Die Musikvereinsbälle

von 1823 bis 1952

Tanzen war im Biedermeier eine Form der aktiven musikalischen Betätigung und Unterhaltung wie Singen oder Musizieren. Naheliegend, dass die Gesellschaft schon sehr früh an die Veranstaltung von Bällen dachte. Der erste war für 1823 angekündigt. 

Von 1830 bis 1847 fanden die Bälle regelmäßig statt. Bis 1839 mietete man dafür zu vom K.K.Obersthofmeisteramt eingeräumten Sonderkonditionen die Redoutensäle in der Hofburg. 1840 ging man in die, wie es ausdrücklich hieß, „neu dekorierten“ Säle „Zum Sperl“ in der Leopoldstadt, des damals nach einem Umbau modernsten Tanz-Etablissements Wiens. 1844 kehrte die Gesellschaft wieder in die Redoutensäle der Hofburg zurück. Für die Musik bei diesen Bällen engagierte man jeweils Johann Strauß Vater und seine Kapelle; 1838, als die Strauß-Kapelle, ausgerechnet zur Faschingszeit auf einer Tournee war, gewann man Joseph Lanner und seine Kapelle. Er schrieb für diesen Ball seinen Walzer „Nachtfalter“. Johann Strauß Vater steuerte nicht für jeden dieser Bälle, aber für insgesamt acht neue Tanzkompositionen bei, oft mit beziehungsvollen Titeln und manchmal auch durch die musikalischen Themen auf die Aktivitäten der Gesellschaft abgestimmt. Man hat den Eindruck, dass er sich in diesen Kompositionen besonders inspiriert zeigt, hatte er doch ein besonders fachkundiges Publikum. Denn die Bälle waren den Mitgliedern der Gesellschaft und von diesen eingeführten Gästen vorbehalten. Man zielte damit auf keine vereinsinterne Veranstaltung, sondern auf einen  musikalischen Künstlerball, auf dem von Musikern und der Musik Verbundenen das Tanzen als musikalisches Vergnügen noch überhöht wurde. Die Listen der Ballbesucher sind entsprechend illustre. Auch Wolfgang Amadeus Mozart Sohn findet man darauf; er erscheint uns heute vielleicht als der interessanteste Besucher, weil man diesen Namen im Zusammenhang mit einer Wiener Ballveranstaltung vi3elleicht gar nicht erwartet hätte. 
Nach 1848 hatte man andere Sorgen; es war aber auch nicht mehr die Zeit für solche exklusiven Musik- und Musikerbälle. Nur mehr zu besonderen Anlässen wurden Bälle veranstaltet: 1862 gab es zur Feier des 50jährigen Bestandes einen „Gesellschaftsabend“, bei dem Johann Strauß und seine Kapelle aufspielten. Zum Eröffnungsball des neuen Musikvereinsgebäudes am 15. Jänner 1870 steuerten alle drei Brüder Strauß – Johann, Joseph und Eduard – Widmungskompositionen bei, die von der Strauß-Kapelle präsentiert wurden. In den nachfolgenden Jahren veranstaltete die Gesellschaft weiterhin Bälle, Kostüm- oder Maskenfeste.  Auch der 25jährige Bestand des Hauses wurde 1895 im Musikverein mit einem Ball und einer neuen Komposition von Eduard Strauß gefeiert. Danach gab es eine längere Pause. Erst nach dem zweiten Weltkrieg besann man sich wieder der Balltradition: 1949 bis 1952 fanden wieder Bälle der Gesellschaft der Musikfreunde statt. Danach war diese Tradition endgültig vorbei, weil die Gesellschaft zugunsten des Philharmonikerballs auf die Veranstaltung eigener Bälle verzichtete.              
Dieser hier geringfügig erweiterte Text unseres Archivdirektors Otto Biba stammt aus dem Buch „Die Emporbringung der Musik. Höhepunkte aus der Geschichte und aus dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“. 

Otto Biba 
Direktor von Archiv - Bibliothek - Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien