Klavierspiel als Selbsterfahrung

Kirill Gerstein 

Über den Jazz fand Kirill Gerstein wieder zur Klassik. Das mag ein Grund sein, weshalb sein Spiel so spontan und offen geblieben ist: neugierig auf das, was die Musik selbst zu sagen hat.

„Glauben Sie, Sie kennen Tschaikowskijs Klavierkonzert Nr. 1? Denken Sie noch einmal nach“, so begann die „New York Times“ einen Vorbericht zu einem Konzert von Kirill Gerstein. Dieser vertrat nämlich im Interview eine kühne These: Das, was wir gemeinhin von diesem Schlachtross des Repertoires zu hören bekommen, ist eine Verzerrung. Die neue, kritische Ausgabe, die Gerstein in New York dann (übrigens sehr erfolgreich) spielte, ist zarter und weniger grandios. Sie spekuliert weniger mit Überrumpelung durch Virtuosität. Sie basiert auf Tschaikowskijs eigener Dirigierpartitur, die er neun Tage vor seinem Tod 1893 in einem St. Petersburger Konzert verwendete. Die Ausgabe verfügt somit über alle Merkmale, die man von einer „Fassung letzter Hand“ erwartet, und sie war bislang so gut wie unbekannt. 

Umgedrehte Steine

Die kleine Episode vermittelt viel von dem, was Gerstein ausmacht. Er liebt es, die Steine umzudrehen, um zu entdecken, wie viel Leben unter dem Moos der Interpretationsgeschichte vorhanden ist. Er liebt es, auch sich selbst auszuprobieren. 1979 in Woronesch, im Südwesten Russlands, geboren, studierte Gerstein Klavier an einer Musikschule für begabte Kinder und eignete sich während des Studiums der klassischen Musik Grundkenntnisse des Jazz und der freien Improvisation an. Die umfangreiche Plattensammlung seiner Eltern, die Jazz liebten, war dabei eine schier unerschöpfliche Quelle. Nachdem er als 14-Jähriger den Vibraphonisten Gary Burton bei einem Festival in der Sowjetunion gehört hatte, gab es kein Halten mehr. Gerstein wollte Jazzpianist werden und übersiedelte dafür sogar in das Mutterland des Jazz, absolvierte im Eiltempo das renommierte Berklee College of Music in Boston und fand schließlich wieder zurück zur klassischen Musik. Das hatte schlicht damit zu tun, dass in unmittelbarer Nähe von Boston das Klassik-Festival in Tanglewood stattfindet.

Globale Biographie

Gerstein zog nach New York City, um an der Manhattan School of Music bei Solomon Mikowsky zu studieren. Dann ging er nach Madrid, um sich bei Dmitri Bashkirov den letzten Schliff zu holen, einem Schüler von Alexander Goldenweiser, der zu den Gründern der russischen Schule zählt. Schließlich kam in Budapest noch Ferenc Rados mit ins Boot, ein Guru für viele namhafte Pianisten, darunter auch für András Schiff und Zoltán Kocsis. Rados verkörpert die österreichisch-ungarische Tradition – das machte die Ausbildung von Gerstein komplett. Seit 2003 ist er nun amerikanischer Staatsbürger und teilt seine Zeit zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland. Das nennt man eine globale Biographie.

Eigene Wege

Nun gibt es ja kaum eine Musikerkarriere ohne Hürden und aufkeimende Zweifel. Manche meinen, dass Krisen erst einen großen Musiker ausmachen, denn die Phasen der krisenhaften Selbstfindung  seien Voraussetzung, eine eigene Stimme zu finden. Wir wollen die Beantwortung den Musikpsychologen überlassen. Im Fall von Gerstein jedenfalls scheinen sich die vielen Einflüsse und sicher nicht immer einfachen Ortswechsel bezahlt gemacht zu haben. „Wenn ein junger Künstler darüber nachdenkt, wie schwierig es ist, eine Karriere zu starten, wie gering die Erfolgsaussichten wirklich sind und wie viel Gefahr um die Ecke liegt, kann das wirklich demoralisierend und lähmend sein“, erinnert er sich. Von Anbeginn an war Gerstein wichtig, sich der Musik unvoreingenommen zu nähern, den Text zu studieren – und nicht die berühmten Aufnahmen von Kollegen oder Vorbildern. Die Suche nach Originalität dürfe aber keineswegs Selbstzweck werden. „Wenn das, was ich dann spiele, zum Großteil dem entspricht, was andere auch herausgefunden haben, ist es auch okay“, sagt Gerstein. Dass er oft eigene Wege geht, sollte man hinzufügen. Schon seine erste Einspielung überhaupt, Modest Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“, belegt es überzeugend.

