Keine Kompromisse

Nora Fischer, Stimme

Nora Fischer lässt sich mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und brillantem Wechseln zwischen den Stilen künstlerisch schwer einordnen. Das macht sie einzigartig, ob sie nun experimentelle Projekte präsentiert oder – wie aktuell als ECHO-Rising-Star – Alte Musik mit Neuer und neuester verbindet. Am 12. März gibt sie ihr Debüt im Musikverein.

„Nora Fischer ist eine Offenbarung“, schreibt das „BBC Music Magazine“, und das „NRC Handelsblad“ berichtet: „Man findet kaum Worte, um Fischers vokalen Qualitäten gerecht zu werden.“ Andere, wie das „Luister Music Magazine“, versuchen es dennoch wortreich: „Was für eine Stimme, welche Flexibilität, welche Technik und Vielseitigkeit. Welche Hingabe und welches Temperament. Mit ihrer Stimme hüllt Nora Fischer ihr Publikum in Samt und Seide. Sie hat das perfekte Gefühl für Timing und musikalischen Humor. Über solche Begabung zu verfügen kann fast nicht gerecht sein.“

Ferien auf dem Lande

Die Begabung, die Grundvoraussetzung für jegliches künstlerische Tun, war ihr in die Wiege gelegt; das „musikalische Gen“, wenn man so will, kommt bei Nora Fischer aus beiden Richtungen. Ihr Vater Iván Fischer ist – ebenso wie dessen Bruder Adam – ein international angesehener Dirigent, ihre Mutter Blockflötistin und Mitglied einer Musikerfamilie der Alte-Musik-Szene. Ans Musikerleben war Nora Fischer somit von Kindesbeinen an gewöhnt, oft und oft war sie „mit dabei in Proben und Konzerten, umgeben von Musik und von Musikern“, erzählt sie denn auch. Die Ferien wurden stets in Ungarn, der Heimat des Vaters, verbracht, „mit vielen Mitgliedern der Familie. In unserem kleinen ungarischen Dorf haben wir auch immer unsere eigenen Opernaufführungen gemacht. Musik war etwas sehr Natürliches, das immer da war. Ich habe Klavier gespielt. Das war keine Frage – es war ganz einfach Teil des Lebens.“

Faszinierende Rusalka

Was Nora Fischer aus dieser Selbstverständlichkeit gemacht hat, ist dann doch etwas Außergewöhnliches, das nicht ganz auf direktem Weg zu erreichen war. Als junges Mädchen ließ sie die Musik zunächst einmal für eine Weile völlig bleiben, hatte andere Interessen und ein Biologiestudium vor Augen. Doch dann sah sie eine Vorstellung von Antonín Dvorˇáks Oper „Rusalka“. „Die Sängerin der Titelpartie – ich weiß nicht einmal mehr ihren Namen – hat mich unheimlich beeindruckt, und da dachte ich mir plötzlich: Das ist es, was ich machen möchte“, erinnert sie sich und findet dies bis heute durchaus „lustig, weil ich normalerweise nicht unbedingt in die Oper ging und letztlich auch keine Opernsängerin geworden bin. Aber nach dieser Aufführung wurde ich Mitglied in einem Kinderchor, und danach begann ich richtig zu singen.“

Auf Konfrontationskurs

Dies mag noch nicht so außergewöhnlich klingen. Nora Fischer schrieb sich in Amsterdam, wo die in London Geborene mittlerweile lebte, für ein klassisches Gesangsstudium am Konservatorium ein und geriet bald in eine Krise. „Ich hatte dort so meine Schwierigkeiten, weil die Ausbildung sehr traditionell war. Ich bemerkte damals schon, dass ich andere Ideen habe. Ich erinnere mich: Ich sang Debussy, französisches Repertoire: Für diese Lieder hatte ich einfach andere Vorstellungen im Kopf, und ich begann, mit dem System zu kollidieren. Deshalb verließ ich das Konservatorium.“ Hier kam nun zum Ausdruck, was sie immer schon in sich gespürt hatte: ein unwillkürliches Interesse für Neues, für anderes, für unterschiedliche Stile. In Kopenhagen am Complete Vocal Institute fand sie schließlich, wonach sie gesucht hatte. „Hier stieß ich auf Leute aus verschiedensten Richtungen: aus Folk, Pop, Musical und auch einige aus der Klassik – da gingen mir die Augen über, und ich habe gelernt, meine Stimme auf unterschiedliche Weise einzusetzen.“

