Zukunftsperspektiven

Thomas Angyan präsentiert das Bauprojekt des Musikvereins

Auf den ersten Blick ist das Musikvereinsgebäude seit 1870 unverändert geblieben - eine kostbare, achtsam gehütete Architekturperle der Ringstraßenzeit. Und doch hat sich hinter der sorgfältig gepflegten Fassade des Hansen-Baus in den letzten 131 Jahren viel getan: angefangen von der Elektrifizierung kurz vor der Jahrhundertwende über den großen Umbau von 1911, bei dem die Stiegen verlegt und die üppigen Karyatiden ein wenig aus dem Blickfeld gerückt wurden, bis hin zu den aufwendigen Sanierungs- und Baumaßnahmen der achtziger und neunziger Jahre: der Renovierung der beiden Konzertsäle, dem Ausbau des Archivs und dem Einbau einer Lüftungs- und Kühlungsanlage - um nur einige Maßnahmen zu nennen. Doch was nun, im Untergrund verborgen und behutsam gegen den Konzertbetrieb abgeschirmt, an baulichen Veränderungen eingeleitet wurde, übertrifft in seinen Dimensionen alles vorher Dagewesene. "Es ist der größte Erweiterungs- und Zubau seit der Errichtung des Musikvereins", sagt Dr. Thomas Angyan, der als Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde mit Unterstützung der Direktion die Weichen für dieses ambitionierte Projekt gestellt hat.

"Gründergeist", einst und jetzt

Reminszenzen an die "Gründerjahre" liegen hier wirklich nahe. "Die Situation", meint Thomas Angyan, "ist zwar nicht direkt vergleichbar, aber doch ähnlich: Auch damals, beim Bau des Musikvereins, konnte die Gesellschaft als private Institution auf die Hilfe des Staates zählen, mußte aber einen großen Teil aus eigenen Mitteln finanzieren. Und so wird auch nun die öffentliche Hand, sprich Stadt und Bund, rund 50 Prozent der Kosten tragen. Die restlichen 50 Prozent muß die Gesellschaft selber aufbringen, wobei hier ein beträchtlicher Teil bereits durch die großzügige Spende von Alberto Vilar zugesagt ist. Der nicht unerhebliche Restbetrag aber soll, so wie damals, durch eine Spenden- und Bausteinaktion aufgebracht werden." Diese Aktion (über die auch ein eigener, dieser Ausgabe beiliegender Folder informiert) läuft nun an - und dies unter einladenden Voraussetzungen: Die privaten Zuwendungen für die Restaurierung im Bereich des Musikvereinsgebäudes werden steuerlich absetzbar sein.

Neuer Raum - und Neuraum für Ideen

Zwei wesentliche Ziele sind es, die sich - ähnlich wie damals - mit dem großangelegten Projekt verbinden. Es gilt, auf die gestiegenen Erfordernisse eines intensivierten Konzertbetriebs zu reagieren. Und es gilt, entschieden und beherzt zu agieren und neue Möglichkeiten für die Zukunft zu erschließen. Neuer Raum soll Neuraum schaffen, er soll, auch programmatisch, neue Perspektiven öffnen.

Der nun unterhalb des Musikvereinsplatzes entstehende Saal, der in Dankbarkeit für die Spende von Alberto Vilar dessen Namen trägt, verknüpft beide Aspekte in exemplarischer Weise. Zum einen ist dieser Vilar-Saal vorzüglich geeignet, den notorischen Engpaß bei den Probenmöglichkeiten im Musikverein zu beseitigen. "Wir haben hier im Haus ständig vier Orchester - die Wiener Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, das RSO Wien und das Niederösterreichische Tonkünstlerorchester -, die bislang vielfach außerhalb des Hauses proben müssen. Für Konzerte, die bei uns stattfinden, werden derzeit 120 Proben pro Saison extern abgehalten." Das aber wird sich, wie Thomas Angyan erläutert, dank des Vilar-Saales ändern. "Dieser Saal verfügt über exakt die Dimensionen, die das Podium des Großen Musikvereinssaals mit dem größtmöglichen Bühnenaufbau hat. Das bedeutet, daß auch ein Chor-Orchester-Konzert unter akustisch guten Verhältnissen geprobt werden kann. Ein weiterer großer Vorteil ist, daß die Orchester- und Choraufstellung im Verhältnis 1:1 in den Großen Musikvereinssaal übernommen werden kann."

