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„Jeder Endpunkt ist ein neuer Anfang“

Anton Bruckner und die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Diese enge Verbindung, zu Bruckners Lebzeiten manifestiert nicht zuletzt durch seine Tätigkeit als Professor am Konservatorium der Gesellschaft und die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft, schwingt kontinuierlich weiter bis ins Jahr seines 200. Geburtstags und freilich auch darüber hinaus. Mit Blick auf das Bruckner-Jahr 2024 setzt die Gesellschaft der Musikfreunde symphonische und kammermusikalische Werke in vier Konzerten in einen spannenden Kontext mit Musik von Georg Friedrich Haas. Daniel Ender traf den in den USA lebenden österreichischen Komponisten zum Gespräch.

© Wolf-Dieter Grabner

Was waren die ersten Eindrücke von Bruckners Werken, an die Sie sich erinnern können? 
Die Schallplatten meiner Eltern (es werden vielleicht 30 bis 40 gewesen sein) schenkten mir während meiner grundsätzlich vergifteten Kindheit so etwas wie Inseln der Reinheit und des Lichts. Haydn bis Schubert, Schumann und Mendelssohn: Das war die „normale“ Musik, die ich als Kind gehört habe, manchmal gab es auch Ausflüge in Älteres (öfter zu Händel als zu J. S. Bach) und in die „Moderne“, die bei Bruckner endete. Das klingt heute absurd – aber Bruckner war damals erst ca. 60 Jahre tot, Anton Webern ist von uns heute weiter entfernt. Bemerkenswert ist, dass Richard Wagners Musik in dieser Sammlung gar nicht existierte. 

Ihre eigene musikalische Sprache ist natürlich im Heute angesiedelt und entsprechend vom 19. Jahrhundert entfernt. Welche Beziehungen zwischen der Musik von Haas und Bruckner lassen sich dennoch erkennen? 
„Die Musik von Georg Friedrich Haas klingt, als ob Bruckner zu viel Ligeti gehört hätte.“ – Leider weiß ich nicht mehr, wer das gesagt hat, aber diese Beschreibung freut mich. Bruckners Melodik kommt (fast) nie zur Ruhe. Jeder Endpunkt ist ein neuer Anfang, weit schweift, großzügig singt die Musik. In diesem großen Vorbild vergleichbarer Weise versuche ich, meine Melodien und meine formalen Entwicklungen zu komponieren. 

Ohne seine unverbrüchliche Religiosität wäre Bruckner kaum denkbar. Braucht jede Komponistin, braucht jeder Komponist einen Glauben? Und wie ist das bei Ihnen? 
Anders als Bruckner wurde ich nicht durch die Geburt zum Katholiken, ich wurde es durch meine eigene freie, bewusste Entscheidung. Und anders als Bruckner habe ich diesen Glauben sehr bald für immer verloren. In jene Lücke, die die verlorengegangene Religion hinterlassen hat, ist die Kunst getreten, vor allem die Musik. In der Tradition der mittelalterlichen „Gottesbeweise“ sage ich: Der Beginn von Schuberts unvollendeter h-Moll-Symphonie beweist die Existenz des Göttlichen. Ohne eine*n Go/ött*in wäre das nicht möglich. Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis nach Spiritualität. Und eines nach Rationalität. Im Mittelalter waren diese beiden Grundbedürfnisse vereinigt: Thomas von Aquin oder Meister Eckhardt waren ebenso absolut intellektuell wie absolut religiös. Heute klafft hier ein Widerspruch. Sowohl die historisch gewachsenen Religionen als auch die diversen neu entstandenen Sekten basieren auf einer Emotionalität, die in fundamentalem Widerspruch zu unserem rationalen Wissen steht. Ich erinnere mich noch an meine eigene, verzweifelte Anstrengung, Grundsätzliches wie die jungfräuliche Empfängnis Mariae, die leibliche Himmelfahrt Jesu Christi oder die Auferstehung des Fleisches GLAUBEN zu können. Ratio und Spiritualität standen da in unlösbarem Widerspruch. 

 

Wie hat sich dieser Widerspruch bei Ihnen letztlich gelöst?
Wenn ich komponiere, spüre ich eine mystische Verbindung zum Universum. Nehme ich dankbar die Gnade an, wie (vergleichbar der Kommunion in der katholischen Messe) „der Leib Gottes“ in mich eingeht. Dennoch ist alles, was ich schreibe, glasklar und rational in Musik gedacht. Spiritualität und Mystik auf der einen Seite – Rationalität und Klarheit auf der anderen: Das sind zwei Aspekte ein und derselben Komposition. Bei den Arbeiten von Mark Rothko und Helmut Lachenmann, von Ilse Aichinger und György Kurtág, von Ingeborg Bachmann und Nikolaus Harnoncourt, von … (hier könnte man tausende Namen von Künstler*innen anführen) ist es genauso. Ich glaube, darum ist Kunst heute notwendig. Vielleicht notwendiger denn je. 

Das Gespräch führte Daniel Ender.