Sat 09. October 2021

19:30 Großer Saal, Musikverein

Wiener Symphoniker

Benjamin Britten

The presale for members starts at 9am on 16.08.2021

General advance ticket sale starts at 9am on 18.08.2021

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Remarks

Keine Pause.
Der Dirigent wird zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

 

Available concerts with this programme

SUN, 10. October 2021 19:30

 

Joana Mallwitz

Der Musikverein widmet ihr ein Porträt – mit drei Programmen und Gesprächen. 

Zu den Konzerten

„Die Musik rettet einen immer“

Zum Reden über Musik geht die Dirigentin diesmal in den Wald. Recht deutsch und romantisch schaut’s hier aus, Kiefern und Fichten, fahles Licht. Das richtige Ambiente für Beethovens „Pastorale“? Beethoven, sagt die Dirigentin, komponiere in seiner Sechsten Symphonie, „wie die Natur wächst“: aus klingenden „Samenkörnern“ baue er Motive, Themen, ganze Sätze. Mal springt die Musikerin zur Erläuterung an den Flügel, mal sieht man sie dirigieren. Und wenn es zum zweiten Satz kommt, zur „Szene am Bach“ mit ihrem Vogelgezwitscher, dann tanzen den Bläsersolisten Nachtigallen, Wachteln und Kuckucke auf den Schultern und Köpfen herum – lustig gezeichnet und animiert. Der Kuckuck, strahlt die Dirigentin, rufe bei Beethoven in einer großen Terz, kuck-kuck, nicht in einer kleinen, wie es die Tradition verlangt hätte; und Gustav Mahler mache daraus 80 Jahre später sogar eine Quarte! 
Spielerischer, anschaulicher, witziger lässt sich der musikalische Fortschritt im 19. Jahrhundert nicht auf den Punkt bringen. Und Beethovens rebellischer Geist auch nicht.
Die Dirigentin heißt Joana Mallwitz, und natürlich ist ihr bewusst, dass das Reden über Musik eine heikle Sache ist. Zumal sie nicht wirklich im Wald steht, sondern auf der Bühne des Staatstheaters Nürnberg vor einem gemalten Waldprospekt. „Videorundgang“ nennt der Bayerische Rundfunk dieses digitale Format, das sich in doppelter Weise Mallwitz verdankt. Weil sie es zu Beginn des ersten Corona-Lockdowns in Deutschland mit entwickelt hat – und weil das Ganze auf eine Idee aus seligen Prä-Corona-Zeiten zurückgeht: auf die „Expeditionskonzerte“, mit denen Mallwitz schon in ihrer Zeit als Generalmusikdirektorin in Erfurt Furore machte. Am Pult und am Klavier, vor versammeltem Publikum und Orchester, fegt sie zu Beginn des Konzerts einmal durch die Partitur, erzählt, erläutert, erklärt, beleuchtet Stellen und Stimmen, lässt spielen und vorspielen. Immer charmant, überraschend direkt und ohne sich anzubiedern. „Wenn Ihnen diese zehn Takte eingefallen wären“, fragt sie zu Brahms’ Erster Symphonie in den Saal, „wie würden Sie weitermachen?“ Das Publikum staunt, lacht und gluckst. Anderthalb Stunden und eine federnde, feurige Brahms-Interpretation später stehen die Leute dann auf den Stühlen. 
So extrovertiert das anmutet, so diskret bleibt Mallwitz. Mit Worten, das lässt sie schon auch durchblicken, ist dem Geheimnis der Musik nicht beizukommen. Das löst sich, wenn man Glück hat, nur im Machen. Wobei die 34-Jährige das Dirigieren eher als ein notwendiges Übel betrachtet denn als willkommene Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. Das merkt man ihrem tatendurstigen Schritt, ihrer frohen Ausstrahlung auf dem Podium zwar nicht an; formulieren aber kann sie es: „Mich vor vielen Leuten emotional zu öffnen und spontan zu sein macht mir eigentlich Angst“, sagt sie – „und passt mit dem Beruf überhaupt nicht zusammen.“ 
Dirigieren als Frage der permanenten Selbstüberwindung? 
An Tagen, an denen sie Vorstellung habe, könne sie kaum sprechen, erzählt Mallwitz, so krank fühle sie sich. Wenn sie dann aber vor dem Orchester stehe und den ersten Einsatz gebe, fühle sich das an wie eine Befreiung. „Die Musik rettet einen immer“, gesteht sie 2018 in einem Interview. Geahnt hat das wohl bereits die Zwölfjährige. Da wird sie am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter in Hannover angenommen und ist überglücklich, dass es noch andere Menschen auf der Welt gibt, die sich wie sie für nichts so brennend interessieren wie für Gehörbildung, Kontrapunkt und Harmonielehre. In ihre Partitur von Schuberts „Unvollendeter“ notiert sie ein Jahr später: „Das ist hoffentlich das erste Stück, das ich später dirigieren werde.“ Und so oder so ähnlich kommt es dann auch. 

