Ein Amerikaner in Paris, München und Wien

Lorin Maazel

Lorin Maazel ist wahrhaftig ein polyglotter Musiker. Er gilt zwar als Amerikaner, weil er seine Kindheit in den USA verbracht hat und dort auch seine Karriere als Wunderkind auf der Geige, bald aber auch als Dirigent gestartet hat. Dieserart hat er auch typisch amerikanische Vermarktungsmechanismen von Grund auf kennengelernt.
Wenn Maazel diesmal aber den Taktstock hebt, um den Auftakt zu George Gershwins "American in Paris" zu geben, den erinnert das wohl auch an die Tatsache, daß der Künstler als Sohn russischer Emigranten in der Nähe von Paris zur Welt gekommen ist. Daß er späterhin als gesuchter Pultvirtuose durch die Welt jetten würde, war ihm also irgendwie schon in die Wiege gelegt.

Nach Europa kam der Hochbegabte als Student. In Italien wollte er sich bei einem Kurs den letzten Schliff in Sachen Barock-Interpretation holen. Alles andere konnte er bereits. Zumindest gut genug, daß ihn der strenge Arturo Toscanini ihn im zartesten Bubenalter bereits ans Pult des NBC-Orchesters geholt hatte; den Musikern, die zunächst noch mit Eisschleckern an ihren Pulten erschienen waren, sollte das Spotten angesichts der natürlichen Autorität des jungen Maestro schnell vergehen.

Zweifel daran sind nie wieder aufgekommen. Maazel gilt seit Jahrzehnten als der sicherste, schlagtechnisch unfehlbarste Dirigent von allen. Wenn er Lust hat, kann er wahre Wunder wirken, ohne daß er allzuviel Proben dafür benötigte. Er kann mit Gebärden alles suggerieren.

Das erfuhren die großen Orchester in aller Welt, vor allem jene, denen er als Chef oder in führender Position verbunden war, sei es in Cleveland oder Berlin, in London, Paris oder in Wien, wo er als Direktor der Wiener Staatsoper und immer wieder als einer der wesentlichen Maestri der Wiener Philharmoniker im Konzertsaal und im Plattenstudio aktiv war.
Seit geraumer Zeit sorgt Lorin Maazel dafür, daß das Münchner Musikleben glanzvolle Höhepunkte erlebt. Als Nachfolger von Künstlern wie Rafael Kubelik und Sir Colin Davis wurde Maazel Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, mit dem er nicht nur die großen Symphoniezyklen von Beethoven, Brahms, Bruckner und - zuletzt - Schubert oder die Tondichtungen von Richard Strauss, sondern auch eine denkwürdige Aufführung von Wagners "Tristan" zur Wiedereröffnung des Prinzregententheaters erarbeitete. Und bald wußte man nicht mehr, ob das notorische Konkurrenzorchester zu den Berliner Philharmonikern im Orchesterwettkampf zwischen der deutschen Hauptstadt und der bayrischen Metropole nicht endlich die Nase vorn hatte ...

Mit seinen Musikvereins-Programmen streift das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bei seinem Wien-Gastspiel also vielleicht ganz bewußt die Nervenzentren der musikalischen Entwicklung seines Chefdirigenten. Mag die Wahl von Mahlers Dritter Symphonie als Verbeugung vor Wien gedacht sein, so sorgen die Stücke französischer Provenienz und natürlich der "Amerikaner in Paris" für weitere Ausleuchtungen von Lorin Maazels schillerndem Image.

Wilhelm Sinkovicz