Geben und nehmen

Lahav Shani

Lahav Shani ist Gewinner des renommierten Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs in Bamberg 2013 und seit Saisonbeginn Erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker. Mit Daniel Ender führte er ein Gespräch für die „Musikfreunde“.


Herr Shani, können Sie Ihre erste Begegnung mit den Wiener Symphonikern beschreiben?

Das war damals sehr kurzfristig. Ich hatte weniger als 24 Stunden, um mich vorzubereiten, und wusste nicht, was ich vom Orchester erwarten konnte. Ich kam zur Probe, habe mich sofort zu Hause gefühlt – die Symphoniker haben mich sehr freundlich empfangen, und es war von Anfang an klar, dass es eine sehr gute Chemie gibt. Gleich nach dem ersten Konzert wussten wir, dass wir längerfristig miteinander arbeiten wollten.


Ganz grundsätzlich: Wie wichtig ist beim Dirigieren das, was Sie Chemie nennen, und wie wichtig ist die Technik in der Kommunikation mit einem Orchester?

Das kann man schwer allgemein sagen, denn jedes Orchester ist anders. Wenn man das erste Mal vor einem Klangkörper steht, sollte man so wenig Erwartungen wie möglich haben. Natürlich hat man eine bestimmte Qualität im Sinn, aber wie es auf der menschlichen Ebene funktioniert, weiß man im Vorhinein nie. Orchester können sehr nett sein, aber einen Dirigenten auch regelrecht terrorisieren – und natürlich auch umgekehrt. Ich selber bin auch anders mit jedem Orchester. Aber nur wenn es ein gegenseitiges Verständnis gibt, kann man sich frei ausdrücken. Technik im Dirigieren ist die Klarheit – dass das Orchester versteht, was ein Dirigent meint. Es hilft natürlich, wenn man viel direkt zeigen kann und nicht mit Worten erklären muss. Dem Orchester hilft es sehr, wenn schon die Körpersprache des Dirigenten möglichst viel von dem vermittelt, was er möchte – und er gar nicht so viel reden muss.


Manche Ihrer Kollegen reden dennoch sehr viel bei den Proben – benützen Metaphern, beschreiben Stimmungen mit Worten. Wie wichtig ist diese Ebene für Sie?

Für mich persönlich kommt es sehr darauf an. Manchmal ist es tatsächlich nötig, etwas mit Worten zu erklären, aber ich verwende nur selten Metaphern, weil ich mir Musik nicht so sehr mit Bildern vorstelle. Für mich kommt der Ausdruck aus der Musik selbst und nicht von außen. Ich versuche, den Inhalt eines Stücks zu erfassen – und nicht das, was ich für mich selbst empfinde. Was steht da? Was soll man hören, wie sind die Relationen im Stück, was ist wichtig und weniger wichtig? Daher kommt die Inspiration. Wenn dann Bilder entstehen, ist das kein Problem – aber ich fange nicht damit an, sondern mit der Struktur, mit dem, was in den Noten steht. Manchmal spricht ein Dirigent sehr lange in schönen Beschreibungen – und dann fragt das Orchester: „Ja, aber was meinen Sie? Piano oder forte?“


Sie kennen die Orchesterarbeit aus drei Perspektiven: als Orchestermusiker, als Solist und als Dirigent. Was haben Sie aus diesem Wechsel der Blickwinkel gelernt?

Ehrlich gesagt: als Solist relativ wenig, aber als Orchestermusiker ganz viel. Als Solist muss man natürlich zuhören, doch ist man vor allem mit sich selbst beschäftigt. Als ich Orchestermusiker war, wollte ich einfach meinen Kontrabass spielen und habe noch gar nicht ans Dirigieren gedacht. Allmählich wurde ich mit dieser Welt vertraut – wie es ist, mit so vielen Leuten auf der Bühne zu sein. Und ich dachte mir mehr und mehr, dass man eigentlich sowohl musikalisch als auch organisatorisch und probentechnisch einiges anders machen könnte. Da dachte ich noch gar nicht daran, Dirigent zu sein – Berühmtheit interessierte mich gar nicht. Ich hatte das Bedürfnis, dass die Orchestermusiker nicht nur auf den Dirigenten schauen, sondern sich viel stärker gegenseitig zuhören und aufeinander reagieren können. Ich selbst versuche mich als Dirigent auch so unnötig wie möglich zu machen! Ich möchte dem Orchester in den Proben auch das Gefühl geben, dass die Musiker das meiste untereinander machen können – wo das nicht möglich ist, dafür bin ich da.


