Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien trauert um ihr Ehrenmitglied Krzysztof Penderecki. Durch seinen Tod verliert die Musikwelt einen Komponisten, der seit den späten 1950er Jahren bis in die jüngste Gegenwart tonangebend blieb. Im Musikverein, für den Penderecki bedeutende Werke geschaffen hat, war er als Freund zu Hause. Krzysztof Penderecki starb am Sonntag, dem 29. März 2020, im Alter von 86 Jahren in seinem Heimatland Polen. 

Noch am 3. März 2020 hätte sein Name auf dem Programm des Musikvereins stehen sollen. Für die neuen Diabelli-Variationen, die Rudolf Buchbinder in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zur Uraufführung brachte, war auch Krzysztof Penderecki angefragt worden. Dass er dann doch fehlte in der Reihe der Uraufführungskomponisten, lasen die Musikkenner noch nicht als alarmierendes Zeichen. Man wusste ja, gerade auch in Wien, dass er sich gern bis zur letzten Minute Zeit ließ für den Abschluss neuer Werke und auch riskierte, Premieren seiner Werke verschieben zu müssen. So also glaubte man es auch diesmal verstehen zu dürfen. Und erinnerte sich lebhaft an die jüngste Begegnung mit ihm, knapp ein Jahr zuvor, im März 2019 im Musikverein. Eine „Carte Blanche à Krzysztof Penderecki“ führte ihn damals ins Haus, eine gemeinsame Veranstaltung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien und der Musik und Kunst Privatuniversität anlässlich seines 85. Geburtstags. Studierende hatten Werke von ihm erarbeitet. Am Tag des Konzerts nahm sich der Komponist die Zeit, den jungen Interpreten in einer Probe den letzten Schliff zu geben. Sie waren enorm gut vorbereitet – es hätte Grund genug für hübsche Komplimente gegeben –, doch Penderecki überraschte sie durch leidenschaftliches Anspornen. Die minuziöse Exekution von Noten war ihm zu wenig, dass er da und dort so etwas wie ein vierfaches Piano vorgeschrieben hatte, interessierte ihn nicht. „Vergessen Sie das!“, rief er den jungen Leuten zu. Mehr Ausdruck forderte er. „Mehr Herz! Mehr Intensität!“ 

Die Studierenden spielten sein Sextett, heute wohl eines der meistaufgeführten Kammermusikwerke der zeitgenössischen Musik und entstanden im Jahr 2000 als Auftragswerk der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Gefragt, wie er selbst dieses Werk einschätze, merkte Penderecki damals an: „… ich bin doch ein slawischer Komponist, dem es um die Übermittlung des eigenen Gefühls, des Ausdrucks geht; die claritas in der Konstruktion ist mir wichtig, aber ich habe keine Angst vor der persönlichen Note.“ Dieser Drang zum eigenen Ausdruck, dieser Mut zur persönlichen Note war es auch, der Penderecki eine spannende, facettenreiche Entwicklung durchlaufen ließ. In Systemen ließ er sich nicht fangen, an Systemen hielt er nicht fest. Sein Weg war davon bestimmt, sich dem ideologisch Festgelegten zu entziehen. Gegen das „Angesagte“ setzte er, was er selbst zu sagen hatte. So ging er, auf immer wieder überraschenden Wegen, seinen Weg der persönlichen Freiheit.  

1933 in Debica (Polen) geboren, wuchs Krzysztof Penderecki im Schatten der nationalsozialistischen Kriegsgreuel auf. Die Zwangsherrschaft des Stalinismus folgte. Nur knapp entging der Schüler Penderecki dem Rausschmiss aus dem Gymnasium, nachdem er dort die Toilettenwände mit Anti-Stalin-Parolen beschmiert hatte. 1959, beim Warschauer Wettbewerb für junge polnische Komponisten, gewann er mit drei anonym eingereichten Kompositionen alle drei zu vergebenden Preise. Auch „Psalmen Davids“ waren darunter – geistliche Musik also, die auf dem Index gestanden hatte, Klänge, die gerade in Polen die unterdrückte Tiefenschicht eines Volkes zum Schwingen brachten. Diese Musik enthielt eine Botschaft von gesellschaftspolitischer Bedeutung. Und Penderecki, der Bote, war von Beginn weg eine repräsentative Gestalt.

