Im Zwischenreich sinnlicher Klänge

Kaija Saariaho

In seinem Novemberkonzert stellt das ORF RSO Wien das Harfenkonzert „Trans“ der finnischen Komponistin Kaija Saariaho in den Mittelpunkt. Solist ist Xavier de Maistre, der auch den Anstoß zur Komposition dieses internationalen Auftragswerks aus dem Jahr 2015 gegeben hat.

Nicht nur wer noch in der Schule Latein gelernt hat, kennt die häufige Vorsilbe „trans-“ mit ihrer schillernden Bedeutung „hindurch, quer durch, hinüber, jenseits, über (etwas) hinaus“. Die heutzutage häufigste Verwendung in „Transgender“ dürfte der Komponistin Kaija Saariaho eher weniger vorgeschwebt sein. Freilich hatte die 1952 geborene Finnin sehr wohl mit der Gender-Problematik zu kämpfen, um „quer durch“ jene gläserne Decke zu kommen, die ihr den Weg zur Akzeptanz in diesem Metier wie so vielen zunächst verwehrte. Diesbezügliche Anekdoten sind auch in ihrem Fall bekannt: Als sie einmal bei einem Orchester zur Probe eines ihrer Stücke erschien, sei sie für das „Mädchen, das die Noten umblättert“ gehalten worden. Und ein berühmter Cellist sei, als sie ihn fragte, ob er nicht einmal ein Werk von ihr im Radio spielen wolle, in schallendes Gelächter ausgebrochen. 

Begnadete Musikdramatikerin

Freilich gehört dies für Saariaho inzwischen längst der Vergangenheit an. Spätestens seit im Sommer 2000 die Uraufführung ihrer ersten Oper „L’amour de loin“ bei den Salzburger Festspielen zu einem durchschlagenden Erfolg wurde, ist ihr Name weithin bekannt. Ihre weiteren Opern – die 2006 an der Opéra Bastille in Paris uraufgeführte „Adriana Mater“, die 2010 in Lyon aus der Taufe gehobene „Émilie“ sowie die 2016 in Amsterdam uraufgeführte Doppeloper „Only the Sound Remains“ – bestätigten ihren seither errungenen Ruf als begnadete Musikdramatikerin, Stimmungsmalerin und Schilderin von Atmosphäre und emotionalen Valeurs. Dabei verlief ihr Weg entlang wirkmächtiger kompositorischer Strömungen des späten 20. Jahrhunderts keineswegs in eindimensionaler Form. Ihr Kompositionslehrer an der Sibelius-Akademie in Helsinki war Paavo Heininen, der seinerseits unter anderem bei Bernd Alois Zimmermann studiert hatte, die in den fünfziger Jahren in Deutschland und Frankreich gepflegte Serielle Musik in den Norden brachte, aber auch von den Methoden Witold Lutosławskis sowie neoklassizistischen Ansätzen begeistert war. Es war also ein ausgesprochen weites Feld von Richtungen, mit denen die junge Musikerin derart konfrontiert wurde. Mit Magnus Lindberg, dem später hochgeschätzten Symphoniker, der ebenfalls von Heininen ausgebildet wurde, gründete sie die Gruppe Open Ears, die sich für damals unerhörte Klangwelten einsetzte. 

