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Unter dem Motto „Geknattert, gepiepst und geflüstert“ ist bei den Jänner-Terminen von „Agathes Wunderkoffer“ die Stimmimprovisatorin, Komponistin und Gesangspädagogin Nika Zach zu Gast. Ein Gespräch über vokale Persönlichkeit und die Kreativität der Kinder.


Frau Zach, warum haben so viele Menschen Probleme mit ihrer eigenen Stimme, die doch das Natürlichste sein könnte?

Die Stimme ist ja das Persönlichkeitsmerkmal Nummer eins. Es kommt sehr darauf an, wie das eigene Körpergefühl ist. Die Stimme ist anatomisch im Körper und muss aus dem Körper kommen – da geht es sehr um Durchlässigkeit. Jede Verspannung im Körper wirkt sich aus. Wenn die Stimme aber, einfach gesagt, im Kehlkopf frei schwingen kann und noch einen Resonanzraum findet wie zum Beispiel die Saiten einer Geige durch das Holz, dann fühlt man sich auch mit ihr wohl, und die Stimme kann nach außen klingen.


Woran liegt es, dass viele sich nicht ihrer „eigentlichen“ Stimme bedienen?

Das stimmt: Viele Frauen sprechen eher zu hoch, viele Männer gepresst. Ich denke, das hat oft mit Stress als klassischem Belastungsbild zu tun – und mit Selbstwert, ob man sich Raum nehmen traut. Es gibt einerseits eine körperliche Komponente, wenn sich die Stimme zum Beispiel durch Verspannungen zu wenig ausbreiten kann, und auf der anderen Seite ist die Stimme sowieso sehr individuell und hat auch immer mit der eigenen Geschichte zu tun.
Stimme ist Selbstausdruck. Es kommt auch darauf an, ob man als Kind gehört wurde und sich ausdrücken durfte. Wie oft hört man in der U-Bahn: „Psst, hör auf zu singen!“ Das macht Menschen irgendwann leiser. Auch der Bewegungsmangel unserer Gesellschaft wirkt auf die Stimme. Viele Klienten kommen als Erwachsene und möchten ihrer Stimme wieder mehr Raum geben. Sie bemerken im Alltag oder wenn sie einen Beruf gewählt haben, bei dem sie viel sprechen müssen, dass sie vielleicht schnell heiser werden oder die Stimme einfach nicht so klingend und tragend ist, wie sie gerne möchten. Das gilt für die Sprechstimme und die Singstimme. Da kann in der gemeinsamen Arbeit dann viel bewirkt werden – vorausgesetzt es ist die Bereitschaft da, sich mit der eigenen Stimme und ihrer „Geschichte“ auseinanderzusetzen.


Sie setzen in Ihrer pädagogischen Arbeit auch grundlegend beim Atem an. Wie funktioniert das?

Ich arbeite mit der Atempädagogik nach Ilse Middendorf. Dabei kann man erfahren, den Atem frei fließen zu lassen und ihn trotzdem bewusst wahrzunehmen. Die Essenz dabei ist, dass man ins Atemgeschehen nicht eingreift, sondern durch das Geschehenlassen seinen ganz persönlichen Atem kennenlernt. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, die eigene Körperwahrnehmung zu vertiefen, Spannungen zu lösen und ins­gesamt in Fluss zu kommen. Das ist nicht immer einfach, denn man hat bestimmte Erwartungen an den Atem, man will schnell eingreifen und ihn in eine bestimmte Form zwingen. Ich habe aber erfahren, dass die Arbeit am frei fließenden Atem enorm zur Persönlichkeitsentfaltung beitragen kann, man arbeitet ganz nah am Menschen in seiner Ganzheit.


Stichwort Persönlichkeit: In einem bestimmten Stil zu singen heißt doch immer auch, seine Eigenheiten in bestimmtem Maß den jeweiligen Anforderungen unterzuordnen. Muss man da auch im Jazz-Gesang Kompromisse machen?

Das variiert sehr stark. Bestimmte Stile haben wirklich sehr starke Vorgaben: Beim Musical oder in der Klassik gibt es oft sehr starke Sound-Vorstellungen. Die gibt es beim Pop und beim Jazz auch, aber je nach Richtung kann es sehr offen werden. Ich würde sagen, dass es im zeitgenössischen Jazz am meisten Freiheit für die Entfaltung des eigenen Stimmsounds gibt. ­Natürlich gibt es bestimmte Vorgaben, wie man phrasiert – aber für die charakteristischen Eigenheiten der Stimme ist da sehr viel Raum. Deshalb habe ich mir diese Richtung auch ausgesucht. Für mich gibt es da stimmlich und damit auch in der Persönlichkeitsentfaltung am meisten Freiheit.


Wie können sich die Stimme und die Persönlichkeit in der Ausbildung miteinander entfalten?

Jeder kommt mit anderen Voraussetzungen. Es gibt daher nicht eine pädagogische Ausrichtung, die man über alle drüberstülpen könnte. Ich habe deshalb immer mehrere Ansätze parat, um immer etwas, ich hoffe Passendes verfügbar zu haben: Manchmal muss erst der Atem frei werden, um die Stimme optimal zu unterstützen. Wenn ich beispielsweise merke, dass die Stimme noch nicht herauskommt, vielleicht durch zu wenig Artikulation oder Resonanz, setze ich da an. Bei der Entwicklung von Stimme und Persönlichkeit gibt es kein lineares Lernen – vor allem bei Menschen im Alter zwischen 20 und 30 passiert so viel in vielen Bereichen. Es wird stimmlich und stilistisch viel ausprobiert. Oft geht es auch um die Frage, inwieweit jemand seine Persönlichkeit als Sänger oder Sängerin nach außen tragen kann. Da braucht es auf vielen Ebenen Unterstützung – nicht nur bei der Stimme selbst.


