Wed 27. January 2021

10:00 Gläserner Saal / Magna Auditorium, Musikverein

Studierende der mdw

Evviva Verdi! | Aufführung ohne Publikum

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Artists

Programme

Evviva Verdi! Giuseppe Verdi Vorspiel zur Oper „La Traviata“; arrangiert von Stefan Potzmann Brindisi: Libiamo aus der Oper „La Traviata”; arrangiert von Roe Goodman „Parigi o cara“ aus der Oper „La Traviata“; arrangiert von Stefan Potzmann Giuseppe Verdi / Luigi Bassi Konzertfantasie nach Themen aus der Oper „Rigoletto“ für Klarinette und Klavier Giuseppe Verdi Notturno „Guarda che bianca luna“ Scherzo (Schlussfuge) aus „Falstaff“; bearbeitet von Ross Hastings Ouvertüre zur Oper „La forza del destino“ („Die Macht des Schicksals“); arrangiert von Stefan Potzmann Non t’accostare all’urna Il mistero Lo spazzacamino Albert Franz Doppler / Karl Doppler Rigoletto-Fantaisie für zwei Flöten und Klavier, op. 38

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Remarks

Aufführung ohne Publikum!
Das Konzert wurde am 27. Jänner 2021 ab 20.00 Uhr unter https://mediathek.mdw.ac.at gestreamt.

 

Vom Stolz und einer alten Wunde  

Giuseppe Verdi

„Evviva Verdi!“ Der Gruß, mit dem Schüler des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien Giuseppe Verdi 1875 willkommen hießen, ist – exakt 120 Jahre nach Verdis Tod – Titel eines geplanten Programms mit Studierenden der mdw. Dass Verdi ausgerechnet mit dem Conservatorio „Giuseppe Verdi“ in Mailand zeitlebens auf Kriegsfuß stand, ist eine seltsame Geschichte. Walter Weidringer erzählt sie.

„Sorgen wir dafür, dass sich diese Idee in Luft auflöst“, schreibt der 84-jährige Giuseppe Verdi am 13. August 1898 grimmig seinem Verleger und Freund Giulio Ricordi. Dabei könnte man es als eine enorme Ehre ansehen, dass das Mailänder Konservatorium fortan den Namen des größten Komponisten des Landes über seine Tore schreiben möchte, auf Diplome und Siegel, auf Briefköpfe, Visitenkarten und Einladungen.  Eine Ehre also – eine Ehre? Für wen, den Mann, die Institution – oder beide? Wobei: Ist nicht der Mann längst selbst zur Institution geworden, als weltweit verehrter Künstler, durch seine kurzzeitige politische Tätigkeit, als nationale Integrationsfigur? Welche Ehre? „Che onore? che onor? Che onor! che ciancia!“ Was für ein Geschwätz! „Che baia!“ Welch Hohn! So ereifert sich der freilich exemplarisch heruntergekommene Ritter Falstaff, den Giuseppe Verdi fünfeinhalb Jahre zuvor nach den hochliterarischen Versen Arrigo Boitos als seinen letzten Titelhelden auf die Opernbühne geschickt hat – eine komische Figur deshalb, weil die Tragik in ihr fühlbar wird. Nein, die Ehre kann einem weder den Wanst füllen noch ein Bein einrenken, keinen Fuß, keinen Finger, nicht einmal ein Härchen. Sie ist nur ein Wort. „Che c’è in questa parola? C’è dell’aria che vola“: ein Lufthauch, der verweht.

„Attentat auf meine Existenz“

„‚Conservatorio Giuseppe Verdi‘ ist ein Missklang!“, fährt der Komponist in seiner kleinen brieflichen Tirade fort. Er verwendet den raren Begriff „stonazione“. Damit ist nicht etwa eine bloße Dissonanz gemeint, also ein Spannungsakkord, welcher der Musik bekanntlich erst ihre Würze verleiht, sondern ein richtiggehend falscher Ton, ein Danebengreifen auf der Tastatur, eine quälende, schrill verfehlte Note. „Ein Konservatorium, das (ich übertreibe nicht) ein Attentat auf meine Existenz verübt hat, und ich muss mein Leben lang versuchen, dieser Erinnerung zu entfliehen.“  Was, die Bildungsstätte habe einen Anschlag auf ihn ausführen wollen? Blicken wir zurück. Am 9. Juli 1832 wird Giuseppe Verdi zur Aufnahmeprüfung am Konservatorium von Mailand zugelassen, der Hauptstadt der habsburgischen Vizekönige. Ein widriger Umstand ist dem jungen Mann von vornherein bekannt, der seine förmliche Anfrage artig als „Umilissimo Servitore“ unterzeichnet hat: Mit 18 Jahren ist er eigentlich viel zu alt, um als Student zugelassen zu werden; wer älter ist als 14, benötigt eine Sondergenehmigung. Diese wird dem so offensichtlich Hochbegabten doch gewiss erteilt werden, sind er selbst und seine Unterstützer guter Dinge, sein Musiklehrer Provesi sowie sein Gönner und späterer Schwiegervater Antonio Barezzi. Hat Verdi, der Sohn eines Dorfwirts, nicht in Busseto mittlerweile viele musikalische Aufgaben mit Bravour gelöst, Ouvertüren, Märsche und Kirchenmusik komponiert und es nach dem schon früh begonnenen Orgelunterricht auch auf dem Klavier weit gebracht?

