Vom Sinn des Singens

Erwin Ortner

„Rejoice, rejoice, rejoice …“ Mit Händels „Messiah“, dem letzten Gesellschaftskonzert im Goldenen Saal 2012, geht ein großes Jubiläumsjahr zu Ende. Die Gesellschaft der Musikfreunde feiert(e) ihren 200. Geburtstag. Etwas jünger ist der Chor, der an diesem 20. Dezember mit Erwin Ortner, seinem Gründer, auf der Bühne steht. Der Arnold Schoenberg Chor ist soeben vierzig geworden.

Vierzig Jahre – das ist doch kein Alter! So könnte man sagen und zur Bestätigung rasch einen Blick auf die Alterspyramide Wiener Musikinstitutionen werfen. Die Wiener Hofmusikkapelle, deren Leitung Erwin Ortner 2009 übernommen hat, zählt sagenhafte 514 Jahre und lässt selbst den Musikverein mit seinen 200 jung und grün aussehen. Der Wiener Singverein, Zweigverein der Gesellschaft der Musikfreunde, ist soeben 154 geworden. Gleich alt ist die Wiener Singakademie, ihrerseits ein Zweigverein der Konzerthausgesellschaft. Ein paar Tage hat sie dem Singverein voraus, weshalb sie, kühn ins Netzt gestellt, von sich behauptet, „der älteste Chor Wiens“ zu sein. Das – pardon – stimmt so nicht. Was ist zum Beispiel mit dem Wiener Männergesang-Verein, gegründet 1843? Oder mit diversen Kirchenchören der Musikhauptstadt? Zahlen über Zahlen, vor denen sich die 40 Jahre des Arnold Schoenberg Chors bescheiden ausnehmen. Diese 40 Jahre scheinen wenig. Und sind doch sehr viel. Die Rede ist von vier Jahrzehnten Welterfolg – der Erfolgsgeschichte eines freien Ensembles.

Ein Kokon, von Flügeln des Gesanges aufgesprengt

Die Freiheit ist ein Abenteuer, das der Schoenberg Chor von Beginn weg suchte. Ja, der Zug zur Freiheit wehte schon durch seine Vorgeschichte. Aus freiem Entschluss – so fing es an – sammelten sich sangesfreudige Wiener Gymnasiasten um einen begeisternden Mitschüler namens Erwin Ortner. In Wien III fanden sie ein Dach für ihre Ambitionen: Die Pfarre St. Othmar machte die Sängerschar zu ihrem Jugendchor. Es dauerte nicht lange, da wurde der Kokon zu eng für die Flügel des Gesanges. Ortner und die Seinen drängten über den Pfarrsprengel hinaus. Als Kammerchor St. Othmar suchten sie schon 1968 die internationale Konkurrenz und belegten, sensationell, den zweiten Platz beim Chorwettbewerb in Spittal an der Drau. Drei Jahre später war es – beim gleichen Wettbewerb – Rang 1! Noch ein Jahr verging, bis das Ensemble unter neuem Namen frei ins Leben trat. Erwin Ortner, nunmehr 25, präsentierte seinen Arnold Schoenberg Chor. Die Freiheit ist sein Signum geblieben. Der Schoenberg Chor wird nicht getragen von einer Institution, er ist nicht verankert im Gefüge eines großen Hauses, er gehört nicht als Zweigverein zu einem prosperierenden Unternehmen. Er singt aus freien Stücken – und ersingt sich, ohne Netz, den Resonanzraum, den er braucht: als freies Ensemble in Konzert und Oper.

Institution und Inspirationsinstanz

Der Arnold Schoenberg Chor, wird hier behauptet, sei nicht an eine Institution gebunden. Das stimmt. Und ist doch falsch. Denn was, bitte, wäre Erwin Ortner anderes als eine Institution? Wenn wir den Begriff für ihn gelten lassen (und das tun wir!), müssen wir ihn näher definieren. Die Institution, von der hier gesprochen wird, hat nichts Statisches an sich, ganz und gar nicht. Sie ist in Bewegung – und sie bewegt. Sie glüht, sprüht Funken und entzündet – sich und andere. Sie weckt auf und holt die Stimmen aus der Deckung – evokativ, provokativ. Und sie inspiriert. Das unbedingt. Die Institution Erwin Ortner – vielleicht wäre sie noch besser so zu beschreiben? Als Instanz der Inspiration … Eine Instanz, in jedem Fall. Denn, Hand aufs Herz, welcher Chorleiter von Rang hierzulande würde nicht Maß an Erwin Ortner nehmen? Bei vielen hat er ohnehin lehrend Maßstäbe gesetzt. Schönstes Beispiel: Johannes Prinz, seit zwei Jahrzehnten Chordirektor und Garant vokaler Spitzenleistungen des Wiener Singvereins. Was er bei Ortner gelernt hat – singend und studierend – ist bis heute nicht vergessen. So kann es schon passieren, dass bei einer Singvereinsprobe auch sein Name fällt. „Der Erwin“, zitiert von Johannes Prinz – Reverenz an eine Inspirationsinstanz von großer Strahlkraft.

