Großer Schwung, kleine Zäsur

Johannes Prinz zum Geburtstag

Seit mehr als 25 Jahren prägt Johannes Prinz die Erfolgsgeschichte des Wiener Singvereins. Im März 2018 feiert er, an einem der wenigen probenfreien Tage, einen runden Geburtstag.

Musik ist die große Kunst, Zeit zu gestalten. Und erst recht das Singen: In ihm wird der Strom der Zeit vom Atem getragen, vom eigenen Ton geformt … Singend ist der Mensch Herr der Zeit, der er zugleich aufs Schönste ausgeliefert bleibt. Ja, und so könnte man philosophieren und wohl auch schwadronieren, um von der Zeit im Leben eines wunderbaren Singemenschen zu sprechen und damit ein schlichtes Faktum nicht bloß benennen zu müssen. Aber so ist’s nun einmal, die Zeit kennt auch die sachlich-kalendarische Komponente. Ihr zufolge begeht Johannes Prinz im März einen runden Geburtstag. Er wird, auch wenn man’s kaum glauben mag, schon 60!

Chorleiter aus Passion

Die Zeit – die Zuflucht zum Hofmannsthal-Wort ist wieder einmal unausweichlich –, die Zeit ist ein sonderbar Ding. „Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.“ So lässt Hofmannsthal sie weiter sinnieren und singen, die erst 35-jährige Feldmarschallin seines „Rosenkavaliers“, doch da sind wir nun wirklich in einem anderen Stück. Die Zeit ist ein sonderbar Ding – ja, das schon, wenn man den so jugendlichen Chordirektor Johannes Prinz vor sich sieht und als unermüdlich-übersprühenden Energiespender erlebt. Aber dass er „so hingelebt“ hätte, davon kann nicht die Rede sein. Stets war er einer, der sein Leben bewusst gestaltet hat – und das im Dienst der schönsten Zeitgestaltungskunst, die’s gibt, eben des Singens. „Chorleiter aus Passion“ sei er, sagt er, wenn man ihn um eine Kurzfassung seiner Biographie bittet, und in der Entschiedenheit der Auskunft steckt die Erkenntnis, die sein Leben prägt: Der Beruf ist Berufung.

Reiche Gaben, fein gebündelt

Viele Gaben kommen da zusammen, man wird schließlich nicht als Chorleiter geboren – auch ein Johannes Prinz nicht. Seine Herkunft aus einer vielköpfigen Kärntner Lehrerfamilie hat ihm viel mitgegeben: das Sensorium fürs Soziale, die Sensibilität fürs Musische in jeder Spielart, den Sinn für die Sinngebung im eigenen kreativen Tun. Der musikalisch Hochbegabte kam früh nach Wien zu den Sängerknaben und sang als Sopransolist vor buntesten -Auditorien rund um den Globus. Er war und blieb (hörbar in jeder Chorprobe) ein fantastischer Sänger, doch auch das pädagogische Talent entfaltete sich rasch. In Wien studierte er Musik- und Instrumentalmusikerziehung, schloss die Ausbildung zum Gesangslehrer mit Auszeichnung ab, belegte zusätzlich das Fach Orchesterdirigieren – Facetten einer Künstlerbiographie, die noch viel weiter aufgefächert werden könnte, um dann doch in diesem einen Satz zu gipfeln: Prinz ist Chorleiter mit Leib und Seele.

Prinz und ein königliches Talent

1991 wurde der erst 33-Jährige als Chordirektor an die Spitze des Wiener Singvereins geholt: ein Glücksgriff des Musikvereinsintendanten Thomas Angyan, der damit die Weichen für eine maßgebliche Neuausrichtung des weltberühmten Chors stellte. Die Zeiten hatten sich gewandelt. Der Tod von Herbert von Karajan 1989, der den Singverein über Jahrzehnte als Topmarke seines Musikimperiums gepflegt hatte, war wie ein Fanal dafür. Mit den beginnenden 1990er Jahren brach eine andere Epoche an: Ästhetische Pluralität und stilistische Offenheit lösten die Zeit der großen Einzelnen ab, die Maestri der alten Schule und Herrscherherrlichkeit räumten den Platz für neue Geister. Johannes Prinz brachte den neuen Spirit der Chorleitung mit – und das nicht nur, weil er als Studierender, Sänger und Chorleiter auch durch die Harnoncourt-Ortner-Schule gegangen war. Genauso wesentlich und auf langeSicht tiefer wirkte seine Fähigkeit, das je Eigene des Anderen zu spüren, aufzugreifen und unterstützend weiterzutragen: eine enorme künstlerische wie menschliche Qualität. Die Erfolgsgeschichte des Singvereins in der Ära Prinz hat viel mit diesem königlichen Talent zu tun. Uneigennützig, doch ohne das Eigene preiszugeben, versteht es Prinz, seinen Chor auf die unterschiedlichsten Dirigenten einzustellen.

