Dichter an der Musik

Grillparzer im Musikverein

„Es gibt keinen zweiten großen Dichter, der sich so liebevoll und ernstlich mit der Musik befasst, so tiefe Blicke in ihr Wesen getan hätte, wie Grillparzer.“ Eduard Hanslick formulierte den starken Satz, der bis heute kritischer Prüfung standhält. Grillparzer liebte die Musik. Und er lebte sie. Zeugnisse dafür gab er der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ein Leben lang.

Das war ein Fund! Eduard Hanslick frohlockte, als ihm die 1872 erschienene erste Grillparzer- Gesamtausgabe jede Menge Munition in die Hand spielte. Was da, kurz nach des Dichters Tod, ans Licht kam, waren Texte, die von heißer Leidenschaft zeugten. Dass Grillparzer die Musik liebte, war ja bekannt – doch was sich nun zeigte, hatte etliche Hitzegrade mehr als die herzerwärmende Tonkunstsphäre des „Armen Spielmanns“. Hanslick las die Gesamtausgabe mit Begier. Und noch mehr fesselte ihn, was ihm Kathi Fröhlich, Grillparzers „ewige Braut“, an noch immer nicht Gedrucktem aus dem Nachlass zuspielte: Tagebuchblätter und Notizen, scharf und angriffig formuliert. Außerdem Kontrapunktstudien und Kompositionen von Franz Grillparzer, die dann – Hanslick erwähnt es bereits – ins Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde wanderten. Eine besondere Trouvaille: Heines „Fischermädchen“, als Klavierlied vertont vom Wiener Dichterkollegen. Für Hanslick passte das alles wunderbar zusammen. Was Grillparzer über die Musik schrieb, wies ihn als hochkarätigen Kenner aus und machte ihn zum idealen Kronzeugen für Hanslicks Theorie „Vom Musikalisch-Schönen“. Ab der sechsten Auflage der epochemachenden Schrift strahlt Grillparzers Autorität durch Hanslicks Anmerkungsapparat. Die Theorie aber wurde durch die Praxis geadelt: Dass Grillparzer auch Musik geschrieben hatte – und nicht bloß über sie –, hob ihn weit heraus. Hanslick über Grillparzer: „Den Anspruch, als Musiker zu gelten, machte er nicht, aber er hatte ihn.“

Die Macht der Musik, hautnah spürbar

Das war schon etwas ganz anderes als bei Goethe, und genüsslich pochte Hanslick auf den Unterschied. Bei Goethe, so Hanslick mit trefflichen Argumenten, sei das Interesse an Musik der ästhetische Komplettierungsversuch eines älteren Herrn gewesen: ein zerebral gesteuertes Bemühen, den durchaus gefühlten Mangel an Musikalität auszugleichen. Maximen und Reflexionen, so begriffshungrig wie kopflastig. Grillparzer und die Musik hingegen – welch ein Thema! Eine Lebensgeschichte, geschrieben mit Herzblut. Und von Anfang an: Die Macht der Musik, hautnah. „Ehe ich noch den vollkommenen Gebrauch meiner Gliedmaßen hatte“, so Grillparzer in seiner Selbstbiographie, „setzte sich meine für Musik begeisterte Mutter vor, mich in die Geheimnisse des Klavierspiels einzuweihen.“ Grillparzer wurde ein versierter Pianist mit beachtlichen Blattlesekünsten. Auch an Kathi Fröhlich tastete er sich spielend heran. „Alle Nachmittag“, so erinnert sich Grillparzers Freund Bauernfeld, „ist er hingegangen mit ihr vierhändig spielen, alle Tage haben sie dann gezankt und ist er wütend weggegangen.“ Die Kathi-Liebe schlug sich Grillparzer aus dem Kopf. Die Musik-Liebe blieb.

