Signalwirkung

Das Posthorn

Mozarts „Posthorn-Serenade“ KV 320 gibt das Signal, sich einmal dem Instrument mit der größten Signalwirkung zuzuwenden. Ein Essay von Verena Großkreutz – und ab geht die Post.

Es gibt noch heute Berufsgruppen, in denen auch Nichtmusiker aus dienstlichen Gründen ein Instrument spielen müssen. Etwa der Fußballschiedsrichter. Ja, die Trillerpfeife gilt als Musikinstrument: eines zur Erzeugung akustischer Signale und Rhythmen, wie es auch in der Sambamusik zum Einsatz kommt. Ursprünglich erfand sie ein gewisser Joseph Hudson 1885 für die Londoner Polizei. Die erbsengroße Kugel, die im Pfeifeninnern herumwirbelte, schrillte den Flötenton auf so beachtliche Weise ein, dass sich die Bobbys nun Gehör selbst gegen den Lärm der übers Kopfsteinpflaster bretternden Fuhrwerke und Kutschen verschaffen konnten. Wegen ihrer ohrenbetäubenden Wirkung fand die Trillerpfeife dann bald den Weg in die Fußballstadien – zwecks Lösung verknoteter und tumultuöser Spielzustände. Hätten die Postkutscher des 18. Jahrhunderts die Trillerpfeife schon gekannt, hätten sie vielleicht deren akustische Durchsetzungskraft genutzt, um die Ankunft der Post zu melden, Passagiere aufzurufen oder sich auf stark befahrenen Wegen Vorfahrt zu erbeten. Denn die Miniflöte passt in jede Hosentasche und ist leicht zu bedienen. Stattdessen griffen sie zum wesentlich schwieriger zu spielenden Horn, wie es schon ihre Vorfahren getan hatten, wenn es darum ging, über weite Distanzen miteinander zu kommunizieren. Nicht nur Nachtwächter, Soldaten, Alpenbewohner oder die Jäger im Wald.

Höchstens ein Dreiklang

Das Posthorn gab es in verschiedenen Varianten, auch in Trompetenform, doch meistens entsprach es der einfachen, ventillosen Urform der heutigen Metall-Hörner: Die dünne Röhre ist kreisrund gebogen, einmal oder mehrfach gewunden, daran stecken ein trichterförmiges Mundstück und ein Schallbecher. Das Posthorn ist ein Naturhorn, auf dem man wegen der Kürze der Röhre nur ein paar Töne der Naturreihe blasen kann. Die Tonhöhen werden ausschließlich durch Lippenspannung und Atemdruck verändert. Die hornblasenden Postkutscher, genannt Postillone, hatten oft höchstens einen Dreiklang zur Verfügung, um ihre Signale zu artikulieren. Es gab zwar auch Versuche, die Naturtonreihe zu erweitern, etwa durch ein kleines Loch in der Windung, das mit einem Finger geöffnet und geschlossen werden konnte. Aber mit dem Posthornklang verbindet man auch heute noch die typische fanfarenartige Dreiklangsmelodik, wie sie sich etwa in der Warnhupe der Schweizer Postbusse erhalten hat. Mit der Einführung des Telegrafen Mitte des 19. Jahrhunderts verlor das Posthorn an Bedeutung. Überlebt hat es einerseits als Motiv in den Firmenlogos diverser europäischer Postunternehmen und in Hobby-Posthorn-Bläsergruppen. Andererseits aber in zahlreichen Kompositionen, literarischen und bildkünstlerischen Werken.

Die Business Class der Mozart-Zeit

Mit Horn und in Uniform waren in Europa ab dem 16. Jahrhundert zunächst einzelne Postreiter unterwegs, um Liebesbriefe oder politisch bedeutsame Dokumente zu überbringen. Die Postbeförderung wurde im 17. Jahrhundert dann mehr und mehr Sache der Postkutschen. Langsam bildete sich ein Netz an Verkehrswegen und Poststationen aus, auf deren Kurs Briefe, Pakete und zahlende Fahrgäste transportiert wurden. Postkutschen wurden – bis zum Ausbau der Eisenbahnnetze ab 1850 – zum wichtigsten Überland-Verkehrsmittel. Wegen fehlender Federung, harter Holzbänke und holpriger Straßen müssen längere Reisen allerdings eine Tortur gewesen sein, weswegen Leidtragende den postalischen Pferdefuhrwerken bald Kosenamen wie „Marterkasten“ oder „Knochenknacker“ verpassten. Auch der viel reisende Mozart, der zu diesem Zeitpunkt bereits ein Drittel seines Lebens in Kutschen jedweder Art verbracht hatte, konnte ein Lied davon singen: 1781 schrieb er, er würde „lieber zu Fuß gehen, als in einem Postwagen zu fahren“, weil er „einem doch die Seele herausstößt“. Er bevorzugte deshalb, wenn es der Geldbeutel zuließ, die Extrapost, eine Art Erste-Klasse-Kutsche.

