Arien der anderen Art

Die „Hubano Arien“ von Christian Diendorfer

Fasziniert von der ausdrucksstarken Sprache, vertonte Christian Diendorfer in seinen „Hubano Arien“ Texte des Gugginger Künstlers Ernst Herbeck. Unter der Leitung von Peter Keushcnig heben das Ensemble Kontrapunkte und Barition Adrian Eröd den neuen Liederzyklus am 17. Dezember aus der Taufe.

„Zum Komponieren eines Vokalwerkes brauche ich Texte, die mich hundertprozentig packen“, sagt Christian Diendorfer zu Beginn des Gesprächs in einem Wiener Innenstadtcafé. Und diese Aussage ist durchaus wörtlich zu nehmen. Abgesehen von sehr frühen Werken verspürte der gebürtige Niederösterreicher nur zweimal die dringende Notwendigkeit, Texte in Musik zu setzen, und beide Male jenseits üblicher literarischer Vorlagen: „Einmal bei Jenny Holzer, die gar keine Dichterin ist, sondern Konzeptkünstlerin. Und beim zweiten Mal bei Ernst Herbeck, dessen Texte mich ebenfalls ganz unmittelbar angesprochen haben.“

Zusammen und getrennt

Waren die Holzer-Vertonungen noch zwei Werke für Sprechstimme, Ensemble und Elektronik („Sleep and see“, 2000, und „Ending“, 2001), so handelt es sich nun bei den „Hubano Arien“ um einen echten Liederzyklus für Singstimme und ein kleines Instrumentalensemble, der in zwei Etappen 2007 und 2011 entstanden ist. Auf eine erste siebenteilige Liedergruppe mit dem Titel „… ist eine spielerische Art bei Nacht“ folgten nun vier Jahre später fünf weitere Kompositionen, wobei die beiden Liedergruppen für den 1957 geborenen Komponisten zwar ganz eng zusammengehören, aber auch für sich aufgeführt werden können. Die eine ist direkt aus der anderen hervorgegangen, dennoch unterscheidet sich die zweite Gruppe deutlich von der ersten, wie Diendorfer erklärt: „Bei den ersten Liedern sind die Texte sehr kurz. Deshalb habe ich einen spielerischen Umgang mit den Texten gewählt, um sie zu verlängern, mit vielen Wiederholungen und verschiedenem Stimmausdruck wie Flüstern, Sprechen, Singen – oder auch mit Stellen, wo auch die Instrumentalisten ihre Stimme einsetzen. Beim zweiten Zyklus sind sowohl die Texte als auch die Lieder länger, auch in ihrem Charakter sind sie ein wenig anders geraten, und eine Posaune vergrößert das Ensemble.“

Doppelwelt und Sehnsucht

Aber zurück zu den Texten selbst. Voller Begeisterung spricht der Komponist über Ernst Herbeck, der im Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Maria Gugging unter den dortigen Künstlern seiner Zeit der einzige berühmte Dichter war, während die anderen Gugginger Künstler vor allem durch Malerei berühmt wurden. Besonders angesprochen hat Diendorfer die „Doppelwelt des Schizophrenen, der die Welt anders, manchmal vielleicht auch richtiger sieht, und dessen großes Thema immer wieder die Sehnsucht war, die Sehnsucht nach einem Partner, die nie gestillt wurde, weil er das Krankenhaus sein Leben lang nicht mehr verlassen konnte.“ Trotz dieser tragischen Seite von Herbecks Texten sieht der Komponist vor allem auch „die komisch-humoristische Seite und die Spontaneität der Aussage: Die Gedichte sind unglaublich auf den Punkt gebracht. Herbeck sagt es so, wie er es sagen muss, mit manchmal ganz archaischem Vokabular oder mit Worten, die gar keinen Sinn ergeben. Der Tonfall ist oftgleichzeitig unschuldig, kindlich und hat doch die empfundene Tiefe eines erwachsenen Menschen.“ So ist es etwa beim Text „Wörter, die mir einfallen“, den Diendorfer für das erste Lied der Reihe von 2011 mit einem weiteren Gedicht, „Das allgemeine Wohlbefinden“, zum Lied „Wörter – Wohlbefinden“ vereint hat.