„Levitos“ und Levitation

In konzentrierter Form zeigt sich diese Gabe direkt vor den Konzerten. Die halben Stunden, die Prinz nach dem stets selbst geleiteten Einsingen dazu nützt, um die Sängerschaft bühnenfit zu machen, sind Meisterlektionen des Coachings. Was er da scherzhaft „los levitos“ nennt und auf gelben Post-its in seinen Partituren festhält, umschließt die denkbar besten Tipps für den Parcours danach. Feinjustierung für die Levitation, die jetzt folgen mag. Und dann, so erlebt es der Chor: wohlpräpariert hinaus ins Offene, bereit, um im Fluss der Zeit das Eigene im Wechsel mit dem Anderen zu erleben. Dass der Chorleiter in diesem Prozess „nur“ ein Dienender ist, mag wohl stimmen. Auf dem Podest vorn steht ein anderer, der Dirigent des Abends. Aber auch er ist, richtig begriffen, nichts mehr als ein - Dienender: angewiesen auf das, was von woanders herkommt. Dass es entstehen kann, dafür sorgen im besten Fall Künstlerkollegen wie Johannes Prinz.

Nicht Job, sondern Leidenschaft

Neun Projekte sang der Singverein 1991/92, in seiner ersten von Johannes Prinz geleiteten Saison, rund ein Dutzend waren es in den nächsten folgenden Jahren. Heute schaut die Bilanz anders aus. In der Singvereinssaison 2016/17 gab es nicht weniger als zwanzig verschiedene Produktionen mit insgesamt 36 Konzerten, für die 137 Chorproben abgehalten wurden – fast alle geleitet von Prinz persönlich. 250 aktive Mitglieder hat der Chor derzeit, Nachwuchssorgen kennt er nicht, ständig stoßen hervorragende junge Sängerinnen und Sänger dazu. Sie alle sind Amateure – ein Umstand, der so bedeutsam wie unwesentlich ist. Wie das? Grundlegend ist er für den Geist, der den Wiener Singverein prägt. „Singen“, so heißt die Devise des Chors, „ist nicht unser Job. Sondern unsere Leidenschaft.“ Wer hier mitwirkt, verdient sein Geld anderswo. So kann – eine enorm wichtige Voraussetzung für die Arbeit, wie Prinz sie sieht und liebt – der pure Idealismus walten. Andererseits aber gilt: Wenn gesungen wird, spielt der Amateurstatus nicht die geringste Rolle. Dann gilt das Künstlerische, so stark und klar und kompromisslos wie nur möglich. Die Topdirigenten, mit denen der Singverein reihum arbeitet, spiegeln es wider. Herbert Blomstedt, um nur ein Beispiel aus jüngster Zeit zu erwähnen, war vom Singverein so begeistert, dass er sich den Chor als Partner für seine große Geburtstagstournee mit dem Gewandhausorchester wünschte. So kam der Singverein jüngst nach Leipzig, Paris und Tokio. Und, damit kombiniert, auch erstmals nach China. Dort wurde er als Ensemble empfangen, das die Spitzenmarke „Musikverein Wien“ klingend in die Welt trägt. Es ist die Arbeit von Johannes Prinz, die hinter diesem Exporterfolg steckt.

"Uneigennützig, doch ohne das Eigene preiszugeben, versteht es Prinz, seinen Chor auf die unterschiedlichsten Dirigenten einzustellen." 

Der Prinz’sche Antizipationsbogen

Der 60. Geburtstag, sagt der Junggebliebene, sei kein besonderer Einschnitt für ihn. Der geeichte Prinz-Sänger denkt da gleich an eins der Prinz’schen Zeichen, die immer wieder einmal in die Chornoten eingetragen werden: „strichlierter Bogen“ – ein Bogen für die große, weite Linie, mit nur einer kleinen Zäsur inmitten. Mehr soll’s nicht sein, solch ein 60. Geburtstag … Und auch der Prinz’sche „Antizipationsbogen“ wäre ein hübsches Symbol für den Anlass: Auftakt und Impuls für den nächsten weitgezogenen Schwung. In Graz, wo Johannes Prinz an der Kunstuniversität als Professor für Chorleitung wirkt, mag er das Finish schon ein wenig im Blick haben – das Dienstrecht folgt da starren Regeln. Im Singverein aber wartet, mit Leidenschaft antizipiert, die nächste Saison auf ihn, das nächste Konzert, die nächste Probe, der nächste Takt, der nächste gesungene Ton. Um den geht es. Darum, dass dieser Ton so intensiv, so gut, so fein wie möglich gestaltet wird: im Einklang mit der Linie, die das Schönste aus der Zeit zu machen versteht.

Bleib, der du bist

Persönliche Nachbemerkung: Ich schreibe diese Zeilen am Tag nach einer Chorprobe, die ich mit dir, lieber Johannes, wieder im Musikverein erlebt habe. Tenor-Bass-Probe im Metallenen Saal mit einem ziemlich vertrackten Chorwerk aus dem 20. Jahrhundert, harte Notentreff- und Töneschleifarbeit, zweieinhalb Stunden lang, von 18 bis 20.30 Uhr, nicht ohne Anflüge von Mühseligkeit. Und dann du da vorn: so motivierend, so leidenschaftlich-unablässig und voll Hingabe dabei, gegen alle Trägheitsmomente die Kunst zu wecken. Wie dir das gelingt, bewundere ich. Und dankbar bin ich, dass du die Kunst so vorbildlich auch in mein Leben holst. Dir alles Gute zum Geburtstag! Bleib, der du bist: der passionierte Chorleiter. Das Leben, lernen wir von dir, ist zu kostbar, um nicht in Gesang verwandelt zu werden.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“, Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde und Sänger im Wiener Singverein.