Die Königin der Instrumente

Die Orgel im Goldenen Saal

Der saalbestimmende berühmte Orgelprospekt im Großen Musikvereinssaal birgt seit 2011 eine der besten Konzertorgeln der Welt. Das Instrument ist das bereits vierte seit der Eröffnung des Musikvereinsgebäudes im Jahr 1870 und verknüpft mit einer bewegten Orgelgeschichte in diesem Haus. 

In Theophil Hansens optisch wie akustisch brillantem Großem Musikvereinssaal ist sie ohne Zweifel das zentrale Element: die Orgel, die Königin der Instrumente – Blickfang für das Konzertpublikum im Saal wie auch – zumal alljährlich am 1. Jänner – für Millionen von Gästen an den Fernsehgeräten in aller Welt. Hansen bestimmte für das mächtige Instrument den prominenten Platz an der Frontseite des Saals. Klar und konsequent fügt sich die Orgel in die so homogene wie opulente Raumgestaltung nach dem Vorbild der griechischen Antike.

Und doch ist, was sich da optisch präsentiert, „nur“ Hülle, ein Gehäuse. Die Orgel selbst, das Instrument als solches, verbirgt sich im Inneren, auch die sichtbaren Prospektpfeifen sind, seit jeher, stumm. 

Hülle und Kern

Als der Große Musikvereinssaal im Jänner 1870 feierlich eröffnet wurde, war das Orgelgehäuse noch leer. Im Zuge des großen, freilich auch mit immensem finanziellem Aufwand verbundenen Bauvorhabens ihres neuen Konzertgebäudes hatte die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien das Projekt Orgel zunächst noch hintan gehalten. Da allerdings der 1868 neu erstellte Studienplan für das gesellschaftseigene Konservatorium das Orgelspiel als wesentlichen Bestandteil der Ausbildung vorsah, wurde doch bereits zu Beginn des Folgejahres die Planung einer Orgel in Angriff genommen. 

Mit einer Ausschreibung wandte sich die Gesellschaft der Musikfreunde an namhafte Orgelbauer, darunter auch an den berühmten Aristide Cavaillé-Coll in Paris, der jedoch kein Interesse zeigte, und an Merklin & Schütze, ebenfalls aus Paris, die erst gar nicht auf die Einladung reagierten. Eine eigens einberufene Orgelkommission, der neben Anton Bruckner, dem Orgelprofessor am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde, unter anderem auch die Hofkapellmeister Johann Herbeck und Joseph Hellmesberger d. Ä., Hoforganist Pius Richter und Leopold Alexander Zellner als Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde angehörten, vergab den Auftrag schließlich an Friedrich Ladegast aus Weißenfels an der Saale, der damals als der bedeutendste Orgelbauer im deutschsprachigen Raum galt. Das von Ladegast mit 44 Stimmen konzipierte Instrument wurde auf Wunsch der Kommission auf 52 Stimmen erweitert und erhielt mehrere neuartige technische Spielbehelfe.

Brausende Klänge

Der erste „Auftritt“ der Orgel ging mit einer anderen Premiere einher: Am 10. November 1872 leitete Johannes Brahms sein erstes Gesellschaftskonzert in der Funktion des Konzertdirektors der Gesellschaft. Für das zentrale Werk dieses Programms, Händels „Dettinger Te Deum“, hatte Brahms selbst den Continuo gesetzt, für den die Orgel nun zum Einsatz kam. Fünf Tage später fand die feierliche Inauguration des Instruments mit einem „Orgel-Concert“ statt. Für diesen Anlass war bei Josef Weilen ein Festgedicht in Auftrag gegeben worden, das Burgschauspieler Josef Lewinsky vortrug: „So brause Orgel mächtigen Choral,/ Durch diesen stolzen kunstgeweihten Saal,/ Wie aus der höhern Welt ein Mahnungsruf …“ Und nach Johann Sebastian Bachs berühmter Toccata in d-Moll, gespielt von dem Dresdener Organisten Carl August Fischer, zog Anton Bruckner in einer Improvisation alle Register.

