Im Dienste des Dramatischen

Simon Keenlyside

In seinem Liederabend im Musikverein präsentiert sich Simon Keenlyside mit einer farbenreichen Klangpalette in Liedern von Hugo Wolf, Francis Poulenc und Gabriel Fauré.


Es bringt mich zum Schmunzeln, wenn Leute mir sagen, wie ,englisch‘ ich sei“, bemerkt Simon Keenlyside. „Ich bin Mitteleuropäer in fast allem außer meinem Namen. In Mitteleuropa habe ich auch meine Laufbahn begonnen, und ich habe nie wirklich zurückgeschaut.“ Folgerichtig bringt er, der gerade erst im Juni des vergangenen Jahres zum Wiener Kammersänger ernannt wurde, in seiner künstlerischen Tätigkeit durchaus so etwas wie einen Schmelztiegel von Einflüssen mit. Er ist immens vielseitig, hochintelligent und international gefragt mit einem Repertoire, das sich über vier Jahrhunderte bis in die Gegenwart erstreckt – ein Künstler, der mit seiner äußerst flexiblen, immer zentrierten, dunklen und doch konturenreichen Stimme stets im Dienste des Dramatischen steht, ob er nun Oper singt oder Lied.

In seinem Liederabend im Musikverein präsentiert sich Simon Keenlyside mit einer farbenreichen Klangpalette in Liedern von Hugo Wolf, Francis Poulenc und Gabriel Fauré.


Es bringt mich zum Schmunzeln, wenn Leute mir sagen, wie ,englisch‘ ich sei“, bemerkt Simon Keenlyside. „Ich bin Mitteleuropäer in fast allem außer meinem Namen. In Mitteleuropa habe ich auch meine Laufbahn begonnen, und ich habe nie wirklich zurückgeschaut.“ Folgerichtig bringt er, der gerade erst im Juni des vergangenen Jahres zum Wiener Kammersänger ernannt wurde, in seiner künstlerischen Tätigkeit durchaus so etwas wie einen Schmelztiegel von Einflüssen mit. Er ist immens vielseitig, hochintelligent und international gefragt mit einem Repertoire, das sich über vier Jahrhunderte bis in die Gegenwart erstreckt – ein Künstler, der mit seiner äußerst flexiblen, immer zentrierten, dunklen und doch konturenreichen Stimme stets im Dienste des Dramatischen steht, ob er nun Oper singt oder Lied.

Der Tradition verpflichtet

Simon Keenlyside stammt aus einer hochmusikalischen Familie. Sein Großvater war der angesehene Dubliner Geiger Leonard Hirsch und sein Vater, Raymond Keenlyside, Zweiter Geiger im Aeolian String Quartet. „Sie spielten auch im Musikverein“, erklärt der Bariton, „und die Tradition des Liedgesangs und der Kammermusik in diesem Haus war für meinen Vater und seine Generation ebenso bedeutungsvoll, wie sie es heute für mich ist. Ich erinnere mich: Als ich ein kleiner Junge war, erzählte mir mein Vater von diesem besonderen Ort – und von den Wiener Philharmonikern. Er hatte Geschichten parat, etwa darüber, wie die Orchestermusiker ihre Geigen von einem Haken nehmen. Es ist schon interessant, dass dieser Ort nun auch in meinem eigenen Künstlerleben einen so wichtigen Stellenwert einnimmt, und es ist ein wunderbares Gefühl, zur nächsten Generation von Musikern zu gehören, die hier auftritt.“


Gleich und doch ganz anders

Das Singen begleitet Simon Keenlyside schon fast sein ganzes Leben lang. Als er ungefähr acht Jahre alt war, gehörte er bereits dem Knabenchor am St John’s College in Cambridge an. Später, als Student der Zoologie, kehrte er hierher zurück und sang im College Choir der Universität. Dann jedoch wechselte er ans Royal Northern College of Music, „weil ich singen lernen musste“, wie er sagt. Denn Opernsänger zu werden war etwas völlig anderes, als Chormusik zu singen, erklärt er. „Rein vom Ethos her war es genau das Gleiche: Alles, was ich über das Musizieren wusste, hatte ich während meiner Jahre als Chorknabe gelernt. Was danach kam, als ich mit 23 Jahren Cambridge verließ, hatte mit Chortradition nichts mehr zu tun. Solistisches Singen ist das pure Gegenteil: Im Chor lernt man, seine Stimme mit anderen zu mischen. In der Oper geht es darum herauszustechen.“