Ein Balkon bietet in jedem Fall Platz für Zuhörer. Wird die Grundfläche des Saales nicht von den Ausführenden allein beansprucht, gibt es mehr Raum für das Publikum, und das in verschiedensten Formationen: Besucher können, je nachdem, "zu ebener Erde" sitzen oder in ansteigenden Sesselreihen wie im Kino.
Variabilität ist Trumpf in diesem Konzept. Und sie schafft, wie Thomas Angyan betont, die Voraussetzungen für neue programmatische Varianten. "Wir müssen an die nächste Generation denken oder besser: an folgende Generationen. Und darum halte ich es für sehr wichtig, daß im Vilar-Saal nicht das passiert, was üblicherweise im Großen Musikvereinssaal oder im Brahms-Saal geschieht. Hier soll es zusätzliche Veranstaltungen geben: Musikfilme, Edukationsprogramme, Ethnomusik, Step-Dance, Jugendkonzerte, Kinderprogramme, halbszenische Produktionen von Kammeropern ... alles, was mit Musik im weitesten Sinn zu tun hat, aber nicht in die ,klassischen Sparten' wie Symphoniekonzert, Quartett- oder Liederabend fällt."

Der Vilar-Saal soll, so Thomas Angyan, ein "Treffpunkt für musikinteressierte Jugendliche" sein - nicht ausschließlich und auch nicht "abgeschottet" vom übrigen Haus, sondern, ganz im Gegenteil, in der Funktion eines Bindeglieds. "Wer hier Veranstaltungen besucht, bekommt vielleicht auch Lust zu hören, was im Großen Musikvereinssaal und im Brahms-Saal gespielt wird. Und umgekehrt finden vielleicht auch Abonnenten des Zyklus ,Meisterinterpreten' Interesse an dem, was im Vilar-Saal passiert."

Neues für Konzertbesucher

Der Vilar-Saal, der im Jahr 2004 eröffnet wird, ist das Herzstück der Baumaßnahmen, aber doch nur ein Teil der umfassenden Aktivitäten. Sie reichen, nimmt man alles in allem, von den neu zu schaffenden drei Untergeschossen bis unters Dach und durchziehen fast alle Winkel des Hauses.
Um einen Überblick zu gewinnen, begibt man sich am besten auf einen imaginären Rundgang durch den "neuen Musikverein" und betritt das Haus, wie gewohnt, durch den Haupteingang: Schon im Foyer erwartet den Konzertbesucher die erste sichtbare Veränderung: Hinter den Garderoben schaffen neue Wandelgänge mehr Platz zum Flanieren, der Gang links führt außerdem zur neu eingerichteten Kassa, die im Bereich der jetzigen "Jeunesse"-Büros eingerichtet wird. "Die Verlegung der Kassa macht es möglich, sie gleichzeitig als Tages- und Abendkassa zu betreiben", erläutert Thomas Angyan. "Tagsüber ist sie direkt von der Bösendorferstraße zugänglich, abends auch vom Foyer aus." Die dann frei werdenden Räume der jetzigen Tageskassa werden, dem dringenden Raumbedarf entsprechend, in Büros für den Musikverein umgewandelt, die "Jeunesse" übersiedelt in den Bereich des heutigen "Wagner-Saales".
Das umgestaltete Foyer bietet nicht nur Platz zum Wandeln, sondern öffnet auch neue Wege in den Konzertsaal. Zwei Lifte für je zwanzig Personen befördern Besucher aus dem Eingangsbereich direkt auf die Ebene des Brahms-Saales und des Goldenen Saales oder, einen Stock höher, zu den Galerien beider Säle. Auf allen Ebenen wird es übrigens auch neue Sanitäreinrichtungen geben.

