Die Überrätselgroße

Andrea Eckert

In der Wiener Theaterszene steht Andrea Eckert völlig konkurrenzlos da. Ein literarischmusikalisches Programm zu Charles Dickens’ „A Christmas Carol“ führt die Wiener Ausnahmeschauspielerin kurz vor Weihnachten in den Musikverein.

Unter ihren Schritten verläuft eine unsichtbare Schnur, das Hochseil der Artistin. Die Figuren und Rollen der Wiener Ausnahmeschauspielerin Andrea Eckert wirken denn auch wie herausgelöst aus ihrer jeweiligen Umgebung. Eckert-Figuren ähneln am ehesten kostbaren Präparaten: In ihrem Inneren glost das unter unendlicher Mühsal gezähmte Feuer einer nicht zu befriedigenden Sehnsucht. Eckert-Figuren eignet darum immer etwas Brandgefährliches, Zumutungsreiches. Man fürchtet sie wie Infektionsherde. Man studiert mit großer Befriedigung die Anmut dieser Person und konstatiert zugleich betroffen, wie die Beunruhigung anwächst.

Wandlunsfähig, wirkungssicher

Eckert kann die Salonschlange geben, das Monster, das Biest: Niemals wird sie die Antriebe ihres oftmals rätselhaften Tun und Lassens – als Penthesilea, als Callas, als Lotte-Kotte – zur Gänze preisgeben. Eckert, wiewohl eine der wirkungssichersten Schauspielerinnen ihrer Generation, spielt niemals für den Rang, die Claque, den verschworenen Haufen blindlings ergebener Fans auf der Galerie. Eher würde sie sich – auf dem Hochseil keine Kleinigkeit! – einen Fuß abhacken. Ebenso souverän, rätselhaft und enigmatisch gibt die Eckert die Duldungsreiche, um deren Mundwinkel ein Zucken aufscheinen, ein Lächeln unvermutet aufblitzen kann.

Ethos und Vorzug

Andrea Eckert, der man bei Wahrung größter Courtoisie eine gewisse Reife nicht absprechen wird, kann bei Bedarf die Albernheit des unverantwortlichen Mädchens hervorkramen: den verliebten Backfisch geben, die bis zur Tollheit aufgekratzte Femme fatale. Sie setzt dann hinter jeden ihrer geschickt kalkulierten Gefühlsüberschwänge zwei Meter hohe Rufzeichen. Ich kriege Euch alle, rauscht es aus ihrem Spiel heraus. Doch in der nächsten Halbsekunde kann diese Rätselhafte bereits zu Gericht sitzen oder knien: sich das achtlos vergossene Tragödienblut von den Fingern lecken, das Fleisch des mit eigenen Krallen zerrissenen Geliebten behaglich grunzend verzehren und alle Racheschauer dieser Welt auf sich herabflehen. Als Penthesilea – vielleicht eine der „wahren“ Rollen dieser völlig unglaublichen Aktrice. Weshalb es auch besonders schmerzt, dass es in der Bühnenkarriere der Andrea Eckert von verpassten Chancen einigermaßen wimmelt. Obwohl auch das wiederum nicht stimmt: Eckert, die Schülerin der Dorothea Neff und Eva Zilcher, ist nicht nur die Überrätselgroße, sondern die Selbstbestimmte. Aus der Abgeschlossenheit gegen alle Zumutungen und Halbheiten erwächst das ihr eigene Ethos. Eckert versteht es, Nein zu sagen. Allein dieser Vorzug lässt sie in Wien völlig konkurrenzlos dastehen.

Kometenhaftes Glühen

Die Schauspielstationen der Wiener Burg, des Linzer Landestheaters hakt man ab: Archivkram, Anekdotenmaterial. Notwendiges Rüstzeug für die Erstürmung jener Gipfel, in deren Gefilden es bloß sauerstoffarme Luft zu atmen gibt. Allmählich verbindet man ihre wichtigsten Leistungen mit dem Wiener Volkstheater am Weghuberpark. Unter der Ägide der eigenwilligen Emmy Werner zieht die Eckert durch das muffige Haus Bahnen wie ein rotglühender Komet. Oft kommt der Komet auch nicht. Dann hat Eckert eine Rolle zurückgelegt. Regisseure lässt sie sich nicht einfach vor die Nase setzen. Die Fortbewegungsweisen einer Rätselhaften sind unklar. Welcher Agenda ist eine derart skrupulöse Schauspielerin in Wahrheit verpflichtet? Dem Faltkalender, dem Monatsspielplan? Dem unklaren Wähnen eines Schmal- oder Schwachkopfes, der meint, Regie führen zu müssen?

