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Riccardo Chailly gastiert im Musikverein mit der Filarmonica della Scala. Ein Gespräch über das Ohr bedeutender Komponisten für Volksmusik, das Verhältnis von Oper und Konzert sowie das Orchester als Tanzpartner.

Knapp vor der Abreise in den fernen Osten, wo Riccardo Chailly mit dem Lucerne Festival Orchestra im Oktober eine Tournee durch Japan, Korea und China absolviert, hat der Maestro kurzfristig Zeit für ein Telefonat – und trotz seines dichten Terminkalenders geistig alles parat, was sein zweitägiges Musikvereinsgastspiel mit der Filarmonica della Scala Ende Jänner und die für Wien geplanten Programme anlangt. In sein professionelles Englisch mischen sich hin und wieder italienische und deutsche Einsprengsel – manchmal einfach deshalb, weil die jeweilige Sprache besser passt, das Wort dort mehr aussagt: Er spricht also etwa vom „mitteleuropäischen Repertoire“ und einem „Hochzeitsmarsch“, vom berühmten „crescendo Rossiniano“ und von „bravura“ – und zeigt damit selbst Bravour, beweist musikalisch-sprachliches Fingerspitzengefühl.

Alte Freunde

Geboren in Mailand, hat Chailly dort als Assistent von Claudio Abbado begonnen – und den verehrten Kollegen mittlerweile zweifach beerbt: in Luzern und eben an der Scala als deren Musikdirektor. Für den Dirigenten ist es freilich keine Art Heimkehr nach langer Abwesenheit, beinah im Gegenteil: „Es kommt mir vor wie die natürliche Folge einer langen Beziehung“, sagt Chailly. „Ich war unglaublich jung, in meinen Zwanzigern, als ich an der Scala zu dirigieren begonnen habe. Seither bin ich mit dem Orchester eigentlich immer in Verbindung geblieben – entweder für Opernaufführungen oder für Konzerte mit der Filarmonica della Scala. Heute für diese beiden Institutionen mit ihren unabhängigen Organisationsformen verantwortlich zu sein ist eine große, wunderbare Herausforderung, die aus diesem langen Verhältnis erwächst.“

Symphonisches aus dem Graben

Freilich hat sich seit seinem Debüt vieles verändert – durchaus zum Guten. „Claudio hat die Filarmonica della Scala in den frühen 1980er Jahren gegründet. Seither hat das Orchester eine rege, unabhängige Konzerttätigkeit entwickelt – im Opernhaus, aber selbst organisiert und verwaltet. So hat es sich immer mehr mit symphonischen Werken beschäftigt, vor allem mit dem mitteleuropäischen Repertoire und den klassisch-romantischen Komponisten. Das hat dem Orchester ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, seine eigene musikalische Kultur weiterzuentwickeln und auch in den Orchestergraben einen symphonischen Standard zu bringen.“
Selbstredend kommt das auch der Arbeit im Graben zugute – genau wie umgekehrt. „Wir haben ja an der Scala ein Puccini-Projekt begonnen: ‚Madama Butterfly‘ war der Auftakt, in den nächsten Jahren wollen wir alle seine Opern neu auf die Bühne bringen. Das ist ein italienischer Komponist, der aber durch seine symphonische Schreibweise eine instrumentale bravura verlangt, eine spezielle Virtuosität. Von neuen Erfahrungen im Konzertrepertoire kann das Orchester da nur profitieren.“

Riccardo Chailly
© Silvia Lelli

Riccardo Chailly 

Filarmonica della Scala

Riccardo Chailly, Dirigent

Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 2 c-Moll, op. 17
Dmitrij Schostakowitsch
Suite aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk”, op. 29a
Igor Strawinsky
Petruschka (Fassung 1947)

Monday, 29. January 2018, 07.30 PM

Riccardo Chailly
© Gert Mothes

Riccardo Chailly  

Filarmonica della Scala

Riccardo Chailly, Dirigent
Denis Matsuev, Klavier

Gioacchino Rossini
Ouvertüre zur Oper „La gazza ladra”
Edvard Grieg
Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, op. 16
Peter Iljitsch Tschaikowskij
Symphonie Nr. 4 f-Moll, op. 36