Der Ensemblegeist der Szene

Sein Name steht auch sonst in nahezu allen Biografien der wichtigen Chorleiter Österreichs. Beispiele: Alois Glaßner (Salzburger Bachchor), Johannes Hiemetsberger (Chorus sine nomine), Michael Grohotolsky (Wiener Kammerchor) – sie wurden von Ortner nicht bloß inspiriert, sondern auch prämiert: ausgezeichnet mit dem Erwin-Ortner-Preis. Gestiftet hat ihn Ortner vor 25 Jahren, zu seinem Vierziger. So setzte er ein starkes Zeichen der Verbundenheit. Chormusik ist Ensemblekunst. Den Ensemblegeist aber fördert er über seinen eigenen Chor hinaus. Mag das Wort „Konkurrenz“ hie und da durch Sängerhirne huschen – wahre Chormenschen wie Ortner wissen: Monodie wäre Monotonie, erst die Mehrstimmigkeit macht das Kunstwerk möglich. Wiens starke Chorszene ist ein reiches Geflecht von Stimmen, die er vielfach selbst gefördert und geprägt hat.

Nicht wie die Alten sungen

Inspiration geben, Inspiration empfangen. Als sich Ortner aufmachte, seinen eigenen Chor zu gründen, fand er seine Inspirationsquelle im Norden Europas. Frisch, cool und kristallklar: Mit seinen Stockholmer Ensembles demonstrierte der Schwede Eric Ericson, wie Chormusik auch klingen konnte. Die LP-Box „Europäische Chormusik“, made in Sweden, wurde zur Kultaufnahme für den jungen Erwin Ortner: Maßstab und Richtschnur seiner eigenen Arbeit mit dem Arnold Schoenberg Chor. Um Nachahmung ging es dabei nicht. Sondern um den „Spirit“, den neuen Geist, für den auch Österreichs Musikleben bereit war. Ortner war der Mann, der ihn hereinholte in die Chorszene. Sein Verdienst und das des Arnold Schoenberg Chors ist groß und unbestritten. Man sang und singt anders in den Chören hierzulande, seit Ortner die Szene betrat. Der Geist, der damals nach Stimmen suchte, hatte einen Touch von ’68. Wie die Alten sungen, das klang den Jungen – bei allem Respekt vor Karl Richter oder Herbert von Karajan – zu pastos, zu selbstverliebt im Schwelgerischen, zu sehr nach musikalischem Establishment. Dass der junge Ortner noch in den 1970er Jahren mit Nikolaus Harnoncourt zusammentraf und eine Allianz fürs Leben daraus wurde, ist da kein Zufall. Hier trafen Geister zusammen, die nach Erneuerung strebten. Zwei, die eines Sinnes waren. Und eins im Suchen nach dem Sinn.

Versinnlichung von Sinn

Der Sinn trägt das Singen. Von ihm geht alles aus, von ihm bestimmt sich jedes musikalische Detail. Ortners Chorarbeit ist darin völlig konsequent. Stil ist nicht Manier, sondern Versinnlichung von Sinn. „Für welchen Text entscheidet sich der Komponist? Welchen Inhalt transportiert der Text? Und was gibt die Sprache her, was gibt sie vor im Hinblick auf die musikalischen Parameter?“ Das sind Schlüsselfragen für Ortners musikalische Arbeit – und mühelos gleitet das Gespräch darüber von der Sprache zur Musik, wenn Ortner Beispiele gibt. „Messiah“, for example, erster Chor: „And the glory, the glory of the Lord“ – wie viel von Händels musikalischer Struktur liegt da nicht schon im Fluss der Worte? In deutscher Übersetzung aber stellen sich sogleich Ecken und Kanten gegen das textgebundene Melos. „Und die Herr-lich-keit Got-tes des Herrn …“ Sinn und Sinnlichkeit: Sie sind nicht zu trennen, wenn Erwin Ortner singen lässt.

Fragen, die Freiheit schaffen

Wer ganz vom Sinn ausgeht, lässt sich nicht einengen von sinn-widrigen Überlegungen, und mögen sie historisch noch so gut abgestützt sein durch aufführungspraktische Dokumente. Für die Besetzung eines Werkes sind demnach nur entscheidend: Sinn, Textur, Struktur. „Man kann“, erläutert Ortner, „manche Schubert-Chöre mit 500 Leuten aufführen, weil es die Struktur erlaubt – selbst wenn man weiß, dass sie zu Schuberts Zeit nur von einer Handvoll Leuten gesungen wurden.“ Anders gesagt: Wer an der Historie kleben bleibt, bringt sich um Möglichkeiten. Wer vom Sinn ausgeht, erschließt sich Freiheiten. „Alle Parameter, die ich bei Brahms einsetze, die kann ich auch bei Bach einsetzen: Temposchwankungen, Accelarandi, Zäsuren, Einschnitte – und die ganze dynamische Palette.“ Wie weit ist das weg von der „romantischen“ Musizierpraxis von einst? Scheinbar nah – und doch entfernt, ganz wie man’s nimmt. Entscheidend ist der Weg, den einer musizierend gegangen ist und geht. Folgt er bloß Wegweisern – oder sucht er wissend seine eigene Bahn? Exekutiert er nur Vorschreibungen – oder ringt er um Expression, gegründet auf den Text? Klebt er am Buchstaben – oder fragt er nach dem Wort, dem Satz, der Botschaft?

Weiter auf dem Weg

Bach mit der Ausdruckspalette von Brahms, „Romantik“ encore …? Was prima vista ähnlich aussieht, ist doch prinzipiell etwas anderes. „Wir sind den Weg gegangen“, sagt Erwin Ortner. „Und das hat schon einen Sinn.“ Der Weg geht ohnehin weiter. Händels „Messiah“, musiziert im Jubiläumsjahr des Arnold Schoenberg Chors, wird anders klingen als der, mit dem Erwin Ortner das Publikum erst vor Jahresfrist beschenkte. „Eine Wiederholung“, sagt Ortner, „kann’s da nicht geben. Die Frage ist: Hat es mehr Tiefe? Mehr Erkenntnis? Es möge so sein!“

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.