Weder cool noch melancholisch

Camilla Nylund

Als führende Vertreterin des lyrisch-dramatischen Fachs ist sie ein erklärter Liebling des Publikums und ein häufiger Gast an der Wiener Staatsoper. Im Konzertsaal macht sich die finnische Sopranistin Camilla Nylund dagegen eher rar. Nun gibt sie ihren lang erwarteten ersten Liederabend im Musikverein. Monika Mertl traf sie zum Gespräch. 

Frau Nylund, kommt der Liedgesang neben Ihrer Opernkarriere ein bisschen zu kurz, weil nicht genug Zeit bleibt? 

Ja, das stimmt leider. Dabei war das das Erste, was ich in meiner klassischen Ausbildung gelernt habe, und ich habe während meines Studiums auch einiges auf diesem Gebiet gemacht. Aber für einen solchen Abend muss man schon entsprechend vorbereitet sein, man ist schließlich Alleinunterhalter.   

Ist ein Liederabend auch eine spezielle Nervensache? Sie gelten ja als „cool“ ... 

Das kommt mit den Jahren. Ich bin auch nervös, klar! Man muss lernen, die Nervosität in Schach zu halten. Aber bei einem Liederabend muss man sehr viel und sehr Verschiedenes auswendig können. Ich möchte das keinesfalls mit Noten singen, das ist den Liedern gegenüber nicht gerecht, und auch nicht dem Publikum gegenüber. Und so ein Abend ist etwas ganz anderes als eine große Oper, er muss viele verschiedene Farben und Stimmungen haben, vom ganz Leisen bis zur großen Dramatik, die ganze Bandbreite.   Im Programm Ihres Liederabends stellen Sie auch zwei finnische Komponisten vor, die wir hier nicht kennen: Der eine ist Toivo Kuula ...  Ja, er ist leider sehr früh gestorben, er wurde 1918 bei einem Streit erschossen. Er hat eine ganz eigene Tonsprache entwickelt, sehr expressive Lieder. Ich werde das Wiener Publikum damit nicht überfordern, aber einige Kostproben möchte ich bringen.   

Der andere ist Armas Järnefelt, dem Sie schon einmal eine CD gewidmet haben. 

Järnefelt war mit der Schwester von Sibelius verheiratet und stand als Künstler in dessen Schatten. Er war Kapellmeister in Stockholm und hat viele Lieder in schwedischer Sprache geschrieben, seine Musik ist überhaupt eher der schwedischen Musik verwandt, sie ist nicht so schwermütig. Zwischen der finnischen und der schwedischen Volksmusik ist ja ein Riesenunterschied, bei den Finnen steht fast alles in Moll, die sind unheimlich melancholisch ...   Wie die Filme von Kaurismäki ...

Und Sie selbst, sind Sie auch eine so schwermütige Finnin? 

Ich habe beides, denn ich bin Finnlandschwedin. Ich bin an der Westküste geboren, in Vaasa, und bin mit der schwedischen Sprache aufgewachsen. Wir sind eine ganz kleine Minderheit, nur 5,6 Prozent der finnischen Gesamtbevölkerung von fünf Millionen Menschen, die sich an der schwedischen Tradition orientiert. Aber wir tragen viel zum kulturellen Leben bei.   

Wie waren die familiären Voraussetzungen fürs Musizieren? 

Bei uns zu Hause wurde viel gesungen, das war eine Art, sich auszudrücken. Meine Großmutter und meine Mutter waren auch im Chor. Nur mein Vater konnte überhaupt nicht singen. Berufsmusiker gab es in meiner Familie nicht, da bin ich die Erste. Aber meine Eltern haben meinen Berufswunsch immer unterstützt und nie in Frage gestellt.   Sie gehören zu den wenigen Sängerinnen im Opernbusiness, denen es gelungen ist, eine internationale Karriere und eine Familie zu haben.

