Mythos Musikverein

Geschichte, die über die Geschichte hinausgeht

Mythos Musikverein

Die Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien beginnt im Zeichen des Mythos. Und schon bald konnte der Musikverein selbst zum Mythos werden.

Drei Jahre vor seinem umjubelten Debüt mit den Wiener Philharmonikern im Großen Musikvereinssaal kam der chinesische Ausnahmepianist Lang Lang schon nach Wien. Es war eine emotionale Reise, die den damals 20-Jährigen erstmals nach Wien führte, und ein Höhepunkt lag in diesem einen Moment: „Als ich um die Ecke bog“, so Lang Lang, „und direkt gegenüber das sah, weswegen ich in diese elegante Stadt gekommen war, schossen mir Tränen in die Augen. Hier war er: der Wiener Musikverein.“ 
Was den Musikverein ausmacht, das Besondere, das ihn heraushebt vor aller Welt, spiegelt sich in dieser Reaktion. Wäre der Musikverein nur ein berühmtes Konzertgebäude mit exzellenter Akustik, hätte er kaum Tränen hervorgerufen. Wäre die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nur eine ruhmreiche Institution mit langer Geschichte, hätte Lang Lang sich kaum so ergreifen lassen. Der Musikverein ist all das, aber er ist noch mehr. Er ist – das Wort darf gewagt werden – ein Mythos.

 „Als ich um die Ecke bog und direkt gegenüber das sah, weswegen ich in diese elegante Stadt gekommen war, schossen mir Tränen in die Augen. Hier war er: der Wiener Musikverein.“ Lang Lang

Am Anfang schon der Übergang

Der Mythos ist Erzählung, Rede, Geschichte: eine Geschichte freilich, der das Geschichtliche entzogen wird, um das Besondere ins Allgemeine zu lenken, das Temporäre ins Ewige, den Einzelfall ins Immer-Gültige. Die Geschichte verflüchtige sich aus dem Mythos, so beschrieb es pointiert der Philosoph Roland Barthes, und wie eine ideale Hausbedienstete sei sie schon verschwunden, wenn der Herr sich zu Tisch setze. „Man braucht nur noch zu genießen, ohne sich zu fragen, woher dieses schöne Objekt kommt. Oder vielmehr: Es kann eigentlich nur schon immer dagewesen sein …“ 
Die Geschichte des Musikvereins beginnt, in einem historisch brisanten Moment, mit einem Mythos. Und gleich mehrfach steht am Anfang schon der Übergang: von der Geschichte in den Mythos, vom Mythos zurück in die Geschichte.

Im brisanten Moment

1812. Es war eines der blutigsten Jahre der Weltgeschichte, in dem die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gegründet wurde. Napoleons größenwahnsinniger Russland-Feldzug scheiterte, von 500.000 Soldaten, die er in die Schlacht geworfen hatte, kamen nur 5.000 zurück. Wien lag geographisch fern, aber nah an den Ereignissen. Im Zuge der napoleonischen Kriege war die Stadt schon zweimal von französischen Truppen besetzt worden, die Schlacht bei Aspern – mit mehr als 50.000 Toten – lag erst drei Jahre zurück. Die Wunden waren noch offen, als sich am 29. November dieses Jahres 1812 fast 600 Musikfreunde zusammenfanden, um auch „zur Unterstützung der dürftigsten Bewohner des Schlachtfeldes bei Aspern“ ein Benefizkonzert zu geben. Das Oratorium, für das sie sich entschieden hatten, rückte eine starke Herrschergestalt ins Zentrum: einen Eroberer mit Weltmachtgelüsten, Alexander den Großen. Die Parallele zu Napoleon war offenkundig.

Welche Macht ist stärker?

