Rückblick - Symposium zur Musikvermittlung

„Musik – Die offene Frage. Ein Tag für Leonard Bernstein“

Aus Anlass von Leonard Bernsteins 100 Geburtstags veranstaltete die Gesellschaft der Musikfreunde im Wien am 6. Juni 2018 im Gläsernen Saal / Magna Auditorium des Wiener Musikvereins ein Symposium mit dem Titel „Musik – die offene Frage. Ein Tag für Leonard Bernstein.“ Als Ehrengast war seine Tochter Jamie Bernstein angereist, um an diesem Symposium teilzunehmen.

Denn Leonard Bernstein wirkt mit seiner überragenden  Begeisterungsfähigkeit als Musiker wie als Musikvermittler ungebrochen in unsere Gegenwart hinein. Generationen von jungen Menschen wurden durch seine „Young People’s Concerts“ live und im Fernsehen oder durch persönliche Begegnungen, wie Intendant Dr. Angyan in seiner Begrüßung schildert, geprägt. Bernstein war der Inbegriff des gebildeten und leidenschaftlichen Musikers zugleich, dem es eine Anliegen war, sein Publikum auf vielfältigen Wegen zu erreichen und zur Musik zu führen und verführen.

Wie Bernstein das machte und welchen Aufgaben gegenüber sich die Musikvermittlung heute sieht, wurde einen Tag lang von Fachleuten und Interessierten aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert. Die Vorträge und Diskussionsrunden sind hier nachzulesen bzw. anzusehen. Die Texte stehen als Download zur Verfügung. 

„Musik – Die offene Frage. Ein Tag für Leonard Bernstein“ (PDF)

Musikalisches Feuerwerk

Mit einem vielfältigen Programmangebot würdigt die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ihr Ehrenmitglied Leonard Bernstein zum 100. Geburtstag am 25. August. Musikvereinsintendant Dr. Thomas Angyan erinnert sich im Gespräch an den großen Künstler und Menschen.

Als Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und zuvor als Generalsekretär der Jeunesse standen Sie von Berufs wegen in Verbindung mit Leonard Bernstein. Wann gab es, weiter zurückgedacht, erste Berührungspunkte mit Bernstein?

Ich habe früh die Schallplatten mit Bernsteins „Young People’s Concerts“ gehört. Das waren noch die kleinen schwarzen Platten mit 45 Umdrehungen pro Minute – reine Hörerlebnisse, die sich als sehr starke Erinnerungen eingeprägt haben. Zum wahren Erlebnis wurden für mich allerdings seine Konzerte, die er in Wien dirigiert hat. Bernstein hat mir die Welt von Gustav Mahler eröffnet. Es war ungemein beeindruckend, wie er Mahler interpretiert, ja: wie er Mahler vermittelt hat. Das war Musikvermittlung beim Dirigieren.

Lässt sich in Worte fassen, wie er das bewerkstelligt hat?

Bei Bernsteins Dirigieren ist der Funke übergesprungen. Es gibt sehr gute Dirigenten, die nicht Richtung Publikum, also „nach hinten“ wirken, wie man sagt. Und es gibt andere, die eben diese Ausstrahlung haben, auch wenn man als Publikum nur ihren Rücken sieht. Bernstein hat Mahlers Musik erlebbar gemacht auch durch seine Bewegungen und seine Ausstrahlung.

Es heißt, Bernstein habe Mahlers Musik die Wiener Konzertsäle geöffnet.

Absolut. Die Zeit von Bruno Walter, der schon Mahler dirigiert hatte, lag bereits ein gutes Stück zurück. Es war Bernstein, der mit seinen Interpretationen die Werke Mahlers populär gemacht hat. Und so war es später auch mit seinem Schostakowitsch-Sibelius-Zyklus, den Bernstein begonnen hat. Sibelius ist leider bis heute nicht wirklich im Konzertrepertoire verankert, Schostakowitschs Werke werden hingegen viel gespielt. Das Publikum kam wegen Bernstein ins Konzert und hat dabei Schostakowitschs Musik kennengelernt. Und so wie Bernstein die Musik mit Leben erfüllt hat, hat sie das Publikum erreicht. Auf diese Weise hat Bernstein sehr viel zur Verbreitung und Anerkennung der Musik des 20. Jahrhunderts beigetragen.