Auch im Westen spielte er diese Rolle von seinem ersten Auftritt an. Auch hier verkörperte er, in seinen jungen Jahren, den Widerstand gegen ein festgefahrenes System, das Aufbrechen starrer Strukturen – nicht im Politischen, aber im Ästhetischen. Bei den Donaueschinger Musiktagen sorgte er 1960 mit „Anaklasis“ für einen epochalen Schock. Seine perkussiv aufgepeitschten Klangorgien befreiten die Musik aus der verkopften Enge des Serialismus. Penderecki war der Mann der Stunde. Und er war es auch sechs Jahre später, 1966, als im Dom zu Münster seine „Lukas-Passion“ uraufgeführt wurde. Mehr als 100 mal wurde das Werk gleich im Anschluss daran in aller Welt gespielt – so auch 1973 bei der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Penderecki, hieß es treffend in einer zeitgenössischen Kritik, „hat mit dieser Passionsmusik die wichtigste Brücke zwischen liturgischem Geist und Neuer Musik gebaut.“ Um Religio, die Rückbindung ging es dabei. Sie blieb auch später ein wichtiges Movens im Schaffen von Penderecki. In der Symphonik, bekannte er einmal in einem Interview, „ist Anton Bruckner mein Meister. Er hat Gott in seiner Musik gefunden. Das spürt man.“ Die Frage des Journalisten konnte da nicht ausbleiben: „Suchen Sie das auch?“ „Ja“, gab Penderecki zur Antwort, „aber nicht so konkret wie er. Das irrationale Moment in der Kunst ist sehr wichtig.“  Mit Eskapismus war das nicht gleichzusetzen, keinesfalls: „Die äußere Welt“, so Penderecki, „dringt oft brutal in mein inneres Leben ein, sie veranlasst mich, Stücke wie ,Threnos‘, ,Dies irae‘ oder ,Polnisches Requiem‘ zu schreiben. Dies ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Jedoch, die Welt der Musik ist eine ideale. Daher wende ich mich sehr gerne einer reinen musikalischen Form zu, die nicht durch externe Elemente kontaminiert ist.“

Diese reine musikalische Form war es dann auch, die Krzysztof Penderecki, angeregt von Musikvereinsintendant Thomas Angyan, in Auftragswerken für die Gesellschaft der Musikfreunde pflegte. Nach dem Sextett im Jahr 2000 entstanden Pendereckis „Largo für Violoncello und Orchester“, das 2005 von Mstislaw Rostropowitsch und den Wiener Philharmonikern unter Seiji Ozawa im Musikverein uraufgeführt wurde, und das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester. Dieses Auftragswerk zum 200-Jahr-Jubiläum der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien erlebte im Oktober 2012 seine Premiere mit Julian Rachlin (Violine), Janine Jansen (Violoncello), dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und Mariss Jansons.

Es waren inspirierende Wege, auf die einen der Musiker Krzysztof Penderecki mitnehmen konnte, Wege, die sich faszinierend dem Berechenbaren entzogen. Er selbst gab vielleicht das schönste Bild dafür, als er über den Wald sprach, den er auf seinem Anwesen in Luslawice geschaffen hatte. Rund 1.600 Bäume stehen dort, ein Labyrinth durchquert das Grün. „Ich fühle mich dort sicher“, erzählte Krzysztof Penderecki. „Ich kann zurückkehren und neue Wege finden …  Ich wandere und streife umher, wenn ich mein symbolisches Labyrinth betrete. Nur ein Rundgang kann dich zur Erfüllung führen.“

Joachim Reiber