Wege des Geistigen

René Clemencic

René Clemencic wird neunzig Jahre alt. Ein Gespräch über die Kunst, das Leben und den Tod.

Wer René Clemencic in seiner Altwiener Wohnung besucht, betritt ein Universum. Der Musiker, der als Originalklang-Pionier der ersten Stunde in sechzig Jahren die Szene mit geprägt hat, präsentiert sich hier nicht als Sammler von historischen Instrumenten, sondern von bildender Kunst. Skulpturen drängen sich schon im En­tree. Da bäumt sich übermütig die rot gepunktete Pferdegöttin Epona von Elisabeth von Samsonow, dort sind Büsten von Tilgner und Zumbusch versammelt, und so geht es auf 180 Quadratmetern, umrahmt von deckenhohen, prall gefüllten Bücherregalen, weiter. Eine monumentale Marmorgruppe aus der italienischen Renaissance und das suggestive Spiralbild einer Aborigines-Künstlerin, barocke Heilige inmitten von ethnologischen Ahnenfiguren, kunstvoll geschmückten Tierschädeln und imposanten Buddha-Statuen, eine abgewitterte Pietà neben einer mit roter Seide überzogenen modernen Gips-Plastik. Altes und Uraltes neben Zeitgenössischem, in scheinbar zufälliger Anordnung, die freier Assoziation entsprungen scheint und nicht den Ehrgeiz des Sammlers, sondern die bei aller Sachkenntnis kindhafte Freude am Umgang mit diesem bunten Sammelsurium vermittelt. Auffallend der Schwerpunkt auf religiösen und kultisch konnotierten Werken, vorwiegend aus dem außereuropäischen Raum, und dass kaum Bilder vertreten sind. „Eine Skulptur hat unendlich viele Aspekte, die Malerei hat nur einen“, erläutert Clemencic seine dezidierte Vorliebe fürs Plastische. „Eine Skulptur existiert im Raum wie ein menschliches Wesen.“

Homo universalis

Wie viele dieser Wesen sein persönliches Umfeld bevölkern, vermag er nicht zu sagen. „Ich habe sie nie gezählt.“ Aber vor fünfzehn Jahren war seiner Sammlung eine Ausstellung in der Österreichischen Galerie im Belvedere gewidmet, ein Ereignis, das ihn wohl immer noch mit Stolz erfüllt. Der dazu erschienene Prachtband liegt für die Besucherin auf dem runden Tisch unter der Lampe bereit, zu Füßen einer zierlichen klassizistischen Fortuna, die anmutig auf einem Globus balanciert. Ein altmodisches Handy liegt auch dort, „aber das ist eher die Sache meiner Frau, ich bin da nicht sehr großartig“. Außer­dem eine Uhr, deren Ziffernblatt ein Bild von Keith Haring ziert. Neben Hermann Nitsch, von dem er einige Schüttbilder besitzt, ist Haring einer der ­wenigen Modernen, die Clemencic schätzt. „Das meiste heute gefällt mir nicht“, bemerkt er kritisch.
In dieser fantastischen, über Jahrzehnte gewachsenen Lebenswelt spiegelt sich die Persönlichkeit einer im Aussterben begriffenen Spezies: universell gebildet, mit alten und neuen Sprachen vertraut, im Geistig-Religiösen verwurzelt, dabei offen im Denken, immer noch staunend, in vielfältigen Wissenschaften bewandert und doch dem Geheimnis verpflichtet, das schöpferische Tätigkeit umgibt.

