Feuertaufe

Yannick Nézet-Séguin

Bei den Salzburger Festspielen 2008 konnte der junge Kanadier Yannick Nézet-Séguin seinen internationalen Durchbruch feiern; nun kommt er schon als Nachfolger von Valery Gergiev mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra in den Musikverein: Einblicke ins junge Leben eines begeisterten und begeisternden Musikers.

„Wie heißt der? Nie gehört.“ Mit einem Schulterzucken reagierten die allermeisten europäischen Musikfreunde auf den Namen jenes Dirigenten, der engagiert worden war, um 2008 bei den Salzburger Festspielen Charles Gounods „Roméo et Juliette“ zu leiten. Schließlich schien es damals in Fach- und Regenbogenpresse viel spannender, darüber zu spekulieren, wie der trotz oder gerade auch wegen seiner Krisen so beliebte Tenor Rolando Villazón als Roméo bei Stimme sein würde und ob die aus Tiflis stammende Nino Machaidze als Juliette dem Erfolgsdruck standhalten könnte, dem sie als Einspringerin für die wegen ihrer Schwangerschaft ausgefallene Anna Netrebko ausgesetzt war. Die für alle Beteiligten dann höchst erfolgreich verlaufende Premiere aber wartete mit einer echten Überraschung auf: Denn das ganze Glamour- und PR-Gebläse in Orkanstärke konnte die Qualität der musikalischen Einstudierung und Umsetzung nicht hinwegfegen – ein Umstand, der ganz wesentlich an jenem erst 33-jährigen Kanadier am Pult lag, der dadurch auch mit einem Mal ins Zentrum des Interesses rückte.

Der Dirigent als bester Sänger

Für mich war es damals packend, wie „der junge, ebenso feurige wie auch erfolgreich anfeuernde Dirigent Yannick Nézet-Séguin“, so schrieb ich dann in meinem Premierenbericht, „den guten Staatsopernchor und vor allem das wahrlich auf der Sesselkante spielende Mozarteum-Orchester Salzburg zu Bestleistungen anspornte: Von effektvollen Tutti-Ballungen und dramatisch schneidenden Posaunenstößen bis hin zu anmutigen, mit innigem Rubato geformten Geigenkantilenen, deren Süße dennoch nie klebrig geriet, fächerte er Gounods oft unterschätzte Partitur zu einer enorm breiten Palette an Farben und Stimmungen auf – ein Genuss.“ Kritiker-Kolleginnen und -Kollegen aus aller Welt stießen ins selbe Horn: Der Dirigent habe sich „sympathisch aufgekratzt“ ins Stück geworfen, hieß es anderswo, von einem „Animator“ war die Rede, der „den Riesenladen nicht nur souverän zusammenhält, sondern ihn temperamentvoll, mit viel Sinn für großbogige Zusammenhänge, federnde Rhythmen und geschmeidige Übergänge“ befeuere; ein „idealer Partner am Pult“, der „die Spannung stets aufrecht“ halte und mit der Dringlichkeit von Leben und Tod dirigiere – und einmal hieß es überhaupt lapidar: „Der beste Sänger ist der Dirigent.“ Eine mit Bravour bestandene Feuertaufe also für Yannick Nézet-Séguin: Es war seine erste Opernproduktion außerhalb Kanadas …

