Musik zu Papier bringen

31. Oktober bis 23. Dezember 2014

Die Herbstausstellung des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien widmet sich der Entstehung musikalischer Werke von der technisch-praktischen Seite her. So werden die variantenreichen und spannenden Vorgänge, wie Musik zu Papier gebracht wurde und wird, für den Musikfreund sichtbar und nachvollziehbar.

Der Weg zur Fertigstellung einer Komposition ist lang – und auf diesem Weg sind viel Werkzeug und Material notwendig, um das musikalisches Kunstwerk entstehen zu lassen, es zu fixieren und vermittelbar zu machen.
Da gibt es einmal den schöpferischen Einfall, Gedanken an oder Ideen für ein Werk, die (noch) gar nicht thematische Einfälle sein müssen. Seit etwa anderthalb Jahrhunderten, seit Brahms’ Kompositionstechnik der sogenannten „entwickelnden Variation“, müssen packende Themen oder Melodien ja gar nicht die primäre Voraussetzung für das Komponieren sein; man kann auch mit kleinen, geradezu mikroskopischen Motiven arbeiten. Was immer sich gedanklich herauskristallisiert, bei den meisten Komponisten führte und führt dies zu Skizzen. Aus den Skizzen kann dann ein Entwurf entstehen und aus dem Entwurf die Partitur des kompletten Werks.

Graphische Ereignisse

Dies ist freilich nur eine grobe Aufzählung der wesentlichsten Stationen des Entstehungsprozesses. Es kann rascher oder auch langsamer gehen. In der Herbstausstellung des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde ist dazu viel zu sehen, viel zu erfahren und viel zu lernen. Etwa, wie Mozart oder Schubert eine Partiturseite geschrieben haben. Man braucht gar nicht Noten lesen zu können, um darüber zu staunen. Faszinierend ist es auch, einen Entwurf und die daraus entstandene fertige Partiturseite von Gustav Mahler nebeneinander zu sehen; es ist auch für den Laien ein graphisches Ereignis, zu beobachten, was da wie geschehen ist, noch dazu, wo Mahler verschiedene Tintenfarben verwendet hat.
Dies führt zu einem weiteren Aspekt der Ausstellung: Wie wurde womit und worauf geschrieben? Es ist viel zu erfahren über Papierherstellung, über Bütten- und Maschinpapier, über Notenpapier mit handgezogenen und mit gedruckten Notenlinien, über italienisches Notenpapier, das etwa Haydn und Mozart bevorzugt haben, und böhmisches Papier, auf dem in der Regel Schubert geschrieben hat. Dass Brahms am liebsten das billigste Notenpapier verwendet hat, war keine Sparsamkeit, sondern Ungeduld; das schlechte Papier lässt die Tinte rascher eindringen, man kann also rascher schreiben, weil man nicht auf die nasse Tinte achten muss. Mendelssohn hingegen verwendete nur bestes Notenpapier, das er sich von seinem Verleger besorgen ließ. – Die Eigenheiten eines Komponisten beginnen also schon bei der Wahl des Notenpapiers, mit dem er sich schließlich wohlfühlen sollte.

Kriminologische Methoden

Wer macht sich noch eine Vorstellung vom Lumpensammeln für die Papierherstellung? Dafür hatte jede Papiermühle einen von der Landesregierung zugewiesenen Rayon; entsprechende Entscheide und Vorschriften finden sich bei der Gesellschaft der Musikfreunde in ihrer reichhaltigen Sammlung von Regierungsverordnungen. Und wer weiß, wie eine Papiermühle wirklich gearbeitet hat? Die Gesellschaft der Musikfreunde kann es mit historischen Publikationen und Illustrationen aus ihren Beständen dokumentieren. Diese sind für die musikalische Forschung überaus bedeutsam, denn das Papier führt heute zu kriminologischen Methoden in der Musikwissenschaft, weil man mit den bei Büttenpapier (aus der Bütte mit einem Schöpfrahmen geschöpften Papier) notwendigen Wasserzeichen Papiere datieren, also die Entstehungszeit von undatierten Kompositionen eruieren kann. Auch darüber gibt die Ausstellung Informationen, und ein solcher Schöpfrahmen darf nicht fehlen.