Die neuartigen technischen Spielbehelfe der Orgel aber sollten sich bald als Tücken erweisen. Generalsekretär Leopold Alexander Zellner, der auch Akustiker, Organist und Komponist war, legte selbst Hand an das Instrument und nahm allerlei Experimente und Verbesserungsversuche vor. „Man konnte Meister Zellner zu jeder Zeit … in seinem versteckten Laboratorium finden, wo er … sich wie ein mittelalterlicher Magister gleichsam dem Geheimdienst der Orgel widmete“, ist hierzu in Robert Hirschfelds „Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde“ nachzulesen. 1880 allerdings gab Zellner auf und notierte: „Alles durch mich persönlich, habe es aber jetzt satt.“

Goldschimmernd und farbenfroh

Die neue Orgel im Wiener Musikverein

Eine Findungskommission aus fünf international führenden Organisten (Dame Gillian Weir, Olivier Latry, Ludger Lohmann, Martin Haselböck und Peter Planyavsky) hat in Zusammenarbeit mit der Firma Rieger-Orgelbau aus Schwarzach in Vorarlberg ein Instrument mit 6.138 Pfeifen in 81 Stimmen konzipiert.
In einem feierlichen Festakt am 26. März 2011 wurde die Orgel schließlich von Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, Mitglied des Senats der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, gesegnet und erfüllt seither ihre vornehmliche Funktion als Orchesterinstrument in symphonischem Repertoire mit Orgel vortrefflich. 

Ein Film von Kerem Unterberger

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Eine Frage der Präzision

Zwei Jahrzehnte später musste das Instrument endgültig für unspielbar erklärt werden – 1904 wurde ein Orgelneubau beschlossen. Der Auftrag erging an die k. u. k. Hof-Orgelfabrik Gebrüder Rieger aus Jägerndorf in Österreichisch-Schlesien, heute Krnov in Tschechien. Für dieses Instrument mit 71 Stimmen wurden auch am Orgelgehäuse Veränderungen vorgenommen und in den Prospektfeldern mehr Pfeifen angebracht. Für den Spieltisch, der den Spielschrank der Ladegast-Orgel auf Podiumsniveau ersetzte und auf der Empore platziert wurde, erhielt die Brüstung jenes geschwungene Mittelfeld, das bis heute besteht. In einer von Franz Schalk geleiteten Aufführung von Bachs h-Moll-Messe am 12. November 1907 kam die Rieger-Orgel erstmals zum Einsatz, am 11. Dezember wurde sie durch die Hoforganisten Rudolf Dittrich, Josef Labor und Georg Valker als Soloinstrument präsentiert.

Auch dieser Orgel war auf Dauer kein glückliches Schicksal beschieden. Als 1945 in den letzten Kriegstagen eine Granate in das Musikvereinsgebäude einschlug, nahm die Orgel Schaden und konnte zunächst nur notdürftig repariert werden. Im Zuge einer Überarbeitung durch Friedrich Molzer im Jahr 1948 wurde unter anderem die Disposition verändert und auf 80 Stimmen erweitert. Abnützungserscheinungen an den damals eingebauten elektrischen Trakturen beeinträchtigten allerdings bald die präzise Funktionsweise des Instruments.

Regelrechte Orgelblüte

So kam es, dass in den 1960er Jahren wieder ein Orgelneubau ins Auge gefasst werden musste. Als künstlerischen Berater zog die Gesellschaft der Musikfreunde Karl Richter hinzu, der als Dirigent wie auch als Organist vom Wiener Publikum gefeiert wurde. Das neue Instrument wurde gänzlich auf ihn, auf seine Spiel- und Interpretationsweise sowie auf sein Repertoire zugeschnitten. Exakt hundert Stimmen wünschte Richter sich für die Orgel und elektrische Trakturen, obwohl die Vorteile der funktionssichereren mechanischen Trakturen längst wiedererkannt worden waren. Den Auftrag für dieses Instrument erhielten die Firmen E. F. Walcker & Cie aus Ludwigsburg und Werner Walcker-Mayer aus Guntramsdorf bei Wien. In den Jahren nach dem ersten Konzert an dieser Orgel am 29. September 1968, das freilich Karl Richter bestritt, kam es zu einer regelrechten Orgelblüte im Musikverein, die mit dem frühen Tod Richters im Jahr 1981 jedoch ihr Ende fand. 