Knirps mit Taktstock

Vielleicht war dem Sohn von Claudine Nézet und Serge Séguin, einem Universitätslehrerpaar, der Dirigentenberuf 1975 nicht schon an der Wiege im heimatlichen Montréal gesungen worden. Doch zeigte bereits der Zweijährige großes Interesse am Klavierspiel der beiden älteren Schwestern, musste aber noch warten, bis er fünf war, um endlich selbst Stundennehmen zu dürfen – und verblüffte dabei bald durch seine schnelle Auffassungsgabe und große Merkfähigkeit. Mit neun Jahren wurde er Sängerknabe bei den Petits chanteurs de la cathédrale von Montréal – und brachte seine Eltern binnen Kurzem dazu, selbst dem dortigen Choeur polyphonique beizutreten: vielleicht schon das erste Beispiel für seine wachsende musikalische Überzeugungskraft. Fasziniert vom eigenen Chorleiter und dem Erlebnis von Charles Dutoit, damals eine Institution am Pult des Orchestre Symphonique de Montréal, erklärte der Zehnjährige dann apodiktisch, er wolle Dirigent werden – insofern eine veritable Berufung, als dem Buben zunächst natürlich alles Wissen fehlte, was der Beruf erforderte. Es soll allerdings ein Video auf Youtube herumgeistern, das den kleinen Yannick zeigt, wie er vor Schulkameraden zu einer Aufnahme von Ravels „Boléro“ den Takt schlägt – und dabei in Mimik und Gestik durchaus schon den erwachsenen Dirigenten erahnen lässt.

So viele Fragen

Der weitere Weg erscheint aus heutiger Sicht in seiner Zielstrebigkeit völlig logisch und natürlich. Mit zwölf kam Yannick aufs Konservatorium, um Klavier und Dirigieren zu studieren, beschäftigte sich als Pianist aber auch viel mit Kammermusik. „Ein Dirigent muss wissen, wie die einzelnen Instrumente funktionieren. Ich mochte das Konservatorium, weil ich mein eigenes Tempo bestimmen konnte.“ Und das war immer schon hoch: Mit 14 begann er, Proben des Choeur polyphonique zu leiten, fünf Jahre später wurde er Chef dieses Chores. Zu lernen hatte er dennoch noch viel, wie er fühlte. „Ich hatte Fragen über das Dirigieren, die sich nicht aus Büchern beantworten ließen“, erinnert er sich. „Zum Beispiel: Wie hält man eine Probe? Beginnt man mit Reden oder mit Musik? Wie teilt man seine Zeit ein? Wie stellt man sich auf einen Weltklasse-Klangkörper ein, wie auf ein Jugendorchester?“ Im Sommer 1996 hatte Nézet-Séguin die Möglichkeit, in der Schweiz die Maestri Yuri Temirkanov, Antonio Pappano und Kent Nagano bei ihrer Arbeit mit dem World Youth Orchestra zu beobachten – um nicht zuletzt die Erfahrung zu machen, dass Musiker und Dirigenten völlig unterschiedliche Ansichten über Proben hatten … Im Jahr darauf folgte seine erste Opernproduktion am Opernhaus von Montréal.

Carlo Maria Giulini

Eines war für Yannick Nézet-Séguin jedoch klar, seit er mit 13 begonnen hatte, Platten zu sammeln: seine Verehrung für den großen Carlo Maria Giulini. „Ich war bewegt von allem, was er machte.“ Den Anfang machte damals das im Wiener Musikverein mitgeschnittene „Deutsche Requiem“ von Brahms. „Ich war bis ans Herz angerührt von dieser Aufnahme: von der tiefen Einsicht, die sich vermittelte, der Schönheit und Spiritualität.“ Dabei könnte man sich kaum unterschiedlichere musikalische Temperamente vorstellen als den priesterlich ernsten italienischen Grandseigneur und Humanisten mit seiner demütig-spirituellen Haltung dem Kunstwerk gegenüber und aus der Ruhe geborenen, sehrenden Intensität – und den jungen, vor impulsiver Mitteilungslust und -kraft nur so sprühenden Heißsporn aus Kanada. „Ich schrieb ihm über meine Situation und was er mir bedeutete.“ Und so ging tatsächlich ein weiterer Traum für Nézet-Séguin in Erfüllung: In der Saison 1997/98, Giulinis letztem aktivem Jahr, konnte er sein Idol sowohl bei Proben und Aufführungen beobachten, als auch mehrfach privat treffen. „Er hat mich gelehrt, meiner eigenen Arbeit, dem Orchester, der Partitur und dem Komponisten mit Respekt zu begegnen. Es war außerordentlich, die Intensität seines Körpers, seiner Augen und seiner Hände zu erleben.“ Eine prägende Erfahrung für den jungen Mann – weit über musikalisch-technische Aspekte hinaus, wie etwa die Festlegung derStricharten durch den Dirigenten: Giulini kam ja stets mit von ihm eingerichtetem Notenmaterial zu den Proben. „Er wird für mich immer jemand ganz Besonderes bleiben. Er sagte immer, dass Dirigenten Reisegepäck wären. Das ist ihre Funktion: Die Komponisten sind darauf angewiesen, dass ihre Meisterwerke zu den Menschen transportiert werden, und das machen wir. Man darf sich selbst dabei nicht zu wichtig nehmen.“ Dazu zählt eine weitere Regel, die der Mentor seinem Lehrling ans Herz legte, der am Pult stets seinen ganzen Körper einsetzt: „Denke beim Dirigieren niemals an deine Gestik.“