Erinnern Sie sich an Ihre erste persönliche Begegnung mit Bernstein?

Das muss noch vor meiner Jeunesse-Zeit gewesen sein, nach einem von Bernsteins Konzerten. Bernsteins Manager Harry Kraut hatte auf Einladung von Marcel Prawy, der immer ein Intimus Bernsteins war, einen Vortrag am Institut für kulturelles Management gehalten, das ich damals besuchte. Durch diese Bekanntschaft kam es zu einer ersten Begegnung. Enger wurde der Kontakt, als ich 1978 zur Jeunesse kam. Bernstein war jede Saison für einen Monat in Wien, arbeitete mit den Wiener Philharmonikern und machte Filmaufnahmen – noch mit 16-mm-Kameras, bei denen ständig die Kassetten gewechselt werden mussten. Weil diese Geräusche einem voll zahlenden Publikum kaum zuzumuten waren, wurden diese Konzerte der Jeunesse zur Verfügung gestellt. So konnten wir jedes Jahr zwei, drei Konzerte mit Bernstein anbieten. Für die Jugend waren das unveressliche Erlebnisse.

Besonders verbunden war Leonard Bernstein dem Jeunesse-Chor, mit dem er entsprechend oft und gerne arbeitete. Wie hat sich das in Ihren Jeunesse-Jahren gestaltet?

Bernstein hat schon lange vor meiner Jeunesse-Zeit mit dem Chor gearbeitet und ihn sehr geschätzt. Die Jugend war ihm immer ein besonderes Anliegen. Anfang der achtziger Jahre begann dann die Planung für das Hiroshima-Gedenkkonzert 1985 – vierzig Jahre nach dem Abwurf der Atombombe. Auf dieser Hiroshima Peace Concert Tour dirigierte Bernstein seinen „Kaddish“ mit dem Europäischen Jugendorchester und dem Jeunesse-Chor. Dadurch war ich von Anfang an involviert. Wir haben Bernstein auf der gesamten Reise begleitet: Wien, Budapest, Athen, Hiroshima. Die Gespräche, die ich mit ihm über Musik führen durfte, haben mich geprägt.

In den letzten Lebensjahren Bernsteins waren Sie bereits Intendant der Gesellschaft der Musikfreunde. Welche Erinnerungen aus dieser Zeit wirken besonders stark nach?

Im Herbst 1988, kurz nach meinem Amtsantritt, dirigierte Leonard Bernstein die Wiener Philharmoniker, und nur zwei Tage später gastierte Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmonikern im Musikverein. Das war schon ein besonderes Ereignis. Bernstein saß in Karajans Konzert im Publikum, und in der Pause habe ich ein Treffen der beiden arrangiert. Ich vermute, das war die längste Pause, die es im Musikverein je gegeben hat. Niemals hätte ich es gewagt, das Gespräch der beiden zu unterbrechen. Besonders berührend bleibt sicherlich Anton Bruckners Neunte Symphonie in Erinnerung, die Bernstein im März 1990 bei seinem letzten Auftreten im Musikverein dirigiert hat.

Die Vermittlung von Musik war Bernstein stets so wichtig wie das Musikmachen selbst, beides ging Hand in Hand. Dank Internet sind heute Einblicke möglich. Was dabei auffällt, ist eine große Ernsthaftigkeit, in die – vielleicht gezielt – nur hier und da Humor einfließt.

In dem Moment, in dem ein Gespräch vom sogenannten Smalltalk zum Thema Musik überging, wurde Bernstein ernsthaft. Musik war ihm so unglaublich wichtig, dass er darüber nur ernsthaft und tiefgründig sprechen konnte. Wenn er etwas Humorvolles eingeflochten hat, war es wohl im Dienste der Vermittlung. Musik war ihm eine heilige Sache, da war kein Platz für Scherze oder Ähnliches. Wenn er beispielsweise bei einem Abendessen begonnen hat, über Musik zu philosophieren, konnten daraus lange Vorträge werden.

Wie haben Sie Bernstein insgesamt im persönlichen Umgang erlebt?

