Musik als „Seelen-Bad“

Gustav Klimt

2012 begeht die Musikwelt ein besonderes Jubiläum: 200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Als diese ein halbes Jahrhundert ihres Bestehens feiert – wir schreiben das Jahr 1862 – erblickt, ebenfalls in Wien, Gustav Klimt das Licht der Welt. Zum 150. Geburtstag des Maler- Genies: eine Palette musikalischer Betrachtungen.

Gustav Klimt ist ein Meister der Töne: der Farbtöne. Er komponiert seine Bilder, übersetzt seine Sujets in eine neue Formensprache, überschreitet Grenzen: solche der Konvention. Für manche seiner Kritiker auch solche des Geschmacks. Doch bleibt er, seiner genialpsychologischen Abstraktionsgabe zum Trotz, gegenständlich. In der Sprache der Musik würden wir sagen: tonal. Erweitert tonal.

Schubert singend, Schubert malend

Klimt liebt die Musik. So sehr, dass er gegenüber Mizzi Zimmermann, einer seiner engen Freundinnen und Mutter zweier gemeinsamer Söhne, bemerkt: „Geradezu hätte ich mich auch im Singen und in der Musik ausbilden lassen können.“ Das Lied hat es seinem Wiener Herzen angetan, und wenn er selbst die wohltönende Stimme erhebt – dann erklingen zumeist Schubert-Lieder. Klimt verehrt den Wiener Biedermeier-Komponisten. Vielleicht fühlt er instinktiv eine Seelenverwandtschaft – auch Schuberts Vorfahren kamen aus dem Böhmischen nach Wien. Auch Schuberts Talent erblühte auf dem Fundament karger, ärmlich-einfacher Familienverhältnisse. Just über Musik spricht Klimt, der im Allgemeinen kein Freund großer Worte ist, mit seiner Mizzi gerne. Für eines seiner Musik-Bilder malt er sie auch … 1893 erhält Klimt von seinem Mäzen, dem Industriellen Nikolaus Dumba – er spielt auch in der Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde eine wichtige Rolle –, den Auftrag für zwei Supraportenbilder: Als Raumkünstler integriert Klimt die Bilder „Musik II“ und „Schubert am Klavier“ in die Wand-Ausstattung von Dumbas Ringsstraßensalon. Und: Er „integriert“ seine geliebte Mizzi – sie ist eines der lauschenden Mädchen rund um Schubert.

„3 Weiber“ in der Königsloge

Das Bild „Schubert am Klavier“ wird schon zu Klimts Lebzeiten so populär wie sein „Kuss“. Hermann Bahr schwärmt: „… Ich habe neulich gesagt, dass der Schubert von Klimt …das schönste Bild ist, das jemals ein Österreicher gemalt hat …Diese Stille, diese Milde, dieser ganze Glanz auf einer bürgerlichen Bescheidenheit – das ist unser österreichisches Wesen.“ Anders als der weltberühmte „Kuss“ ist „Schubert am Klavier“ nicht mehr erhalten. Das Werk fällt, wie zahlreiche andere Klimt-Werke, 1945 einem Brand in Schloss Immendorf zum Opfer. Nur Reproduktionen lassen uns den Charme dieser Bildkomposition erahnen. Gustav Klimt singt nicht nur gerne, er ist auch regelmäßiger Konzert- und Opernbesucher. Aus dem Jahr 1899 ist eine Einladung überliefert – diesmal an die andere enge Freundin: Emilie Flöge. „Liebe Emilie! Habe für Mittwoch die Königsloge (III. Rang) im Operntheater genommen und lade Euch 3 Weiber für diesen Abend ergebenst ein …“ Klimts persönlicher Freund, Hofopern-Direktor Gustav Mahler, ermöglicht es dem Künstler, regelmäßiger Gast im Haus am Ring zu sein.

Inkognito im Musikverein

In Musik ausgedrückte Emotionen erfahren, das kann man nicht nur auf der Hofopernbühne, sondern auch in den Konzertprogrammen des neuen Musentempels namens Musikverein, den die Gesellschaft der Musikfreunde am Karlsplatz 1870 eröffnet hat. Klimt wird, ebenfalls dank Gustav Mahler, zum regelmäßigen Besucher der hier stattfindenden Sonntagsveranstaltungen. Im Goldenen Saal hört er philharmonische Konzerte. Just der Maler des dekorativen Goldes will das viele Dekorgold im Konzertsaal um ihn und an der Decke über ihm gar nicht sehen. Gustav Mahler wird ihm daher zu einem versteckten Sitzplatz „inkognito“ verhelfen, zu einem Platz, auf dem Klimt nicht gesehen werden kann – von dem aus aber auch er selbst nichts sehen kann. So wünscht er sich’s: Ganz in sich versunken, mit geschlossenen Augen, lauscht er der Musik, die er empfindet wie ein „Seelen-Bad, das er jede Woche haben muss“. Einzig und allein sein Hörsinn ist während der Konzerte aktiviert. Muss die Weihestunde in den heiligen Hallen der Klangwelten Schuberts, Beethovens, Brahms’ und Mahlers einmal aus Termingründen ausfallen, so leidet der Maler die ganze Woche an „Entzugserscheinungen“.