Wie der Geschichte das Geschichtliche entzogen wird, um zum Mythos zu werden, führt das ausgewählte Werk exemplarisch vor. Händels „Alexanderfest“ benennt Historisches faktentreu – den Brand von Persepolis, den Alexander 330 v. Chr. aus Rache legen ließ –, dann aber hebt der Auftritt des Sängers Timotheus die Geschichte aus den Angeln und schließt sie Höherem auf. Es ist sein Gesang, der den Mächtigsten der Welt umstimmt, die Härte von ihm nimmt und ihn zur Milde führt. Zum Schluss tritt noch die Heilige der Musik auf den Plan. Cäcilia schwebt herbei und krönt das Werk mit der vollen Macht der Allegorie. Jetzt ist wirklich alles klar: Die Musik siegt über die Politik, der Mythos über die Geschichte.
Die Gegenbewegung aber ist mit eingeschlossen. Der Mythos wirkt zurück auf die Geschichte und deutet den aktuellen historischen Kontext. Wiens Musikfreunde, die das Oratorium 1812 unter dem Titel „Timotheus oder Die Gewalt der Musik“ zur Aufführung brachten, versicherten sich einer überzeitlichen Macht. Sie spendete Kraft im Umgang mit Usurpatoren wie Napoleon, und sie erwies sich auch in der Folge als starker Gegenpol zur Politik. Als Metternich die Zügel der Restauration straff anzog und in Österreich gar die Gründung von Gesangvereinen als eine „Pest Deutschlands mit aller Macht zu unterdrücken“ suchte, da war der Musikverein schon gegründet. Die Jünger des Timotheus hatten ihren Platz gefunden und der „Gewalt der Musik“ eine dauerhafte, gesellschaftlich relevante Form gegeben.

Die Kardinalformel für den Musikverein

Um zu wirken, muss und will der Mythos erzählt werden. Er braucht das Wort – und das lieh ihm, 1831, prominent der Dichter Franz Grillparzer. Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien bezog ihr erstes eigenes Haus, Grillparzer fand sich zur Eröffnung mit einem „Weihegesang“ ein. Die Macht der Musik war zu erweisen, einmal mehr, eine Macht, die Wunder wirkt – Grillparzer beschwor dazu den Mythos und ließ den „alten Götterliebling“ Amphion auftreten, der die Lyra so bezwingend zu spielen verstand, dass sich die Steine wie von selbst zum Bau Thebens fügten.

„Denn des Wohllauts Band umschlinget
Aller Wesen tiefstes Sein,
Was aus vollem Herzen klinget,
Trifft ein Herz in jedem Stein.“

So zog Grillparzer die Botschaft aus der mythischen Geschichte.
Der Distanz war er sich klar, er sprach von fernen Zeiten. Und doch – ließ er wissen – sei die Verbindung vorhanden und höchst lebendig: 

„Von der Götter selgem Glücke
Geht zu Menschen noch die Brücke,
und als Botin, ewig jung,
Wandelst du, Begeisterung!“

Das war seine Conclusio, und so fand er die Kardinalformel für den Musikverein über die Zeiten hinweg: Was den Mythos in die Geschichte holt, ist die Begeisterung.

Der Mythos als Programm

Es waren säkulare Zeiten, in die der 1812 gegründete Musikverein aufbrach. Alte, ordnende Mächte hatten sich schon an der Schwelle zum 19. Jahrhundert zurückgezogen. Napoleon gab ihnen den Rest. Die Reaktion, die auf den großen Verstörer folgte, konnte die Lücke nicht schließen und ließ grundlegende Fragen offen: Fragen nach Sinn und Orientierung, nach Werten und gültigen Maßstäben. So griff, was in der Romantik angelegt war, mächtig aus ins bürgerliche 19. Jahrhundert: Die Kunst wurde (auch) zur Religion, der Dienst an ihr zur Konfession. 
Der Mythos füllte die Leere und fand Raum. Einen der schönsten, einen der leuchtkräftig-stärksten bot ihm die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien nach der Mitte des Jahrhunderts. 1870 eröffnete sie ihr neues Gebäude, das die Macht der Musik in einem Tempel der Kunst feiert. Architekt Theophil Hansen, der Jahre zuvor schon in Athen gebaut hatte, brachte dafür authentische Anregungen mit. Die Karyatiden, tragend (und sinntragend) im Musikvereinsgebäude, scheinen direkt vom Erechtheion der Akropolis zu kommen, und auch sonst ist die Architektur durchwirkt von Elementen griechischer Tempelarchitektur. Von der Decke herab wachen Apoll und die Musen über das Geschehen im Großen Saal. Der Giebelfries an der Hauptfassade macht den Mythos schlechthin zum Programm: Er zeigt Orpheus auf dem Gipfel seiner Kunst und damit die Macht der Musik in ihrem äußersten, höchsten Vermögen. Selbst die Götter können mit ihr bezwungen werden – und der Tod besiegt.