Bringt es für die Orchestermitglieder auch mehr Freiheit mit sich, wenn sie ihre Ohren verwenden dürfen?

Genau! Es gibt allerdings auch Orchester, die sich davor fürchten, weil sie daran gewöhnt sind, dass ihnen immer jemand sagt, wie es genau sein soll. In den Orchestern, die ich dirigiere, sitzen aber überall hervorragende Musiker, die etwas zu sagen haben – das muss man doch unterstützen, dass sie sich selbst ausdrücken. Ich selbst versuche, nicht alles zu diktieren, aber ein Zentrum zu sein und zu sehen, ob alles zusammenpasst. Es darf natürlich auch nicht so sein, dass jeder macht, was er will – sonst wird es chaotisch. Vor allem muss ein Dirigent sehen, dass die Zusammenhänge, die Beziehungen da sind – da kann er den Orchestermusikern beim Verständnis helfen, und dann ist für sie tatächlich sehr viel Freiheit da.


Welche Form der Kontrolle müssen Sie dennoch behalten?

Ich versuche grundsätzlich, wie gesagt, möglichst wenig Kontrolle zu behalten. Aber komischerweise ist es dann so, dass im Konzert, wenn man etwas zeigt, die Reaktionen auch viel direkter sind und das Ergebnis insgesamt organisch wird. Es klingt viel anders, wenn alle die Möglichkeit haben, sich selbst auszudrücken – das gibt dem Dirigenten für bestimmte Dinge sogar während der Aufführung noch eine stärkere Rolle. Es ist ein Geben und Nehmen. Gleichzeitig hat der Dirigent natürlich eine besondere Verantwortung, der er sich unbedingt stellen muss: Tempo, Balance, grundsätzliche Entscheidungen, die mit dem Klang, der musikalischen Richtung und anderen Elementen zu tun haben.


Wie sind denn die Gewohnheiten der Orchester diesbezüglich in Wien?

Das Schönste in Wien ist, dass man immer die tiefe Liebe zu den Werken der großen Komponisten spürt, die hier ihre Musik geschrieben haben: Mozart, Schubert, Brahms und all die anderen. Da geht es dann um Feinheiten, weil es eine so starke Empfindung für das Wesentliche gibt.


Was sind Ihre Erwägungen für das aktuelle und künftige Repertoire, das Sie mit den Symphonikern erarbeiten?

Als ich nach Wien kam, hatte ich den Eindruck, dass viel zu wenig Prokofjew gespielt wird – daher gibt es nun in jedem meiner Programme ein Werk von ihm. Ich hatte den Eindruck, dass die Erste Symphonie mit ihrem Schmäh, die wir zuletzt gespielt haben, wunderbar zum Orchester passt. Das gibt mir ein sehr gutes Gefühl für die Zukunft. Ansonsten möchte ich noch viel Wiener und österreichische Musik machen: Bruckner, Mahler, aber auch Richard Strauss. Unbedingt möchte ich auch Werke der Zweiten Wiener Schule machen. Ich selbst habe noch gar keinen eindeutigen Schwerpunkt: Ich selbst möchte möglichst viel machen – es gibt so viel. Ich kann nicht sagen, dass es Musik gibt, die ich gar nicht mag. Höchstens, dass es Werke gibt, die ich noch nicht verstehe. Ich gebe mir alle Mühe, um das zu verändern.


Das Gespräch führte Daniel Ender.


Lahav Shani,
1989 geboren, studierte in seiner Heimatstadt Tel Aviv Klavier bei Arie Vardi sowie Kontrabass, ehe er seine Studien bei Christian Ehwald (Dirigieren) und Fabio Bidini (Klavier) an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ Berlin fortsetzte. In den vergangenen Jahren wurde er außerdem von Daniel Barenboim betreut. Eine enge Verbindung pflegt er mit dem Israel Philharmonic Orchestra und Zubin Mehta, der zu einem wichtigen Mentor wurde. Mit dem Gewinn des Ersten Preises beim Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker im Jahr 2013 begann seine internationale Laufbahn.



Daniel Ender
Der Musikwissenschaftler und -journalist Dr. Daniel Ender leitet die Abteilung Wissenschaft und Kommunikation der Alban Berg Stiftung Wien, lehrt an verschiedenen Universitäten und schreibt regelmäßig für den „Standard“ sowie die „Neue Zürcher Zeitung“.