Eine Kirche der Kunst

Fin de Siècle, 1902. Ein mehrteiliger Bilderzyklus des 40-jährigen Klimt, geschaffen für die 14. Ausstellung der Vereinigung Bildender Künstler der Secession, wird aufgestellt … Er gilt einem Komponisten, der um die Jahrhundertwende geradezu kultisch verehrt wird: Ludwig van Beethoven. Im Zentrum des Saales thront Max Klingers Beethoven-Skulptur. Alles ist auf Symbolik, auf sinnliche Wahrnehmung ausgelegt: Alfred Rollers Mosaik „Die sinkende Nacht“ schmückt die Wand hinter der Beethoven-Statue, auf der Wand davor kann man Adolf Böhms „Der werdende Tag“ bewundern. Man sucht eine Harmonie zwischen der tönenden Welt Beethovens und der bildenden Kunst. Hat nicht der Komponist in seiner Neunten Symphonie das musikalische Identifikationsbild dessen geschaffen, was auch den Sezessionisten vorschwebt, wenn sie von einer Erlösung des Menschen durch die Kunst träumen? Doch Klimts Großbeitrag, der sogenannte Beethoven-Fries, erntet nicht nur Bewunderung. Denn der „Tempel“ für Beethoven, diese „Kirche der Kunst“, erstrahlt höchst expressiv und eigenwillig in Klimt’schem Gold. Auf monumentalen 34 mal zwei Metern arbeitet der Künstler ersmals mit großflächigen Vergoldungen, verwendet Silberfarbe und extravagante Accessoires wie Spiegelstücke, ja sogar Tapezierernägel und Knöpfe.

Posaunenchöre und der Chor der Neider

Doch wo Gold ist, scharen sich stets auch die Neider. In einer Zeitung wird man lesen: „Aber hier hört der Spaß auf, und ein brennender Zorn erfasst jeden Menschen, der noch einen Rest von Anstandsgefühl hat. Was soll man zu dieser gemalten Pornographie sagen? … Für ein unterirdisches Lokal, in dem heidnische Orgien gefeiert werden, mögen diese Malereien passen ….“ Immerhin zieht das Opus magnetisch mehr als 58.000 Besucher an. Kunstkritiker Hevesi erzählt: „Ich treffe auf dem Opernring einen Kunstfreund. Er kommt natürlich aus der Secession, wo er alle Hebel angewendet hat, um einen Blick ins Allerheiligste werfen zu dürfen. Vergebens. Das ist luftdicht, hermetisch …“ Schließlich gelingt es diesem doch, eingelassen zu werden. Er hört „mächtige Posaunenklänge, die den neuerbauten Beethoventempel Josef Hoffmanns erfüllten. Auf der Empore des linken Seitenschiffes stand gerade Direktor Mahler mit seinen Blechleuten und probierte mit Macht ein Motiv aus der Neunten, das er für Posaunen arrangiert hatte …“ Dass höchste Kunst-Ansprüche und Kompromisslosigkeit zu Konflikten führen, das muss in diesem Fall auch Gustav Mahler erfahren: Just an dem geplanten Sezessionskonzert entzündet sich ein weiterer Konflikt des Operndirektors mit den Wiener Philharmonikern. Doch auch Mahler gibt – ganz ähnlich seinem Kollegen Klimt – nicht nach, wenn es um seine Kunst-Ideale geht. Das geplante Eröffnungskonzert platzt – die Kunstwerke „überleben“ die Eröffnungsstunde ohne Mahler-Konzert … Solcherart ausgetragene Eklats haben weder Gustav Mahler noch seinem Namensvetter Klimt geschadet.

Michaela Schlögl
Dr. Michaela Schlögl, Kulturpublizistin in Wien, schrieb das Musikvereins-Jubiläumsbuch „200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“ und veröffentlichte vor kurzem das Buch „Klimt mit allen fünf Sinnen“.