„… ich freue mich die Töne aufzufangen, die hier vor mir entstanden sind, um sie weiterzutragen zu denen, die folgen werden. Ist das nicht ein Glück?“ Gidon Kremer

Herrscher des Olymps

„Tod, wo ist dein Stachel?“ Die Frage hallte im März 1871 mächtig durch den Großen Musikvereinssaal. Johannes Brahms dirigierte sein „Deutsches Requiem“, es war die erste komplette Aufführung des Werks unter der Leitung des Komponisten. Der Konzertsaal, das wurde beispielhaft klar, hatte die Sphäre des Gottesdiensts in sich aufgenommen. Nun wurden hier die letzten Dinge verhandelt und die tiefsten Fragen gestellt – frei von Liturgie, doch nicht frei von Ritual. Der Dienst an der Kunst strebte nach strengeren Formen. Und Figuren wurden gesucht, die als Idole taugen konnten: Gestalten, die dem Mythos Kontur gaben. Johannes Brahms war eine von ihnen. Die Rolle entsprach nicht wirklich seinem Wesen, aber nicht hindern konnte er, dass er zu einer Art Götterfigur im Musikverein aufstieg. Wie er dasaß mit wallendem Bart, oben in der Loge über dem Auditorium, glich er dem Herrscher des Olymps.

Das Spektrum des Menschlichen

Andere Figuren spielten andere Rollen – ihre Geschichten erzählen von Zurückweisungen und Niederlagen. Auch sie gehören zum Mythos: Erzählungen von Schmerz und Leid, die vielleicht noch eine Wendung zum Guten nehmen. Anton Bruckner ist die repräsentative Gestalt dafür: Mit der Uraufführung seiner Dritten Symphonie, 1877 im Großen Musikvereinssaal, erlebte er eines der schwärzesten Ereignisse seines Lebens, kränkend bis zum Äußersten. Und doch gelang auch ihm der Aufstieg in den Olymp, der Eintritt ins Ensemble der Götterfiguren. 
Dem Mythos ist nichts Menschliches fremd – auch nicht dem Mythos Musikverein. Er weiß von Liebe und Freude, Not und Tod. Als Johannes Brahms 1897 starb, war es die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, die das Begräbnis ausrichtete und die Totenfeier zelebrierte. Entrinnen kann man dem Sterben nicht – auch Orpheus scheitert im Letzten und muss sich beugen. Aber gestalten lässt sich das Ende. Mythen stiften die Form dazu.

Die Nabelschnur zum Göttlichen

Der Mythos lässt den Menschen nicht allein. Auch für den Mythos Musikverein gilt es. Er schafft Verbindungen. Brücken baut er zu all denen, die in seinem Zeichen hier Musik (er)lebten und (er)leben „… ich freue mich“, so beschrieb es der Geiger Gidon Kremer in einer Hommage an den Musikverein, „die Töne aufzufangen, die hier vor mir entstanden sind, um sie weiterzutragen zu denen, die folgen werden. Ist das nicht ein Glück?“ 
Die Brücke schlägt der Mythos auch zu dem, was über den Einzelnen hinausgeht und größer, mächtiger und tiefer ist als er. „Die Kunst“, so sagte es Nikolaus Harnoncourt, „ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet.“ Über Jahrzehnte wirkte Harnoncourt im Musikverein und vermittelte die Botschaft hier auf vielen Wegen. 2012 dirigierte er das Festkonzert zum 200-jährigen Bestehen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Auf dem Programm stand selbstverständlich jenes Werk, mit dem alles begann: „Timotheus oder Die Gewalt der Musik“. 

Joachim Reiber