Ihr Mann, Anton Saris, ist ebenfalls Sänger, lyrisch-dramatischer Tenor, Sie haben zwei Töchter und leben in Dresden. Wie funktioniert diese Familie? Wie geht sich das alles aus? Wer steckt zurück? 

Mein Mann hat zurückgesteckt. Wir waren uns einig, dass wir Kinder haben wollen, aber er hat eingesehen, dass ich diejenige bin, die die Voraussetzungen für eine internationale Karriere mitbringt. Ich hätte natürlich fix an einem Haus bleiben können. Aber wenn man wirklich Erfolg haben will, muss man überall präsent sein. So musste mein Mann eben vieles übernehmen, was traditionell zu den weiblichen Pflichten gehört. Er spielt mehr den häuslichen Part.   

Gibt es deswegen bei Ihnen auch manchmal Streit? 

Wir streiten wie jedes Ehepaar. Aber er ist Gott sei Dank ein moderner Mann. Dass seine Frau mehr im Rampenlicht steht als er, hat er gut weggesteckt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass er Holländer ist. Ein Mann aus einem anderen Kulturkreis hätte mit dieser Situation vielleicht größere Probleme gehabt. Bei uns im Norden glaubt man doch sehr an die Gleichberechtigung. Für mich ist das ganz normal. Auch meine Eltern waren beide berufstätig. Im Übrigen ist mein Mann derjenige, der im Grunde gern zu Hause ist – im Gegensatz zu mir: Ich bin mehr die Unruhige, Getriebene.   

Und wenn Sie als „Fliegende Holländerin“ von Ihren Reisen zurückkehren ... 

... da ist es dann oft so, dass Mama nach Hause kommt und den Alltag stört! 

Ihre Ausbildung haben Sie am Konservatorium in Turku begonnen, und Sie haben dort auch Musikwissenschaft studiert. Ist das hilfreich für den Beruf? 

Es war eigentlich eine Notlösung, denn für Gesang wurde ich an der Sibelius-Akademie nicht aufgenommen. Eine Katastrophe! Ich hatte schon seit meinem vierzehnten Lebensjahr Gesangsunterricht am Kuula-Institut in Vaasa gehabt, das war eine Vorstufe zum Konservatorium, und ich hatte seit damals jeden Sommer Meisterkurse besucht, in Rom, in Wien, in Salzburg; mit sechzehn war ich bei Birgit Nilsson in Tampere. Deshalb war ich natürlich furchtbar enttäuscht, als es mit Gesang zunächst nicht geklappt hat. Aber ich wollte ernsthaft Musik studieren, also habe ich mich ein Jahr lang sehr leidenschaftlich mit Musikwissenschaft beschäftigt ... es war halt Wissenschaft, nichts Künstlerisches. Zum Glück konnte ich 1988 ans Mozarteum in Salzburg wechseln. Die ungarische Sopranistin Eva Illes, die leider schon gestorben ist, hat mich sieben Jahre lang sehr gut ausgebildet, und gleich nach Studienabschluss bekam ich durch Zufall ein Engagement an dem Haus, an dem sie aufgehört hatte: in Hannover.   

"Ich will mir die Leichtigkeit bewahren." 
Camilla Nylund

Ihren internationalen Durchbruch hatten Sie 2004, mit Salome in Köln und mit der Beethoven-Leonore in Zürich, unter Nikolaus Harnoncourt.  Leonore kam zuerst, im Jänner 2004. Das war zwar keine Premiere, aber eine international beachtete Aufführung, weil sie damals fürs Fernsehen und für DVD aufgezeichnet wurde.  Wie war die Arbeit mit Harnoncourt? 