Voraussetzungen fürs Musizieren

1986 gewann er den Richard-Tauber-Wettbewerb und ging mit dem Preisgeld nach Salzburg, wo er sich für einen Sprachkurs einschrieb. „Dann aber musste ich mich zwischen dem Kurs und einem Studium bei Sena Jurinac entscheiden“, erinnert er sich. „Ich bedaure es, dass ich mir die Gelegenheit entgehen lassen habe, von dieser großartigen Sängerin zu lernen.“ Auch, weil ihm der Sprachkurs letztlich nicht so recht für ihn geeignet schien: „Ich habe Sprachen viel besser aus dem Leben und Arbeiten in den Ländern gelernt, in denen ich sie sprechen musste.“
Heute singt er gleich gern in englischer, deutscher, italienischer und französischer Sprache. Die Ausnahme ist Russisch, trotz seiner bemerkenswerten Auftritte in der Titelpartie von Tschaikowskijs „Eugen Onegin“. „Ich habe aufgehört, russische Opernpartien zu übernehmen, weil ich mich in einer Sprache, die sich mir nicht erschließt, nicht spontan ausdrücken kann. Ich konnte es mir nicht erlauben, etwas zu verändern, denn hätte ich die falsche Diktion gewählt, hätte ich unter Umständen versehentlich von Würstchen gesungen. Unter diesen Voraussetzungen ist das kein Musizieren für mich.“


Neue Dimensionen

Deshalb hat er Onegin ad acta gelegt und sich – er ist nun 58 – den reiferen Charakteren des Repertoires zugewandt. „Es war schwierig, den jungen Pelléas und Brittens Billy Budd aufzugeben, und die Gewissheit, dass ich Billy nie wieder singen werde, schmerzt noch immer“, gesteht er. „Andererseits kann der Blick eines jungen Mannes auf die Welt etwas eindimensional sein, und in dieser Hinsicht vermisse ich die Darstellung von Jugend nicht. Wenn man ältere Charaktere verkörpert, stecken viel mehr Dimensionen darin, besonders bei Partien wie Macbeth, Rigoletto und Golaud. Und der Graf ist eine wunderbare psychologische Darstellung einer realen Person.“
Simon Keenlyside sucht keinen Schlüssel für die einzelnen Charaktere. „Für mich ist es viel einfacher zu sagen, was es nicht ist, und dann mit dem Verbleibenden zu arbeiten.“ Aus dem Rahmen, den der Komponist, der Librettist, der Regisseur und die anderen Sänger gemeinsam bilden, ergibt sich „ein ,Set‘ von Parametern, innerhalb dessen man letztlich frei ist. Denn die Schönheit allen Lebens und aller Kunst liegt im Detail und in der Veränderung. Es gibt Unterschiede zwischen einzelnen Vorstellungen, je nachdem, wie sich eine Aufführung entwickelt.“


Tiefgang durch Wiederholung

Das ist einer der Gründe, weshalb Keenlyside, statt viele neue Rollen zu studieren, lieber „öfter jene singen möchte, die ich bereits im Repertoire habe, und diese dafür immer besser und besser. Ich komme nicht wirklich unter die Haut einer Rolle, bis ich sie vierzig-, fünfzigmal gesungen habe“, erklärt er. „Da geht es um Details: Es ist wie bei einem Rennfahrer, der einen Kurs umwandert und nicht nur weiß, wann er den Fuß vom Pedal nehmen muss, sondern auch, wie viel er wegnehmen und wie viel er wieder zugeben muss. Ich habe ungefähr 150 ,Don Carlos‘-Vorstellungen gesungen, aber ich freue mich immer auf die nächste, weil ich denke, dass ich dies oder das etwas besser machen und das Ende mit mehr Ressourcen erreichen kann. Es gibt einige Partien, die ich noch gerne machen würde: Simon Boccanegra vielleicht oder ,Un ballo in maschera‘ – aber selbst wenn es nicht dazu kommt, werde ich trotzdem zufrieden sein mit dem, was ich habe.“


