"Ich liebe die Zahl fünf"

Der dirigierende Cello-Weltmeister Mstislaw Rostropowitsch

Mstislaw Rostropowitsch, ein Künstler der Superlative

Größe zeigt sich auch darin, wie man mit ihr umgeht. Als bedeutendster Cellist der Gegenwart, der sich im Laufe seiner Karriere wiederholt als glänzender Pianist präsentiert hat und nun schon seit Jahren als Dirigent in Oper, Konzert und in den Plattenstudios international reüssiert, hätte Mstislaw Rostropowitsch allen Grund, vorrangig sich selbst zu präsentieren. Nichts liegt "Slawa" - wie seine Freunde den 1927 in Baku geborenen Ausnahmemusiker nennen - ferner, als seine Persönlichkeit und außergewöhnlichen Leistungen als Interpret in den Vordergrund zu rücken. Dabei gibt es allein statistisch kaum jemandem, der ihm das Wasser reichen kann: Als Cellist hat er 120 Stücke uraufgeführt, als Dirigent mehr als 70 Weltpremieren geleitet, den Großteil während seiner siebzehnjährigen Tätigkeit als Chefdirigent des National Symphony Orchestra in Washington. Hier dirigierte er nicht weniger als 500 Werke und engagierte sich für zahlreiche amerikanische Novitäten.

Aber aus Statistiken macht er sich nichts. Für Rostropowitsch zählt ausschließlich die Musik, freilich auch die Erinnerung an seine Begegnungen, mit zahlreichen großen Kollegen. "Ohne Bach gibt es kein Leben für mich", lautet eines seiner Bekenntnisse - und wie man weiß, dankt der Ausnahmecellist für den Applaus nach seinen Konzertauftritten stets mit einem Ausschnitt aus den Bachschen Solosuiten. Trotzdem hat er mittlerweile weniger Soloauftritte und gastiert mehr mit Orchestern - schließlich hat er, wie er selbst sagt, in seinem Leben "mit so vielen großen Musikern zusammengearbeitet - mit Svjatoslav Richter, Wilhelm Kempff, Vladimir Horowitz, Rudolf Serkin, Argerich, Pollini, Oistrach."

Zeitgenössisches als Anliegen

Noch mehr ins Schwärmen gerät "Slawa", wenn man ihn an jene Komponistentrias erinnert, die nicht nur für ihn komponiert, sondern auch mit ihm musiziert hat: "Schostakowitsch war ungeheuer bescheiden. Er hat sein Herz für einige wenige Leute geöffnet. Mir sind nur drei bekannt. Prokofjew war in allem ungeheuer pünktlich. Kam man zwei Minuten später, war er schon ungehalten, auch böse. Er war ein bißchen trocken, aber sehr nett. Britten war eine dritte Welt - ein wirklicher Lord, hochintelligent, sehr vornehm, er ging immer auf dich ein. Ungeheuer, mit welcher Brillanz er den Klavierpart der Schostakowitsch-Sonate gespielt hat."

Auch wenn Rostropowitsch keinen Zweifel läßt, daß es heute "nicht so viele phantastische Komponisten" gibt, ist ihm die Pflege der zeitgenössischen Musik ein besonderes Anliegen geblieben. Nicht immer zur Freude seiner Freunde und Dirigenten: "Ich spiele immer wieder zeitgenössische Musik. Eines meiner Lieblingswerke ist das Konzert von Dutilleux - vielleicht eines der schönsten Konzerte, die für Cello komponiert worden sind. Trotzdem sagen viele meiner Freude: Spiele Dvo(r)ák. Bei zeitgenössischer Musik muß man mehr proben, da bleibt dem Dirigenten weniger Zeit, um das übrige Programm einzustudieren."