Flamenco-Aura und Vogelgezwitscher

Gewidmet sind die „Hubano Arien“ übrigens dem Leiter des Ensembles Kontrapunkte, Peter Keuschnig: „als ein Dankeschön an ihn, da er einen Großteil meines bisherigen Komponistenlebens mit nicht weniger als vier Uraufführungen begleitet hat“. Deswegen findet sich unter den in den „Hubano Arien“ aufgezählten Namen – tatsächlichen ebenso wie solchen, die nur in der Fantasie des Dichters existierten – auch der Name Peter. Solche kleine Überraschungseffekte hat sich der Komponist mehrfach erlaubt. Da geistert etwa an einer Stelle, an der das Wort „Spanien“ auftaucht, plötzlich eine Flamenco-Aura herum, einen „Kanarienvogel“ lässt er die Flöte mit grotesker Flatterzunge zwitschern. Und man kann immer wieder hören, dass die Singstimme pausiert und die Instrumente ihren Part weiterführen, ausdeuten, steigern oder kontrastieren.

Das eigene Vokabular

Schon in früheren Werken hat Diendorfer sehr sprachbezogen gearbeitet, etwa Worte, wie er es nennt, „instrumentiert“, indem er sie mit Instrumenten nachgezeichnet hat. „Ganz wichtig ist mir dabei der Aspekt der Artikulation. Ich habe auch hin und wieder das Schlagzeug wie ein Mundwerk betrachtet und es in dieser Art perkussiv nachbildend eingesetzt. Solche Mittel habe ich unter anderem auch verwendet, um ein eigenes Vokabular zu entwickeln.“ Dabei hat es ihn – zumindest bis in die Zeit vor seinen beiden Liederzyklen – allerdings mehr zur gesprochenen Sprache hingezogen: „Lange fand ich den Klang der gesprochenen Sprache viel anregender als den Gesang. Erst durch den Kontakt mit Herbecks Texten wollte ich auch gesungene Lieder schreiben. Dabei wollte ich keine Spezialliteratur machen, sondern Musik mit einem breiten und direkt verständlichen Vokabular schreiben.“

In alle Himmelsrichtungen

Für den Komponisten ging es bei der Herausforderung, Musik für eine Singstimme zu erfinden, auch um einen Umgang mit dem Problem des Melodischen: „Meine Studien fielen in eine Zeit, in der alles verpönt war, was nur von weitem wie eine Melodie aussah. Stattdessen gab es nur die Sprachspielereien der Avantgardisten. Es gibt Komponisten, die ein Leben lang im selben Zimmer sitzen und immer aus demselben Fenster schauen, und es gibt solche, die lieber aus verschiedensten Fenstern in alle Himmelsrichtungen blicken. Ich zähle mich eher zu den Letzteren.“ Deshalb hat sich Diendorfer seit seinen Studien an der Wiener Musikhochschule bei Francis Burt und Roman Haubenstock-Ramati auch für die unterschiedlichsten Richtungen interessiert: „In der prägendsten Zeit habe ich viel mit Elektronik gearbeitet, die damals wirklich eine Art Mikroskop in den Klang gebracht hat. Ohne das hätte ich vielleicht gar nicht den Weg als Komponist gewählt. Dabei habe ich allerdings immer versucht, meinen elektronischen Werken auch etwas Emotionales zu geben und ihnen den Klang des Maschinellen zu nehmen.“

Im direkten Kontakt

Überhaupt sucht Christian Diendorfer, der neben seinem „eigentlichen“ Instrument, demKlavier, in jungen Jahren auch viel E-Gitarre gespielt hat und sich außer für Klassik auch für Pop und Jazz begeistert, gern den direkten Kontakt zum Publikum: „Es gab einige Jahrzehnte lang das Phänomen, dass neue Musik für eine relative kleine Gruppe geschrieben wurde, die – und das meine ich nicht böse – Spezialohren gebraucht hat, um sich in diesen Klängen wiederzufinden. Kunst zu machen geht aber meiner Meinung nach auf Dauer nicht ohne Kommunikation mit dem Publikum.“

Daniel Ender
MMag. Dr. Daniel Ender ist freier Musikwissenschaftler und -journalist, Chefredakteur der „Österreichischen Musikzeitschrift“ und Ständiger Freier Mitarbeiter des „Standard“ sowie der „Neuen Zürcher Zeitung“. Er hat Lehraufträge an den Universitäten Wien, Salzburg und Klagenfurt sowie an der Musikuniversität Wien inne.