Repräsentation und Musik

4. November bis 23. Dezember 2016

Durch einer klugen Auswahl an Bildern und Noten, Briefen und anderen Dokumenten aus seinen reichen Beständen beleuchtet das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in seiner Herbstausstellung das längst historisch gewordene Phänomen der Repräsentationsmusik.

„Mit Trompeten und Pauken“ – mit dieser Redewendung, die so viel bedeutet wie großartig, pracht- oder eindrucksvoll, lässt sich das Ziel der diesjährigen Herbstausstellung im Musikverein vielleicht am besten in Worte fassen. Es geht um eine heute weitgehend vergessene Funktion der Musik: ihre Repräsentationsaufgaben primär in staatlichen Belangen, aber nach diesem Vorbild auch in anderen Bereichen.
„Sag mir, welche Musik du spielt, und ich sage dir, wer du bist.“ Auch dieser Satz kann in die Intention der Ausstellung einführen. Wenn Musik andere tief beeindruckt, dient dies dem Veranlasser der Musik; je mehr er mit Musik imponiert, umso besser ist es für ihn.

Multiplikator Musik

In vergangenen Zeiten war kein politisches oder dynastisches Ereignis ohne Musik denkbar. Im Protokoll und im Zeremoniell war Musik vorgesehen; sie verschönerte den Anlass und verherrlichte gleichzeitig das Ereignis. Es ging eine Botschaft von ihr aus, und sie wurde zum Multiplikator, weil durch sie noch viel mehr Menschen von dem Anlass erfuhren. Mit Händels „Feuerwerksmusik“ etwa wurde ein Friedensschluss öffentlich gefeiert. Die Musik, die mit Titel und Anlass im Druck erschien, trug die Freude über den Frieden und die Kenntnis des Ereignisses hinaus in die Welt und verewigte sie sogar.
Heute repräsentieren Staaten nicht mehr mit Musik, und weil diese Vorbildfunktion fehlt, nutzt auch niemand anderer mehr Musik als Repräsentationsmittel. Selbst Hymnen dienen nicht mehr der Repräsentation, sondern der Identifikation. Und der in der Regel von einer Militärmusik gespielte Marsch zum Abschreiten einer Ehrenkompanie oder zur sonstigen Einholung eines Gastes ist nicht einmal der letzte Rest der alten musikalischen Repräsentation, sondern schlicht funktionelle Musik.

Tradition und Repräsentation

Bereits in der frühen Renaissance kannte man sogenannte Staatsmotetten. Diese Tradition von eigens für staatliche Repräsentationszwecke komponierten Werken setzte sich mancherorts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fort. In Österreich bot den letzten Anlass dazu 1945 das Wiedererstehen Österreichs. Rückblickend zeigt sich allerdings, dass die Zeit der anlassbezogen komponierten Repräsentationsmusik damals bereits vorbei war. Seither ist dieses Thema weitgehend historisch – sieht man von Großbritannien ab, wo die Krönung oder auch die Regierungsjubiläen von Königin Elisabeth II. wie eh und je neue musikalische Werke entstehen ließen.
Freilich waren Monarchien stets feierfreudiger als republikanische Staatsformen, doch das Repräsentieren mit Musik war zu keiner Zeit ein monarchisches Spezifikum oder gar Privileg. Ruft man sich schlagwortartig die wichtigsten Anlässe in Erinnerung, für die Kompositionen entstanden, so waren dies Krönungen oder Regierungsantritte, Todesfälle, Erbhuldigungen oder sonstige Huldigungsfeiern, Friedensschlüsse, Jubiläen und weitere markante Jahrestage, Feste, Bankette, Bälle, Eröffnungen und Enthüllungen von staatlichen Bauwerken und im dynastischen Sinn Geburten, Taufen, Geburts- und Namenstage wie auch Hochzeiten.

Kunstwerke ersten Rangs

Für die Komponisten waren diese Werke keineswegs „Gelegenheitskompositionen“ (im negativen Sinne des Wortes), die mit der linken Hand erledigt wurden, sondern Kompositionen, die besondere Aufmerksamkeit fanden, mit denen sie ein besonders großes, oft auch wichtiges Publikum erreichten: Mit der Musik repräsentierte sich der Auftraggeber, mit ihr repräsentierte er den Staat und das zu feiernde Ereignis, mit der Musik konnte sich aber auch der Komponist präsentieren. Daher sind solche Repräsentationsmusiken Kunstwerke ersten Rangs. Dennoch ist viel davon zeit- wie anlassgebunden geblieben und nicht beständig geworden. Händels „Feuerwerksmusik“ und sein „Dettinger Te Dem“ sowie Mozarts „Krönungsmesse“, ganz abgesehen von vielen Kantaten Johann Sebastian Bachs, sind Beispiele für musikalische Meisterwerke, die erst repräsentierten und dem Zeremoniell entwuchsen, dann aber als zeitlose Kunstwerke Anerkennung fanden.
Repräsentationsmusiken beschäftigten jedoch nicht nur die beauftragten Komponisten beschäftigt, sondern auch die ausführenden Musiker. In diese politische wie musikalische Praxis war die gesamte Musikszene involviert. Auch das ist ein wichtiger Aspekt des Phänomens von Musik als Repräsentation.

Eine verschwundene musikalische Welt

Mit Bildmaterial aus den Beständen des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde lässt sich der Begriff Repräsentationsmusik in seiner vielfältigen politischen wie musikalischen Bedeutung trefflich vor Augen führen. Wir haben dazu so viel Bildmaterial ausgewählt wie selten zuvor. Wir können aber auch an viele musikalische Werke erinnern, die vergessen sind, bzw. den vergessenen politischen Zusammenhang von Werken des gepflegten Repertoires in Erinnerung rufen. Nicht zu vergessen: Viele Anlässe zum Repräsentieren sind verschwunden, die einst aktuell gewesenen Zusammenhänge zwischen Kompositions- und Repräsentationsanlass und dem dafür entstandenen Kunstwerk sind historische Zusammenhänge geworden. Erhellt werden solche historische Details in der Ausstellung wiederum durch Bildmaterial wie auch durch Briefe und andere Dokumente, in denen vielsagende Zitate stecken.
Die Ausstellung führt in eine vergangene musikalische Welt und regt zum Nachdenken an, was Musik vermag, wofür sie eingesetzt wird und welche speziellen Aufgaben ihr zukommen können.

Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv · Bibliothek · Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.