Zum einen zeigte sich, dass das Instrument allzu sehr auf einen einzigen Organisten abgestimmt worden war, zum anderen machten, wie schon bei der Vorgängerorgel, Abnützungserscheinungen der elektrischen Trakturen Schwierigkeiten. Nicht zuletzt war das Instrument für seine nunmehr (wieder) primäre Aufgabe als Orchesterinstrument wenig geeignet. 

Fachkundige Begleitung

Eine technische Erneuerung, so die Erkenntnis um das Jahr 2000, war weder zielführend noch finanziell vertretbar. Ein weiterer, der nunmehr dritte Orgelneubau war anzudenken. Die Erfahrungen mit den bisherigen Orgeln erwiesen sich als hilfreich für die Planung des neuen Instruments. Es wurde eine Findungskommission ins Leben gerufen, bestehend aus fünf international führenden Organisten, die das Projekt von Anfang an begleiteten: Dame Gillian Weir aus Großbritannien, Olivier Latry, Titularorganist der Kathedrale von Notre Dame in Paris, Ludger Lohmann aus Deutschland und aus Österreich Martin Haselböck und Peter Planyavsky. Als Fachmann der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien kam Archivdirektor Otto Biba hinzu.

Die Wahl dieses Komitees fiel auf die Firma Rieger-Orgelbau aus Schwarzach in Vorarlberg, das Nachfolge-Unternehmen jener k. u. k. Hof-Orgelfabrik Gebrüder Rieger in Jägerndorf, die bereits 1907 die zweite Musikvereinsorgel gebaut hatte. In den konzertfreien Sommermonaten des Jahres 2009 wurde die alte Orgel ausgebaut, im Sommer 2010 erfolgte der Einbau des neuen Instruments. Ab Saisonbeginn und bis zur feierlichen Segnung der Orgel am 26. März 2011 durch Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, Mitglied des Senats der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, waren schließlich in unzähligen Nachtstunden die Intonateure am Werk, die 6.138 Pfeifen der 81 Register in die richtige Stimmung zu bringen.

Erfüllte Wünsche

Konzipiert ist die neue Orgel in erster Linie für die ureigenste Funktion einer Konzertsaalorgel: für den Einsatz als Orchesterinstrument in symphonischem Repertoire mit Orgel. Wie prachtvoll sie ihren majestätischen Klang aber auch als Soloinstrument zu entfalten vermag, zeigte Olivier Latry kurz nach der Eröffnung in einem reinen Orgelkonzert im Großen Musikvereinssaal. Er und seine Organistenkollegen des Fachkomitees, die das neue Instrument bei der Eröffnung 2011 mit einem Repertoire von Bach bis Messiaen facettenreich präsentiert hatten, waren auch die ersten, die in den beiden darauf folgenden Jubiläumssaisonen zur 200-Jahr-Feier der 1812 gegründeten Gesellschaft der Musikfreunde in Wien am Spieltisch saßen. Deren hat dieses Instrument zwei: einen mechanischen unter dem mittleren Prospektfeld auf der Orgelempore und einen fahrbaren elektrischen für eine flexible Positionierung im Orchester.

„Möge diese Orgel als vielseitiges und regelmäßig benutztes Instrument das Wiener Konzertleben bereichern und den Liebhabern orchestraler Musik ein beinahe in Vergessenheit geratenes Genre zurückgeben.“ Dieser Wunsch, ausgesprochen von Orgelbaumeister und Rieger-Chef Wendelin Eberle, erfüllt sich seit dem 26. März 2011 aufs Eindrucksvollste. Regelmäßig entsendet die Orgel im Goldenen Saal ihren majestätischen Klang – einer Königin würdig, der Königin des Musikvereins.

Ulrike Lampert

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