Reichtum an Kontrasten

Einer der Leitgedanken seines Musikvereins-Liederabends mit Malcolm Martineau ist der Reichtum an Kontrasten, den das Liedrepertoire zu bieten hat. „In einem Konzert darf man sich verschiedene Klangfarben wünschen, ähnlich wie in einem Gespräch, in dem man ganz plötzlich auf etwas völlig anderes zu sprechen kommt“, sagt Keenlyside. „Man kann über Poulenc und Fauré sprechen, dann über ,Madama Butterfly‘, und ich sehe keinen Grund dafür, dies nicht auch musikalisch zu tun. Da ist eine Kontinuität, dann eine Interpunktion – und danach gibt es ein neues Thema, mit dem eine andere Richtung eingeschlagen wird. Ich liebe Poulenc. Allerdings ist die Palette seiner Klangfarben nicht allzu groß, und ich denke, wenn man seine Lieder in ein Programm aufnimmt, ist es wichtig, ihm Komponisten zur Seite zu stellen, deren Klangwelt eine andere ist.“
Ein solcher Komponist ist Hugo Wolf, von dem Keenlyside einige selten zu hörende Goethe-Vertonungen ins Programm nimmt: „recht opernhafte Lieder“, wie der Bariton betont. „Ich freue mich darauf, aber für sie muss ich richtig fit sein, denn es ist eine äußerst ausdrucksstarke Gruppe.“ So wird ihm die Konzertpause zur kurzen Regeneration willkommen sein, ehe im zweiten Programmteil auf die Miniaturen von Poulenc Fauré-Lieder 
folgen, „die wieder eine völlig andere Klangpalette bieten“.


Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten

Wie für die meisten seiner Kollegen ist es auch für Simon Keenyside eine Herausforderung, eine gute Balance zwischen Konzert- und Opernauftritten zu finden. „Ich habe meine Frau und zwei kleine Kinder, die ich vermisse, wenn ich unterwegs bin“, sagt Keenlyside, der mit der berühmten Ballerina Zenaida Yanowsky verheiratet ist. „Konzerte und Liederabende wären also naheliegend, um seltener für längere Zeit von zu Hause weg zu sein. Ich sage immer, ich werde die Opernengagements reduzieren. Aber dann vertiefe ich mich in eine neue Rolle wie Golaud, und mir wird klar, wie sehr ich das liebe.“
Auf der Bühne selbst kennt Keenyside keine Angst. Er nimmt sich selbst als einen sehr körperbezogenen Menschen wahr und erweitert sein Repertoire an körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten konsequent. „Haltung, Mimik und Gestik sind auf der Bühne genauso wichtig wie die Stimme. Ich liebe die Oper so sehr. Ich konnte sie einfach nicht aufgeben.“
Daran, dass er „englisch“ wäre, meint Keenlyside, sei nicht viel dran. „Was ich sehr mag, ist das Wort ,britisch‘ – wegen der kulturellen Vielfalt, die darin steckt“, sagt er. „Aber nach dem Brexit-Votum habe ich die irische Staatsbürgerschaft angenommen. Ich bin Europäer. Und ich bin immer noch sehr stolz darauf, Teil dieser Mischung zu sein.“

Jessica Duchen
Jessica Duchen, Musikpublizistin und Autorin in London, schreibt für die Tageszeitung „The Independent“. Sie veröffentlichte Bücher über Gabriel Fauré und Erich Wolfgang Korngold und eine Reihe von Romanen und Theaterstücken.