Verwirrende Botschaften

Das Taritara der Postillone war Mozart wie allen anderen Menschen zu dieser Zeit also ein Alltagsgeräusch. Angenehmer vielleicht als das heutige Autohupen oder das Tatütata des Martinshorns, aber genauso zweckgebunden, auch wenn es mehr musikalische Substanz besaß. Denn ein Dreiklang lässt sich rhythmisch und durch Tonwiederholungen gut variieren, und die Liste dienstlich vorgeschriebener unterschiedlicher Signalmelodien wurde immer länger: Die Posthörner verkündeten die Ankunft der Kutsche und die Abfahrt, welche Art Post gerade ankam, wie viele Pferde gewechselt werden mussten, wie viele Wagen bereitgestellt wurden, sie baten um Öffnung der Stadttore und vieles mehr. Dabei durfte es nicht allzu selten zu Missverständnissen gekommen sein, denn einheitlich waren die Signale der unterschiedlichen Postlinien nicht. Die Europäische Norm war noch ein Fremdwort, und wegen ihres begrenzten Tonumfangs klangen die musikalischen Meldezeichen recht ähnlich. Zwecks Verhinderung unnötiger Verwirrung ist es also kein Wunder, dass etwa in Preußen Reisenden, die das Posthorn unbefugt bliesen, ein Bußgeld drohte, dass einem Postillon, der seine Signale nicht auswendig wusste, die Entlassung drohte, und dass Virtuosen auf ihrem Instrument mit Auszeichnungen belohnt wurden.

Huptöne der Inspiration

Die Symbolkraft des Posthorns und seiner allseits wohlbekannten Melodik war immens, wenn es sich um Themen wie Reisen, Abschied und Wiedersehen handelte. In vielen Kompositionen des Spätbarock, der Klassik und der Romantik wird die eigentlich recht primitive Posthornmelodik deshalb in diesem Kontext zitiert: in Johann Sebastian Bachs „Capriccio auf die Abreise des geliebten Bruders“ etwa, in dem immer wieder ein Posthornmotiv erklingt und sogar in einer Fuge thematisch verarbeitet wird. Oder in Händels Oratorium „Belshazzar“, in dem der Komponist zur Untermalung der Ankunft der Weisen einen Allegro-Satz namens „Postillons“ von Telemann verbrät. Oder in Schuberts „Winterreise“. In diversen Liedtexten ist das Posthorn Thema, nicht nur im berühmten „Hoch auf dem gelben Wagen“. Und natürlich gibt es einige Werke, in denen das Posthorn in realitas erklingt: etwa in Gustav Mahlers Dritter Symphonie. Aber auch Mozart ließ sich nicht von seinen schmerzhaften Reiseerfahrungen abschrecken und setzte das tönende Berufsutensil ganz prominent in einem symphonisch hoch ambitionierten Werk ein: in seiner Posthorn-Serenade, die er 1779 noch in Salzburg als „Finalmusik“ für den Semesterabschluss der Philosophischen Fakultät der dortigen Universität komponierte.

Signalisierte Abschiedslust

Mozart hatte gerade eine sechzehnmonatige erfolglose Bewerbungsreise nach München, Paris und Mannheim hinter sich. Er wollte weg von Salzburg, sich befreien von denen, die Macht über ihn hatten, von seinem Über-Vater und seinem verhassten Dienstherrn, dem Erzbischof Colloredo – was ihm 1781 durch seinen Absprung nach Wien dann auch gelingen sollte. Mozart experimentiert in seiner Posthorn-Serenade mit ungewöhnlichen Instrumentenkombinationen, fast jeder der sieben Sätze ist anders instrumentiert. Im sechsten erweiterte er die übliche dreiteilige Form des Menuetts um ein zweites Trio und wählte für beide Trios verschiedene Protagonisten: Im ersten erklingt ein „Flautino“, womit wohl eine hohe Flöte gemeint ist, im zweiten überraschenderweise ein Posthorn, das hier fröhlich durch die Töne eines A-Dur-Dreiklangs springt. Der Mozart-Biograph Alfred Einstein hat dafür eine Erklärung. Das Posthorn, meint er, signalisiere Mozarts „Sehnsucht, von Salzburg fortzukommen“. Keinesfalls eine abwegige Deutung. Der Symbolkraft des lustig schmetternden Posthorns kommt sie jedenfalls entgegen.

Verena Großkreutz
Verena Großkreutz ist Musikwissenschaftlerin und Musikpublizistin in Stuttgart.