Das Cello als erste Liebe

"Mein erster Traum war, Cellist zu werden", spielt "Slawa" auf den Beginn seiner musikalischen Karriere an, die ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt war. Schon sein Vater war ein phantastischer Cellist. "Ich war fünf, sechs Jahre, da machte mein Vater Familienurlaub in einem herrlichen Kurort in der Ukraine. Er hat mich immer zu den Proben des Kurorchesters mitgenommen", erinnert sich Rostropowitsch an erste, bis heute lebendig gebliebene musikalische Erfahrungen. Und wenn er anfügt, daß er hier als Sechzehnjähriger als Solist debütiert hat und sechzig Jahre später mit dem Saint-Saëns-Konzert wieder hierher gekommen ist, läßt sich ermessen, was es für ihn bedeutete, als er aus politischen Gründen jahrelang aus seiner russischen Heimat verbannt worden war. Wobei es durchaus als Ironie des Schicksals zu sehen ist, daß ihm die Aberkennung der sowjetischen Staatsbürgerschaft mitgeteilt wurde, als er in den Londoner EMI-Studios seine Lieblingsoper aufnahm: Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk".

Auch das ist mittlerweile Historie. Wie auch Rostropowitschs Auftritte mit Schnittkes "Gesualdo" und Brittens "Peter Grimes" an der Wiener Staatsoper, sein Jahre davor nicht ganz so geglückter Versuch mit der "Fledermaus" in der Volksoper, seine zyklische Darstellung der Bachschen Cellosuiten Mitte der siebziger Jahre im Wiener Konzerthaus, sein international gefeierter Einsatz für die Uraufführung des Penderecki-Streichsextetts mit so prominenten Mitstreitern wie Julian Rachlin und Yuri Bashmet anläßlich der vorjährigen "Wiener Festwochen" oder seine Konzerte als Cellist und Dirigent mit den Wiener Philharmonikern zu seinem siebzigsten Geburtstag im Großen Musikvereinssaal im Herbst 1997.
Mit dabei war einer seiner besten Freunde, Seiji Ozawa. "Seiji ist der Freund meines Lebens, ein genialer Freund", schwärmt der mit der einstigen Bolshoi-Primadonna Galina Vischnevskaja verheiratete Cellist und Dirigent über den kommenden Musikdirektor der Wiener Staatsoper, der auch diesmal sein Partner am Pult der Wiener Philharmoniker sein wird: "Wir spielen ,Don Quixote'. Der Bratscher kommt aus dem Orchester. Es ist eine der größten Kompositionen von Strauss."

Zweimal die "Fünfte"

Auch als Dirigent trifft Rostropowitsch im Rahmen dieses nach ihm benannten dreiteiligen Musikvereinszyklus mit Wiens Meisterorchester zusammen: "Ich liebe die Zahl fünf. Warum, kann ich nicht sagen. Die fünfte Symphonie hat im Werk vieler Komponisten einen großen Stellenwert", begründet er seine als Tribut an seine Heimat zu sehende Werkauswahl: die jeweils fünften Symphonien von Schostakowitsch und Tschaikowskij, der gleichfalls zu seinen bevorzugten Komponisten zählt.

Musik bedeutet für Rostropowitsch aber nicht nur, als Solist zu brillieren und sein überschäumendes musikalisches Temperament und polyglottes musikalisches Wissen mit einem Orchester zu teilen, sondern auch, mit der Jugend intensiv zu arbeiten. So ist es nur logisch, daß er den dritten Abend seines Zyklus - er versteht ihn übrigens ausdrücklich als Zeichen seiner Wertschätzung für den Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde, Thomas Angyan - mit dem Orchester der Wiener Musikuniversität bestreitet: "Mit Barockkonzerten. Ich will speziell mit Streichern arbeiten und habe daher ein Programm ausgesucht, für das wenig Bläser notwendig sind und nur eine kleine Besetzung." Vorausgehen wird diesem Abend ein Meisterkurs an der Wiener Musikuniversität. "Um mit jungen Leuten ein bißchen in Kontakt in kommen", spielt "Slawa" mit der ihm eigenen Ironie nicht nur seine eigene Begeisterung für dieses Projekt herunter, sondern auch die große Erwartungshaltung der Studenten. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, daß sich der Weltmeister unter den Cellisten auch als Lehrer zur Verfügung stellt.

Walter Dobner
Dr. Walter Dobner ist Senatsrat der Gemeinde Wien, Musikpublizist, Musikkritiker und Juror.