Auf der anderen Seite der Straße

Milan Turkovic, der Dirigent

Als Fagottist ist Milan Turkovic Musikfreunden wohlbekannt, und auch als Buchautor hat er sich einen Namen gemacht. Dass er aber auch – und mittlerweile sogar vor allem – dirigiert, mag in Wien noch immer überraschen. Am 10. Dezember steht Milan Turkovic im Großen Musikvereinssaal am Pult der Philharmonia Prag. Den „Musikfreunden“ erzählte er vorab aus seinem vielfältigen Künstlerleben.


Wirft man einen Blick allein auf Ihre Auftritte bei der Gesellschaft der Musikfreunde, so zeigt sich eine große künstlerische Bandbreite: solistische Engagements beginnend bei Ihrem Debüt im Februar 1967 mit Mozarts Fagottkonzert KV 191, zahlreiche Konzerte als Mitglied u. a. des Concentus Musicus, Wort und Musik verbindende Programme etwa mit Karl Markovics und einzelne Dirigate. Was bedeutet Ihnen diese künstlerische Vielfalt?

Es ist eine Bereicherung. Jeder Schauspieler, der Regie führt, macht das, weil er sein Leben bereichern möchte. Auch das Bücherschreiben gehört für mich dazu. Das ist nicht etwas, das ich mir angezwungen habe, sondern der Versuch, in möglichst vielen Kunstformen zu Hause zu werden. Zeichnen kann ich überhaupt nicht, in der bildenden Kunst kann ich nur schauen. Aber das Schreiben und das Musizieren in allen Bereichen, das ist sehr wichtig für mich.


Wann wurde das Dirigieren für Sie zum Thema?

Sie sehen hier links das Foto eines Dirigenten – das ist mein Lehrer Fritz Zaun. Ich habe das Glück gehabt, schon während meiner Studienzeit an der Akademie, also während meines Fagottstudiums, in ihm einen Lehrer zu Hause zu haben. Fritz Zaun war damals ein sehr namhafter Dirigent, der eng mit meiner Familie verbunden war. Er war viel bei uns, und so habe ich praktisch schon mit 16 Jahren das Dirigierstudium begonnen, ganz seriös. Ohne dass ich es wollte, hat er mich hineingezogen in diesen Beruf.


Ganz ohne Absicht Ihrerseits?

Zunächst ja. Fritz Zaun hat viele Werke mit mir durchgenommen, die er gerade studiert hat, sei es zum Beispiel die „Carmen“ oder die Zweite Brahms-Symphonie. Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Wir haben den vierten Satz der Zweiten Brahms analysiert auf Form, Instrumentation usw. Da hat er gesagt: Spiel einmal die Stelle für Fagott – diese sehr schwierige Stelle. Das habe ich noch gar nicht gekonnt, ich war noch in einem sehr frühen Stadium mit dem Instrument. Dann aber ist es mit dem Fagott unglaublich schnell und gut gegangen. Ich habe mein erstes Engagement mit 20 gehabt, vorher schon viel an der Staatsoper substituiert, ich war sechs Jahre in Deutschland, kam wieder zurück nach Wien. Mit dem Debüt im Musikverein hat die Sololaufbahn begonnen, wirklich extensiv. Ich habe die goldenen Jahre der Schallplatte bzw. der CD mit großem Genuss miterlebt und landauf, landab sehr vieles aufnehmen können, das heute völlig undenkbar wäre.


Wie ging es mit dem Dirigieren weiter?

Einmal habe ich bei einem italienischen Kammerorchester als Solist gastiert, da wurde der Wunsch an mich herangetragen, dass ich das Konzert auch leite. So hat es de facto angefangen, und ich habe gesehen: Das geht richtig gut. Mit den Haydn-Symphonien hatte ich mich schon sehr viel beschäftigt, von Haus aus, auch ohne bestimmtes Ziel. Haydn war damals noch unterbelichtet, seine Symponien sind viel zu selten gespielt worden. Und so habe ich in den ersten Programmen, die ich in den 1980er Jahren ernsthaft dirigiert habe, immer eine Haydn-Symphonie gemacht, und zwar am Schluss des Programms, nicht am Anfang zum Einspielen. Vor allem die Londoner Symphonien – die mache ich heute auch noch gern, und auch im Musikverein wird eine große Londoner Symphonie das Programm beschließen.


Haben Ihre langjährige Tätigkeit als Fagottist des Concentus Musicus und die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt Sie in Ihrem eigenen Dirigieren beeinflusst?

Wie könnte man Nikolaus Harnoncourt musikalisch entkommen! Natürlich hat er viele meiner Gedanken und meinen Zugang zu vielen Dingen geprägt. Ich habe von ihm und von meinem Dirigierlehrer Fritz Zaun unwahrscheinlich viel gelernt. Aber ich habe auch gelernt, meine eigenen Gedanken zu entwickeln. Gerade wenn Sie an Nikolaus Harnoncourt denken, der den Orchestern, mit denen er musiziert, genau expliziert, warum er etwas macht: Er fordert damit auch heraus, dass man sich selbst Gedanken macht über das, was man tut, und nicht nur einfach dahinspielt, was vordirigiert wird. Das allein ist schon Inspiration, seinen eigenen Weg zu finden.


Wie haben sich das Fagottspielen und das Dirigieren über die Jahre ineinandergefügt?

