Weihnachtliches mit Biss

„Der Nussknacker“, präsentiert von Max Müller

Ein Wanderer zwischen den Welten ist der Nussknacker, den E. T. A. Hoffmann, der große Fabulierer, als literarische Figur auf den Weg gebracht hat. In Frankreich wurde er ebenso heimisch wie in Russland. Nun kommt er, welterfahren, in den Musikverein. Max Müller erzählt seine Geschichte.

Aber Kinder, ihr verlangt ja von mir das Schwerste, was es auf der Welt gibt: ein Märchen! Das geht zu weit! Verlangt von mir die ,Odyssee‘, verlangt die ,Aeneis‘, verlangt ,Das befreite Jerusalem‘ und ich füge mich darein; aber ein Märchen! Teufel! Perrault und die Brüder Grimm sind andere Männer als Homer, Vergil und Tasso, und der kleine Däumling ist ein weit originelleres Wesen als Achilles, Turnus oder Rinaldo.“
Teufel – ein Märchen! Der Ich-Erzähler lässt sich dann aber doch erweichen und erzählt den Kindern ein Märchen: kein eigenes, auch keines von den Brüdern Grimm, sondern eines vom Teufels-Hoffmann, dem Romantiker aus dem ostpreußischen Königsberg.
„Der Nussknacker aus Nürnberg, gefällt euch der Titel?“ – „Hmmm! Das klingt nicht nach was besonders Schönem, diese Überschrift. Aber was macht’s? Fang nur an. Wenn es langweilig wird, sagen wir, du sollst aufhören, und du fängst ein anderes Märchen an, und so weiter, bis du eins erzählst, das uns gefällt.“

Nussknackers weite Reise

Zu Beginn des Advents wird Max Müller den großen und kleinen Kindern im Gläsernen Saal dieses Weihnachtsmärchen erzählen. Es stammt aber nicht von E. T. A. Hoffmann, sondern von Alexandre Dumas dem Älteren, und es heißt nicht mehr „Nussknacker und Mausekönig“, sondern „Histoire d’un casse-noisette“, auf Deutsch „Geschichte eines Nussknackers“. 1816 hatte Hoffmann das Märchen in seiner Geschichtensammlung „Die Serapionsbrüder“ in Berlin veröffentlicht, ein Vierteljahrhundert später übertrug der französische Vielschreiber, der Vater der „Drei Musketiere“, das Werk ins Französische. Les Contes d’Hoffmann erfreuten sich westlich des Rheins seit jeher besonderer Wertschätzung.
Auf dem Umweg über Frankreich kam der Nussknacker nach Russland und eroberte schließlich von der Bühne aus die ganze Welt. Die französische Fassung des Märchens war in St. Petersburg sehr populär und inspirierte Peter Iljitsch Tschaikowskij zu seiner letzten Ballettmusik, uraufgeführt 1892, ein Jahr vor seinem Tod. Der Stoff ist damit dem germanischen, romanischen und slawischen Kulturkreis gleichermaßen verbunden – europäisch im besten Sinne.

Die elegantere Version

Max Müller wird die drei Kulturkreise bei seinem Abend verknüpfen. Er rezitiert das französische Märchen, das noch in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts ins Deutsche rückübersetzt worden war, und singt Lieder in französischer und russischer Sprache, dazu kommt die schwelgerische Ballettmusik Tschaikowskijs. Während er in München im Oktober im Prinzregententheater das Programm mit Orchester präsentierte, wird ihn im Musikverein jetzt ein Kammermusikensemble begleiten.
Warum aber die Nachdichtung von Dumas und nicht der originale E. T. A. Hoffmann? Der Rezitator erklärt seine Wahl: „Für mich ist Dumas bodenständiger, französisch leichter – behaglich und nicht so gruselig wie Hoffmann. Ja, manchmal ist er sogar parodistisch und ironisiert sich selbst. Das originale Märchen dagegen ist eigentlich ein Horrortrip.“

Ein dämonischer Fabulierer

In beiden Versionen dominiert als Vertreter der Erwachsenenwelt der Pate Drosselmeier, bei Hoffmann Obergerichtsrat, bei Dumas Medizinalrat – eine unheimliche Erscheinung: „Sein Gesicht war runzlig wie ein Reinettenapfel, über den ein Aprilfrost gekommen ist. An der Stelle des rechten Auges befand sich ein großes schwarzes Pflaster; und er war ganz und gar kahlköpfig, ein Übelstand, dem er dadurch abzuhelfen suchte, dass er eine Perücke vom Aussehen eines gekräuselten Rasens trug, die aus Glasfäden bestand.“ Dennoch lieben ihn die Kinder, denn er hat vielfältige Begabungen, kann nicht nur mit größter mechanischer Geschicklichkeit die unwahrscheinlichsten Automaten bauen, sondern auch wundersame Geschichten erzählen. Als dämonischer Fabulierer ist er auch ein parodistisches Selbstbildnis E. T. A. Hoffmanns. Drosselmeiers eingelegtes „Märchen von der harten Nuss“ ist der Kern des Ganzen, indem es Realität und Traumgeschehen verknüpft.

