Die Finnen in Wien

Musikgeschichten aus dem Norden

„Die unzähligen Erinnerungen, die mich mit Wien verbinden, sind für mich unvergesslich.“ Jean Sibelius lebte eine Zeitlang in Wien – so manche Komponistenkollegen aus Finnland taten es ihm nach. Ein Projekt der Musikuniversität Wien und der Sibelius Akademie Helsinki lässt den Nord-Süd-Dialog nun neu aufleben. „Lost Landscapes“ – oder: Die Finnen in Wien.

„Lost Landscapes“, verlorengegangene, mitunter vernachlässigte Musiklandschaften, das sind die „dort oben im Norden“. Als Sibelius von Oktober 1890 bis Mitte Juni 1891 bei Carl Goldmark und Robert Fuchs in Wien studierte, da wurde er auf seinen „Landsmann“ Grieg angesprochen. „So wenig weiß man über uns Nordländer“, seufzte der schwedischsprachige Finne, der bis 1917 Untertan des Zaren war. Es blieb nicht sein einziger Seufzer.

Sibelius
zwischen Klischee und Wahrheit

Musik aus fremder Welt, Erscheinung aus den Wäldern und Wiesen, Spiegelung von 187.888 Seen: Sonderlich mehr fällt so manchem immer noch nicht zu Sibelius ein. Seine eigentliche Leistung, so Sibelius 1915, werde nicht erkannt. Der selbstironische Tagebucheintrag  „Für die meisten wirst du eine Erscheinung aus den Wäldern bleiben“ wird bis heute als Artikelüberschrift missbraucht. Der urbane, kosmopolitische Künstler mit Faible für mondäne Restaurants, Bootsfahrten unter breitkrempigem Hut, Waldspaziergänge in Maßanzügen und -schuhen drang nie weiter als 400 km nordöstlich von Helsinki vor – zweimal in seinem 92 Jahre währenden Leben. Komponieren konnte er am besten in der Anonymität der Metropolen, in Rom, London, Paris und Berlin, wo er sich mehr als dreißigmal aufhielt.
Die Originalität seiner 1892 uraufgeführten „Kullervo-Symphonie“, die in Wien skizziert wurde, hat nichts mit finnischer Folklore zu tun, sondern mit in Wien bewusst erarbeiteten Kunstgriffen: Kirchentonarten, Quartenharmonik, 5/4-Metren. Die kompositionstechnischen Probleme seiner Zeit hat Sibelius wie Schönberg erkannt, sie aber eigenständig gelöst. Dennoch gilt Sibelius als einer jener, die „den Schritt über die Grenze der Tonalität nicht wagten“, wie immer noch klischeehaft formuliert wird, mit leicht mitleidigem Blick auf die, wie anmaßend mitschwingt, nicht seriell auftretenden Feiglinge.

Orpheus im weißen Salon

Einer, der den Grenzübertritt wagte, war der heuer am 27. Juli im 88. Lebensjahr verstorbene Einojuhani Rautavaara. Schon Ende der 1960er-Jahre grenzte er sich allerdings gegen den vulgär-modernistischen Antagonismus von ästhetischer Innovation und naiv-bornierter Reaktion ab. Wer „mit der Zeit geht“, sei dazu verurteilt, „hinter ihr zurückzubleiben. Schneller als man schauen kann, werden aus den radikalsten Modernisten die rabiatesten Konservativen.“ Dodekaphonie war für ihn eine Zeitlang „die Grammatik; Syntax muss jeder selbst finden“. Schönberg hat er, laut lachend, als „Patenonkel“ bezeichnet. Kein Komponistengott? Würde er gezwungen werden, einen zu nennen, dann Sibelius.
Rautavaara zog es im Februar 1955 nach Wien, um sich „an ihrer Brutstätte die alte europäische Musikkultur anzueignen“, nicht aber formaler Studien wegen. Die letzten zwei seiner „Fünf [Rilke-]Sonette an Orpheus“ sind mit „Wien 17. und 19. Februar 1955“ datiert. Gewohnt hat er im Palais Schönburg, Rainergasse 11, 4. Bezirk. Im weißen Salon wurden die ersten drei seiner „Orpheus-Sonette“ uraufgeführt.

Ein letzter Blick

Im Wien der Besatzungszeit sah er die „Vier im Jeep“, fühlte sich von der „Romantik des Verfalls und der Dekadenz“ angesprochen, folgte selbstauferlegter Disziplin und komponierte viel. Verdis „Falstaff“ im Theater an der Wien war „neu und wichtig in meinem Komponistenleben“, Orffs „Carmina Burana“ „eine schockartige Begegnung“, und in einem Jazzkeller entdeckte er einen „sehr guten Pianisten“: Friedrich Gulda. Am 15. Mai 1955 wurde er Augenzeuge der jubelnden Österreicher, als der Staatsvertrag im Belvedere unterzeichnet wurde. Am 17. Mai erhielt er ein Telegramm: Der 90-jährige Sibelius hatte ihn für ein Stipendium nominiert, das ihm einen Studienaufenthalt in Tanglewood und an der Juilliard School of Music ermöglichte.
2005 warf Rautavaara im dritten Satz seiner von Midori bestellten Violinsonate „Lost Landscapes“ einen letzten Blick auf „Rainergasse 11“, melancholisch, grüblerisch, träge: „Eine Welt, die sich überlebt hat.“ Am 30. September 1957 war er beim Staatsbegräbnis von Sibelius einer von sechs Sargträgern.