Früher war die Relation etwa 20 Prozent dirigieren und 80 Prozent Fagott spielen – jetzt ist es umgekehrt. Um mir viel Zeit nehmen zu können für die schönen Projekte, die ich mache, habe ich in den vergangenen Jahren ganz zielbewusst meine fagottistischen Tätigkeiten abgebaut. Ich bin 2009 aus dem Ensemble Wien–Berlin ausgestiegen, habe meine Agenda an meinen Kollegen Richard Galler übergeben, der ja auch bei mir studiert hat und der mir eigentlich überall nachgefolgt ist, auch an den Universitäten in Salzburg und Wien. Dann habe ich im Frühjahr dieses Jahres, vielleicht mit einem bisschen schwerem Herzen, nach 19 Jahren meine Arbeit bei der Chamber Music Society of Lincoln Center in New York beendet. Das waren herrliche Jahre mit unglaublichen musikalischen Erlebnissen, mit fantastischen Musikern. Aber beim Concentus Musicus komme ich nicht los, das ist wie eine Droge.


Mit welcher Wirkung?

Undefinierbar … Man hört ja im Laufe eines Lebens sehr viel Musik, und man erlebt und spielt dann zum Teil diese Musik im Rahmen des Concentus Musicus – und stellt jedes Mal fest, dass man unentwegt Aha-Erlebnisse hat. Das ist das eine, und das andere ist, dass ich es wahrscheinlich, solange ich meine Hände bewegen kann, nicht wirklich fertigbringen werde, das Fagott in die Ecke zu stellen.


Wie erleben Sie den Unterschied, als Fagottist im Orchester zu sitzen bzw. als Dirigent vor einem Orchester zu stehen?

Wenn man im Orchester sitzt, ist man auf der einen Straßenseite, wenn man dirigiert, auf der anderen. Das müssen nicht gegeneinander gerichtete Straßenseiten sein, aber der Ausblick ist ein unterschiedlicher, je nach dem, auf welcher Seite man steht. Wenn ich dirigiere, dann vergesse ich eigentlich, dass ich auch ein Fagottist bin. Oder höchstens die Fagottisten stöhnen, wenn ich ihnen sagen muss, dass sie zu laut spielen.


Wie ist der Blick vom Dirigentenpult aus auf das Orchester, dieses homogene Ganze, das aus lauter Individuen, den einzelnen Musikern besteht?

Der Blick muss meiner Meinung nach dominiert sein vom Respekt für die Individuen. Je mehr Respekt man dem Orchester gegenüber aufbringt, desto mehr Respekt kommt zurück. Den Dirigenten der diktatorischen Natur, den gibt es heute ja nicht mehr, der könnte gar nicht mehr existieren. Aber natürlich: Der Dirigent ist letztlich der Capo. Es ist eine sehr feine Linie zwischen der Frage, wie viel kann ich annehmen von den Anregungen, die aus dem Orchester kommen, und der Notwendigkeit zu signalisieren: Es geht jetzt so, wie ich es sage. Es ist auch zu sagen, dass unterschiedliche Orchester einen unterschiedlichen Zugang seitens des Dirigenten brauchen. Es gibt Orchester, die sich gerne total dem Dirigenten ausliefern, zum Beispiel in Japan. Und jüngere Orchester sind wieder anders zu behandeln als Orchester mit mehr älteren Musikern. Aber immer ist der Respekt meiner Meinung nach zuvorderst.


Denken Sie, es ist ein Unterschied, mit der Erfahrung eines Orchestermusikers ans Pult zu gehen im Vergleich zu jemandem, der beispielsweise vom Klavier her kommt, der keine Orchestererfahrung mitbringt?

Oh ja! Wenn Sie längere Zeit Orchester gespielt haben, kennen Sie sämtliche Tricks der Orchestermusiker. Es kann einem niemand etwas vormachen. Und das Lustige ist – viele Orchestermusiker wissen das nicht: Wenn man dort oben steht, nur ein paar Zentimeter erhöht, dann sieht man alles, was sich in einem Orchester abspielt. Man kann schon am Gesichtsausdruck genau erkennen, was der einzelne Musiker denkt. Und das zweite Lustige daran ist, dass sie oft nicht wissen, dass man das alles bemerkt. Aber wenn man selbst Orchestermusiker gewesen ist, dann hat man auch Verständnis für vieles.

Das Gespräch führte Ulrike Lampert.

Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.


Milan Turkovic
entstammt einer österreichisch-kroatischen Familie und wuchs in Wien auf. Parallel zu seinem Fagottstudium erhielt er Dirigierungerricht von Fritz Zaun. Er wurde zu einem der wenigen international bekannten Fatottsolisten und gehörte dem Ensemble Wien–Berlin sowie der Chamber Music Society of Lincoln Center New York an. Seit 1967 ist er Mitglied des Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt. Turkovic war Professor an der Universität Mozarteum Salzburg und an der Musikuniversität Wien. 2003 legte er seine Professur zugunsten seiner immer intensiver werdenden Dirigiertätigkeit in aller Welt zurück. Nach den Buchveröffentlichungen „Was Musiker tagsüber tun“, „Die seltsamsten Wiener der Welt“ zum 50-Jahr-Jubiläum des Concentus Musicus und „Hast du Töne“ erschien jüngst seine liebevolle, auch kritische und stets augenzwinkernde Hommage an seine Heimatstadt: „Wiener Leben. Wien erleben“.