Fri 01. April 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

City of Birmingham Symphony Orchestra

Mirga Gražinytė-Tyla | Weinberg • Strawinsky • Tschaikowskij

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Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

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Durch die gläserne Decke

Mirga Gražinytė-Tyla

Im Künstlerporträt, das die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Mirga Gražinytė-Tyla in dieser Saison widmet, dirigiert die litauische Dirigentin am Pult „ihres“ City of Birmingham Symphony Orchestra Werke von Weinberg, Strawinsky, Tschaikowskij und Brahms.

Wer noch immer denkt, ein Dirigent müsse ein großer grauhaariger Maestro sein, sollte sich Mirga Gražinytė-Tyla ansehen und noch einmal darüber nachdenken. Seit sie 2016 erstmals in ihrer Funktion als neue Musikdirektorin ans Pult des City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) getreten ist, gilt die junge Litauerin als Aushängeschild für all jene Frauen, die eine der dicksten gläsernen Decken der Klassikszene durchbrechen. „Es hat ein großer Wandel stattgefunden und findet immer noch statt“, sagt Gražinytė-Tyla. „Das ist eine Tatsache und verändert natürlich unser kollektives Bewusstsein. Darüber bin ich sehr froh.“

Die 1986 in Vilnius geborene Dirigentin trat in Birmingham in die Fußstapfen ehemaliger CBSO-Musikdirektoren wie Sir Simon Rattle und Andris Nelsons und wurde rasch zu einer der beliebtesten Musikerinnen im Vereinigten Königreich. Die Briten hatten Schwierigkeiten mit der Aussprache ihres langen Familiennamens – sie selbst hat das „Tyla“, Litauisch für „Stille“, hinzugefügt –, fanden aber im Handumdrehen eine Lösung und nannten sie einfach Mirga.
Gražinytė-Tyla brachte frischen Wind in die Programmgestaltung des CBSO, indem sie beispielsweise den berühmtesten litauischen Komponisten und Maler, Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, in den Fokus nahm oder auch die britische Komponistin des 20. Jahrhunderts Ruth Gipps, einst Oboistin des CBSO. Sie brachte anspruchsvolle neue Werke nach Birmingham, darunter die Symphonie „Exterminating Angel“ von Thomas Adès, und begeisterte das Publikum etwa auch mit einer konzertanten Aufführung von Janáčeks Oper „Das schlaue Füchslein“. Ein Gramophone Award für die Einspielung der Symphonien Nr. 2 und 21 von Mieczysław Weinberg wurde zu einem besonderen Erfolg für das Orchester.

Musik von Weinberg ist es auch, die Mirga Gražinytė-Tyla am Pult des CBSO ins Zentrum eines ihrer Porträt-Konzerte im Musikverein stellt: die Symphonien Nr. 3 und 4, neben Musik von Tschaikowskij und Strawinsky. Es ist nicht das erste Mal, dass sie Weinberg in den Musikverein bringt. Bereits 2015, damals mit Gidon Kremer und seinem Kammerorchester Kremerata Baltica im Rahmen der Wiener Festwochen, war Gražinytė-Tyla für zwei Konzerte zu Ehren des Komponisten hier. „Es war eine unglaubliche Erfahrung bei der Anspielprobe, wie diese Musik, die wir gerade noch woanders gespielt und genossen hatten, hier auf ganz andere Weise in den Raum getragen wurde, in welch reicher Fülle und Sanftheit“, erinnert sie sich.

Im vergangenen Jahr gab Mirga Gražinytė-Tyla überraschend bekannt, das Amt der Musikdirektorin des CBSO mit Ende der Saison 2021/22 niederzulegen. Sie wird dem Orchester jedoch als Erste Gastdirigentin verbunden bleiben. „Es ist eine persönliche Entscheidung, die in dieser Phase meines Lebens genau die richtige für mich ist“, sagt Gražinytė-Tyla. „Wir haben mit dem CBSO viele Träume geträumt, und wir träumen immer noch, aber ich werde weniger an Bord sein, um an der Verwirklichung zu arbeiten. Ich würde gerne weitermachen, aber ich spüre, dass es der richtige Schritt für mich ist, im Moment keine Musikdirektorin zu sein. Es ist ein großes Geschenk, aber auch eine große Verantwortung.“

