Gute alte Tradition

Arnold Schönberg als Arrangeur

„Mahler bis jetzt“ nennt die MUK Wien ihr Kooperationskonzert mit dem Musikverein anlässlich „100 Jahre Republik Österreich“ – und nimmt damit Bezug auf Arnold Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen, der sich der Werke von „Mahler bis jetzt“ angenommen hat. Schönbergs Bearbeitungen fremder Werke, die dafür entstanden sind,zeigen den Revolutionär der Tonkunst einer langen Tradi­tion verpflichtet.

Am 9. November 1918 war der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen, drei Tage später hatte Staatskanzler Karl Renner die „Republik Deutschösterreich“ als „freien Volksstaat“ ausgerufen, und am 27. November legte er dem Staatsrat den Entwurf einer Wahlordnung vor, die erstmals auch den Frauen das Wahlrecht gewähren sollte und am 18. Dezember beschlossen wurde. Und mitten zwischen diesen wichtigen politischen Ereignissen, am 23. November, fand im Festsaal der Schwarzwaldschen (reformpädagogischen) Schulanstalten (Wallnerstraße 9), in denen Schönberg seit September sein „Seminar für Komposition“ abhielt, jene Versammlung statt, in der laut der mit 7. November – zwei Tage vor Kriegsende – datierten Aussendung „die zur Gründung eines Vereines für musikalische Privataufführungen nötigen Schritte besprochen und unternommen werden sollten“.

Klare Vorgaben

Schon am 30. Juni hatte Schönberg seinem Schüler Alban Berg diese (laut Berg) „herrliche Idee“ vorgetragen: „in der nächsten Saison wieder einen Verein zu gründen, der es sich zur Aufgabe macht, Musikwerke aus der Zeit ,Mahler bis jetzt‘ seinen Mitgliedern allwöchentlich vorzuführen, eventuell auch öfter als einmal dasselbe Werk, wenn es schwer ist“. Und in den von Berg verfassten und von der konstituierenden Generalversammlung am 6. Dezember beschlossenen Statuten des Vereins lesen wir, was für diesen Zweck als notwendig erachtet wurde:
„1. Klare, gut studierte Aufführungen; 2. Oftmalige Wiederholungen; 3. Die Aufführungen müssen dem korrumpierenden Einfluß der Öffentlichkeit entzogen werden, das heißt, sie dürfen nicht auf Wettbewerb gerichtet und müssen unabhängig sein von Beifall und Mißfallen.“
Für die genauen, die Intentionen der Komponisten streng befolgenden Einstudierungen der Werke waren sogar eigene „Vortragsmeister“ zuständig, u. a. Anton Webern, Alban Berg, Eduard Steuermann und Erwin Stein, also die bestmöglichen Experten für diese Aufgabe. Und niemand Geringerer als Maurice Ravel fand, nachdem im Oktober 1920 ihm zu Ehren ein Konzert stattgefunden hatte, zu folgendem Lob: „Herr Schönberg ist nicht nur Wiens führender Musiker, ich halte ihn für den größten Musiker der Welt. Schönberg und die Schönberg-Schüler haben meine Musik so herrlich interpretiert wie niemand in Paris.“

Repräsentativer Querschnitt

In den drei Jahren seines Bestehens veranstaltete der „Verein“ ungefähr 120 Konzerte, die einen repräsentativen Querschnitt durch das damalige Musikschaffen gaben und 42 Komponisten zu Wort kommen ließen; die am meisten aufgeführten waren Max Reger (23 Werke, darunter mehrere Zyklen), Claude Debussy (16), Arnold Schönberg (12), Béla Bartók (11), Maurice Ravel und Igor Strawinsky (je 7) sowie Alexander Skrjabin, Gustav Mahler und Josef Matthias Hauer (je 6).
Gleich das erste Konzert vom 29. Dezember 1918 umfasste neben Originalwerken von Skrjabin und Debussy auch eine Bearbeitung: Gustav Mahlers Siebte Symphonie erklang in einem Arrangement von Alfredo Casella für Klavier zu vier Händen. Am 30. Jänner 1919 waren dann Debussys „Trois Nocturnes“ in einer von Maurice Ravel hergestellten Version für zwei Klaviere zu hören, für den 16. Februar 1919 hatte Webern seine Passacaglia, op. 1, für zwei Klaviere zu sechs Händen bearbeitet. Und um weitere Werke Gustav Mahlers im „Verein“ vorstellen zu können, wurden bald Schönbergs Schwager Alexander Zemlinsky, sein Schüler Erwin Stein sowie Schönberg selbst tätig. Zemlinsky arrangierte Mahlers „Sechste“ (27. April 1919), Erwin Stein dessen „Vierte“ (10. Jänner 1921) und Schönberg die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ (6. Februar 1920), und zwar für „Flöte, Clarinette, 2 Geigen, Bratsche, Violoncell, Kontrabaß, Triangel, Glockenspiel, Klavier und Harmonium“, ein Instrument, das die Meister der „Wiener Schule“ wegen seines Klangfarbenreichtums sowohl für Eigenkompositionen als auch für Bearbeitungen immer wieder heranzogen.