Monument der Undurchdringlichkeit

Die „Callas“ wird 1996 zum alles überstrahlenden Erfolg. Eckert spielt die „primadonna assoluta“ nicht nur, sie ist die Callas. Ein schmales, geschmeidiges Kunstwesen, das von einer altägyptischen Bildtafel heruntergestiegen scheint. Ein Monument der Undurchdringlichkeit. Eckert singt keinen einzigen Ton. Aber in der starren Maske der Selbstbeherrschung sind die Töne des Abschiednehmens förmlich aufgehoben – in dem berühmten mehrfachen Sinn. In die Faszination mengt sich rasch ein ahndungsvolles Unbehagen: Die Kunst kostet das Leben. Sie erspart aber demjenigen, der einzig ihrer Weihe lebt, nicht die Mühsal des Fortlebens. Das Gespenst der Ewigkeit spukt durch Eckerts Spiel, und dessen Botschaft ist eine der Heillosigkeit. Wer sich selbst zum Ruhm verdammt hat, verspürt eine schleichende Auszehrung der Knochen, der Wünsche, der Antriebskräfte.

Kopfüber hinein

Eckert bekannte gegenüber dem Autor dieser Zeilen einmal, sich „manchmal schwer zu tun. Ich arbeite ja über Identifikation, das ist meist mühsam und heute auch gar nicht mehr angesagt.“ Ihre Rollenerarbeitungen seien, so Eckert, „schwer zu verbalisieren“. Von daher rührt vielleicht auch der Eindruck, sie stürze sich kopfüber in ihre jeweilige Aufgabe hinein: von einer Klippe herab. Nicht immer trägt das tintenschwarze Wasser; nicht immer hält das Netz, das ihr Regisseure und Mitspieler gleichermaßen spannen. Als Lotte-Kotte in Botho Strauß’ „Groß und klein“ blieb sie sich 2002 womöglich selbst ein Rätsel: eine Stromerin auf dem Jakobsweg durch die alte Bundesrepublik. Als zauberische Shen Te / Shui Ta in Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ verschwand sie 2000 förmlich hinter einem Wall von lauter Fragezeichen. Dabei war ihr „männlicher“ Shui Ta eine Zaubererscheinung, die dem alten Brecht wohlbehagt hätte: ein rotzfrecher Gangster, ein Wiedergänger von Michael Jackson, der aus dem Hosensack keinen Schießprügel, sondern ein Feuerzeug herauszog, um der Welt des papierenen Modelltheaters ein kleines, gefährlich züngelndes Licht der Vernunft aufzustecken.

Der große Coup

Andrea Eckert hat „Auszeiten“ genommen. Sie hat wunderbare, von tiefer Empathie getragene Dokumentarfilme gedreht: über den genialen, gefährdeten Walter Schmidinger, über das unglaubliche Leben Erich Pleskows, über Josefine Hawelka, diese Institution aus Fleisch und But. Sie ließ wissen, dass ihr an der Leitung des Wiener Volkstheaters etwas gelegen gewesen wäre. Sie siedelte sich zeitweise in Berlin an und schmückte Filme mit ihrer undinenhaften, zur Hochkomik befähigten Präsenz. Der größte Coup seit Menschengedenken gelang Eckert aber vor wenigen Wochen: Mit auf Würde bedachter Grazie tänzelt sie im Volkstheater eine Showtreppe hinunter und sinniert singend darüber, wie es sei, wenn „die Sonne hinter den Dächern versinkt“. Eckert schlüpft in „Bon Voyage“ in das Diseusenkostüm der wunderbaren Greta Keller (1903–1977). Es gleißt und schimmert verführerisch, ohne dass die Schauspielerin jemals vorgäbe, ein Spatz aus Hernals oder irgendein anderer hervorgehobener Singvogel zu sein. Das Hochseil dieser Artistin gleicht plötzlich einer köstlichen, asphaltierten Straße: Die Chrysler-Autos rollen geräuschlos die Piste entlang, Cole Porter steht kurz davor, den Club der Keller („Chez Greta“) mit seinem Besuch zu beehren. Die Haltung der Eckert, die dieses Mal wirklich singt (und wie!): ein freundliches, sogar ein wenig frivoles Achselzucken. Nicht, dass sie irgendeines ihrer wohlbehüteten Geheimnisse preisgäbe. Aber Greta Keller alias Andrea Eckert – die ihre Männer der Reihe nach verliert, die Europa den Rücken kehrt, weil sie sich vom braunen Schmutz angewidert fühlt, die zum Tode hin an Krebs erkrankt – nimmt nichts zu schwer. Warum denn auch, es hülfe ja nichts. Eckert steht plötzlich alle Leichtigkeit der Welt zu Gebote. Sie jongliert mit Chanson-Zeilen wie mit Luftballons. Sie sprechsingt sogar Bertolt Brechts „Ballade von der Billigung der Welt“. Dieses Programm, von Rupert Henning nach einer Idee von André Heller verwirklicht, ist vorläufig das lockernde Satyrspiel zum Tragödienernst. Den Kontinent Shakespeare wolle sie noch genauer erkundigen, sagt Andrea Eckert. Jetzt bedarf es nur noch der Spannung einer Schnur: eines genau bemessenen Hochseils. Der Boden für diese Ausnahmekönnerin ist längst bereit.

Ronald Pohl
Ronald Pohl ist Autor und Feuilletonredakteur der Tageszeitung „Der Standard“ in Wien.