von solcher Fülle, dass man eine Auswahl treffen muss – das Einzelne muss da fürs Ganze stehen.


Gelangt man mit diesem Buch auch an Orte, die herkömmlichen Konzertbesuchern verborgen bleiben? Und gab es so etwas wie Überraschungen bei der Arbeit?

W.-D. G.: Ich habe schon vom Dach des Orgelgehäuses herunter fotografiert und durfte für eine ungewöhnliche Außenansicht dankenswerterweise aufs Baugerüst vor dem Künstlerhaus steigen ...
J. R.: ... und mit einer Art von Making-of des Neujahrskonzerts beleuchten wir das scheinbar Bekannte aus der Perspektive von TV-Regie und Ü-Wagen. Ein Besuch im weltberühmten Archiv des Musikvereins ist zwar kein Blick hinter die Kulissen, aber einer ins Innere, ins historische Herz des Hauses: Da fügte es sich, dass Andrés Orozco-Estrada ohnehin mit Otto Biba Fragen zum „Eroica“-Manuskript klären wollte. Was das Thema der Akustik betrifft, zu dem Nicht-Physiker meist nur irgendetwas nachplappern, ließen sich mit dem Experten Karl Bernd Quiring einige Mythen zurechtrücken. Und die Zeit mit Michael Heltau war – keine Überraschung! – in ihrer Tiefe und Intensität einfach beglückend. Die großen Momente sind die intimen. Wenn’s an die Grenze der Stille geht.

Das Gespräch führte Walter Weidringer.
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.