Menü

Brahms | Levit: Wissende Liebe

Im Musikverein sind beide zu Hause: Johannes Brahms, fast eine Art Hausheiliger und ständig präsent durch die unschätzbare Brahms-Sammlung, die er dem Musikverein hinterließ. Und Igor Levit, zuletzt Porträt-Künstler des Musikvereins in der vergangenen Saison. 2023/24 finden sie hier eng zusammen. Igor Levit widmet sich dem Klavierwerk von Brahms – in Konzerten mit den Wiener Philharmonikern und Christian Thielemann, in Kammermusik- und Soloprogrammen.

© Peter Meisel

© Sammlungen der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

Igor Levit, wie man ihn kaum kennt: Nicht als Herold unbekannter und/oder zeitgenössischer Komponisten, nicht als Vorkämpfer für Ferruccio Busoni oder auch als Beethoven- Weltreisender. Im Musikverein spielt der Pianist in der neuen Saison vor allem Werke von Johannes Brahms. Der war zwar – wie sein Förderer Robert Schumann oder sein Antipode Franz Liszt – für die Zeitgenossen zunächst einmal auch Klaviervirtuose; doch erleben wir ihn im Repertoire eher als Symphoniker oder als Schöpfer preziöser Kammermusik. Vom Pianisten Brahms sind uns vor allem die beiden Klavierkonzerte geblieben. Die stehen heuer auch bei Igor Levit auf dem Programm. Aber der universell interessierte Interpret greift, wie so oft, viel weiter aus. Wobei das d-Moll-Klavierkonzert in diesem Brahms-Kaleidoskop, chronologisch gesehen, natürlich den Anfang macht. Dieses erste großangelegte Orchesterwerk des Komponisten trägt noch manche Spuren des heftigen Ringens, zu dem der Entstehungsprozess ausartete. Am Anfang waren wohl die mächtigen, donnernden Klangvisionen, mit denen das Konzert anhebt. Bei allem Unterschied im Tonfall enthält Brahms’ Erstes Konzert denn auch für den Solisten mindestens so viele Oktavgänge wie die diesbezüglich bei Musikästhetikern ein wenig in Verruf geratenen Schwesterwerke von Liszt … Das empfand wohl auch Brahms als Mangel: „Ein zweites soll schon anders lauten“, beschied Brahms – beinah entschuldigend – seinem Lebensmenschen Clara Schumann, als er ihr die Partitur des d-Moll-Konzerts übersandte. Es brauchte freilich mehr als zwei Jahrzehnte, ehe das „anders lautende“ Gegenstück entstand: Das B-Dur-Konzert entpuppte sich 1881 in der Sommerfrische von Preßbaum bei Wien aus Skizzen, die während einer Italien-Reise aufgezeichnet wurden. Sonnigere orchestrale Klänge hat Brahms vielleicht nur in seiner Zweiten Symphonie beschworen. Wie dort legen sich aber auch hier immer wieder Schatten über die hell erleuchtete Klanglandschaft. 

 

Außerdem schob Brahms, wie ein paar Jahre zuvor bereits für sein Violinkonzert in Aussicht genommen, in sein Zweites Klavierkonzert noch ein Scherzo ein, erweiterte die klassische Konzertform also in symphonische Dimensionen. Der „andere“, der leichtere Tonfall herrscht zwar vom lyrischen Hornsolo-Beginn an, doch ballen sich auch die technischen Ansprüche an die Vollgriffigkeit des Solisten immer wieder bedrohlich. Wie weit daraus unvermeidlich Massigkeit resultiert, das zu hinterfragen traut man gerade einem Igor Levit zu: Wer Noten so genau zu lesen versteht wie er, der spürt vermutlich nicht erst im B-Dur- Werk, sondern schon im Opus 15 zartere Klänge als die, mit denen die Aufführungstradition in der Regel aufwartet. Insofern darf man von Levits Wiener Brahms-Entdeckungsreise auch bei den kammermusikalischen Zusammenkünften des Pianisten mit Renaud Capuçon und Julia Hagen aufschlussreich „andere“ Hörabenteuer erwarten. Solche vielleicht, die sich an der warnenden Stimme Arnold Schönbergs orientieren. Der hatte einst ein Orchesterarrangement des g-Moll-Klavierquartetts angefertigt, weil er der Meinung war, bei Brahms würden die Pianisten – animiert vom voluminösen Klaviersatz – stets zu grobschlächtig agieren, sodass in der Konzertrealität die akustische Balance aus den Fugen gerate. „Ich wollte einmal alles hören“, meinte der Vater der Moderne – bei dem freilich Interpreten vom Schlage eines Igor Levit (mental) in die Schule gegangen sind. Es wird, da dürfen wir sicher sein, diesmal keines Orchesterarrangements bedürfen …

Wie auch, apropos, im Falle des Soloabends mit den späten Klavierstücken von Brahms hörbar werden könnte, was die Meister der Moderne, allen voran Schönberg, aus diesen intimen akustischen Tagebuchblättern herausgelesen haben, um Brahms „den Fortschrittlichen“ zu nennen. Man kann die Intermezzi und Charakterstücke der Opera 116 bis 119 als resignative Abschiedsmusik eines lebenslangen Misanthropen hören oder eben als Aufbruch in eine zwar ungewisse, aber – sagen wir’s mit Hölderlin – „offene“ Zukunft.

Ein Text von Wilhelm Sinkovicz.