Sun 13. March 2022

19:30 Großer Saal, Musikverein

Wiener Symphoniker

Philippe Herreweghe | Beethoven • Schumann

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Im Herzen ein Sänger

Philippe Herrweghe

Philippe Herreweghe dirigiert erstmals die Wiener Symphoniker. Zwei Schlüsselwerke des klassisch-romantischen Repertoires hat er sich dafür ausgesucht – Musik, die er auf seine Weise zum Sprechen bringt. Ein Porträt des großen „Klangredners“, der im Mai sein 75. Lebensjahr vollendet.

Der „Barockspezialist“, als den man ihn vielfach etikettiert, wollte er nie sein. Allerdings zählt er zu den wichtigsten Pionieren in der zweiten Generation der historischen Aufführungspraxis, die in der Nachfolge von Nikolaus Harnoncourt unsere Hörgewohnheiten verändert haben. Harnoncourts enger Verbündeter, der Cembalist Gustav Leonhardt, war das Idol seiner Jugend. Philippe Herreweghe, geboren 1947 in Gent, hat denn auch mit seinen eigenen Originalklangensembles – dem Collegium Vocale Gent und La Chapelle Royale – ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Neuinterpretation von „sprechender“ Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts mitgestaltet. Dass er sich darauf nicht beschränken wollte, hat man bis heute nicht in vollem Umfang wahrgenommen – und man hat es ihm anfangs mitunter auch nicht zugestanden. So kam es, dass eine Darbietung von Beethovens Neunter, die Herreweghe 1998 mit seinem für die Musik des frühen 19. Jahrhunderts gegründeten Orchestre des Champs-Élysées im Goldenen Saal gestaltete, mit Buh-Rufen bedacht wurde.

Eine solche Reaktion kann man heutzutage wohl ausschließen. Und seinem aktuellen Auftritt mit den Wiener Symphonikern, bei dem mit Beethovens Fünfter und Schumanns Cellokonzert zwei Meilensteine des klassisch-romantischen Repertoires auf dem Programm stehen, kann man mit freudiger Erwartung entgegensehen. Der Meister der Klangrede ist mit seinem Wissen ja längst auch bei den großen Symphonieorchestern höchst gefragt. So waren etwa die Wiener Philharmoniker bereits in den 1990ern neugierig auf die Zugänge, die Herreweghe anzubieten hatte. Und dieser wiederum ist selbstverständlich in der Lage, mit den jeweiligen Fähigkeiten eines Orchesters, mit seinem individuellen Klangprofil und seiner Spieltradition, zu einem eigenständigen Ergebnis zu gelangen.
Herreweghes Beethoven besticht auch in der Ausführung auf traditionellem Instrumentarium mit lebendigen Tempi, die einem natürlichen Atem entspringen, mit markanten Akzenten und einem höchst transparenten Klangbild voll von subtilen Details, das fein ausgehörte solistische Passagen genussvoll zur Geltung kommen lässt – etwa im betörenden Diskurs der Holzbläser im zweiten Satz von Beethovens Fünfter. In dieser Interpretation geht nichts verloren, was der Komponist an Feinheiten in der Partitur notiert hat, und selbst im Klangrausch eines Beethoven’schen Finales kommen die Einwürfe des Piccolo gestochen scharf zur Geltung.

Offen bleibt die Frage, warum die bemerkenswerte Repertoirevielfalt, die Philippe Herreweghe nun schon über Jahrzehnte entfaltet – und die er seit 2010 auch auf seinem eigenen Plattenlabel „phi“ dokumentiert – noch immer zu wenig gewürdigt wird. Sein persönlicher Werkkatalog reicht bis in die Gegenwart. So hat er etwa 1992 in Brüssel Pascal Dusapins Oper „Medeamaterial“ aus der Taufe gehoben; der Komponist hatte die Partitur eigens für das Collegium Vocale Gent und La Chapelle Royale konzipiert. Von Orlando di Lasso bis Gustav Mahler, von Josquin bis Mendelssohn, von Bach über Beethoven und Brahms bis Bruckner hat er die Musikgeschichte im Klangbild der jeweiligen Epoche praktisch erforscht und dabei auch das Schaffen von Hector Berlioz und Igor Strawinsky sowie eine Rarität wie das „Berliner Requiem“ von Kurt Weill in den Blick genommen, hat mit Schönbergs Kammersymphonie Opus 9 überdies die Schnittstelle zur Atonalität ausgelotet.