Auf den Spuren von Sibelius

Und noch weitere Komponisten kamen aus Finnland nach Wien, um hier ihr Handwerk zu verfeinern – auf den Spuren von Sibelius. „Die unzähligen Erinnerungen, die mich mit Wien verbinden, sind für mich unvergesslich. Gewiss wirst Du in Deiner Arbeit von dieser Stadt, so reich an Erinnerungen, profitieren“, schrieb Sibelius seinem Privatschüler, Leevi Madetoja. Auch er studierte bei Fuchs, 1911, und ging zu Orchesterproben mit Franz Schalk. Zu Ehren Madetojas (1887–1947), des Komponisten der finnischen Nationaloper „Pohjolaisia“ (Die Ostbottnier), rief 1988 die Finnische Komponistengesellschaft den Madetoja-Preis ins Leben. Heuer war es Susanna Mälkki, die Chefdirigentin des Helsinki Philharmonic Orchestra, die diesen Preis für außerordentliche Verdienste um finnische zeitgenössische Musik erhielt.
Schon von 1899 bis 1901 hatte Erkki Melartin (1875–1937) auf Anraten von Sibelius bei Fuchs studiert. In Wien hörte Melartin Mahler-Symphonien, was man seiner fünften („Sinfonia brevis“, 1915) von sechs vollendeten Symphonien anmerkt. Melartin war der erste Dirigent, der Mahler in Helsinki dirigierte, den ersten Satz aus der 2. Symphonie. Von 1906/07 nahm auch Erik Furuhjelm, der erste Sibelius-Biograph, bei Fuchs Stunden.

Anhaltende Wien-Wirkung

Bei Richard Heuberger studierte 1910/11 der oft als finnischer Schubert bezeichnete Yrjö Kilpinen (1892–1959). Kammersängerin Soile Isokoski hat einige seiner 700 originellen, auf Gedichte finnischer, schwedischer und deutscher Lyriker komponierte Lieder, die am ehesten an Hugo Wolf geschult sind, in Österreich gesungen.
Nicht nur die drei Symphonien der ersten namhaften Komponistin Finnlands, Helvi Leiviskä (1902–1982) sind an Bruckner orientiert, den ihr ihr Lehrer Madetoja näher brachte. Er empfahl ihr den Kontrapunktiker Arthur Willner, der am Neuen Wiener Konservatorium unterrichtete und als Konsulent der Universal Edition arbeitete.
Sulho Ranta (1901–1960) erhielt 1926 bei Willner und Schreker – und auch von Joseph Marx – einen „Schubs Richtung Impressionismus“. Ranta war dann als Dozent für Musikgeschichte und Prorektor der Sibelius-Akademie mitverantwortlich für die Sibelius-Idolisierung: „Nur unser finnischer Sibelius ist echter Sibelius.“
Nach Uuno Klami (1900–1961), der 1929 in Wien bei Hans Gal Stunden nahm, fand erst wieder ein Schüler Rautvaaras, Erkki Salmenhaara (1941–2002), Komponist von u. a. fünf Symphonien, den Weg nach Wien, wo er 1963 bei György Ligeti studierte. Über ihn legte er 1970 auch seine Doktorarbeit vor.

"Die unzähligen Erinnerungen, die mich mit Wien verbinden, sind für mich unvergesslich."
J. Sibelius

Provinzielle Metropolen?

Schon Englund, Kokkonen oder Sallinen konnten vom erwachsen gewordenen Musikunterricht in Helsinki profitieren. Die nächste international erfolgreiche Komponistengeneration Finnlands (Aho, Heiniö, Lindberg, Kaija Saariaho, Salonen, Tienssuu, Lotta Wennäkoski) schloss an die Grundausbildung Studienaufenthalte in Berlin, Darmstadt, Paris, Rom, Siena oder in den USA an. nicht mehr in Wien. Kalevi Aho, der mit seinen bislang 16 Symphonien „berechtigten Anspruch“ auf das Etikett „bedeutendster zeitgenössischer Symphoniker“ habe (Gramophone), war wie Lindberg und Salonen Schüler Rautavaaras. Für sie gibt es kein Zentrum der Musik mehr. Aho fand es in einem Interview mit der „Presse“ „irgendwie bewundernswert, wie provinziell und chauvinistisch Auffassungen in Paris, London oder Wien sein können. Die Kreise moderner Musik sind dort nicht größer oder weniger provinziell als in Finnland.“
Lost Landscapes? Für den finnischen Komponisten Herman Rechberger, der in Linz als Hermann Rechberger geboren wurde, liegen sie „da unten“ … Lost Landscapes, auch in der Mitte Europas.

Peter Kislinger
Dr. Peter Kislinger ist seit 1993 freier Mitarbeiter von Ö1 (Musikredaktion).