Der Große Musikvereinssaal

Er gilt als das Kronjuwel unter den Konzertsälen dieser Welt: der Große Musikvereinssaal in Wien. Ein Raum, in dem Architektur zu Musik wird und Musik zu Architektur: „Wäre es möglich, die große Jupiter-Symphonie von Mozart sich in festen, sichtbaren Formen konstruiert zu denken, so würde dieser neue Saal des Musikvereins-Gebäudes ein entsprechendes Bild liefern.“ Das war eines der Urteile, mit denen Musikfreunde auf die Eröffnung des Großen Musikvereinssaals reagierten. Die Wirkung war schlichtweg überwältigend, als dieser Raum am 6. Jänner 1870 seine Pforten öffnete. „So hoch auch die Erwartungen gehen mochten“, schrieb die Presse, „so wurden sie doch von dem ersten Eindruck des Saales überboten, der an architektonischer Schönheit und stilvoller Pracht einzig in seiner Art dasteht.“ Der vom Musikvereinsarchitekten Theophil Hansen konzipierte Saal ist 48,80 Meter lang, 19,10 Meter breit und 17,75 Meter hoch und verbindet die in sich ruhende Grundform eines Quaders mit belebenden Details. Die Wände und die Decke sind rhythmisch gegliedert, Formen und Farben gehen ein spannungsvolles Wechselspiel ein. Die von August Eisenmenger geschaffenen Deckengemälde – Apollo und die neun Musen, auf Nebenfeldern von Genien umschwebt – setzen mit ihrer blauen Grundfarbe einen dynamischen Kontrapunkt zum vorherrschenden Goldton des Saales. Von Franz Melnitzky stammen die in elegantem Weiß gehaltenen Plastiken über den Dachvorsprüngen der Balkontüren und der Orgel und die Karyatiden im Parterre. Die Vorbilder dieser Figuren, die zu einem Markenzeichen des Hauses geworden sind, finden sich auf der Akropolis in Athen. Unterhalb der Bogenfenster stehen auf Sockeln Marmorbüsten berühmter Komponisten der Vergangenheit – in die illustre Galerie wurden nur Meister aufgenommen, die 1870 schon verstorben waren.Der Große Musikvereinssaal bietet 2.000 Musikfreunden Platz: 1.700 sind es auf den Sitzplätzen, rund 300 auf dem Stehplatz. Von allen Punkten des Saales aus hört man gleichermaßen gut. Der Große Musikvereinssaal setzt bis heute Maßstäbe der Akustik. Die hervorragenden Klangeigenschaften des Saales sind nicht das Ergebnis strenger Empirie – wurden doch wissenschaftliche Untersuchungen zur Akustik erst Jahrzehnte später systematisch angestellt –, sondern eine Folge des architektonischen Konzepts. Die Quaderform des Saales bietet, wie man heute weiß, die optimale Grundvoraussetzung der Raumakustik. Auf dieser Basis sorgen raumgliedernde Elemente – Kassettendecke, Balkone, Karyatiden – für eine optimale Streuung der Schallwellen. Weitere klangfreundliche Details kommen hinzu: Ein Hohlraum unter dem hölzernen Boden sorgt – ähnlich wie bei einer Geige – für einen resonierenden Untergrund, und auch die aus Holz konstruierte Decke, die nicht einfach aufliegt, sondern am Dachstuhl aufgehängt ist, lässt den Klang im Saal vorteilhaft schwingen.