Tue 07. May 2013

20:00 Gläserner Saal / Magna Auditorium, Musikverein

Plattform K+K Vienna

Busoni • Martinů • Korngold

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Festival

Frühlingsfestival 2013

 

Cycle

Phil.Harmonisch / 4

 

Organizer

Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Service

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Remarks

Anstelle von Norbert Täubl übernahm Christoph Zimper den Klarinettenpart.

 

Der DJ der Philharmoniker 

Kirill Kobantschenko 

Kirill Kobantschenko, Primgeiger der Wiener Philharmoniker, hat sich mit seiner Plattform K+K Vienna eine musikalische Organisationsform geschaffen, mit der er seinen Freigeist ausleben kann. 

Nachdem die österreichische Bundeshymne ihre Erweiterung um die heiß umfehdeten, wild umstrittenen Töchter offenbar schadlos überstanden hat, wäre es eigentlich an der Zeit, den nächsten Schritt zu wagen und jene Menschen in den Text aufzunehmen, die zwar nicht im „Land der Berge“ geboren worden sind, an dessen Leistungen und Errungenschaften aber nicht unwesentlich Anteil haben. 

Identität stiften 

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, jene Beiträge zu benennen, die Zuwanderer seit jeher für die österreichische Kultur und das österreichische Gemeinwohl erbringen. Fest steht aber, dass sie in vielerlei Hinsicht Stützen der Gesellschaft sind, in Bereichen wie dem Sport oder der Musik übernehmen sie, wenn auch zumeist schon eingebürgert, sogar vielfach eine identitätsstiftende Rolle. Wenn das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker alljährlich österreichisches Flair in das globale Wohnzimmer bringt, dann sind daran schon immer Musiker aus vieler Herren Länder beteiligt gewesen, in der jüngsten Zeit hat sich der Anteil in den Orchesterreihen vor allem aus den Staaten des ehemaligen Ostblocks deutlich erhöht. Der aus Odessa stammende Geiger Kirill Kobantschenko ist seit 2001 Mitglied des Eliteensembles und ein Paradebeispiel einer gelungen Integration, mit dem das zuständige Staatssekretariat seine helle Freude haben müsste. 

Anker im neuen Hafen 

1991 kam der heute 34-Jährige mit seinen Eltern, die ihm eine bessere Ausbildung ermöglichen wollten, nach Wien. Die meisten guten Geigenlehrer hatten der Sowjetunion damals bereits den Rücken gekehrt und sich ins Ausland abgesetzt, Andrei Korsakow, das Idol vieler junger russischer Geiger, war kurz zuvor unerwartet in Moskau verstorben. Zunächst reiste Familie Kobantschenko mit einem Touristenvisum nach Österreich. Als sich im Gefolge des Moskauer August-Putsches die politische Lage in der Heimat zuspitzte, entschiedenen sie sich jedoch, trotz aller Unsicherheiten und Entbehrungen, die mit dem Aufbau einer neuen Existenz verbunden waren, in Wien zu bleiben. Den Anker im neuen Hafen boten dem hochbegabten Geiger und seinen Eltern die sowjetisch-jüdischen Pädagogen Dora Schwarzberg und Boris Kuschnir, Letzterer sollte über zehn Jahre Kobantschenkos musikalischer Mentor sein. 

Klangliche Integration 

Schritt für Schritt kam Kirill schon als Jugendlicher über musikalische Gelegenheitsjobs mit Menschen in Verbindung, die ihm Brücken in der neuen Heimat bauten. Noch heute ist er dem damaligen Stadtschulratspräsidenten Kurt Scholz, der sein Fortkommen nach wie vor aufmerksam verfolgt, für Hilfestellungen im bürokratischen Dschungel dankbar. Seine musikalische Integration wurde wiederum von dem Bratschisten Wolfgang Jelinek und dem Geiger Hans Grötzer vorangetrieben, die ihm im Wiener Opernballorchester nicht nur eine gute Schule im Zusammenspiel boten, sondern auch das erste vernünftige Einkommen. Es ist aber vor allem das Vertrautwerden mit den Feinheiten der Wiener Musik, für das Kirill Kobantschenko heute so dankbar ist: „In dieser Zeit habe ich von der Pike auf gelernt, wie man Walzer, Polka und Ländler spielt. Wenn man so will, hat damals meine klangliche Integration eingesetzt. Ich habe alles, was sich um mich abspielte, wie ein Schwamm in mich aufgesogen und wollte, aus einer ganz anderen Musiziertradition stammend, Teil dieser für mich neuen Welt werden.“ Als Substitut im Staatsopernorchester und bei den Philharmonikern konnte er seine musikalische Eingemeindung perfekt machen. Als er 2001 „als erster Russe“, wie er betont, das Probespiel gewann, wusste er, dass er in Wien wirklich angekommen war.