Tuesday, 30. January 2018, 07.30 PM

Philharmoniker und Filarmonica

Ein Opernorchester, das nebenbei auch Konzerte spielt: Diese Kombination kommt uns in Wien natürlich glückhaft vertraut vor. Auch Chailly sieht die engen Parallelen – engere noch als in Leipzig, wo Chailly von 2005 bis 2016 das traditionsreiche Amt des Gewandhauskapellmeisters bekleidet hat. Das Gewandhausorchester tut zwar gleichfalls in der Leipziger Oper Dienst, steht aber als Konzertklangkörper unter öffentlicher Verwaltung. „Die Filarmonica della Scala ist hingegen eine Privatorganisation, genau wie die Wiener Philharmoniker.“ Auf dem Konzertpodium will Chailly in Mailand vor allem zwei Richtungen verfolgen: „Das eine sind die klassisch-romantischen Komponisten wie Beethoven, Brahms und Schumann, das andere ist der novecento storico, also die Klassiker des 20. Jahrhunderts – und zwar ganz besonders Komponisten aus Russland, Ungarn und Rumänien: Strawinsky, Schostakowitsch, Bartók und Enescu.“

Basis Volksmusik

Das zeigt sich auch an den reizvollen Programmen, die die illustren Mailänder Gäste im Goldenen Saal darbieten: Chailly hat sie unter ein unausgesprochenes Motto gestellt, das etwa „Kunstmusik und Volksmusik“ lauten könnte: Praktisch alle Werke schöpfen aus lokalen Musiziertraditionen, aus populären Liedern und Tänzen. Das beginnt schon mit Tschaikowskijs Zweiter Symphonie, der sogenannten „Kleinrussischen“: Kleinrussland war ein Synonym für die Ukraine. Für Chailly ist das hierzulande selten gespielte Werk schlicht „ein Vergnügen! Souverän, wie er darin ukrainische Volksmusik verarbeitet. Der erste Satz beginnt mit der einfachen Hornmelodie des Liedes ‚Unsere Mutter Wolga‘. Er entwickelt das zu echt symphonischen Dimensionen, das zeigt Tschaikowskijs Größe als Komponist. Der zweite Satz ist ein Andante marziale, lustig, voller Humor, aber auf sehr elegante Art: Es war ursprünglich der Hochzeitsmarsch aus seiner zweiten Oper ‚Undina‘, die er weitgehend vernichtet hat. Das Scherzo ist überaus lebhaft, mit rhythmischem Biss und markanten Synkopen, das Trio dann popolaresco, volkstümlich und glasklar für Holzbläser geschrieben. Im Finale variiert Tschaikowskij das ukrainische Volkslied ‚Der Kranich‘, schafft Kontrast mit einem Tanzthema der Streicher und überlagert schließlich beide Melodien in einem glänzenden Presto. Wir spielen die überarbeitete Fassung, da ist alles perfekt auf den Punkt gebracht und auch kein Takt zu viel – ein glänzendes Stück!“

Operndrama en miniature

Düster-explosive Farben steuert dann Dmitrij Schostakowitsch bei. „Dass es eine vom Komponisten selbst zusammengestellte Suite aus der Oper ‚Lady Macbeth von Mzensk‘ gibt“, erzählt Chailly, „hat der Musikwissenschaftler Manashir Yakubov entdeckt, der Präsident der russischen Schostakowitsch-Gesellschaft und Herausgeber der Gesamtausgabe. Drei Sätze, die perfekt zusammenpassen: ein Zwischenspiel aus dem ersten und zwei aus dem dritten Akt. Unglaublich brillant, witzig, böse, brutal, poetisch, sardonisch – alles in nur sieben Minuten. Ich habe die Suite schon zusammen mit den Berliner Philharmonikern gemacht, wo sie bei einem Open-Air-Konzert großes Aufsehen erregt hat. Ich freue mich, sie auch in Wien vorstellen zu können.“ Zumal Schostakowitsch, der sich ja immer wieder Anregungen aus russischer und jüdischer Volksmusik geholt hat, zu jenen Großen des 20. Jahrhunderts gehört, die Chailly verstärkt mit der Filarmonica della Scala erarbeiten will.

„Ich habe ihn mehrfach gehört und bewundere nicht nur seine technischen Fähigkeiten, sondern auch seine Musikalität – man braucht beides.“ 
Riccardo Chailly

Jahrmarkt in St. Petersburg

Genauso wie Igor Strawinsky. Vorhang auf für Petruschka, das russische Pendant zu unserem Wurstel oder Kasperl! „Kaum zu glauben, dass Strawinsky damals erst 19, 20 Jahre alt war! Sein Ballett ‚Pe­truschka‘ ist eines der großen Meisterwerke, die dem 20. Jahrhundert ihren Stempel aufgedrückt haben“, schwärmt der Maestro, „zusammen mit ‚Le Sacre du Printemps‘ und dem originalen ‚Feuervogel‘.“ Strawinsky verwendet im pittoresk-polytonalen Jahrmarkttrubel nicht nur etliche russische Volkslieder, sondern auch Wienerisches, indem er Joseph Lanners Walzer „Die Schönbrunner“ zitiert. Für einen anderen Gassenhauer, den er fälschlich für eine althergebrachte Melodie hielt, musste er schließlich sogar Tantiemen berappen: „Elle avait une jambe de bois“ von Émile Spencer. „Wir spielen nicht das Ende des Balletts, sondern den Konzertschluss, den Strawinsky 1947 in Hollywood geschrieben hat“, stellt Chailly klar – und macht dadurch doppelt neugierig, ist dieser doch selten zu hören. Vertraut ist dagegen Rossinis „La gazza ladra“, seine „Diebische Elster“, mit deren Ouvertüre der zweite Scala-Abend anhebt – vertraut und doch auch wieder nicht.

Von Italien nach Norwegen

1841 hatte sich diese einst so beliebte Semiseria nämlich nach 150 Vorstellungen aus dem Spielplan der Scala davongestohlen – um erst in der letzten Saison, 200 Jahre nach der Uraufführung, wieder dorthin zurückzukehren. Am Pult stand – natürlich, möchte man einfügen – Riccardo Chailly. Für ihn repräsentiert schon die Ouvertüre Rossinis Genialität – und er betont, dass ihr zentraler Effekt, das große crescendo Rossiniano vom Pianissimo bis zum Fortissimo, genau auf den jeweiligen Saal abgestimmt sein will. Vom idealtypisch Italienischen geht es dann weiter nach Norwegen, auf Rossinis anfängliche Trommelwirbel und Maestoso-Marsch antworten ein Paukenwirbel und eine Klavierkaskade von Edvard Grieg. „Natürlich ist Schumanns Klavierkonzert das Modell für Grieg, und er hat auch die Idee einer unendlichen Melodie übernommen, die wir bei Schumann hören. Aber es gibt sehr interessante Abweichungen vom Vorbild, die bestens zur Verwendung russischer Volksmusik bei Tschaikowskij und Strawinsky passen“, erklärt Chailly: „Das Finale ist kein Walzer, sondern orientiert sich an den norwegischen Volkstänzen ‚Halling‘ und ‚Springar‘, wechselt deshalb auch zwischen Dur und Moll und zwischen Zweiviertel- und Dreivierteltakt.“ Es wird Chaillys erste Zusammenarbeit mit dem russischen Pianisten Denis Matsuev: „Ich habe ihn mehrfach gehört und bewundere nicht nur seine technischen Fähigkeiten, sondern auch seine Musikalität – man braucht beides.“

Schicksalsmusik und tänzerische Biegsamkeit

Zu guter Letzt: Tschaikowskijs populäre Vierte, für Chailly „ein komplexes Stück, das ich liebe und schon seit meiner Jugend immer wieder dirigiere, das man aber wirklich formen muss. Am schwierigsten ist der erste Satz. Das Fatum-Motiv gibt sofort den dramatischen, schicksalhaften Charakter vor, aber die rhythmische Struktur ist besonders wichtig. Das Moderato ist beinah ein Walzer, obwohl es im Neunachteltakt notiert ist. Es gibt da ein accellerando, das sich über etliche Partiturseiten erstreckt: Tschaikowskij verlangt ungeheure Flexibilität, alle hundert Musiker müssen auf einer Wellenlänge sein, sich gemeinsam bewegen.“ Genauso penibel wollen die Farben der folgenden Sätze gemischt sein: „Im Andantino scheint Tschaikowskij in der Oboe ein Volkslied zu zitieren, er tut aber nur so und spielt mit dieser vorgeschützten Einfachheit. Eine tolle Idee, im Scherzo die Streicher durchwegs pizzicato spielen zu lassen und die Bläser blockhaft dagegenzusetzen – das führt attacca ins Finale, wo wieder russische Volkslieder auftauchen und auch das Schicksalsmotiv wiederkehrt. Doch alles mündet ins strahlende Licht.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.

Monatsmagazin Musikfreunde Jänner 2018


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Jänner 2018

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