Leonard Bernstein war von einer unwahrscheinlichen Herzlichkeit und den Menschen gegenüber sehr offen. Er hat praktisch jeden umarmt und geküsst, der ihm begegnet ist. Ich habe es selbst erlebt, dass auf dem Flughafen jemand rief: Hallo, Lenny! – und schon fiel Bernstein demjenigen um den Hals. Wenn man ihn hinterher fragte, wer das gewesen sei, gab er zur Antwort: Keine Ahnung! Bernstein hat den Menschen größte Aufmerksamkeit geschenkt und ihnen zu verstehen gegeben, dass sie wichtig für ihn sind. Das hat sicherlich manchmal auch zu Missverständnissen geführt, weil manche glaubten, seine engsten Freunde zu sein. In Künstlerkreisen allerdings, durch Bernsteins regelmäßige Zusammenarbeit mit Christa Ludwig etwa oder mit Thomas Hampson, sind ganz besondere Beziehungen entstanden.

Christa Ludwig und Thomas Hampson gehören, ebenso wie Zubin Mehta und Sie selbst, im April einer Gesprächsrunde über „Das Phänomen Leonard Bernstein“ an, die 2018 neben zahlreichen Konzerten, einem Symposion zum Thema Musikvermittlung und einer Fotoausstellung Teil der Musikvereinsaktivitäten zu Bernsteins Geburtstag ist.

Es ist mir ein großes Anliegen, Bernsteins 100. Geburtstag zu feiern, wir haben das lange geplant. Wir haben einiges von seiner Kammermusik im Programm und einen großen Teil seines symphonischen Schaffens: „Jeremiah“ mit den Philharmonikern und Zubin Mehta, „The Age of Anxiety“ beim Gastspiel des Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin und die „Chichester Psalms“, die Cornelius Meister ebenso wie die Suite aus „West Side Story“ am Pult des RSO dirigiert. Im September kommt das Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons nach Wien und wird „Serenade“ aufführen. Die Tonkünstler spielen „Kaddish“, und im Herbst kommt bei der Jeunesse noch „Mass“ hinzu. Auch wenn wir nicht selbst Veranstalter der beiden letztgenannten Konzerte sind, runden diese doch das Bild des Komponisten Leonard Bernstein im Musikverein ab.Im Symposion stellen wir gemeinsam mit Pädagogen die Frage, wie Bernstein als Pionier durch seine Musikvermittlung gewirkt hat. Daraus ist ein ganz anderer Zugang für junge Menschen zu klassischer Musik entstanden.

Bernsteins Ausstrahlung, seine künstlerische Wirkung und Vorbildwirkung waren immens. Worauf sollten wir uns, nicht nur im Jahr seines 100. Geburtstags, immer wieder aufs Neue besinnen?

Es ist so wichtig, Musik lebendig zu gestalten, es ist eine enorme Herausforderung, Musik zu vermitteln – nicht nur in speziellen Programmen. Bernstein hat an beiden Enden gebrannt, um seine Liebe zur Musik auf die Menschen zu übertragen. Er war ein Künstler zum „Anfassen“, der wunderbare Musik komponierte und Musik wunderbar interpretierte. Das hat gerade auch viele junge Menschen angesprochen und ihn zu seiner Zeit zu einer Art „Popstar der Klassik“ gemacht.

Das Gespräch führte Ulrike Lampert.
Mag. Ulrike Lampert ist Redakteurin der Zeitschrift „Musikfreunde“ und der Programmhefte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

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„Lennie“ – unerreicht und unvergessen

Wien und den Wienern schenkte Leonard Bernstein in gut vier Jahrzehnten eine Fülle von musikalischen Sternstunden. Hartmut Krones war als aktiver Musiker dabei und verknüpft seine persönlichen Erlebnisse mit dem Blick des Wissenschaftlers auf Bernsteins Werk.  

16. April 1968: Der Autor dieser Zeilen, junger Musikstudent und Obmann des Wiener Jeunesse-Chores, wartet vor dem Musikverein mit einigen anderen jungen „Offiziellen“ auf jenen Musiker, der mit den Wiener Philharmonikern, einem Sängerknaben und „uns“ in einigen Tagen ein denkwürdiges Konzert bestreiten wird: auf Leonard Bernstein, der bald mit einem Pulk von Dienstbeflissenen auftaucht, diese aber abschüttelt und uns sofort zu verstehen gibt, sich sehr auf die erste Probe seiner „Chichester Psalms“ mit einem jungen Chor zu freuen.  

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