Mirga Gražinytė-Tyla wuchs in einer Musikerfamilie auf. Sie träumte zunächst davon, Liedsängerin zu werden, und studierte Gesang sowie auch Chorleitung an der berühmten Čiurlionis-Schule in Vilnius, an der viele der berühmtesten Künstler Litauens ausgebildet wurden. Sie lernte auch Klavier und Violine, was ihr nicht zuletzt später während ihrer Studien an der Musikuniversität Graz zugute kam.
In ihrem Heimatland erlebte sie eine Zeit raschen Wandels. Litauen wurde als erster der baltischen Staaten 1990 von der UdSSR unabhängig, 2004 trat das Land der EU bei. Das Tempo des politischen Wandels und auch die dadurch ausgelösten Unruhen waren enorm. Langsamer veränderten sich hingegen die unter dem alten Regime etablierten Denkweisen. „Nicht jedes Land hat sich in den vergangenen dreißig Jahren so stark verändert wie die drei baltischen Staaten und einige andere ehemalige Sowjetländer, denen auch noch einige Arbeit bevorsteht“, betont Mirga Gražynitė-Tyla. „Nach einer Zeit, in der wichtige Werte wie dein freier Wille, menschliche Achtsamkeit und Verantwortung für das Leben – deine Entscheidungen, deine Kultur, deine Sprache und mehr – von einer Macht kontrolliert wurden, die diesen Werten nicht immer freundlich gesinnt war, braucht es wirklich viel Zeit, um wieder gesund zu werden.“
Obwohl ihre musikalische Ausbildung in Litauen technisch gründlich gewesen sei, erklärt sie, „war sie nicht darauf ausgelegt, das kritische Denken zu schulen und die Kreativität zu fördern“. Ganz anders in Graz: „Es war einer der seltsamsten Kontraste, die ich je erlebt habe, denn von diesem völlig geordneten und sehr strengen System kam ich von heute auf morgen in ein ,Es ist ganz wie du willst, es liegt in deinen Händen und in deiner Verantwortung‘.“ Diese plötzliche Freiheit wirkte fast wie ein Schock auf sie. „Ich musste viele Jahre lang hart daran arbeiten – manchmal muss ich es immer noch –, mir selbst, meinem Verstand, meinem wachsenden Verständnis und Bewusstsein und damit auf meine Fähigkeit zu vertrauen, Wahlmöglichkeiten zu erkennen und Entscheidungen für mein eigenes Leben zu treffen.“ In Interviews wählt sie ihre Worte nach wie vor sehr sorgfältig.

Die Karriere Mirga Gražynitė-Tylas entwickelte sich schnell; sie erhielt Positionen an den Opernhäusern in Heidelberg und Bern, dann wurde sie Musikdirektorin am Salzburger Landestheater. Ihre Berufung nach Birmingham schien der Durchbruch zu sein. Doch das war vor der Pandemie, die das CBSO zu einem besonders unglücklichen Zeitpunkt traf: 2020 war das Jahr seines hundertjährigen Bestehens, es waren zahlreiche Jubiläumsveranstaltungen geplant. „Es war sehr schwierig“, sagt Gražinytė-Tyla. „In den ersten acht Monaten gab es überhaupt keine Konzerte. Ich habe das Orchester von März bis November 2020 nicht persönlich gesehen. Natürlich haben wir viel online gemacht, aber es war ein sehr langer Zeitraum, und wir haben viel von unserer Hundertjahrfeier verloren. Jahrelang hatten wir für diese Zeit und für Tourneen geplant. Ich trug also die Trauer mit dem CBSO, die immens war. Auf der anderen Seite genoss ich mehr Zeit mit meiner Familie.“

Mirga Gražinytė-Tyla lebt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Salzburg – und es sind die Kinder, sagt sie, die den Schlüssel zur Zukunft der Musik in Händen halten. Nur wenn wir den Kindern die Musik nahebringen – je früher, desto besser –, kann es gelingen, die Bedeutung der Musik in unserer Gesellschaft zu bewahren. „Wenn wir an ihre Zukunft denken, ist es das Beste, wenn wir uns mehr und mehr in diese Richtung wenden. Je mehr Liebe wir in den Herzen der Jüngsten entfachen können, desto eher werden wir später die Früchte ernten.“

Jessica Duchen
Jessica Duchen, Musikpublizistin und Autorin in London, schreibt für die Tageszeitung „The Independent“. Sie veröffentlichte Bücher über Gabriel Fauré und Erich Wolfgang Korngold sowie eine Reihe von Romanen und Theaterstücken.

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