Leitstern Mozart

Von Giulini her rührt wohl auch die Affinität zum Schaffen Anton Bruckners, die Nézet-Séguin teilt und auch auf CD schon zu dokumentieren begonnen hat. Apropos CDs: Zuletzt hat er, nach Veröffentlichungen auf verschiedenen Labels, einen weiteren Plattenvertrag geschlossen, der Aufnahmen der sieben großen Mozart-Opern umfasst, also von „Idomeneo“ über die „Entführung aus dem Serail“ und die Da-Ponte-Opern bis hin zu „Zauberflöte“ und „La clemenza di Tito“: „Così fan tutte“ ist bereits im Kasten, „Don Giovanni“ gar kürzlich erschienen – als Livemitschnitt konzertanter Aufführungen in Baden-Baden und in illustrer Besetzung mit Ildebrando D’Arcangelo in der Titelpartie, Luca Pisaroni, Diana Damrau, Joyce DiDonato, Mojca Erdmann und mit dem einstigen Roméo von Nézet-Séguins Durchbruch in Salzburg, Rolando Villazón, der überhaupt eine Besetzungskonstante dieses Mozart-Zyklus darstellen soll. Einst stand Carlo Maria Giulini bei einer klassischen, von vielen Plattensammlern bis heute als maßstabsetzend erachteten Einspielung am Pult – so lässt sich auch diese Neuaufnahme als eine Art von Reverenz an das verehrte Vorbild verstehen.

Mahler, aus einem früheren Leben

Yannick Nézet-Séguin: Der vor wenigen Jahren noch weithin unbekannte Name hat längst einen angenehmen Klang von Wiedererkennungswert bekommen – zwischen der Met und Covent Garden, den Wiener und Berliner Philharmonikern, der Staatskapelle Dresden, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, um nur einige wenige zu nennen. Mittlerweile ist Nézet-Séguin Erster Gastdirigent bei London Philharmonic und leitet seit wenigen Wochen auch das Philadelphia Orchestra – als Nachfolger von Charles Dutoit. Besonders gut stimmt die Chemie freilich auch zwischen dem jungen Dirigenten und Rotterdams Philharmonisch Orkest, wie der traditionsreiche Klangkörper auf Niederländisch heißt und als dessen Chefdirigent Nézet-Séguin 2008 Valery Gergiev beerbt hat. Beim Gastspiel der Rotterdamer im Wiener Musikverein steht neben der Zweiten Symphonie von Beethoven auch Mahlers Vierte auf dem Programm – auch dies ein Komponist, zu dem Nézet- Séguin eine spezielle Beziehung hat. Die erste Mahler-Symphonie, die er dirigiert hat, war die Neunte – auch das sozusagen ein Giulini-Stück. „Ich muss 26 gewesen sein – und mir schien die Musik so seltsam vertraut. Als ich von der Bühne ging, sagte ich zu meinen Eltern und engen Freunden: ‚Eigenartig, es kommt mir vor, als hätte ich das schon früher dirigiert.‘ Er ist der einzige Komponist, bei dem ich je dieses Gefühl hatte.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, Verlagsmitarbeiter (Doblinger), freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.