Vita activa

Im Februar feiert René Clemencic nun seinen 90. Geburtstag – und noch immer ist er den ganzen Tag aktiv. Gleich nach dem Aufstehen pflegt er in der Thora zu lesen, also im Alten Testament, wie er präzisiert: „Der Begriff meint nichts anderes als die fünf Bücher Mose, das ist nichts speziell Jüdisches.“ Nach dem Frühstück setzt er sich zum Musizieren an sein geliebtes Clavichord, danach verfügt er sich an den Schreibtisch: „Alltägliches: Rechnungen, Vorbereitungen für Programme.“ Am Nachmittag fährt er oft mit Bus und U-Bahn in die Innenstadt, um einen Spaziergang über den Graben zu machen, „auch wenn mir das Gehen jetzt schon Probleme verursacht“. Pflichttermin vor dem Schlafengehen ist die tägliche „Spielstunde“ mit seiner Frau Edda: „Brettspiele, meistens Backgammon“. Stehen Konzerte bevor, wird das private Universum nachmittags und abends zum Schauplatz für Proben.
Wie sieht Clemencic dem runden Geburtstag entgegen? „Mit Ruhe“, zuckt er die Achseln. „Es wundert einen nur, wie die Zeit vergangen ist – wie nix.“ Und wie fühlt es sich an, wenn es ringsum allmählich leer wird, wenn Freunde und Wegbegleiter ebenso sterben wie Konkurrenten? „Es mehren sich die Todesnachrichten“, kommentiert er trocken. „Aber das haut mich nicht um. Natürlich vermisst man immer mehr Menschen, was zuerst oft gar nicht so klar ist; alle vermisst man, Freunde wie Feinde.“ Andererseits seien von seinen Schulkollegen „noch jede Menge übrig. Wir sind offenbar ein guter Jahrgang.“ Auch von den Kollegen aus der Theatergruppe, an der er sich in der Schulzeit beteiligte, seien „die meisten noch da. Da gibt es einmal im Monat ein gemeinsames Mittagessen. Jahrelang haben wir bei Hitzenbergers Theater gespielt; Gerhart Hauptmann zum Beispiel“, erinnert er sich. „Es hat mir einfach Spaß gemacht. Angeblich war ich fürs Theaterspielen ‚wie geboren‘, aber ich wollte immer nur Musik machen.“

Eine wilde Predigt und alles Mögliche       

Das Spiel auf der Blockflöte habe er sich als Schüler selbst beigebracht, liest man in Clemencics Biographie. „Ich wusste gar nicht, dass es dafür Lehrer gibt. Mein Banknachbar in der Schule, der spätere Historiker Gerald Stourzh, hat Blockflöte gespielt. Da hat mich das Interesse gepackt, und ich habe mir das mit Hilfe einer Schule angeeignet. Zu Hause hatte ich Klavier gelernt, zunächst gegen meinen Widerstand. Aber meine Eltern haben mich gebeten, dass ich es wenigstens ein Jahr versuche. Danach war ich ohnehin völlig bekehrt.“
Zum Blockflötenunterricht kam er unter denkwürdigen Umständen: „Es war an einem der letzten Kriegsabende, ich ging zu einem Konzert im Stephansdom, das fand aber nicht statt. Stattdessen gab es eine wilde Predigt von der Kanzel. Wir waren insgesamt nur drei Leute in der Kirche und haben uns nachher noch ein bisschen unterhalten. Einer der beiden anderen war Ernst Kölz, der mir von seinem Blockflötenlehrer erzählt hat: Hans Ulrich Staeps, bei dem ich dann am Konservatorium ein paar Jahre lang war.“
So fügte sich eins zum anderen. „Ich wollte immer nur Musik machen“, sagt Clemencic, „aber ich wollte mich universeller ausbilden.“ Allerdings war die Ratlosigkeit nach dem Schulabschluss groß. „Ich wusste nicht, was ich inskribieren sollte, habe mir im Oktober 1947 probeweise alles Mögliche angehört. Völkerkunde hätte mich interessiert. Aber dann bin ich eines Tages versehentlich in einem falschen Hörsaal gelandet, wo jemand mit so leiser Stimme vorgetragen hat, dass ich zum Zuhören förmlich gezwungen war. Und das war Professor Leo Gabriel, der damals über griechische Naturphilosophie gelesen hat.“ Clemencic hatte sein Studienfach gefunden, und seinen großzügigen Mentor, der nichts dagegen hatte, dass er für ein Jahr zu Louis Lavelle ans Collège de France in Paris wechselte, um anschließend in Wien seine Doktorarbeit über dessen Theorie von „Sein und Bewusstsein“ zu schreiben.
„Alles ging wunderbar“, schwelgt Clemencic in der Erinnerung. „Professor Gabriel hätte mir sogar einen Lehrstuhl für ausländische Philosophie angeboten, aber ich habe sofort Nein gesagt.“

