Mon 29. November 2021

19:30 Großer Saal, Musikverein

Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma

Sir Antonio Pappano | Brahms • Sibelius

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Belcanto am Dirigentenpult

Sir Antonio Pappano  

„Die nördliche Tanne träumt von der Palme des Südens“, notierte Jean Sibelius in den Vorarbeiten zu seiner Ersten Symphonie. Der Traum wird jetzt auf eigene Weise wahr, wenn Sibelius’ Erste mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom unter Sir Antonio Pappano erklingt. Der Traum vom Süden – in der Musik meint er vor allem die Sinnlichkeit des Gesangs.

Ja, er ist nun mal Italiener und wird und will es nie leugnen, auch wenn er in England geboren ist und als solcher Engländer, zudem auch noch  aufgewachsen in Amerika – das alles wird irgendwie unwichtig vor seiner Erscheinung: star-unbewusst und unkonventionell, immer nur an und in der Sache, ob er dirigiert, Klavier spielt, Musik durch Erklärung vermittelt – oder „singt“ ... Das heißt: Sir Antonio Pappano weiß, wie Singen geht, der aus Italien stammende Vater war Gesangslehrer – wie könnte das an dem hochbegabten Sohn vorbeigegangen sein?
Also: Er ist kein Sänger, kann aber als ein solcher fühlen und daher mitfühlen, mitatmen wie nur noch wenige heutzutage – was in der Zeit der Dirigierlegenden absolute Bedingung war. Alle Großen der Gesangskunst von heute wollen denn auch Sir Antonio bei sich haben, am Pult oder am Klavier, in Oper, Konzert oder im Aufnahmestudio: Jonas Kaufmann, die Gheorghiu, Alagna, Domingo, die DiDonato, Ian Bostridge oder die Netrebko – um nur einige der Berühmtheiten zu nennen, die sich ihm anvertrauen.
Was steckt hinter dieser Persönlichkeit? Eine wunderbare Mischung: Alles Britische versetzt er mit italienischer Grandezza, sodass es in seiner Eigenheit durch den Gegensatz leuchtet, andererseits durchdringt sein italienisches Wesen der britische „taste“, ein selbstverständliches Stilbewusstsein. Und gerade das macht die Musik des Antonio Pappano aus. Natürlich offenbart sie sich in der Oper, zumal der italienischen, am fulminantesten. Er ist der Inbegriff des Kapellmeisters par excellence – so auch sein Werdegang: von frühauf Klavier, Komposition, Dirigieren, Assistenzen (Barenboim, Gielen) und dann die Stationen: Chef in Oslo, Brüssel, London – überall Inbegriff der Solidität. Nicht umsonst ist er unentbehrlich für die Londoner Opernhochburg in Covent Garden, der er seit zwei Jahrzehnten vorsteht. Und jetzt wartet eine weitere Londoner Spitzenposition auf ihn: Als Nachfolger von Sir Simon Rattle wird Pappano die Chefdirigentenstelle beim London Symphony Orchestra übernehmen.

Vielleicht ist seine Liebe zum Gesang sein Ur-Geheimnis, ein offenes, das er mit allem Humor immer wieder einsetzt. Ja, Humor, Direktheit, der köstliche Macher-Instinkt, der auch viel Unmögliches möglich macht, der zeichnet ihn aus. Wo andere grübeln, macht er lieber gleich Musik; und wenn er sie erklärt, öffnet er den Kosmos seines Wissens völlig unverkrampft, doch passioniert, wobei er komplizierte Zusammenhänge greifbar „übersetzt“. Man spürt sein hermeneutisches Talent, die verschiedenen Welten qua Sprache ebenso zu vermitteln wie durch Musik.
Niemals kann man Pappano völlig festlegen auf ein Fach, einen Stil, ein Genre – außer aufs Gesangliche, aufs Singen. Und natürlich ist er in der Oper der Matador: Das ganze große italienische Repertoire ist dokumentiert in seinen Realisationen, sozusagen heute ein Qualitätssigel für italienische Belcanto-Oper. Das aber ist nicht alles, er steht neben der Italianità auch für einen aufgeklärten, einen sinnlichen Wagner, wie nicht nur seine „Meistersinger“ beweisen. Die zweite Seele jedoch wohnt in der absoluten Musik bei Pappano, beim Konzertdirigenten, als den wir ihn in Wien erleben dürfen mit „seinem“ Konzertorchester, dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom, das natürlich die Oper, das „Cantando“, ins symphonische Werk mitnimmt. Bei Pappano hat auch das Sprödeste eine gewisse Kulinarik. Sein Repertoire ist zwar groß, symphonische Aufnahmen im Vergleich gibt es jedoch bis heute nur wenige.

