Droge Singverein

Ein Redakteur outet sich

Ja, ich weiß schon: Artikel dieser Art widersprechen der "Blattlinie", sie passen einfach nicht in ein Magazin vom Zuschnitt der "Musikfreunde". Sensationen und Enthüllungen, geheimnisumwitterte Gerüchte und herzerweichende Geständnisse, das ganze Arsenal des Sensations- und Aufdeckungsjournalismus - was hätte das in der Zeitschrift des Wiener Musikvereins verloren?

Trotzdem: Einmal muß die Norm verletzt werden, einmal muß ausgepackt und offen eingestanden werden, was sensible Leser schon lange ahnten. Statt verdeckten Anspielungen also - endlich - ein echtes "Outing":
Ich bin süchtig! Ich singe! Ich brauche den Wiener Singverein!

Der Weg in die Sucht

Die Sucht begann, wie die meisten Drogenprobleme anfangen: mit Enttäuschung, Frustration, Versagensängsten. Jahrelanger Klavierunterricht, bei dem die Exekution zweistimmiger Inventionen und das notengetreue Durchpflügen des "Fröhlichen Landmanns" schon als Erfolg gewertet werden mußte. Violinunterricht, mehr als ein Jahrzehnt. Vorspielabende mit zitterndem Bogen und flatterndem Vibrato. Verwackelte Soli am ersten Pult des Schulorchesters. Haydns G-Dur-Konzert, aber bitte ohne den dritten Satz. Beethovens "Achte" im Universitätsorchester, die angeblich humorvollste Symphonie des Meisters als Schauplatz eines bitterernsten Kampfes. Eine Menge Noten, mein lieber Beethoven. Und, ach, erst die vielen nicht gespielten! Dann die Königsidee, Devise: minimale Fähigkeiten maximal ausnützen, Steigerung des Marktwerts durch Wahl eines Nischenprodukts. Also: Umsatteln auf Bratsche. Die Finger sind lang genug. Aber warum, bitte, muß denn alles im Bratschenschlüssel notiert sein?

Auf dem Höhepunkt des Instrumentalistenfrusts steckte mir ausgerechnet mein Klavierlehrer die Vokaldroge zu. Bis heute bestreitet er, daß es auch ein Befreiungsschlag in eigener Sache war. Wie auch immer: Er flüsterte mir ein, es mit Gesangsunterricht zu versuchen. Er griff zum Telefonhörer, um eine Gesangspädagogin auf mich anzusetzen. Er machte mir Mut, auch wirklich zum vereinbarten Termin dort aufzukreuzen. Und wirklich: Mut gehörte dazu. Denn in unseren Breiten ist Gesangsunterricht noch immer etwas Odioses. Klavierunterricht, selbstverständlich, Geigenstunden, bitte schön! Selbst wer die Tuba bläst, die Harfe zupft oder die Zither schlägt, darf auf das Verständnis seiner Mitmenschen zählen. Wer sich aber den Gesang erkiest, dem ist ein mitleidiges Lächeln oder zynisches Grinsen gewiß. Und ganz sicher darf er darauf rechnen, daß sich der einen oder anderen Menschenbrust ein hämisches "Hmmmhmmm - mimimimi" entringt. "Willst wohl Opernsänger werden ..." Was soviel heißt wie: "Spinnst Du!?"

Ihr Töne, sprecht, wohin?

Da muß man durch. Nicht kneifen, durchhalten, der nichtsingenden Mehrheit die Stirne bieten - das allein schon stärkt das Selbstbewußtsein. Und dann erst der Unterricht: Durchatmen, in sich gehen, aus sich schöpfen. Töne zulassen, Klänge rauslassen. Resonanzen fühlen, Freiheit spüren. Physio- und Psychotherapie mit Schuberts "Schöner Müllerin". Ihr Tönlein alle, heraus, heraus, der Frühling ist kommen, der Winter ist aus ...

Nach und nach gewöhnen sich auch die Ohren daran. Dann aber kommt der kritische Punkt: Aus dem Gewöhnungseffekt wird Abhängigkeit, Singen wird zur Sucht. Doch wohin mit all den Klängen. Ihr Töne, sprecht, wohin?
"Hmmmhmmm - mimimimi". Plötzlich sickert er doch ein, der Gedanke, den die bösen Mitmenschen schon immer in mir vermuteten. Mimimimi, warum denn nicht? Wo ist er wirklich, der Unterschied zwischen Fischer-Dieskau und mir? Zugegeben, das hohe "a" in Schumanns "Ich grolle nicht", das muß ich ihm lassen, ganz ohne Groll, das macht er toll. Und wie er dieses "sacht, sacht, die Türe zu" in der "Winterreise" singt, diese herrliche Phrase, die mir - ich geb's ja zu - jedesmal bedenklich trübe in die Kehle rutscht. Aber so schwer kann das doch nicht sein, denkt man sich im direkten Duell mit dem Plattenspieler, diese zwei, drei Töne nach oben, dieses Quentchen Mehr an Volumen und Geschmeidigkeit.
In dieser höchst bedenklichen Phase eines drohenden Realitätsverlusts erster Ordnung ist professionelle Suchtberatung gefragt. Der Gesangslehrer muß sich als Therapeut bewähren und seinem delierenden Schüler die entscheidende Frage stellen: War es also gemeint, mein rauschender Freund, dein Singen und Klingen, war es also gemeint?

