Zum Abschied von Dr. Angyan

Eine Ära geht zu Ende


Mit 30. Juni 2020 verabschiedet sich unser Intendant Dr. Thomas Angyan in den wohlverdienten Ruhestand und wir blicken mit großer Dankbarkeit noch einmal auf 32 bewegte und bewegende Jahre zurück.

Nicht nur inhaltlich programmatisch hat sich seit 1988 einiges getan, auch zahlreiche bauliche Veränderungen wurden während der Intendanz von Dr. Thomas Angyan vorgenommen. In unserem Videobeitrag möchten wir zurückblicken auf über drei Jahrzehnte, in denen der Musikverein Zentrum der klassischen Welt wurde und für die renommiertesten KünstlerInnen der Welt ein Zuhause wurde.

Seit seiner Amtsübernahme hat Dr. Thomas Angyan die Zahl der Musikvereinszyklen um ein Vielfaches gesteigert. Mit mehr als 800 Veranstaltungen pro Saison haben die Konzertaktivitäten im Musikverein nicht nur einen Höchststand in der Geschichte des Hauses erreicht, sondern auch programmatisch neue Horizonte eröffnet. Jährlich besuchen mehr als 800.000 Musikfreunde den Musikverein, für 50.000 Kinder und Jugendliche werden Veranstaltungen im Musikverein angeboten, mehr als 100 Auftragswerke an 55 Komponistinnen und Komponisten wurden in den mehr als drei Jahrzehnten seiner Amtszeit vergeben. 

Es bleibt für diese bewegten 32 Jahre nur zu sagen: DANKE!

59513

Im Rahmen der Abschiedsfeierlichkeiten für Dr. Thomas Angyan griff Chefredakteur Dr. Joachim Reiber die Idee eines Gedichts auf, das vor 150 Jahren bei der Schlusssteinlegung im Musikvereinsgebäude präsentiert wurde - und formulierte kurzerhand mit geschickter Feder in ähnlicher Manier für unseren scheidenden Intendaten einige Verse... 

Der Schlussstein

Der Schlussstein ward gesetzt – vor 150 Jahren,
Das wundervolle Haus gebaut, wir haben viel davon erfahren
Beim Jubiläumsfest, bei dem sich jeder gern darauf besann,
Wie alles seinerzeit begann.
Wir wissen ja: Ganz Wien war da, im Jahre 1870 – 
Der Glanz des Neuen bracht’ es mit sich,
Dass man – schon vor dem ersten Ton im Goldenen Saal –,
zur Schlusssteinlegung kam in großer Zahl. 
Mit Prosa wollte man sich damals nicht begnügen,
Es sprach – gedacht als edles Kunstvergnügen –
Ein Hofschauspieler ein Gedicht, also in Reimen.
Das ließ für heute die Idee aufkeimen,
Zum Lebewohl die Worte so zu finden, 
Dass sie im Paarreim sich verbinden … 
Die Parallele ist ja klar – und jeder sieht es ein.
Es geht um einen Schlussstein im Musikverein.

Wo genau man ihn platzierte,
Den Schlussstein, der den Bau von 1870 zierte,
Man weiß es nicht mehr, keiner kennt jetzt noch den Ort,
Und Gleiches gilt wohl auch fürs Wort,
Den Weihespruch, den man im Mauerwerk versenkte,
Wohin er wohl den Ausblick lenkte?
Vermutlich wurde damals schon weissagend von der Goldenen Zeit gekündet,
Wie sie sich nun im Rückblick findet. 
Ein ganzes Menschenalter, mehr als dreißig Jahre – voll Glück, Schwung und Elan:
’Ne tolle Zeit, die Ära Angyan.

Ein junger Mann, Jurist und äußerst kunstaffin,
Zur Muse, zur Musik zog es ihn hin. 
Als feinen Lenker hinter den Kulissen
Wollt’ man ihn damals schon nicht missen. 
Bald war er hier – ganz vorn, als Chef der Musikal’schen Jugend,
Da zeigte er schon glanzvoll seine Tugend.
Ein groß Talent, an dem nichts auszusetzen, nicht zu mosern war,
Das war auch für Professor Albert klar,
Den Chef im hinteren Teil des Hauses – worauf er dann schon bald befand:
Der Junge soll der Nächste sein, der ideale neue Intendant.
So ging es 1988 los, 
Und das nun wahrlich ganz famos.
Bernstein, Lennie!, trat als Erster hier ans Pult,
Der Prominentenreigen wurde gleich zum Kult, 
Zwei Tage drauf – Herbert von Karajan.
Das war der Stil der Ära Angyan.

Wer zählt die Künstler, nennt die Namen, 
Die gastlich hier zusammenkamen?
Ob Muti, Mehta, Thielemann – 
Wo hört man auf, wo fängt man an?
Abbado, Jansons, Barenboim –
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!
Sie alle kamen liebend gern hierher, in den Musikverein,
Und was sie anzog, war der Nimbus nicht allein,
Nicht bloß der Goldklang und die Aura alter Meister – 
Nein, es waren, mehr noch, die lebend’gen Geister,
Der Spirit, den der Hausherr dem Betrieb hier geben konnte,
Der familiäre Sinn, der Freundschaftsgeist, in dem sich jeder sonnte,
Der hier – auf Welttournee – das Podium betrat und fand, er komme heim.
Wie das gelang, auch darauf gibt es einen Reim, 
Den Paarreim – wo könnt’ er besser passen als an dieser Stelle,
An der zu sagen ist, dass all das Helle,
Die Freundschaftspflege, der Beziehungscharme, der Reiz des Menschlich-Nahen, Eleganten,
Sich schon auch ihr verdankt: Eva, der Frau des Intendanten.