Geradezu symbolisch, dass Sir Antonio ausgerechnet Mahlers „Tragische“, die Sechste, wie ein Bekenntnis aufgeführt und aufgenommen hat – ein allzu oft als unbesteigbares Gebirge verschrieenes Opus. Pappanos Zugriff zeigt seine ganze Eigenart. Er macht nämlich gerade keinen expressionistischen Tiefschlag daraus, indem er sich auf die Ausspielung der rabiaten Extreme setzt; er sucht vielmehr die Klassizität der Form, wo sie sich zeigt; er lässt das polyphone Moment Orientierung schaffen, und – wie könnte es anders sein – entdeckt auch die Hand des Operndirigenten Mahler, gestaltet gleichsam szenische Momente so klangsinnlich, dass man die große Belcanto-Oper hört, die Mahler ein Leben lang mit aller Intensität dirigiert hat. Diesen vielleicht gar mediterraneren Mahler hat Pappano in einem grandiosen römischen Mahler-Zyklus entwickelt. Dass dieser Opernmeister Sir Antonio auch dem Neuen jederzeit offen ist, zeigt unter anderem die zwingende Realisation von Peter Eötvös’ bestürzendem Opus für die Opfer unter den Flüchtlingen, die Italiens Grenze erreichen wollten: „Alle vittime senza nome“ – der Italiener Pappano ist dafür der authentische Interpret.
Das Wiener Programm der italienischen Gäste ist ganz und gar symphonisch, und unter Pappanos Stabführung umso spannender; denn wir dürfen nun auch hier mediterrane Aufklarung der großen Grübler erwarten: Brahms und Sibelius. Das erste Klavierkonzert von Brahms ist eine verhinderte Symphonie, wie man weiß. Hier geht es nicht explizit um die Dialektik von Süd und Nord, sondern um die geheime Offenbarung der Sinne – und so mag Daniil Trifonov mit Pappano auch hier den versteckten Liebesgesang offenbaren: „ein sanftes Porträt von Dir“ – so das berühmte Brief-Zitat von Brahms an Clara Schumann, wenn der Komponist im zweiten Satz die ewige, nie erreichte Geliebte meint und das Thema aus ihr entfaltet. Bei Pappano kann diese Spannung zum Ereignis werden, weil hier Brahms’ Gesang auf reflektiertestem Niveau zu sich kommt.
Und Sibelius? Sir Antonio wählt die Erste. Das ist eben noch nicht jener Sibelius, noch nicht der schwerblütige Hymniker mit Endmoränenqualität – hier, in dieser Ersten, ist Sibelius im Gespräch mit der symphonischen Tradition und modifiziert sie für sich, zumal er bis 1898 nur programmatisch gearbeitet hatte in Tondichtungen nach Motiven der mythischen Dichtung seiner Heimat. Zuerst war auch diese Symphonie als viersätziges Tonpoem geplant, wurde aber dann, übrigens während eines Berlin-Aufenthalts, vom Komponisten verworfen, der nun radikal „absolut“ sein wollte ohne stoffliche Bindung, also poetisch nur aus sich selbst bei strikter formaler Logik.
Gerade das kommt Sir Antonio entgegen, auch hier auf das innere Lied des großen Melodikers Sibelius zu zielen. Geradezu symbolisch, dass der zweite Satz der Ersten Symphonie im verworfenen programmatischen Konzept so lautete: „Die nördliche Tanne träumt von der Palme des Südens“ – und dazu notiert der Komponist das Stichwort „Heine“, gemeint ist Heines berühmtes Gedicht vom „Fichtenbaum“, das als Inbegriff der Liebesaporie um die romantische Welt ging und hundertfach vertont wurde, auch von Grieg und Liszt: „Ein Fichtenbaum steht einsam/ Im Norden auf kahler Höh’./ Ihn schläfert; mit weißer Decke/ Umhüllen ihn Eis und Schnee.// Er träumt von einer Palme,/ Die, fern im Morgenland,/ Einsam und schweigend trauert/ Auf brennender Felsenwand.“

Mit Sir Antonio Pappanos Interpretation könnte dieses Urkonzept wundersam wieder aufleuchten, nun auch in dialektischer Umkehr: „Die Palme des Südens träumt von der nördlichen Tanne ...“ Wir dürfen ein spirituelles Abenteuer erwarten: unter den Händen von Sir Antonio Pappano.

Georg-Albrecht Eckle

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