Musik und Technik

Hat der Komponist eine Partitur fertiggestellt, so kommt sie zum Notenschreiber, der heute am Computer arbeitet, jahrhundertelang jedoch ein Kopist war, der Noten händisch abschreibend vervielfältigt hat. Bei weitem nicht jedes Werk wurde und wird gedruckt. Aber wenn, dann ist auch das eine technische Prozedur im Wandel der Zeit. Lange wurden Noten gestochen. Das Notenstechen, Notenstichplatten, Notenstecherwerkzeug und Fotos des letzten in Wien tätig gewesenen Notenstechers, all das ist in der Ausstellung zu sehen, dazu Bilder aus dem 18. und 19. Jahrhundert von den Druckpressen, mit denen von den Stichplatten Noten auf Papier „abgezogen“ wurden – also auch Technikgeschichte im Ausstellungssaal des Musikvereins, die bis in die Gegenwart führt. Nach dem Stechen kam die Lithographie auf, das Drucken von einem Stein, in den Noten geätzt sind; auch solche Steine sind zu sehen. Weitere ältere und jüngere Drucktechniken für Noten wie Typendruck und Flachdruck werden ebenfalls thematisiert und dokumentiert.
Ein Höhepunkt in diesem Teil der Ausstellung: Die originale Kupferplatte, in die ein Portrait Mozarts gestochen wurde, und die Erklärung, wie davon heute ein Abzug hergestellt werden konnte: Keine Noten, aber eine andere in Kupfer gestochene Dokumentation zur Musikgeschichte.

Ein ewiges Streitthema

Oft genug gab es für Komponisten – allen voran Beethoven – Ärger mit Notenstechern, die ihre Schrift nicht richtig lesen konnten oder aus anderen Gründen Fehler machten, aber auch  mit Verlegern, die ein neues Werk möglichst rasch auf den Markt bringen wollten und deshalb eilig und schlampig Korrektur lasen und diese den Komponisten aus Zeitersparnis gar nicht lesen ließen.
Druckfahnen und Korrekturen waren überhaupt ein ewiges Streitthema, auch dann, wenn Komponisten beim Korrekturlesen nicht nur Fehler suchten, sondern auch noch kompositorische Änderungen unterbringen wollten, womit die ganze Produktion zurückgeworfen wurde. Dies gehört ebenfalls zum Schaffensprozess, zum Thema „Musik auf Papier bringen“ – bis hin zu den Änderungen, die im Zusammenhang mit der Uraufführung oder mit frühen Aufführungen ein Werk, nachdem es der Komponist selbst zum ersten Mal gehört hat, in die sogenannte „Fassung letzter Hand“ gebracht haben. Besonders gut nachvollziehen lässt sich dies anhand von Orchesterstimmen, die bei der Uraufführung von Beethovens Symphonien und bei den ersten Aufführungen von Brahms’ Erster Symphonie verwendet wurden, oder auch anhand des Autographs von Mahlers Vierter Symphonie.

Accessoires und Komponier-Ensemble

Papier, Tinte und andere Schreibmaterialien bzw. Schreibgeräte – vom Federkiel über die Stahl- und Füllfeder, den Bleistift oder Kugelschreiber bis hin zum Computer –, Noten abschreiben, stechen, setzen, lithographieren oder sonst wie drucken: All das gehört dazu, um Musik zu Papier zu bringen und auf Papier zugänglich zu machen. Aber noch eine weitere materielle, gegenständliche Voraussetzung für das Niederschreiben eines musikalischen Kunstwerks kann es geben.
Manche Komponisten arbeiten grundsätzlich am Klavier, andere grundsätzlich ohne Klavier, wieder andere sowohl als auch. Das kann ein Flügel oder ein kleines Tafelklavier (bis hin zum sogenannten Komponierklavier) sein, das dann zum Schreibtisch oder mit dem Schreibtisch zu einem Komponier-Ensemble wird. Klavier, Tintenfass, Gänsefeder und Notenblätter – das sind oft die Accessoires alter Komponistenportraits, aber auch moderne Fotos vom Komponisten bei der Arbeit zeigen sie am Schreibtisch oder am Klavier mit Schreibutensilien. Und wenn sich jemand wie Brahms oder Mahler überhaupt nicht in der Werkstatt blicken lassen wollte, dann lehnt er sogar derartige an sich unverfängliche Bilder „bei der Arbeit“ ab. Dennoch gibt es genügend Möglichkeiten zu Blicken in die Werkstatt und auf die Arbeitsgeräte und Werkzeuge der Komponisten, um zu erfahren, wie sie womit Musik zu Papier bringen und brachten.
Otto Biba
Prof. Dr. Dr. h. c. Otto Biba ist Direktor von Archiv • Bibliothek • Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.