So fanden sich die Besten aus der ganzen Welt
Hier als Familie, fein einander zugesellt.  
Verlorene Söhne kehrten heim. Slawa, der zürnende Cellist, 
Vergaß den Hass auf Wien und zeigte wieder strahlend, wer er ist.
Es ging nicht darum, irgendwie sein Mütchen hier zu kühlen.
Hier durfte, konnte jeder frei sich fühlen! 
Die Jungen wurden groß, aus Nachwuchskünstlern wurden Arrivierte, 
Gefeierte, Umjubelte, vielfach Hofierte.
Die Shootingstars von einst, sie kehrten wieder als ergraute Eminenzen,
Mit Spitzenteams aus aller Welt, am Pult der vielgepries’nen Residenzen.
Es tat sich so unglaublich viel, es war ein großes Kommen und ein Gehen,
Der Intendant jedoch blieb jugendlich, als wäre nichts geschehen.

Als wäre die Jeunesse ein Teil auch seiner Gene,
Schaut’ er, mit Leidenschaft, auf alle jene,
Die, weil noch jung an Jahren, 
In musikal’schen Dingen unerfahren. 
Ob Allegretto, Klingklang oder Topolina,
Ein solches Spektrum war noch nie da – 
Musik, das ganze Wunderreich der Töne, 
Das Spannende und all das Schöne,
Erschloss er, darin war er Pionier,
Für Kinder schon ab drei, ab vier … 
Die kleinen G’schrappen wurden glücklich, und die großen Lümmel ebenso,
Der Bogen, weit gespannt, reicht von Agathe bis Capriccio.
Den Young Musicians galt dieselbe Leidenschaft, 
Und viele haben es geschafft, 
Von hier, vom Podium der Jungen, 
Sind Weltkarrieren Etlichen gelungen. 
Sei’s Buniatishvili, sei es Viotti, einst Welser-Möst auch, unser Franz,
Sie nützen hier die Chance zu ihrem Glanz.
Der Intendant, er hatte für sie alle einen Masterplan.
Es war ’ne tolle Zeit, die Ära Angyan.

Fragt nach dem Stein ihr, der das Ganze schlüssig fügte, dem Fundament, das alles trug,
So war’s die Kunst des Möglich-Machens, mit der hier engagiert und klug
Der Raum geöffnet wurde der Musik – all denen, die als Orpheus’ Erben,
So herrlich für die Kraft der Musen werben. 
Sie hatten freie Bahn hier für ihr Tun und Walten, 
Sie fanden Unterstützung, optimal, für all ihr schönes, findiges Gestalten.
Ein Harnoncourt, wir nennen nur den einen, 
Der war in keiner Weise, nirgends anzuleinen.
Gewinnen ließ er sich nur durch Sensibilität, Verständnis, großes Offensein,
Er fand sie hier, in Angyans Musikverein.

Ja, große Kunst möglich zu machen ist selber eine große Kunst.
Auch wir, die hier Versammelten, genossen diese Gunst,
Ihr Vertrauen, lieber Dr. Angyan, es machte auch für uns die Räume frei,
Egal an welchem Platz in diesem Haus, ob hier, ob dort, ganz einerlei –
Ob an der Kassa, ob in Büros, im Saaldienst oder bei Bilanzen, 
Frei durften wir auch tätig sein, im Dienst des Ganzen.
Wir schätzten sehr, dass Sie auch uns gestalten ließen,
So ließ die Arbeit sich genießen.
Wir durften kreativ sein, dort wie hier,
Wie Künstler fast, ein jeder in der eigenen Manier.
Und über allem war das Bindende gegeben,
Die Liebe zu dem Haus, das eben 
Nicht bloß ein Bauwerk ist, vielmehr ein Raum fürs Leben,
Das musisch freie, off’ne Seelenschweben.
Wir waren (und sind hier) mit Herz und Sinn, voll Identifikation.
Und mancher ist, Sie wissen schon,
In Ihrem Dienst, voll Arbeitslust und hocherbaut,
in langen Jahren hier ergraut. 
(Ja schaut nur, schaut …)

Der Schlussstein: als man ihn 1870 hier einfügte, irgendwo an diesem Ort,
Da kreiste das Gedicht zur Feier um ein einz’ges, großes Wort. 
Es soll auch heut gesagt sein, mit Herz und Mund und Tat.
Zum Schluss nun also, aus dem Gedicht von damals, ein Zitat.
„Was ist das Wort wohl, welches würdig schalle,
Als [Wichtigstes] durch diese Halle?
Nur Ein’s kann’s sein, nur Ein’s, das tief bewegt
Im Herzen jeder hier zur Stunde trägt, 
Das jedem auf die Lippe tritt,
Deß’ Fuß nur Einmal diesen Raum durchschritt,
… Dieß’ eine schlichte Wort heißt: Dank!“
Ja, so klang’s damals, und so sagen wir es heute: Dank!

Wir ziehen unsern Hut, wir nehmen unsere Masken ab – 
Und sagen Dank für all das Schöne, das es in mehr als dreißig Jahren gab.
Dank Ihnen, alles Liebe – und wohl an,
es war ’ne tolle Zeit, die Ära Angyan.

Joachim Reiber

Impressionen der Abschiedsfeierlichkeiten