Der Einbau der Lifte hat beträchtliche Konsequenzen: Um die entsprechenden Einstiegsebenen zu schaffen, müssen auch die Galeriestiegen neu konstruiert werden. Auf beiden Wegen - sei es mit dem Lift oder zu Fuß über die neue Treppe - gelangt man auch in die neuen Kellergeschosse. Das 1. Untergeschoß steht dabei in einer unmittelbaren Verbindung mit dem Eingangsbereich im Erdgeschoß. Es bietet eine weitere Garderobe und ein großes Foyer mit Büffet. Thomas Angyan freut sich, damit endlich ein historisch bedingtes Manko des Hauses beseitigen zu können. "Als der Musikverein 1870 gebaut wurde, gab es noch keine Konzertpausen und deshalb auch keinen Bedarf an Pausenräumlichkeiten. Die können wir nun schaffen - durch das Foyer im 1. Kellergeschoß und durch die Öffnung des Einem-Saales, der als Pausenfoyer mit einem weiteren Büffet erschlossen wird."

Einen Stock tiefer, im 2. Kellergeschoß, erreicht man den Balkon des zweigeschossig angelegten Vilar-Saales. Auf derselben Ebene befindet sich auch ein Präsentationssaal, der vielfältig genützt werden kann - etwa für Veranstaltungen des Archivs der Gesellschaft der Musikfreunde. Und auch in diesem Stock erwartet den Besucher ein großzügiges Foyer mit Garderobe.
Im 3. Untergeschoß befindet man sich auf der Ebene des Vilar-Saales. Auch hier gibt es selbstverständlich entsprechende Foyers.

Neues für Musiker

Mit diesem Streifzug ist allerdings wieder nur ein Teil der Novitäten angesprochen. Ein anderer erschließt sich, wenn man die Perspektive wechselt und die Neuerungen aus der Warte eines Musikers betrachtet. Denn selbstverständlich wird dieser Erweiterungsbau den Künstlern genauso zugute kommen wie dem Publikum. "Die Infrastruktur des Hauses im gegenwärtigen Zustand ist einfach nicht mehr geeignet, rund 500 Konzert im Jahr in vertretbarer Art und Weise durchzuführen", sagt Thomas Angyan und denkt dabei - neben den bereits angesprochenen Probenmöglichkeiten für Orchester - vor allem an die Situation hinter der Bühne, wo sich die Musiker in den viel zu kleinen Orchestergarderoben buchstäblich auf die Zehen treten. Diese Raumnot zu beheben, war und ist ein wichtiges Ziel dieses Umbaus - und so wird es schon im kommenden Herbst im 1. Untergeschoß bezugsfertige Orchestergarderoben in großzügigem Stil geben. Der begehrte Auftritt im historischen Ambiente verbindet sich so mit modernem Komfort: ein Kunststück, das dank des Zubaus gelingen wird.

Ein Klavierdepot, das ebenfalls auf der Ebene des 1. Untergeschosses eingerichtet wird, sorgt für weitere Verbesserungen im künstlerischen Betrieb. Im Stock tiefer, auf der Ebene des 2. Kellergeschosses, befinden sich zusätzliche Orchestergarderoben, die den Vilar-Saal mit einer entsprechenden Infrastruktur ergänzen. Schließlich dürfen sich auch Ensembles, die bislang im sogenannten "Bach-Keller" probten, auf verbesserte Bedingungen in den beiden Kleinen Sälen links und rechts des Vilar-Saales freuen. Und auch der Singverein, dem im Einem-Saal zuweilen die Luft auszugehen drohte, kann bei seinen Probem im neuen Ambiente besser durchatmen.