Die Sonnleithnerseiten der Kunst

Eine Liebe von Haus aus. Goethe mochte „von Mütterchen die Frohnatur“ haben, Grillparzers mütterliches Erbteil war das Musikalische. „Meine Mutter“, so beschreibt sie Grillparzer, „lebte und webte in der Musik, die sie mit Leidenschaft liebte und trieb.“ Anna Grillparzer stammte aus der Familie Sonnleithner – ihr älterer Bruder Joseph war der Gründervater der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Als Sonnleithner-Spross wuchs Grillparzer in einer Sphäre auf, die getränkt war vom Musischen. Onkel Ignaz, der jüngere Bruder seiner Mutter, verband die künstlerischen Sonnleithnerseiten mit nachweisbarer Bürgerbrillanz: Er war Rechtsanwalt, Hochschullehrer, Leiter des Vereins österreichischer Sparkassen … Bei Onkel Joseph schien diese Seite nicht so ausgeprägt. Dem heranwachsenden Franz wurde er gar als abschreckendes Beispiel vorgehalten – und zwar von seinem Vater, einem gestrengen Rechtsanwalt und Walter des Rechten. Wenn er diesem eine seiner „schöngeistigen Hervorbringungen“ gezeigt habe, so Grillparzer, „konnte er anfangs eine gewisse Freude nicht verbergen, die aber bald in immer heftiger werdende Kritik überging, deren Schluss immer die stehende Phrase war ,ich würde noch auf dem Miste krepieren‘. Das hing wahrscheinlich so zusammen: Einer der Brüder meiner Mutter, ein liebenswürdiger und anstelliger Mann, hatte, ohne eigentliches Talent, sich eben auch mit poetischen Bestrebungen abgegeben. Er machte Gedichte, übersetzte Theaterstücke aus dem Französischen, wobei denn äußerst wenig herauskam …“

Einer von 507

1812 allerdings war dieser Joseph Sonnleithner der Mann der Stunde. Perfekt vereinte er Hunderte Mitwirkende und Tausende Zuhörer unter dem Zeichen des „Timotheus“, machte die „Gewalt der Musik“ zum urbanen Glückserlebnis und nützte die Gunst der Stunde, um der Begeisterung dauerhaft Form zu verleihen. Franz Grillparzer war mit dabei. Der 21-jährige Jurist trug sich in jene Liste ein, die den Grundstein zur Gründung des Musikvereins legte – er ist einer jener 507 im „Verzeichnis der Musikfreunde und -freundinnen, welche sich bis Ende 1812 durch ihre Namensunterschrift bereit erklärt haben, dem Dilettantenvereine beizutreten“. Mit einem Wort: Franz Grillparzer war Gründungsmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Ob er 1812, beim denkwürdigen „Timotheus“-Konzert, selbst mitgesungen hat, ist nicht dokumentiert. Aber sein könnte es. Onkel Ignaz stand als Gesangssolist bei der Sonnleithnergeprägten Großproduktion auf der Bühne. Und von Grillparzer weiß man, dass er, seinem eigenen Bekunden zufolge, über eine „leidliche Tenorstimme“ verfügte, die er sehr wohl zum Einsatz brachte. Die Gesellschaft der Musikfreunde jedenfalls führte ihn auch als Sänger. Als sie 1828 zu „Franz Schuberts Todtenfeyer“ ein doppelchöriges Requiem von Anselm Hüttenbrenner einstudierte, erging die Einladung zur aktiven Teilnahme auch an Franz Grillparzer: „Singprobe mit Quartettbegleitung Sonntags 7 Uhr Abends im Vereinslocale … zur gefälligen Mitwirkung.“ Dem Gesang im Musikverein blieb Grillparzer so und so verbunden. 1849 zog er bei den Schwestern Fröhlich ein – die Liaison mit Kathi war zur erotikfreien Ménage à quatre verkarstet. In dieser bizarren Wohngemeinschaft lebte er auch Seite an Seite mit Anna Fröhlich, bis 1854 Gesangsprofessorin am Konservatorium des Musikvereins.