Erinnerung in Melancholie 

Längst österreichischer Staatsbürger, fühlt sich Kirill Kobantschenko seiner Heimatstadt und der russischen Kultur im Allgemeinen naturgemäß auch heute noch eng verbunden. Deswegen freut er sich auch immer, wenn Tschaikowskijs „Nussknacker“ oder „Schwanensee“ auf dem Programm der Staatsoper stehen: „Ich bin wahrscheinlich jener Philharmoniker, der sich am schnellsten für diese Dienste meldet“, sagt er grinsend, „aber ich brauche das für meine Seele. Wenn ich diese Musik höre, überkommt mich die Melancholie, überkommen mich Erinnerungen an meine Kindheit und Gedanken an meine Großmutter, die heute noch immer in Odessa lebt.“ 

Bewegung und Bewegendes

 In Kobantschenkos Kindheit wurde nicht nur der Grundstein für seine klassische Ausbildung gelegt, ihr verdankt er auch seinen musikalischen Freigeist, den er heute als Spiritus rector eines eigenen Ensembles mit unkonventionellen Besetzungen und Programmen und sogar als Disc Jockey auslebt. Zunächst stand auch gar nicht die Geige im Vordergrund: „Mein leider sehr früh verstorbener Vater leitete in Odessa eine Studentenbigband. Da in der Sowjetunion akuter Notenmangel für diese Besetzung herrschte, transkribierte er die Musik zumeist von Kassetten oder Vinylplatten, die ihm seine Schützlinge, die sich auf Schiffen im Schwarzen Meer als Musiker verdingten, von überall her mitbrachten.“ Viel Bewegung und Bewegendes in der kleinen Wohnung der Familie Kobantschenko: Des Vaters Studenten gingen aus und ein, elektronisches Instrumentarium sowie Schlagzeug waren allgegenwärtig, Aufnahmen von Michael Jackson, „Earth, Wind & Fire“, „Level 42“, Chicago oder auch Sting weckten das Interesse des kleinen Geigenschülers. Dass er dann doch eine klassische Violinkarriere einschlug, ist der fürsorglichen Betreuung seiner ersten Lehrer, seiner als Pianistin ausgebildeten Mutter sowie der Vorbildwirkung zweier russischer Geigenwunderkinder zu danken, die in der Sowjetunion von einer Fernsehsendung zur nächsten weitergereicht wurden: Maxim Vergerov und Vadim Repin. 

Stimmungen gestalten 

Die Pop- und Alternativkultur sind jedenfalls ein wichtiger Teil in Kirill Kobantschenkos Leben geblieben. Immer wieder tritt er als DJ auf („Ich liebe es, Stimmungen zu gestalten“), seit 2005 ist er beim Ball der Wiener Philharmoniker mit der Bespielung der Disco betraut. Seinem engen Kontakt mit der elektronischen Musikszene in Wien verdankt er übrigens viele organisatorische Anregungen für die Arbeit als Leiter seines eigenen Kammermusikensembles: „Die K+K-Plattform ist keine Gruppe mit feststehender Besetzung, sondern ein Pool von grandiosen Musikern, auf die ich, abhängig vom Programm, flexibel zurückgreifen kann.“ Daraus würden sich ganz neue Möglichkeiten der Programmgestaltung ergeben. 

Die Vielfalt des „K+K“ 

Spezialisiert hat sich die Plattform auf selten gespielte Kammermusik großer Komponisten, die sich im regulären Konzertalltag aufgrund der Besetzung als unpraktikabel erwiesen hat, ein eigens gegründetes Label dokumentiert seit kurzem die Aktivitäten. Nach einigen Konzerten im Wiener Musikverein, Auftritten in der Schweiz und in China steht nun am 7. Mai wieder ein Konzert im Gläsernen Saal auf dem Plan. Bei Kompositionen von Erich Wolfgang Korngold und Bohuslav Martinu lässt sich das „K+K“ im Ensemblenamen mit dem Musikerbe der Monarchie in Verbindung bringen, bei der Uraufführung von Flip Philipps schmissiger Komposition „lost in Tao“ für Vibraphon und Streicher stehen die beiden Buchstaben dann aber eindeutig für die Initialen des umtriebigen Auftraggebers Kirill Kobantschenko. 

Markus Siber 

Mag. Markus Siber ist Kulturjournalist und Mitarbeiter des Festivals „Carinthischer Sommer“ in Ossiach und Wien. 

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