Mallwitz’ Biographie liest sich makellos, wie aus dem Bilderbuch. Geboren in Hildesheim, früher Klavier- und Geigenunterricht, dann das IFF (wo sie auf den gleichaltrigen Igor Levit trifft, mit dem sie bis heute befreundet ist) und Studienjahre bei Martin Brauß (Dirigieren) und Karl-Heinz Kämmerling (Klavier). 2006 folgt die „Ochsentour“: Sie geht ans Theater, in die sogenannte Provinz, und dient sich hoch, von der Solo-Repetitorin über die Kapellmeisterin bis zur ersten eigenen Chefstelle, Heidelberg, Erfurt, Nürnberg heißen die Stationen. Sie springt ein, oft spektakulär, und gastiert, auch international, sie lernt und scheitert, sammelt Erfahrungen, alles vor Publikum, da Dirigenten nun einmal nicht üben können. Den Rest der Zeit „frisst“ sie Repertoire, wie sie sagt, am liebsten das deutsche, romantische und das neue, zeitgenössische, den Kopf in den Noten, unzählbare Stunden, forschend, hadernd, rätselnd. 
Die ganz normalen Machtkämpfe und Intrigen des Theaterbetriebs konfrontieren sie auch mit ihrer eigenen Naivität. Bis heute ist Joana Mallwitz davon überzeugt, dass Führungspersönlichkeiten vor allem den „Inhalt“ denken müssen – und der Rest sich füge. Der Erfolg, so scheint es, gibt ihr recht. Seit 2018 ist sie als Nachfolgerin von Christian Thielemann, Eberhard Kloke und Marcus Bosch Generalmusikdirektorin in Nürnberg. Ihren Einstand dort gibt sie mit Wagners „Lohengrin“, aber sie studiert auch Prokofjews „Krieg und Frieden“ neu ein und Monteverdis „Orfeo“, dirigiert in Frankfurt „Salome“ und Gabriel Faurés „Pénélope“ – um im Sommer 2020 schließlich als eine der ersten Frauen bei den Salzburger Festspielen zu dirigieren; Mozarts „Così fan tutte“ steht auf dem Programm, in einer Pandemie-verträglichen Zweieinhalbstundenfassung. Mit Verve und Eleganz geht Mallwitz ans Werk, gleich beim ersten Akkord hört man, was sie dafür alles „gefressen“, ja tiefeninhaliert hat: den Wiener Mozart-Ton und die rhetorische Schule eines Nikolaus Harnoncourt, historisch Informiertes ebenso wie eine gewisse Klangsinnlichkeit. Der Puls dieser Salzburger „Liebesschule“ ist hoch, auch weil Mallwitz sich mit Mozart von Nummer zu Nummer neu Rechenschaft ablegt über den Wankelmut der Gefühle, die echten und die falschen Paare, das Spiel mit und ohne Masken. Jubelnde Kritiken. 

Sichtbar bleiben, weiterspielen, nicht aus der Übung geraten – so lautet Mallwitz’ Credo in der Corona-Krise (daher auch die Videorundgänge mit dem BR). Auf Dauer steht sie dem Digitalen mit seinen Streaming-Angeboten allerdings eher skeptisch gegenüber. Kulturelle Notversorgung ja, aber vollgültiger Ersatz? Opernaufführungen und Live-Konzerte seien „Orte der Überwältigung“, sagt sie, und per se „körperliche Unterfangen“. Diese Körperlichkeit gelte es zu bewahren. 
Für ihre Porträt-Konzerte im Musikverein hat Joana Mallwitz gemeinsam mit der Gesellschaft der Musikfreunde Werke von Britten, Strawinsky, Alban Berg und Schubert ausgewählt: eine Antikriegsmusik („War Requiem“), eine Feier des Rhythmus und der Polytonalität („Le Sacre du printemps“), ein Frauenleben („Lulu“-Suite) und Schuberts letzte große romantische Symphonie (in C-Dur, D 944), allesamt Stücke am Scheideweg. Wir haben die Wahl, sagen diese Programme, nutzen wir sie! 

Christine Lemke-Matwey