Monetäre Nöte und Goethes „Egmont“

1812 hatte Grillparzer namentlich erklärt, dem „Dilettantenvereine“ beitreten zu wollen. Rundein Vierteljahrhundert später veröffentlichte er ein Plädoyer für dieses Dilettantentum. Sein Aufsatz „Über das Wirken der Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates und deren gegenwärtigen Zustand“ barg unter sprödem Titel Engagement und Leidenschaft. Die „großartige Aufführung“ von Haydns „Jahreszeiten“ beim jüngsten Musikfest der Gesellschaft, erklärte Grillparzer 1838, sei noch „lebendig in allen Gemütern“. 1032 Mitwirkende – wer erinnere sich da noch der „viel schwächeren Besetzung zu Händels ,Timotheus‘“? –, „und alles das“, so Grillparzer, „hat eine Anstalt geleistet, die nicht durch Dotationen und ausschließliche Begünstigungen, sondern lediglich durch einzeln gesammelte Beiträge … einer einzigen Stadt gegründet, erhalten und durch mehr als ein Vierteljahrhundert fortgeführt worden ist.“ Worum ging es in Wahrheit? Der Musikverein war in eine bedrohliche Finanzkrise geschlittert. Und Grillparzer, der Musikfreund, spannte seine Literatenfeder ein, um ihm aus der Patsche zu helfen. Sein Essay ist nichts anderes als ein perfekt gebauter Fundraising-Appell. Mehr in seinem eigentlichen Fach war Grillparzer, als ihn die Gesellschaft der Musikfreunde um seine Dienste für Beethoven und Goethe bat. Die Schauspielmusik zu „Egmont“ sollte im Konzertsaal präsentiert werden – Grillparzer überarbeitete dafür 1834 die allzu blumigen Verse eines gewissen Friedrich Mosengeil. Im Archiv des Musikvereins ist der Grillparzer-Text in Manuskriptform überliefert, „verfaßt für die Productionen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“.

Dichter, am dichtesten an der Musik

Grillparzer schrieb den „Weihgesang zur Eröffnung des neuerbauten Saales“, den die Gesellschaft 1831 unter den Tauchlauben bezog. Und er fand noch Verse, als der Musikverein 1870 sein neues Heim feierte, den Prachtbau am Karlsplatz. Dichterisches im Dienste einer anderen Kunst. Aber war der Musik wirklich beizukommen? Worte – davon war Grillparzer sein Leben lang überzeugt –, Worte mussten zurückstehen vor der Macht der Musik. Sie sollten sich fügen, begrenzen und bescheiden: wissend und fühlend, dass die Musik in einem anderen Reich zu Hause sei. So reagierte er höchst gereizt, wenn er das Wort klügelnd eindringen sah in dieses Dominium – bei Carl Maria von Weber etwa, dessen poesiewütige „Freischütz“-Dramatik er hasste, und bei Wagner, den er mit großer Suada am Horizont heraufdämmern sah. Dieses Wortmusiktheater war ihm ein Gräuel. Der Dichter fühlte, dass er nirgends dichter an der Musik sei, als wenn das Wort ans Schweigen grenzt.

Höher als Poesie

Das „Musikalisch-Schöne“, um mit seinem späteren Bewunderer Hanslick zu sprechen, zeugte für Grillparzer von einer anderen Welt. „Sei die Dichtkunst noch so gepriesen,/ Sie spricht doch nur der Menschen Sprache,/ Du sprichst, wie man im Himmel spricht!“ Grillparzer sagte dies von der Musik, schon im allerersten Werk, das von ihm zum Druck gelangte und ebendiesen Titel trug: „Die Musik“. Timotheus klingt noch nach in diesem Gedicht – die Gewalt der Musik, wie Grillparzer sie auch als Musikfreund in Wien erlebte. Dieser Macht blieb er untertan bis zuletzt. „Über sein immer mehr verschwindendes Gehör klagte er sehr betrübt, namentlich weil er keine Musik mehr hören könne“, berichtet ein Zeitzeuge vom greisen Grillparzer. „Und Musik“, so der große alte Mann der Literatur, „Musik halte ich höher als Poesie.“ Am 21. Jänner 1872 starb Grillparzer in Wien. Die Gesellschaft der Musikfreunde veranstalteteihm zu Ehren eine „Todtenfeier“ mit Mozarts Requiem. Sie hätte keine bessere Wahl treffen können. Mozart war der Komponist, den Grillparzer für den größten hielt: groß im reinen Wesen der Musik, für die es – so sein Credo – keine Worte gibt.

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Chefredakteur der Zeitschrift „Musikfreunde“ und Programmheftredakteur der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.