Durch die Mandeltür ins Wunderland

In dem Changieren der Ebenen – Wirklichkeit, Traum und „Märchen im Märchen“ – liegt der große Reiz des Werkes. Auf allen drei Ebenen ist der Nussknacker zu Hause: ein Wanderer zwischen den Welten.
An manchen Stellen wird der Übergang von einer zur anderen geradezu zelebriert. Der Nussknacker führt Marie in den Kleiderschrank, klettert mit ihr in den Reisepelz des Vaters, und über eine hübsche Treppe aus Zedernholz im Ärmel des Mantels kommen sie durch die Mandeltür in ein wunderbares Land, in dem es den Orangenfluss, das Dorf Marzipan und die Stadt Konfitürenburg gibt, in deren Mitte – in Gestalt eines Obelisken – eine riesige Pastete steht, „aus welcher vier Fontänen von Limonade, Orangeade, Orangeat und Himbeersirup hervorkamen“.
Das Märchen vom Nussknacker ist auf diese Weise die literarische Keimzelle der Fantastischen Kinder-und Jugendliteratur, die heute die Bibliotheken füllt, von der „Unendlichen Geschichte“ bis zu Harry Potter. Der Umstieg von der realen zur irrealen Welt, die Spannungen, in denen Kinder zwischen Alltag und Fantasie leben, werden bereits hier thematisiert – ihre Ängste und das Unverständnis der Erwachsenen.

Lust an der Verwandlung

Wie kann man der Vielfalt der Erscheinungen als solistischer Erzähler gerecht werden? Max Müller ist nicht zufällig bereits als junger Schauspieler und ausgebildeter Sänger sein eigener Prinzipal und Unternehmer gewesen. Er weiß sich auch bei der aktuellen Produktion zu inszenieren. „Ich werde in dem Fauteuil mit Buch beginnen, dann aber auswendig rezitieren und teilweise auch eine szenische Umsetzung bieten. Besonders liebe ich die Szene, in der der junge Held nach der Erlösung der Prinzessin Pirlipat sieben Schritte zurückgehen muss, dabei auf die Mäusekönigin tritt und sich in den Nussknacker verwandelt. Außerdem gibt das Streichquartett die Gelegenheit für den Zusammenklang von Musik und gesprochenem Wort, die im 19. Jahrhundert so beliebte Form des Melodrams.“ So wird auch Max Müller zum Wanderer zwischen den Welten. Der Rosenheim-Cop verwandelt sich im Gläsernen Saal in den Paten Drosselmeier und in den Nussknacker, singt und rezitiert. In welche Figuren würde er sich sonst gern verwandeln? Da schlägt die Sehnsucht nach der Musikbühne durch: „Drei Rollen würde ich für mein Leben gern verkörpern: den Papageno, den Don Quijote und den Professor Higgins!“ Nun, vielleicht findet auch dieser Wunsch – wie im Märchen – seine Erfüllung.

Alexander Marinovic
Dr. Alexander Marinovic, Jurist und Abteilungsleiter im Wissenschaftsministerium, publiziert regelmäßig Beiträge über Kunst und Kultur.

Max Müller
© Christian Rieger

Max Müller 

Max Müller, Bariton und Sprecher

Alliance Quartett Wien
Christoph Moser, Klarinette
Maria Jauk, Flöte
Maximilian Oelz, Kontrabass

Alexandre Dumas der Ältere: Geschichte eines Nussknackers
Musik von Peter Iljitsch Tschaikowskij; bearbeitet von Anselm Schaufler

Friday, 01. December 2017, 08.00 PM

Max Müller
© Christoph Rieger

Max Müller 

Max Müller, Bariton und Sprecher

Alliance Quartett Wien
Christoph Moser, Klarinette
Maria Jauk, Flöte
Maximilian Oelz, Kontrabass

Alexandre Dumas der Ältere: Geschichte eines Nussknackers
Musik von Peter Iljitsch Tschaikowskij; bearbeitet von Anselm Schaufler

Saturday, 02. December 2017, 08.00 PM

Max Müller
© Christian A. Rieger

Max Müller 

Max Müller, Bariton und Sprecher

Alliance Quartett Wien
Christoph Moser, Klarinette
Maria Jauk, Flöte
Maximilian Oelz, Kontrabass

Alexandre Dumas der Ältere: Geschichte eines Nussknackers
Musik von Peter Iljitsch Tschaikowskij; bearbeitet von Anselm Schaufler

Sunday, 03. December 2017, 03.00 PM