Ich kannte ihn schon, vom Mozarteum. Ich hatte einige seiner Vorlesungen besucht und auch im Hochschulchor einiges mit ihm gemacht. Aber ich hatte mich nie getraut, ihn zu fragen, ob ich ihm vorsingen darf. Für die Leonore hatte ich dann natürlich ein Vorsingen bei ihm, hier im Musikverein. Dieser „Fidelio“ war eine sehr bewegende und aufregende Erfahrung, ich habe die Partie ja zum ersten Mal gesungen und sie mit Harnoncourt erarbeitet. Er war so überzeugend! Man kam gar nicht auf die Idee, etwas von dem, was er wollte, in Frage zu stellen. Und insgesamt war diese Produktion sehr wichtig für mich, auch weil andere auf mich aufmerksam wurden; bei solchen Partien sind die Leute immer sehr hellhörig.   

Und Ihre erste Salome? 

Das war im Herbst 2004. Da konnte ich mein Bestes geben! Katharina Thalbach hat Regie geführt, der Dirigent war Markus Stenz. Ich habe so viele tolle Kritiken bekommen! Dieser Salome verdanke ich auch, dass ich nach Wien an die Staatsoper engagiert wurde. Direktor Holender kam nach Köln und sagte nach der Vorstellung zu mir: Also, Sie wollen die Salome an der Wiener Staatsoper singen?   Das war dann hier Ihr Debüt!  Ja, im Herbst 2005. Mein Wien-Debüt war allerdings schon im Sommer 2005 im Theater an der Wien, mit der Leonore in der Urfassung von 1805!   

Sie haben seither im lyrisch-dramatischen Fach fast alles gesungen, was gut und teuer ist: alle wichtigen Strauss-Partien, dazu Elsa, Sieglinde, „Tannhäuser“-Elisabeth. Sie achten sehr darauf, sich diese lyrische Qualität zu bewahren, die Isolde wäre für Sie ein „point of no return“; den zweiten Akt haben Sie allerdings in einer konzertanten Aufführung schon ausprobiert.

Ja, ich hatte schon Angebote für die ganze Isolde, aber das möchte ich noch hinauszögern. Ich habe keine Eile. Der zweite Akt ist gut gegangen, er liegt sehr hoch, und meine Stimme will in die Höhe. Ich will mir die Leichtigkeit bewahren. Beides, die Höhe und die Leichtigkeit, brauche ich für die Kaiserin in „Die Frau ohne Schatten“, die ich im nächsten Frühjahr auch hier an der Staatsoper singe. 

Ihre letzte Rolle an der Staatsoper war im Juni Agathe in „Der Freischütz“. Am Tag der Premiere haben Sie Ihren 50. Geburtstag gefeiert. Sie machen aus Ihrem Alter kein Geheimnis? 

Nur, weil man eine Frau ist, muss man sich wegen seines Alters doch nicht verstecken!   

Aber wie ist es Ihnen gelungen, sich diese jugendliche Ausstrahlung, auch in der Stimme, zu bewahren? 

Ich weiß es nicht wirklich. Es ist sicher mit Arbeit verbunden. Man muss nicht allen gefallen wollen, und man muss seine individuelle Vorstellung davon entwickeln, wie die Stimme klingen soll. Wenn es gelingt, möglichst schlank zu singen, hilft das sehr. Man soll die Stimme nicht größer machen wollen. 

Ihre wichtigste Lehrerin bis heute ist Irmgard Boas in Dresden, die mittlerweile 89 Jahre alt ist. 

Ja, und voll aktiv! Irmgard Boas ist ein Glücksfall für mich. Ich wusste, dass Klaus Florian Vogt mit ihr arbeitet, auch mein Mann war bei ihr. Ich habe mit ihr meine erste Elisabeth einstudiert. Seit damals konsultiere ich sie. Das hat mir für den Stimmsitz sehr viel gebracht, und es hilft mir ganz grundsätzlich, bewusst mit meiner Stimme umzugehen. Selbst wenn man in der Praxis oft alles Mögliche tut – auf dieses Bewusstsein muss man immer wieder zurückkommen. Auch eine noch so gute Lehrerin kann einem diese Arbeit, diese Art von Disziplin, nicht abnehmen. Das muss man selber machen. Man muss selber klug genug sein. 

Das Gespräch führte Monika Mertl. 

Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).