Alte Musik und Zeitgenössisches

Schließlich hatte er gleichzeitig umfangreiche Studien im Hinblick auf seine musikalischen Ambitionen absolviert: Theorie bei Josef Polnauer und Erwin Ratz, Cembalo bei Eta Harich-Schneider, Aufführungspraxis alter Musik bei Josef Mertin. Die Gründung eines eigenen Ensembles stand unmittelbar bevor. 1958, zwei Jahre nach seiner Promotion, trat die „Musica antiqua“, die sich später zum „Clemencic Consort“ transformierte, im Stift Heiligenkreuz zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung. Seit 1966 existiert die eigene Konzertreihe im Musikverein.
Was hat René Clemencic von der Philosophie fürs Musizieren mitgenommen? „Jede Menge“, sagt er. „Vor allem, dass Musik einer der Wege des Geistigen ist, nicht nur Zerstreuung, sondern im Gegenteil. Gerade für die Alte Musik sind geistige Strukturen wesentlich, sie beruht auf einem Weltbild.“
Wie nimmt der Pionier von einst die heute so viel­fältige, bunte Originalklangszene wahr, der in puncto Instrumente und Spieltechnik alles zur Verfügung steht? „Es ist insgesamt zu sehr ins Barocke gegangen. Und dass man die Wiener Klassik spielt, die ohnehin so unendlich oft gemacht wird, finde ich nicht notwendig“, vermerkt er kritisch. Nicht zufällig hat er sich in seinem Repertoire auf Musik des Mittelalters, der Renaissance und des Barock sowie auf Zeitgenössisches beschränkt. „Es gibt immer noch jede Menge zu entdecken. Wenn ich sehe, dass 25 Bände ausschließlich mit Werken der französischen Ars nova in Neuausgabe erscheinen – wie viele Menschenleben braucht man, um nur einen Bruchteil davon aufzuführen! Wozu muss man da Beethoven spielen?“

Die Kunst der Gelassenheit

Musiker, Wissenschaftler, Komponist, Schriftsteller und Kunstsammler – in Clemencics Leben haben sich alle Schaffensbereiche befruchtend ineinander gefügt. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Tätigkeiten haben sich für ihn immer ganz zwanglos ergeben. „Das ist ein Kontinuum. Irgendwo hängt ja alles zusammen“, meint er, und das scheint ihn mit Gelassenheit zu erfüllen. Denkt er, der studierte Philosoph, der sich so viel mit Mystik und den Re­ligionen der Welt beschäftigt hat, in diesem Lebens­abschnitt auch über den eigenen Tod nach? – „Kaum. Entweder ist danach nix mehr – was ich nicht glaube –, dann tut es auf keinen Fall weh. Oder es ist was, dann ist es auf jeden Fall interessant.“
Kann René Clemencic also auf ein Leben in Fülle zurückblicken, in dem alles gelungen und nichts zu bereuen ist? – „Es gibt fast nichts zu bereuen.“ Um die Kinder habe er sich vielleicht nicht genug gekümmert. Verena, aus erster Ehe, sei „wenigstens ein bisschen“ seinen Spuren gefolgt: Sie lebt als Musiktherapeutin in Sydney und engagiert sich für ein Kinderspital in Kathmandu. Daniela, aus zweiter Ehe – sie hat sich durch eine kleine Änderung in der Schreibweise des Familiennamens abgegrenzt –, ist eine bekannte Fotografin in Wien; ihr verdankt René Clemencic auch zwei Enkelkinder.
Dass dieses Leben in vollkommener Hingabe an seine geistig-künstlerischen Interessen nur durch seine Frau Edda möglich wurde, die stets im Verborgenen wirkt, ist ihm sehr bewusst. „Und meine Eltern waren sehr hilfreich für mich. Unser Verhältnis war ohne Probleme, sie sind ganz fraglos hinter mir gestanden. Mein Vater, der Notar war, hat einmal versucht, mir nahezulegen, denselben Beruf zu ergreifen; er würde mir ein Auto schenken, und ich könnte seine Kanzlei übernehmen. Ich habe Nein gesagt, damit war’s erledigt. Meine Eltern haben mich einfach durch diese Akzeptanz sehr unterstützt.“

„Es gibt immer noch jede Menge zu entdecken."

René Clemencic 

Ein Geburtstagswunsch

Der Komponist Clemencic freut sich über ein Geburtstagsgeschenk des Ariadne-Verlags, der seine „Apokalypsis“ im Druck herausbringt, jenes fast vierstündige Oratorium in altgriechischer Sprache, das die Offenbarung des Johannes vertont; 1996 hat er es beim Festival Wien Modern im Musikverein selbst aus der Taufe gehoben. Eine weitere Uraufführung steht freilich noch aus: Seine geistliche Oper „Daniel“, ein Werk von etwa zwei Stunden Spieldauer, für zwölf Solisten und normales Orchester, für dessen Libretto er Bibeltexte in Aramäisch und Hebräisch arrangiert hat, liegt seit zwölf Jahren fertig in der Schublade. „Leider hat sich bis jetzt gar nix getan. Ich möchte schon, dass das einmal aufgeführt wird!“

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).