„... ein annehmbarer Komponist ...“

Doch gerade dieses Instrument und seine im Selbststudium erlangte Spielweise wird ihm zum Verhängnis. Nicht, dass seine Chancen erheblich gewesen wären: Für den De-facto-Ausländer aus dem Herzogtum Parma hätte im bereits vollen Internat ein junger Lombarde seinen Platz räumen müssen. Aber Verdis Vortrag eines a-Moll-Capriccios von Henri Herz lässt vor allem den Pianisten Antonio Angeleri den Kopf schütteln: Falsche Handstellung! Und schon 18 – zu alt, um den Fehler noch zu beheben; mit spätestens 20 müssen die Studenten das Institut verlassen. Außerdem herrscht Platznot, er ist ein Fremder, die Kontrapunktaufgabe, eine vierstimmige Fuge nach vorgegebenem Thema, gelingt mittelmäßig: in Summe kein zureichender Grund für eine Ausnahme, wegen der ein anderer hätte zurückstehen müssen. Und auch kein Grund, der Kommission unter Vorsitz des Direktors Francesco Basily bis heute den Vorwurf zu machen, als verzopfte akademische Notenbuchhalter hätten sie das Genie nicht erkannt. Denn laut Protokoll waren sie der Ansicht, dass der junge Mann „bei sorgfältigem Studium der Regeln des Kontrapunktes imstande sein wird, die eigene Phantasie, die er zu besitzen scheint, so weit zu zügeln, dass aus ihm ein annehmbarer Komponist werden könnte“.

Nicht eitel, sondern stolz

Ein zweischneidiges Lob, das die Schmach nicht im mindesten lindern kann, die Verdi damit angetan ist: Ihm bleibt das Studium am Konservatorium verwehrt. Gewiss bietet der Privatunterricht bei Vincenzo Lavigna, den er daraufhin nehmen darf, weil Barezzi weiterhin an ihn glaubt und für die Kosten aufkommt, eine bessere, an der Theaterpraxis orientierte Ausbildung. Aber diesen Schandfleck in seiner Biographie zu verbergen oder irgendwie verschämt abwaschen zu wollen, wie später die Lady Macbeth das imaginierte Blut, wäre ihm nicht eingefallen: „Una macchia è qui tuttora ... Via, ti dico, o maledetta – Da ist immer noch ein Fleck ... Fort, sag ich, verdammter Fleck“? Nein! Die Kladde mit den Bewerbungsunterlagen, geziert von der Aufschrift „fu respinta! – wurde abgelehnt!“, wird er für immer unter seinen Papieren aufbewahren. Soll man sagen: auf einem Ehrenplatz? Der Erinnerung zwanghaft „entfliehen“ zu wollen, wie er in dem eingangs zitierten Brief behauptet, sähe gewiss anders aus. „Ich bin niemals eitel gewesen, nicht einmal in der Jugend, nur stolz“, schreibt er 1895. Dieser Stolz lässt ihn nun das Ansuchen des Konservatoriums unbeugsam ablehnen.

Mut und Neugier

Auch wenn es streng genommen nicht den Tatsachen entsprach, war er überzeugt davon, die Mailänder Jury habe ihn damals sabotiert. Das sollte seine Selbststilisierung als Self-made-Man der Oper unterstützen: Mindestens so viel wie beim etwas altväterischen Lavigna lernte er als regelmäßiger Besucher der Scala sowie in der Praxis – etwa bei jener Aufführung von Haydns „Schöpfung“ im Mailänder Casino de’ nobili, bei der er 1834 als Dirigent einspringen und reüssieren konnte. Das Gewitter und der Sonnenaufgang in der Lagunenszene von „Attila“ (1846) wären später ohne die Kenntnis von Haydns Naturschilderungen kaum denkbar gewesen.  Zu dieser Zeit verkehrte er längst mit den maßgeblichen Autoren der italienischen Romantik, Tommaso Grossi, Carlo Tenca, Giulio Carcano und nicht zuletzt mit dem Shakespeare-Übersetzer Andrea Maffei, der „Macbeth“ und, ausgerechnet für London, Schillers „Räuber“ für Verdi aufbereiten sollte. Dort und in Paris vertiefte er auch sein Interesse für das Sprechtheater, was seinem Gespür für dramatische Wirkungen auch in der Oper zugute kam. Damit hatte er längst mehr an Bildung auf der Höhe seiner Zeit gesammelt, als er je am Konservatorium hätte versäumen können.