Gruppentherapie für Süchtige

Nein, so war es denn doch nicht gemeint. Am Ende dieses wichtigen Therapieschrittes sieht man es ein. Der Mensch lebt nicht vom Sang allein. Fischer-Dieskau soll sich andere Nachfolger suchen. Und es gibt - ja, selbstverständlich - auch noch Chöre: die ideale Therapieform zur Nachbehandlung, Gemeinschaften von Gleichbetroffenen, Selbsthilfegruppen von Süchtigen. Sie leben ihre Obsession in kontrollierter Dosis aus (Proben, maximal zweimal die Woche), stehen unter fachlicher Aufsicht (Chorleiter) und genießen - im Unterschied zu den autistischen Erscheinungsformen (Sologesang) - bei ihren gelegentlichen Schritten an die Öffentlichkeit (Konzerte) ein hohes Maß an gesellschaftlicher Akzeptanz, das sie zu einem idealen Instrument der Resozialisierung macht.

Soviel zum Grundsätzlichen. Im Speziellen muß freilich die geeignete Therapieform erst gefunden werden. Es gibt da ja viele Möglichkeiten: die Großgruppe mit akademischem Flair und oratorischer Ambition (Universitätschor), die gesellige Kleingruppe mit einem Hauch von Liturgie (Kirchenchor) oder ohne diesen (Liedertafel), den geschlossenen Kreis ohne irritierende Präsenz des anderen Geschlechts (Männergesangsverein) oder den exklusiven Zirkel mit klangvoller Latinität (Collegium vocale, Consortium cantorum und wie er immer heißen mag). Da zurecht zu kommen kostet Zeit. Biographien von Laiensängern (um das so unschöne Wort zu verwenden) gleichen nicht selten unendlichen Geschichten. Mancher irrt durchs Sängerleben und findet ihn nie.

Der Märchen-Prinz

Ich hatte schon gut ein halbes Dutzend Chöre durchlaufen, bis ich ihn fand. Eine Singschar, der ich meine Stimme lieh, stand knapp vor dem Aus, als unter den zur Tonlosigkeit Verdammten das Gerücht aufkam: Der Prinz gründet wieder einen Chor. Also, nichts wie hin. Ich kannte ihn noch nicht, doch was man über diesen Johannes Prinz hörte, klang schon damals - gut fünfzehn, sechzehn Jahre muß das her sein - nach Balsam für das Sängerherz. Und wirklich: Dieser Prinz verstand es, eine Gruppe zusammenzuschweißen, gleich, von der ersten Probe weg, ein "Wir-Gefühl" zu schaffen. Zugleich aber, und das ist bis heute eines seiner Geheimnisse geblieben, sprach er jeden Sänger ganz persönlich an.

Abtauchen in der Stimmgruppe, Mittrotten im Kollektiv - diese Choristenmanier, mal fünfe grad sein zu lassen (schließlich ist man ja kein Solist!), die gab es bei ihm nicht, die hatte keine Chance. Dieser Prinz war immer ganz Ohr. Der merkte einfach, wie man sang, der blieb auf Tuchfühlung - auch wenn man sich noch so geschickt in der letzten Reihe verschanzt hatte. Das Schöne aber war (und ist): Er machte kein Machtmittel aus dieser wundersamen Gabe, er führte niemanden vor, "blattelte niemanden auf", sondern setzte, ganz im Gegenteil, ermunternd Stimmband- und Seelenschwingungen frei. Es war ein Aufleben, ein Aufwachen in jeder Probe. Dornröschen - und der Märchen-Prinz.

Nur ein Jahr leitete er den Studentenchor, den er da aufgebaut hatte - vielleicht klang ihm, was weiß ich, ein Chor mit dem Namen "UNIsono" auf die Dauer zu eintönig -, und außerdem hatte er damals ja seinen "WU-Chor", der für Prinz zum vokalen Königsmacher wurde. Ich blieb in seinem Bann, kam Gott sei Dank im WU-Chor unter und bin heute selbstverständlich - einmal Prinz, immer Prinz - Mitglied im Wiener Singverein. An dem Dornröschen-Erlebnis hat sich nichts geändert, das bleibt, Probe für Probe, eine märchenhaft wunderbare Erfahrung. Denn länger als ein, zwei Minuten dauert sie nie, die tranige Trägheit, mit der man, den Kopf noch halb im Büro, das Sakko über die Sessellehne hängt und leicht irritiert registriert, wie der da vorne schon wieder Energieschübe in die Sängerrunde schickt. Wie macht er das bloß, woher nimmt er das, ist der Mensch eigentlich nie müde ...? Doch im Handumdrehen ist man drin - und singt, singt, singt ... Eins ist klar, denkt man sich, während Prinz tanzt und springt und redet und singt ... Der Mann ist ein Besessener, ein Süchtiger, auch er. Er kennt sie selbst, die Droge des Gesangs. Und wahrscheinlich ist er schon deshalb auch ein so einzigartiger Chorleiter.

Schön, daß er wenigstens ab und zu ins Rampenlicht der Öffentlichkeit tritt und im Großen Musikvereinssaal selbst dirigiert. Bloß schade, daß ich selbst nicht mitsingen kann. Ja, aber so ist das nun mal, wenn man mit einer Chorsängerin verheiratet ist: Da heißt es, Rücksicht nehmen auf die Sucht des anderen, acht geben, daß die sängerischen Entzugserscheinungen das Ehe-Gleichgewicht nicht stören.
Außerdem hören die Kinder noch gern ihre Gute-Nacht-Geschichte und die Kleine braucht - als mühsame Pflichtübung vor dem Schlafengehen - noch den einen oder anderen Tip beim Geige-Spielen. Mit Geige soll sie mal anfangen. Aber wie und wo das endet, ahne ich schon ...

Joachim Reiber
Dr. Joachim Reiber ist Redakteur der Zeitschrift "Musikfreunde" und Mitglied des Wiener Singvereins.