Sun 29. May 2022

11:00 Großer Saal, Musikverein

Concentus Musicus Wien

Stefan Gottfried | Haydn • Bach • Mozart

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Alla Breve

SPÄTES GLÜCK

Das goldene Wienerherz schimmerte tückisch, als der Komponist Erich Wolfgang Korngold 1949 aus der Emigration zurückkehrte. „Jessas – der Herr Professor Korngold! Das is aber nett! Wann fahr’n S’ wieder weg?“, schallte es ihm entgegen. Oder: „Schön, dass Sie wieder da sind; Sie waren gescheit, dass Sie weg’gangen sind!“ Voller Hoffnung war Korngold heimgekommen. „Es ist, wie es in der ,Toten Stadt‘ heißt, ein ,Traum der Wiederkehr‘“, notierte er, doch der Traum prallte auf eine harte Wirklichkeit. Die Uraufführung seiner „Symphonischen Serenade“ durch die Wiener Philharmoniker unter Furtwängler Anfang 1950 konnte gerade noch als „ein im Großen und Ganzen … würdiges Ereignis“ verbucht werden. Doch nach einer desaströs halbherzigen Premiere seiner Oper „Die Kathrin“ an der Volksoper stand für Korngold und seine Frau fest, „dass wir nicht mehr hierhergehören“. Korngold verließ seine Heimat ein zweites Mal Richtung Amerika und packte auch die Partitur ein, an der er in Wien gearbeitet hatte: die der „Symphonie in Fis“. Die Widmung erging, ein Zeichen der Dankbarkeit, an Franklin D. Roosevelt. 1954 wurde das Werk uraufgeführt, nun doch in Wien, dies freilich „sehr mangelhaft“. „Glück, das mir verblieb“ – für den Komponisten Erich Wolfgang Korngold blieb es bis zuletzt brüchig. Posthum freilich erlebt er nun ein spätes Glück: Dirigenten wie Kirill Petrenko begeistern sich für sein Werk. Der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker erarbeitet die „Symphonie in Fis“ mit dem Symphonieorchester der mdw, dem Webern Symphonie Orchester, und präsentiert sie neben Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ am 26. Mai im Musikverein.

STURM UND DRANG

Was für ein Leben! Joseph Martin Kraus, im selben Jahr wie Wolfgang Amadé Mozart geboren, genoss als Stipendiat eines Jesuitengymnasiums die bestmögliche Bildung, studierte Philosophie, Juristerei und auch Musik, bevor er sich als 22-Jähriger entschloss, sein Glück als Musikus in Schweden zu suchen. Nach mühseligem Beginn gewann er die Gunst des theatersinnigen Monarchen Gustav III. und avancierte zum königlichen Kapellmeister – ein ungemein kreativer Kopf, innovativ in seinen musikalischen Werken und obendrein literarisch beschlagen. Kraus’ Schrift „Etwas von und über Musik“ gilt als ästhetisches Manifest des musikalischen Sturm und Drang. 1792 wurde Gustav III. bei einem Maskenball (Un ballo in maschera) von einem Attentäter umgebracht. Kraus starb wenig später, erst 36-jährig … Jetzt kann man eine seiner spektakulären Symphonien im Zyklus des Concentus Musicus unter Stefan Gottfried hören, neben Werken von Carl Philipp Emanuel Bach, Haydn und Mozart. Klassik? Edle Einfalt, stille Größe? Nein. Das passende Schlagwort für dieses Programm lautet: Sturm und Drang.

MUTI DIRIGIERT BERLIOZ

Alle Wege führen nach Rom. Hector Berlioz strebte auch dorthin, für den begehrten Rom-Preis hatte er emsig eingereicht. Doch als es so weit war, 1830, wollte er am liebsten stornieren. Ein Coup in Paris war ihm dazwischengekommen: die aufsehenerregende Uraufführung seiner „Symphonie fantastique“. Was sollte ihm jetzt noch Rom? Nolens volens reiste er dann doch in die Ewige Stadt, um das Stipendium, das mit dem Preis verbunden war, nicht verfallen zu lassen. Die Geschichte kommt einem in den Sinn, wenn die „Symphonie fantastique“ jetzt mit Maestro Riccardo Muti auf dem Programm steht. Als Uomo universale der Musik ist Muti selbstverständlich nicht auf ein bestimmtes Repertoire festgelegt, aber wenn Italiens Meisterdirigent mit einem rein französischen Programm nach Wien kommt, dann ist das schon etwas Besonderes. Debussys „Trois Nocturnes“ kombiniert er mit Berlioz’ symphonischem Chef d’Œuvre. Im Musikverein hat Riccardo Muti die „Symphonie fantastique“ in den bald 50 Jahren, in denen er hier gefeierter Gast ist, nie zuvor dirigiert. Eine höchst spannende Begegnung steht uns also bevor. Il Maestro, die Wiener Philharmoniker und die hitzigen Klangfantasien des Hector Berlioz.

BRUCKNERS ABSCHIED

Letzte Werke, letzte Worte, letzte Klänge. Auch wenn man nicht zu Mystifikationen neigt, steht man sinnend vor einem Abschiedswerk wie Bruckners Neunter Symphonie. Der Komponist zauderte, sie überhaupt zu beginnen. „I mag’ die Neunte gar nöt anfangen, i trau mi nöt, denn“, soll er wörtlich und dann in feierlichem Schriftdeutsch gesagt haben, „auch Beethoven machte mit der Neunten den Abschluss seines Lebens.“ Zögerlich ging er an die Arbeit, insgeheim mit dem lieben Gott verhandelnd, dem er die Symphonie widmen wollte. „Lieber Gott, lass mich bald gesund werden, schau, ich brauche ja meine Gesundheit, damit ich die Neunte fertigmachen kann …“ Bruckners Arzt hat das Diktum so überliefert. Er durfte sie nicht „fertigmachen“, diese Symphonie, die er mit einem „Lob- und Preislied an den lieben Gott“ abschließen wollte. So blieb das Adagio der letzte vollendete Satz, „Abschied vom Leben“ – Bruckner selbst sprach davon, als er dieses Adagio kommentierte und den sanft herabgleitenden Choral der Hörner und Tuben im zweiten Themenkomplex mit genau diesen Worten bezeichnete. Die Neunte ist „Fragment“ geblieben. Vielleicht – so viel Spekulation darf jetzt doch sein – war das die noch stimmigere Form für den Gottesdienst des gläubigen Anton Bruckner? Was der Mensch nicht vermag, vollendet Gott … Die Neunte Bruckners ist, auf ihre Weise, das Vollendetste, was im Unvollkommenen möglich ist. Christian Thielemann dirigiert sie am 31. Mai, in einem Musikvereinskonzert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

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