Hochkarätig und lukrativ

Als es dem „Verein“ im Frühjahr 1921 wirtschaftlich schlecht ging, veranstaltete man sogar einen „Walzer-Abend“, bei dem vier Walzer von Johann Strauß (Sohn) in Bearbeitungen von Schönberg, Berg und Webern erklangen – sie waren für Streichquartett, Klavier und Harmonium arrangiert, also für eine Art „Salonensemble“ mit Ausführenden, wie es sie in dieser Berühmtheit nie wieder geben sollte: Rudolf Kolisch und Schönberg waren Primgeiger, Karl Rankl spielte 2. Violine, Othmar Steinbauer Viola, Anton Webern Violoncello, Eduard Steuermann Klavier und Alban Berg Harmonium. Die vier Stücke waren der „Schatzwalzer“ aus dem „Zigeunerbaron“ (Webern), „Wein, Weib und Gesang“ (Berg), „Rosen aus dem Süden“ sowie der „Lagunenwalzer“ (Schönberg). Und im Anschluss an das Konzert wurden die Manuskripte versteigert, wobei die „Rosen“ (die Stimmen hatte Hanns Eisler ausgeschrieben) 17.000 und der „Lagunenwalzer“ 14.000 Kronen erzielten.

Modernes Gewand für Strauß

Vielleicht für weitere geplante „populäre“ Konzerte in seinem „Verein“, vielleicht aber auch „nur“ im Zuge von Instrumentationsübungen mit seinen Schülern hat Schönberg im Sommer 1921 (oder schon 1920) noch Schuberts „Ständchen“, Luigi Denzas „Funiculi, funicula“ sowie Johann Siolys „Weil i a alter Drahrer bin“ für kleine Ensembles bearbeitet, das letztgenannte Werk für Singstimme, Klarinette, Mandoline, Gitarre, Geige, Bratsche und Violoncello. Es dokumentiert nicht zuletzt, dass Schönberg durchaus ein Naheverhältnis zu „populärer“ Wiener Musik besaß, was auch durch zahlreiche Beispiele aus Werken unter anderem von Johann (Vater und Sohn) Strauß, Joseph Lanner, Johann Schrammel, Karl Komzák, Franz Lehár und Gustav Pick („Wiener Fiaker-Lied“) in seinen theoretischen Schriften bezeugt wird.
1925 fertigte Schönberg dann ein weiteres Walzer-Arrangement nach Johann Strauß an: Er bearbeitete den „Kaiserwalzer“ für Flöte, Klarinette, Streichquartett und Klavier und somit für dasselbe (Salon-)Ensemble, das er in seinem „Pierrot lunaire“ verwendet hatte. Jetzt handelte es sich allerdings nicht um eine ausschließliche Uminstrumentierung der Vorlage: Schönberg legte dem Walzer vielmehr ein modernes Gewand an, und als zusätzlichen Effekt arbeitete er gegen Ende des Stückes die Melodie der „Kaiserhymne“ von Joseph Haydn ein. Die Bearbeitung wurde für das in Barcelona stattfindende und von Schönbergs Schüler Roberto Gerhard angeregte Festival de la Musica Viennesa geschrieben und erklang dort im selben Konzert wie der atonale „Pierrot lunaire“, womit nicht zuletzt die breite schöpferisch-stilistische Palette des damals fünfzigjährigen Komponisten dokumentiert wurde.

Künstlerisches Selbstverständnis

Arnold Schönberg hat noch zahlreiche weitere Arrangements verfasst, und zwar aus verschiedenen Gründen. Zunächst stellte er in jungen Jahren (um 1900) Klavierauszüge her, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können: unter anderem von Opern wie Lortzings „Der Waffenschmied“, Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ und Schuberts „Rosamunde“ sowie von Operetten, etwa von Richard Heuberger, Leo Fall, Edmund Eysler und Franz Lehár. Weiters arbeitete er für wissenschaftliche Ausgaben die Continuo-Partien frühklassischer Kompositionen (von Matthias Georg Monn und Franz Tuma) aus, und einer Sängerin zuliebe orchestrierte er 1912 Lieder von Beethoven, Loewe und Schubert.
Schließlich gab es etliche „echte“ Bearbeitungen, die als eigenständige Werke zur Aufführung gelangten: Die Umarbeitung zweier Choralvorspiele und der (von Anton Webern in einem „Arbeiter-Sinfoniekonzert“ uraufgeführten) Folge „Praeludium und Fuge Es-Dur“ für Orgel von Johann Sebastian Bach, die Bearbeitung des Klavierquartetts g-Moll, op. 25, von Johannes Brahms, die Schönberg im Scherz als „Fünfte Symphonie“ ihres Autors bezeichnete, sowie Nachkompositionen zweier Konzerte aus Barock bzw. Vorklassik: eines Concerto grosso von Georg Friedrich Händel sowie eines Violoncellokonzerts von Matthias Georg Monn. Auch in allen diesen Schöpfungen erwies sich Schönberg als jener „natürliche Fortsetzer richtig verstandener, guter alter Tradition“, als der er sich immer gesehen hatte.

Hartmut Krones
Em. o. Univ.-Prof. Mag. 
Dr. Hartmut Krones leitete das Institut für Musikalische Stilforschung (mit den Abteilungen „Stilkunde und Aufführungspraxis“ und „Wissenschaftszentrum Arnold Schönberg“) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.