Hybridform der Stile

„Es ist absolute Geschmackssache“, räumt Nora Fischer ein, wenn es um Interpretation geht, „und es ist völlig in Ordnung, wenn die Leute die klassische Gesangstradition lieben.“ Sie selbst empfand und empfindet diese sehr stark konzentriert auf „große Stimme, viel Legato, viel Vibrato. Ich mag die Musik, wie sie auf dem Papier steht – aber ich mag den Klang nicht so sehr, wenn er von klassischen Sängern erzeugt wird. Als ich klassischen Gesang studierte, hat sich das für mich etwas künstlich angefühlt. Ich hatte den Eindruck, das ist etwas, das man machen, produzieren muss. Ich wollte immer eher natürlich bleiben, und ich denke, für meine Stimme ist typisch, dass sie natürlich klingt.“ Und das wird ihr auch regelmäßig attestiert. Als Nora Fischer aus Kopenhagen zurück nach Amsterdam kam, begann sie, mit Komponisten unterschiedlichster musikalischer Herkunft zusammenzuarbeiten. Heute fühlt sie sich gewissermaßen wie ein Meltingpot an Ländern bzw. Kulturen wie auch an Genres. „Das hat vielleicht auch mit dem Internet zu tun“, meint sie. „Es ist mittlerweile so einfach, verschiedenste Arten von Musik zu hören. Täglich gelangen so viele musikalische Eindrücke in meinen Kopf, und was dann als mein eigener Klang herauskommt, ist eine Art Hybridform daraus. Das fühlt sich sehr nach mir an.“ Und da ist es letztlich völlig gleichgültig, was sie singt: „Es ist meine Stimme, die aufgrund all dieser vielen Einflüsse so ist, wie sie ist.“

An den Rändern

Ihr „klassisches“ Repertoire reicht heute kaum weiter zurück als ins 20. Jahrhundert und beginnt – in Richtung Vergangenheit gewandt – erst wieder im 17. Jahrhundert. Das Programm, das sie als „Rising Star“, nominiert von Concertgebouw Amsterdam und Palais des Beaux-Arts Brüssel, mit nach Wien bringt, bildet ihre Präferenzen deutlich ab: Sie beginnt mit Poulenc, Messiaen und einem neuen Werk von Morris Kliphuis, einem Hornisten mit Jazz- Hintergrund, mit dem gemeinsam sie in den vergangenen Jahren eine sehr offene Art pflegt, neue Musik zu entwickeln. „Ich liebe dieses Lied“, begeistert sie sich. „Es verlangt von mir, auf jazz-, ja fast popartige Weise zu singen. Ich liebe diese verschiedenen Klangfarben.“ Nach der Pause singt sie dann Musik von Bagio Marini, Barbara Strozzi, Stefano Landi und Claudio Monteverdi. Dafür, dass sie sich in Epochen gedacht eher an den Rändern denn dazwischen bewegt, hat sie eine einfach Erklärung: „Es geht in der Alten Musik, wie in der neuen, experimentellen, viel mehr um Improvisation als in der romantischen oder klassischen Musik. Und man braucht auch eine flexiblere Stimme.“

Der wahre Kern

Einige dieser „alten“ Stücke ihres Konzertprogramms hat Nora Fischer mit weiteren Werken des 17. Jahrhunderts für ihr erstes Solo-Album eingespielt, das zum Zeitpunkt ihres Musikvereinsdebüts gerade frisch erschienen sein wird – bei einem renommierten Label, das die junge Vokalkünstlerin im vergangenen Herbst unter Vertrag genommen hat. Ihre Liebe für Klangfarben und ihre Freude am Wechsel zwischen wie auch an der Verbindung von Stilen zeigt sich auch hier aufs Eindrücklichste: Wird sie in ihrem „Rising Stars“-Konzert von Klavier und Theorbe begleitet, so ist ihr Partner auf der CD ein Pop-E-Gitarrist. „Ich habe immer diese alternative Version in meinem Kopf gehört, bei der wir die Essenz der Lieder herausgreifen und sie dann als eine Art moderne Chansons präsentieren“, sagt die Künstlerin. „So erhalten sie einen Touch von Popsongs, sind aber lauter Alte-Musik-Lieder.“ Auf ihrem kompromisslosen Weg musste sich Nora Fischer selbst beweisen. Über ihren Entschluss, das Konservatorium zu verlassen, waren die Eltern freilich „nicht sehr glücklich“, wie sie erzählt. „Vor allem mein Vater war besorgt, dass ich in eine falsche Richtung gehen könnte.“ Mittlerweile jedoch scheint sich die Sorge in Stolz verwandelt zu haben. Vater und Tochter sind einander künstlerisch auf Augenhöhe Inspiration und Ratgeber zugleich. Für eine CD-Produktion mit Kompositionen Iván Fischers arbeiteten die beiden auch ein erstes Mal zusammen – was Nora Fischer bis dahin abgelehnt hatte; sie wollte es alleine schaffen. „Bei seinen Kompositionen fühlte es sich aber natürlich an, weil ich viel Neue Musik mache und für ihn das Komponieren etwas anderes, etwas Neues war. Zunächst war es für uns ein Experiment, dann machte es Spaß – und plötzlich war es eine CD“, sagt Nora Fischer lachend. „Irgendwie ist das passiert. Aber so laufen die Dinge in der Musik. Sie geschehen, weil sie geschehen müssen.“

Ulrike Lampert
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.