Vielleicht liegt es daran, dass dieser feinsinnige, hoch gebildete Musiker so gar keine Neigung zu verspüren scheint, sich populär zu geben. Die Auswahl der Stücke, mit denen er sich beschäftigt, erfolgt nach strengen Kriterien. Der vokale Aspekt ist dabei ganz zentral. Er ist davon überzeugt, dass die Musik jeder Zeit zu uns „spricht“ – weil er in seinem Herzen ein Sänger ist. Der Chorgesang begleitet den Jesuitenzögling seit seiner Kindheit, und schon als Halbwüchsiger hatte er begonnen, seinen Schulchor selbst zu dirigieren. Nach seiner Ausbildung auf Tasteninstrumenten – Klavier, Cembalo und Orgel – hat er am Beginn seiner professionellen Laufbahn 1970 als Erstes einen Chor aufgebaut. Nach einer Aufführung von Bachs „Johannespassion“ in Amsterdam erhielt er mit seinem Collegium Vocale Gent die höheren Weihen: Nikolaus Harnoncourt und Gustav Leonhardt luden ihn ein, an der legendären Gesamteinspielung der Bach-Kantaten mitzuwirken.

„Auch für ein Orchester sind die Gesangslinien zentral“, postuliert Herreweghe, der zwischen der Arbeit eines Chordirigenten und eines Orchesterdirigenten allenfalls einen technischen Unterschied sieht. Was den künstlerischen Anspruch betrifft, komme es allein darauf an, die Botschaft der Musik zu erfassen: was das jeweilige Werk zur Zeit seiner Entstehung bedeutet hat und was seine Aussage für unsere Gegenwart ist. Der Weg, das zu ergründen, führt für Philippe Herreweghe allemal über die Artikulation – sei es nun jene der Textworte oder jene der Noten.

Was Herreweghes Interpretationen darüber hinaus unverkennbar macht, ist seine Affinität zu geistlicher Musik. Sie verleiht seinem Musizieren einen grundsätzlich sakralen Anspruch, der einen gewissermaßen keuschen Zugang zum Repertoire bedingt. Als Operndirigent ist er zum Beispiel kaum in Erscheinung getreten. Von Barockopern hat er sich sogar distanziert. Im Vergleich zum polyphonen Reichtum barocker Sakralmusik schienen ihm selbst Händels szenische Meisterwerke arm an Substanz. Und dem Etikett vom „Barockspezialisten“ pflegt er mit dem Hinweis entgegenzutreten, dass er sich mit zentralen Größen wie Händel und Vivaldi gar nicht umfassend auseinandergesetzt habe. Das sei einfach nicht seine Welt. „Ich liebe metaphysische Musik“, formuliert er sein persönliches Hauptkriterium: „Für mich sind Bach, Schütz und Bruckner eine Welt. Mit anderen Harmonien natürlich, aber eigentlich sind das Variationen über ein Thema.“

Höchst selektiv war Herreweghe nicht zuletzt bei seiner Beschäftigung mit Mozart. Zwar hat er sich gerade in letzter Zeit mit den drei letzten Symphonien auseinandergesetzt, doch insgesamt nehme Mozart in seiner Arbeit keine prominente Stellung ein, wie er auf der Internetplattform „concerti“ kürzlich zu Protokoll gab: „Verglichen mit seinen frühen Symphonien finde ich Haydn eigentlich interessanter.“

Das unvoreingenommene Denken, dem sich Philippe Herreweghe so konsequent verschrieben hat, verdankt sich wohl auch der Tatsache, dass er aus Flandern stammt – einer Region, die keine so ausgeprägte gewachsene Musiziertradition aufweist und somit eine andere schöpferische Freiheit ermöglicht. Nicht von ungefähr hat sich gerade hier im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts ein maßgeblicher Zweig jener neuen Originalklangbewegung entwickelt, die die Musik jeder Epoche hinsichtlich ihrer authentischen Klanggestalt befragt.

Dass er eine Laufbahn als Berufsmusiker einschlagen würde, war übrigens keine ausgemachte Sache. Als Sohn eines Arztes hat er parallel auch ein Medizinstudium absolviert und eine Fachausbildung in Psychiatrie abgeschlossen. Die Frage nach dieser Qualifikation ist in Interviews naturgemäß beliebt, und Herreweghe pflegt darauf mit unterschiedlichen launigen Kommentaren zu reagieren. „Man fragt mich oft, ob ich die Leute besser manipulieren kann“, hat er da etwa geantwortet. Doch mit solchen Methoden aus dem Fundus der „Musikdiktatoren“ hat er selbstverständlich nichts im Sinn. „Die Schönheit muss von den Musikern selbst kommen“, plädiert er für das harmonische Miteinander. „Bei einer Mahler-Symphonie kann man sich vielleicht noch vorstellen, dass die Musik Illustration einer sicheren gesellschaftlichen Ordnung ist, mit einem Chef. Aber in der Alten Musik geht das nicht. Da muss der Dirigent den stilistischen Rahmen vorgeben, und den Musikern in ihrer Praxis vollkommene Freiheit lassen.“

Monika Mertl
Prof. Monika Mertl, Kulturpublizistin in Wien, ist Autorin der Biographien von Nikolaus Harnoncourt (Vom Denken des Herzens) und Michael Heltau (Auf Stichwort).

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