Lieber Wissen als Bildung?

Das hinderte ihn freilich nicht, 1869 in einem Brief an den Kritiker Filippo Filippi nochmals bewusst tiefzustapeln: „Glauben Sie nicht, dass ich scherze, wenn ich von sehr großer musikalischer Ignoranz spreche. Nein, das ist die reine Wahrheit. In meinem Haus gibt es fast keine Noten, ich bin nie in eine Musikbibliothek gegangen, nie zu einem Verleger, um ein Stück anzusehen. Über einige der besten zeitgenössischen Opern bin ich gut unterrichtet, aber ich studiere sie nie, sondern höre sie ab und zu im Theater: für all das gibt es einen Grund, den Sie verstehen werden. Ich wiederhole Ihnen schließlich, dass ich unter allen Komponisten der Vergangenheit und der Gegenwart der am wenigsten gebildete bin. Verstehen wir uns recht, und wiederum ohne zu scherzen: ich spreche von Bildung und nicht von musikalischem Wissen. Bezüglich des letzteren würde ich lügen, wenn ich sagte, ich hätte in meiner Jugend keine langen und strengen Studien gemacht. Denn eben das macht meine Hand stark genug, um die Musik zu formen, wie ich will, und meistens die Wirkungen zu erzielen, die ich mir denke. Und wenn ich etwas wider die Regel schreibe, so tue ich es, weil die strenge Regel mir nicht gibt, was ich will und weil ich nicht einmal alle bisher anerkannten Regeln für gut halte.“

Verräterische Bibliothek

Wissen sei also praxisnah und handwerklich unerlässlich, Bildung hingegen hochgestochen, hermetisch, dem Theater fern: Verdis tiefe Skepsis gegen den akademischen Unterricht war geblieben. Dabei hatte der Meister der (Selbst-)Täuschung, der „Bauer von Sant’Agata“, auch in diesem Punkt geschwindelt: Seine Privatbibliothek enthielt von Bach bis Brahms Partituren aller führenden deutschen Komponisten, außerdem solche von Gounod, Bizet, Saint-Saëns, Smetana und Dvořák. Auf dem Bücherbord über seinem Bett standen die Quartette von Haydn, Mozart und Beethoven neben Werken Shakespeares, Schillers, Dantes und Lord Byrons. Außerdem besaß er Partiten, Choralvorspiele, das „Wohltemperierte Klavier“ und die h-Moll-Messe von Bach, mehrere Händel-Oratorien, Beethovens „Missa solemnis“, die Requiem-Vertonungen von Mozart, Cherubini und Brahms, symphonische Dichtungen von Liszt. Wagners „Lohengrin“ sollte in seiner Anerkennung wachsen – und gegen Lebensende würdigte er den zweiten „Tristan“-Akt als „eine der erhabensten Schöpfungen des menschlichen Geistes“.  Als er im Zuge der „Aida“-Erstaufführung an der Hofoper 1875 in Wien weilte, suchte er auch die Gesellschaft der Musikfreunde auf, um im Archiv Handschriften zumal von Beethoven und Schubert zu studieren: Vor der „Eroica“-Partitur nahm er den Hut ab und zeigte „eine geradezu frappierende Detail-Kenntniß“, wie das „Fremdenblatt“ berichten sollte. Nein, Wissen, Bildung und auch Großherzigkeit in der Anerkennung der Leistungen anderer waren bei ihm unweigerlich vereint.

Abgewartet

Zwei Treppenwitze der Musikgeschichte sind nachzutragen. Der erste: Schon sieben Jahre nach seiner gescheiterten Aufnahmeprüfung sollte Verdi doch am Konservatorium Einzug halten – wenn auch anders als gedacht: Die Partituren aller am Teatro alla Scala aufgeführten Werke mussten in einer Abschrift der Bibliothek des Instituts zugeführt werden. Sein Erstling „Oberto, Conte di San Bonifacio“, am 17. November 1839 dort mit achtbarem Erfolg in Szene gegangen, wurde so offizieller Teil der Sammlung. Der zweite: Nach Verdis Tod am 27. Jänner 1901 konnten sich die Honoratioren über die Weigerung des Komponisten endlich hinwegsetzen – und seither steht in Mailand das Conservatorio „Giuseppe Verdi“.  „L’onore lo può sentir chi è morto? No“, blafft Falstaff: Nein, wer tot ist, kann die ‚Ehre‘ nicht mehr fühlen – und auch nicht das Stochern in einer alten Wunde, das sie bedeutet.

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.


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