Jazz im eigentlichen Sinn lebt von Improvisation, auch wenn es in vielen Richtungen Normen gibt. Wie frei kann stimmliche Improvisation hier sein?

Im klassischen Jazz gibt es in der Improvisation ja ganz genaue Regeln. In der freien Stimm­improvisation ist das anders. Ein toller britischer Sänger der freien Impro-Szene, Phil Milton, hat einmal gesagt: „Wer atmen kann, kann singen.“ Alles, was in der Improvisation auf dem Fluss des Atems daherkommt, kann frei den Weg in den Ausdruck finden. Es geht um eine Befreiung nicht nur vom Notenblatt, sondern auch von stilistischen Beschränkungen. Man kann mit jedem Sound arbeiten, ob das ein Ton ist oder auch ein Knacksen oder ein anderes Geräusch. Natürlich gibt es die Gefahr, dass es beliebig wird. Hier ist es ganz wichtig, dass man anfangs eine Struktur hat und ganz bewusst mit seinen stimmlichen Möglichkeiten umgeht. Manchmal findet man innere Bilder als Vorlage für Improvisation oder eine Wegstrecke, ein Gemälde, ein bestimmtes Gefühl, ein Stimmungsbild oder ein Kochrezept, das vertont wird. Wenn das mehrere Musiker zusammen machen, wird es richtig spannend. Da geht es vor allem um das Im-Moment-Sein, um das Aufeinander-Hören, das Reagieren oder auch das bewusste Nichtreagieren, um nur einige wichtige Parameter zu nennen.

© Dieter Nagl

 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Saturday, 27. January 2018, 11.00 AM

Metallener Saal
© Wolf-Dieter Grabner

Metallener Saal 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Saturday, 27. January 2018, 01.00 PM

© Dieter Nagl

 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Saturday, 27. January 2018, 03.00 PM

Geknattert, gepiepst und geflüstert
© Viktoria Miess

Geknattert, gepiepst und geflüstert 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Sunday, 28. January 2018, 11.00 AM


Auch in der Szene der freien Gruppenimprovisation gibt es häufig schon Formpläne, die im Voraus festgelegt werden. Kann sich eine schlüssige Form auch spontan ergeben?

Ja! Je länger man das macht, umso weniger vorgegebene Struktur braucht man. Anfänger brauchen schon einen Plan. In meinem Impro-Chor, in dem auch Mitwirkende aus anderen künstlerischen Disziplinen der freien Szene dabei sind, gibt es schon ein gutes Gespür dafür, welche Aktion zu welchem Zeitpunkt gesetzt werden kann und passend ist. Mit je mehr Leuten man Erfahrungen gesammelt hat, umso besser funktioniert das. Man kann natürlich auch in der freien Improvisation einen eigenen Stil finden und zugleich im Zusammenspiel aufeinander reagieren.


Welche Möglichkeiten gibt es in diesem Bereich in der Arbeit mit Kindern?

Für mich ist es sehr wichtig, mit Kindern interaktiv zu arbeiten. Wenn man sie kreativ sein lässt, ist das eine sehr fruchtbare Sache. Natürlich brauchen sie gewisse Vorgaben oder einen Rahmen, aber dann können sie sich wunderbar entfalten – auch weil sie bis zu einem gewissen Alter noch keine Scheu haben, dass es „peinlich“ sein könnte, auf der Bühne zu sein. Da passieren manchmal dann ganz tolle Sachen – das ist genial!


Haben Sie schon eine Ahnung, was bei Ihrem ­Besuch im Musikverein in Agathes Wunderkoffer sein wird?

Ich weiß es nicht genau, aber ich bin schon sehr gespannt. Ich glaube, es wird sehr bunt. Es könnte um Geräusche im Alltag gehen und um Tiere … Natürlich habe ich schon mit Veronika Mandl gesprochen und mir auch eine „Agathe“-Aufführung angesehen. Ich habe den Eindruck, dass es bei ihr immer viel Freiraum für Spontaneität gibt, für den Augenblick. Und das funktioniert deshalb so gut, weil sie auf der Bühne mit den Kindern stark interagiert.



Das Gespräch führte Daniel Ender.
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender leitet die Abteilung Wissenschaft und Kommunikation der Alban Berg Stiftung Wien, lehrt an verschiedenen Universitäten und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“.

Kindergartenvorstellungen

© Dieter Nagl

 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Thursday, 25. January 2018, 09.00 AM

Metallener Saal
© Wolf-Dieter Grabner

Metallener Saal 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Thursday, 25. January 2018, 10.30 AM

© Dieter Nagl

 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Friday, 26. January 2018, 09.00 AM

Geknattert, gepiepst und geflüstert
© Viktoria Miess

Geknattert, gepiepst und geflüstert 

Veronika Mandl, Agathe

Nika Zach, Stimme
Stefan Heckel, Akkordeon, Klavier

Genattert, gepiepst und geflüstert, 
Stimmimprovisation

Musik von 
Nika Zach und
Stefan Heckel

Friday, 26. January 2018, 10.30 AM

Monatsmagazin Musikfreunde Jänner 2018


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