Tiefe und Frische

Zentraler Bezugspunkt seines Denkens wurde Glenn Gould. Es waren – in diesem Fall natürlich – Goulds Aufnahmen, an denen sich der junge Gerstein berauschte. Aber mehr noch: Das Phänomen Gould reicht für Gerstein weit übers Pianistische hinaus. „Er war ein Schriftsteller und Kommentator für viele Belange des menschlichen Lebens. Ich gebe zu, dass ich wirklich fasziniert war, wie ein Instrumentalist so klug und gebildet sein kann und so gut informiert über so viele Themen.“ Gerstein wird Gould insofern gerecht, als sein fundierter analytischer Zugang nie akademisch klingt. Sein Spiel hat Tiefe und Frische. Gerstein strahlt am Flügel aus, dass er sich auch selbst überraschen will. Er ist das Gegenteil eines Musikers, der vorgefertigte Einsichten abliefert. Vielmehr scheint er auch während seines Spiels ständig im Dialog mit dem Werk. Gelten die Lösungen, die gestern noch wahr waren, auch heute noch?  Die Musikerkollegen, mit denen er Kammermusik spielte oder spielt, scheinen alle diesen Zugang zu teilen: Steven Isserlis, Boris Pergamenschikow, Clemens Hagen, Gidon Kremer, Yuri Bashmet, Emmanuel Pahud. Sie alle stehen für risikoreiches Musizieren auf der Basis stupender Technik. Nicht zu vergessen Tabea Zimmermann, mit der Gerstein einen dunkel gefärbten Brahms aufgenommen hat.

Marathon statt Sprint

Anders als bei vielen Kollegen hat es um Gerstein nie einen Hype gegeben (in dessen Natur es ja liegt, dass dieser auch wieder abebbt). „Semyon Bychkov hat mir einmal gesagt, eine lebenslange Karriere in der Musik sei kein Sprint, sondern ein Marathon“, sagt Gerstein dazu. Marketing-Gimmicks sind jedenfalls nicht seine Sache. Wer Gerstein je auf der Bühne erlebt hat, oft im schwarzen Rollkragenpulli, würde dies auch für abwegig halten. „Ich finde es wahnsinnig interessant, Klavier zu spielen, ich finde die Musik interessant, auch das Konzerterlebnis, die soziale Architektur des Ganzen. Selbst das Marketing, als eine Art Spiel. Aber man soll es nicht so ernst nehmen“, lautet dazu sein nüchterner Kommentar. Gerstein versucht jeden Tag, sich an ein meditatives Ritual zu halten, nämlich ans Klavier zu gehen, seine Gebete zu sprechen, sich selbst im Spiegel zu beobachten, um Ängste und Irritationen zu erkennen, um sie so zu bewältigen. Das Ziel: sich auf den Weg zu machen und sich zu verbessern. „Für mich hat das etwas sehr Grundlegendes an sich“, sagt Gerstein. „Es wäre eine Lüge zu sagen, dass ein Interpret sich nicht um ein gewisses Maß an öffentlicher Anerkennung und Bewunderung kümmert, aber das kann nicht der ultimative Grund für das Klavierspiel sein.“ In der Kunst geht es auch um Selbsterfahrung – des Ausübenden und der Zuhörer.

„Ich finde es wahnsinnig interessant, Klavier zu spielen, ich finde die Musik interessant, auch das Konzerterlebnis, die soziale Architektur des Ganzen." Kirill Gerstein 

Lehren und lernen

Gerstein ist der tiefen Überzeugung, dass er sich nur dann weiterentwickeln kann, wenn er auch selbst unterrichtet. So folgte er einer Einladung von András Schiff, an dessen Kronberg Academy zu unterrichten. Lehren als eine Form von Lernen. Abgeschlossen kann solch ein Prozess nie sein. „Es war für mich nie ein Thema, zu sagen, jetzt bin ich erwachsen und brauche keinen Lehrer oder Mentor mehr“, bekennt Gerstein. So ist es auch kein Zufall, dass er mit Ferenc Rados immer noch in Kontakt steht. „Mit ihm bin ich nach wie vor eng verbunden, wir sehen uns mehrmals im Jahr, neulich habe ich ihm zum Beispiel eine Aufnahme von einer Konzertreise nach Budapest geschickt und um sein Feedback gebeten.“ Zudem verbindet beide eine grundlegende Überzeugung. Musik ist kein Beiwerk: „Wir müssen wirklich zeigen, warum klassische Musik unerlässlich ist.“

Wolfgang Schaufler 

Wolfgang Schaufler ist Verlagsmitarbeiter der Universal Edition und Herausgeber des Buchs „Gustav Mahler – Dirigenten im Gespräch“.