Lockrufe aus der Neuen Welt

Silvestre Revueltas

Auch knapp achtzig Jahre nach seinem Tod ist der mexikanische Komponist Silvestre Revueltas in der Musikwelt Europas noch nicht richtig angekommen. Warum eigentlich=? Florian Zeuner macht sich auf Spurensuche.

Begibt man sich auf die Fährte von Silvestre Revueltas und seiner Musik, dann fängt man am besten einige Jahre vor seiner Geburt an. Genauer gesagt beim ersten Meilenstein der amerikanischen Orchesterliteratur. Der stammt nämlich ausgerechnet von einem geradezu prototypischen Europäer, dem böhmischen Komponisten Antonín Dvořák. Ihm ist es 1893 in kongenialer Manier gelungen, symphonische Musik aus der Neuen Welt auf alle Ewigkeit mit seinem Namen zu verknüpfen. Bis heute bleibt es seiner zwischen sehnendem Heimweh und gespannter Neugierde changierenden Neunten Symphonie vorbehalten, die Ohren von Konzertgängern auf die vielschichtigen Klangwelten Amerikas zu lenken. Dabei übertönt die kolossale Komposition nonchalant die brennende Frage, warum dieser riesige Kontinent über Jahrhunderte hinweg geschwiegen zu haben scheint. Vielleicht, weil diese „Neue Welt“ auf der anderen Seite des Atlantiks ohnehin eine euphemistische Wortschöpfung des seinerzeit zivilisatorisch überlegenen Europas darstellt? Weder Kolumbus noch seinen zahlreichen Nachfolgern ging es um die Entdeckung einer andersartigen Kultur und Gesellschaftsordnung, sondern zuvorderst um Landnahme und Rohstoffe. Für die Ureinwohner und ihre jahrhundertelang gewachsene Welt blieb da kein Platz. Sie wurde schlicht und einfach ausradiert, damit Amerika möglichst schnell zur Dependance Europas werden konnte.

Transfer in eine Richtung

Entsprechend funktionierte auch der Kulturtransfer zwischen Europa und Amerika im Bereich der institutionellen Kunst ausschließlich in eine Richtung. Jegliches kreative Schaffen hatte nach europäischen Maßstäben zu erfolgen. So blieben auch die wichtigsten und prestigeträchtigsten Posten im amerikanischen Musikleben in der Regel zuerst einmal europäischen Künstlern vorbehalten. Da verwundert es nicht allzu sehr, dass es nur einigen spätgeborenen Komponisten des amerikanischen Kontinents gelungen ist, regelmäßig auf den Bühnen der europäischen Konzerthäuser gespielt zu werden. Gegenteiliges lässt sich von der amerikanischen Volksmusik berichten. Die Einflüsse europäischer Kolonialisten, afrikanischer Sklaven und indigener Bevölkerung brauten sich über Dekaden zu einer brodelnden Melange zusammen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als populäre Musik über den ganzen Globus zu schwappen begann. Etwa um dieselbe Zeit versuchte sich auch eine Reihe amerikanischer Komponisten von der Superiorität Europas zu befreien. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass dabei ebenfalls eine spürbare Nähe zur Kultur und Musik der Straße offenbar wurde und die jahrhundertelang betriebene Imitation europäischer Modelle keine große Rolle mehr spielte. Geradezu beispielgebend hierfür ist Silvestre Revueltas.

Trommelndes Wunderkind

Der mexikanische Komponist wurde am 31. Dezember des Jahres 1899 als erstes von zwölf Kindern in eine der besser situierten Familien des Landes hineingeboren. Ihn als letztes Kind des 19. Jahrhunderts zu bezeichnen würde seinem Wirken dennoch nicht gerecht. Vielmehr atmet seine Musik auf ganz eigentümliche Weise den Pulsschlag der Moderne. Sein Talent kam zum Vorschein, als er in jungen Jahren so manchen Haushaltsgegenstand zum Perkussionsinstrument auserkor. Die Eltern hatten also vermutlich gute Gründe, ihm im Alter von fünf Jahren eine Geige zu schenken. Mit Erfolg: Die mittlerweile deutlich überstrapazierte Bezeichnung vom Wunderkind machte in diesem Zusammenhang die Runde. Eine objektive Einschätzung ist hierzu allerdings nicht möglich. Aufnahmen mit Silvestre Revueltas am Instrument gibt es nicht. Die richtigen Gene dürfte er aber besessen haben, wie die Lebenswege einiger seiner Geschwister erahnen lassen. So verhinderte nur ein früher Tod den Durchbruch seinesBruders Fermín als Maler. Ein weiterer Bruder, José, war als radikaler Denker, Schriftsteller und Drehbuchautor berüchtigt. Seine Schwester Rosaura arbeitete als Schauspielerin und Theaterautorin, unter anderem für das Berliner Ensemble.