Betörende Klangkonglomerate

Doch dann zog es Saariaho in die ton- bzw. klangangebenden Länder der musikalischen Avantgarde, zunächst nach Deutschland, wo sie an den Darmstädter Ferienkursen teilnahm, sich beim New-Complexity-Mastermind Brian Ferneyhough und beim politisch engagierten und von arabischer Musik inspirierten Klangmystiker Klaus Huber weiterbildete. Anschließend setzte sie sich am IRCAM im Centre Pompidou in Paris eingehend mit jenen computerunterstützten Methoden auseinander, die in den 1970er und 1980er Jahren en vogue waren. Die Faszination akribischer Klanganalyse und genauester Kontrolle des Erklingenden brachte sie schließlich mittels der Verbindung live gespielter Musik und Klänge vom Tonband bzw. durch Live-Elektronik zu einer Ausdrucksweise, die sie als ihre ureigene betrachten konnte. Ihr Markenzeichen wurden jene oszillierenden Klangwelten, die die meist unter dem Label „Spektralisten“ gehandelten Komponisten der „Groupe L’Itinéraire“ auf Basis ihrer Analyse von Obertonakkorden entwickelt hatten – fesselnde, betörende Klangkonglomerate, die dadurch, dass sie auf einem Grundton aufbauende Teiltonschichten hervortreten lassen, eine enorme Sinnlichkeit verströmen. Diese Technik wirkt bei Saariaho manchmal geradezu impressionistisch und lässt auch das Publikum leicht einen Bogen zu den häufigen Metaphern in ihren Werktiteln und Untertiteln schlagen, an Naturbilder denken, emotionale Stimmungen und dramatische Wucht in ihren Opern und Instrumentalwerken entdecken. Dass die Komponistin zunächst Malerei und Zeichnen studiert hatte, ehe sie sich ganz der Musik verschrieb, muss man dabei gar nicht unbedingt wissen, um ihre Fähigkeit zu erkennen, klangliche Bilder zu entwerfen, die manchmal ans Illustrative grenzen, während ihr ganzes Schaffen von visuellen Assoziationen nur so wimmelt. 

Internationales Auftragswerk

Orchestrale Klangmassen und filigrane Zartheit schließen sich in Saariahos Stil keineswegs aus, sondern bedingen einander. Und so verwundert es nicht, dass der derzeit wohl berühmteste Harfenist der Welt, Xavier de Maistre, bei Kaija Saariaho offene Ohren fand, als er ein neues Konzert für Harfe und Orchester anregte. 2015 taten sich die japanische Suntory Foundation for Arts, das finnische und das schwedische Radio-Symphoniorchester, das Tonhalle-Orchester Zürich, Radio France und das Hessische Rundfunk-Sinfonieorchester zusammen, um das Auftragswerk zu ermöglichen, das nun für die österreichische Erstaufführung in den Musikverein kommt. Saariaho selbst gilt als öffentlichkeitsscheu und zurückhaltend; und selbst bei ihrem Management blieb eine Anfrage unbeantwortet, ob die Komponistin Auskunft über sich und ihr Werk geben wolle. Sprechend sind jedoch bereits die Bezeichnungen der drei Sätze der Komposition „Fugitiv“, „Vanité“ und „Messager“. 

Faszination eines ungewohnten

Soloinstruments In ihrem Werkkommentar zu „Trans“ schreibt die Komponistin, dass sie die Harfe sehr mag und sie viel in Orchesterwerken und Kammermusik verwendet hat. Ein Harfenkonzert sei eine andere Herausforderung, da das Instrument in delikaten Passagen leicht vom Orchester verdeckt werde. Saariaho wollte zwar alle Orchesterfarben verwenden, doch der Harfe einen solistischen Raum geben. Daher gibt es nur wenige Stellen, in denen das gesamte Orchester zum Einsatz kommt; im Mittelpunkt stehen eher Dialoge zwischen dem Soloinstrument und einzelnen Instrumentengruppen. Die verschiedenen Arten des Glissando, die Klarheit des Zupfens der Saiten, die große Resonanz und das breite Register – das sind laut der Komponistin jene Seiten des Instruments, die sie besonders faszinieren. Diese Besonderheiten inspirierten sie auch für die Kadenzen der Soloharfe, in die manchmal andere Instrumente einstimmen. Vielfache klangliche Durchdringungen also, die ebenso offen anmuten wie der Titel des Konzerts selbst: Es führt wie alle Kompositionen aus der Feder Kaija Saariaho in das Zwischenreich sinnlicher Klänge. 

Daniel Ender

Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender leitet die Abteilung Wissenschaft und Kommunikation der Alban Berg Stiftung Wien, lehrte an verschiedenen Universitäten und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“.