Neues fürs Archiv

Willkommene Neuerungen gibt es schließlich auch für das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde. Ebenfalls im 1. Kellergeschoß erhält die bedeutendste private Musiksammlung der Welt ein neues Autographendepot, bei dem - wie schon derzeit - die höchsten Standards in puncto Sicherheit und Klimatisierung erfüllt werden. Ein Studienraum ist dieser "Schatzkammer" unmittelbar angegliedert. Die Sammlungen der Gesellschaft profitieren aber auch, wie Thomas Angyan erläutert, "von Synergien, die durch die Verlängerung der U 2 und den Ausbau der Station Karlsplatz entstehen. Denn oberhalb der U-Bahn entsteht ein Raum mit einer Länge von ca. 60 Metern, einer Breite von 8 Metern und einer Höhe von 4 Metern, den wir für unsere Zwecke nützen können. Hier soll unsere Sammlung historischer Instrumente - mit Ausnahme ausgewählter Leihgaben, die in der Musikinstrumentensammlung des Kunsthistorischen Museums bleiben werden -, wieder an einen Ort zurückgeführt werden. Denn bis dato mußten wir große Teile dieser wertvollen Sammlung in verschiedene Schlösser außerhalb Wiens auslagern." Der Präsentationssaal, der sich im zweiten Kellergeschoß befindet, wird nicht zuletzt dazu dienen, Instrumente aus dieser Sammlung gezielt vorstellen zu können.

Sicherheit geht vor

Vom Musikverein aus gibt es zwei direkte Zugänge zum Instrumentendepot, wohlgemerkt aber keine starre Verbindung. Eine Spezialkonstruktion mit Gummimanschetten sorgt dafür, daß "eine Schallübertragung absolut unmöglich ist." Thomas Angyan braucht im übrigen kaum zu betonen, daß alle Verantwortlichen - einschließlich der Wiener Linien, "mit denen die Zusammenarbeit vorbildlich funktioniert" - dafür einstehen, jede Beeinträchtigung vom Konzertsaal mit der besten Akustik der Welt fernzuhalten. "Es gibt drei akustische Gutachten - eines von den Wiener Linien, zwei von uns in Auftrag gegeben -, die alle drei bescheinigen, daß eine Schallübertragung nicht möglich ist." Um jedes auch nur theoretische Risiko auszuschließen, tun die Wiener Linien ein übriges und verlegen die Gleise im Bereich der Wendeanlage am Karlsplatz auf einem eigens abgepufferten Untergrund.

Daß die Bauarbeiten auch von peniblen statischen Kontrollen begleitet werden, versteht sich von selbst. "Es gibt 27 Setzpunkte im Haus, die wöchentlich vermessen werden, um allfällige Absenkungen des Gebäudes sofort zu erkennen", erläutert Thomas Angyan. "Die bis jetzt erstellten Diagramme zeigen, daß sich die Absenkung in Teilbereichen des Hauses zwischen 0,1 und maximal 17 Millimetern bewegt hat. Nach dem Urteil von Fachleuten, die hier ständig am Werk sind, ergibt sich eine Gefährdung aber erst ab einem Bereich von 5 Zentimetern." So wie die Statiker "alles Menschenmögliche tun", um das "Weltkulturerbe Musikverein" von jeder Gefährdung freizuhalten, so sind auch die zuständigen Architekten darauf bedacht, das Werk ihres berühmten Kollegen Theophil Hansen zu bewahren. Am Erscheinungsbild des historistischen Prachtbaus soll sich nichts ändern. Für den Vilar-Saal, dessen innenarchitektonische Gestaltung noch ein "work in progress" ist, ist Fingerspitzengefühl gefordert. Es gilt, die Brücke zum "alten Haus" zu schlagen und doch eine neue Lösung zu finden - so wie dies Thomas Angyan auch mit seinem Programm vorhat.

Grundstein für die Zukunft

"Was ich primär erreichen will, ist, den Grundstein für die Zukunft zu legen", sagt Thomas Angyan resümierend über die Zielsetzung des Projekts. "Es gibt Leute, die sich die Frage stellen, ob es in zwei Generationen noch Konzerte im klassischen Sinn geben wird. Ich gehöre nicht zu ihnen, denn ich sage eindeutig ,ja!'. Wenn man sich die Statistik anschaut, dann haben wir in den letzten Jahrzehnten eine unglaubliche Steigerung erlebt. Allein zwischen 1988, dem Beginn meiner Tätigkeit im Musikverein, und heute konnten wir die Zahl unserer Konzertzyklen verdoppeln. Jetzt müssen wir schauen, daß wir eine neue Generation mit klassischer Musik konfrontieren. Das kann durchaus über nicht-traditionelle Methoden erfolgen. Und das wird, wie ich zuversichtlich hoffe, auch Erfolg haben."

Joachim Reiber