Die Stimme Amerikas

Auch wenn sich Silvestre Revueltas von seinem unkonventionellen Schlagwerk schon bald wieder trennen musste, ist in seinem gesamten Schaffen die unbändige Lust am Spiel mit dem Rhythmus ebenso erhalten geblieben wie die bedingungslose Experimentierfreude fernab jeglicher Regeln und Schulen. Ganz ohne eine Ausbildung ging es allerdings auch bei ihm nicht. Bereits als Teenager besuchte er das Konservatorium von Mexiko-Stadt. In den Wirren der Revolution wurde er aber bald nach Texas und später an das Chicago Musical College geschickt, wo er neben dem Geigenspiel auch in Komposition und Harmonielehre unterrichtet wurde. Eine stringente Karriereplanung ist danach jedoch erstaunlicherweise nicht zu erkennen. Er trat hin und wieder als Geiger auf, leitete diverse Stummfilmorchester und komponierte ohne größere Ambition Salonmusik für den Privatgebrauch. Mit der Zeit stieß er jedoch auf die ungeheure Vielfalt der zeitgenössischen Musik der 1920er Jahre. Er lernte das Schaffen Schönbergs ebenso kennen wie Werke von Strawinsky und anderer Avantgardekomponisten. Abseits der innereuropäischen Grabenkämpfe konnte er im fernen Amerika über die Ausrichtung der zukünftigen Musik seine ganz eigenen Schlüsse ziehen. Und einer davon lautete unumstößlich, dass es seiner Stimme als Komponist bedurfte.

Kreative Kraftakte

Ohne je ein Werk veröffentlicht zu haben, trat Silvestre Revueltas 1928 der Pan American Association of Composers bei und beendete im Jahr darauf sein Wirken als Geiger, um in Mexiko mit dem Nationalorchester Programme zu gestalten, die selbst im Wien anno 2018 noch als innovativ oder gewagt gelten würden. Als die Zusammenarbeit einige Zeit später zerbrach, gab es für Revueltas kein Zurück mehr. Sein Fokus war nun ein für alle Mal auf das Komponieren gerichtet. Ganz dem romantisierten Ideal der Bohème entsprechend, schuf er unter prekären Bedingungen seine wenig beachteten Meisterwerke, während er selbst zunehmend unter depressiven Schüben litt und dem Alkoholismus verfiel. Lediglich einige Filmmusiken sorgten für gelegentliche Finanzspritzen und Brosamen an öffentlicher Anerkennung. Ein vager Lichtblick dürfte auch seine einzige Reise nach Europa gewesen sein. 1937 hielt sich der überzeugte Sozialist für mehrere Monate in Spanien auf, um die Republikaner im Kampf gegen das Franco-Regime zu unterstützen. Dort präsentierte er auch einige seiner wichtigsten Werke. Unter anderem dirigierte er die für sein Schaffen durchaus stilprägende Hommage an den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico García Lorca, der im Jahr zuvor von Faschisten ermordet worden war. Zurück in Mexiko, fand er sich dann aber schnell im tristen Alltag wieder. Manische Schübe mit großen kreativen Leistungen wechselten mit depressiven Phasen. Im Alter von nur 40 Jahren starb Silvestre Revueltas an den Folgen einer Lungenentzündung.

„Le Sacre“ auf Mexikanisch

Während der von ihm verehrte Leidensgenosse Vincent van Gogh schon kurze Zeit nach seinem Tod zu einem Superstar der Kunstszene aufstieg, war Silvestre Revueltas bereits fünf Jahre lang begraben, ehe die Existenz seines Schaffens überhaupt einem internationalen Publikum bekannt wurde. Es war der ebenso umstrittene wie gefeierte englisch-amerikanische Dirigent Leopold Stokowski, der Revueltas’ bis heute erfolgreichstes Werk „Sensemayá“ 1945 bei einem Konzert in den USA vorstellte und es zwei Jahre später für die Schallplatte einspielte. Auch Leonard Bernstein, der erste amerikanische Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker, konnte sich dem unnachahmlichen Rhythmus und Farbenreichtum der Komposition nicht entziehen. Die Tondichtung nach der gleichnamigen Vorlage des afrokubanischen Lyrikers Nicolás Guillén erlebte mit dem Prädikat eines lateinamerikanischen „Sacre du Printemps“ versehen eine ungeahnte Verbreitung. Ob Esa-Pekka Salonen oder Gustavo Dudamel – viele wichtige Dirigenten der Gegenwart haben sich mittlerweile dem Werk gewidmet. In ganz neue Hörerschichten stieß „Sensemayá“ im Jahr 2005 vor, als es auf dem Soundtrack der Filmadaption des Frank-Miller-Comics „Sin City“ enthalten war. Im Windschatten seines größten Hits haben sich die (mittlerweile gar nicht mehr so) neuenKlangwelten von Silvestre Revueltas in den vergangenen Jahren in Amerika mehr und mehr durchgesetzt; sogar als Nationalkomponist Mexikos wird der Individualist inzwischen gefeiert. In Europa wartet er dagegen noch immer auf den großen Durchbruch. Helfen würde dabei mit Sicherheit eine gute Portion Entdeckerlust, die das Ensemble Kontrapunkte von jeher mitbringt. Bei ihm findet sich Revueltas seit mehr als zwanzig Jahren auf den Programmen – so auch am 5. März. Zu hören sind die „Hommage to Federico García Lorca“ und Revueltas Chef d’oeuvre „Sensemayá“.

Florian Zeuner
MMag. Florian Zeuner ist Musik- sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaftler. Beruflich widmet er sich den vielfältigen Formen der Konzertdramaturgie.