Der Vogelfänger als Prinz

Michael Schade

Er trägt am liebsten Sakkos mit Hirschhornknöpfen, seine kleine Tochter Sophie tollt sommers in Lederhosen herum, und er schätzt es gar nicht, wenn jemand seinen Namen englisch ausspricht. Schließlich stammen seine Eltern aus Gelsenkirchen, und Michael Schade wuchs in Genf auf, ehe die Familie 1977 nach Kanada übersiedelte. Da war er zwölf, und an der renommierten St. Michael's Choir School in Toronto kam er ganz zwanglos mit Gesang in Berührung. Obwohl er schon im Knabenchor mit seiner Stimme aufgefallen war, begeisterte er sich vor allem für die Ornithologie und entschied sich für ein wissenschaftliches Studium. Doch aus dem Universitätschor heraus wurde er endgültig "entdeckt".
Die Entscheidung gegen die Wissenschaft und für eine Laufbahn als Sänger fiel ihm nicht leicht: "In der Wissenschaft gibt es auf ein Problem eine eindeutige Antwort, aber beim Singen genügt es nicht, daß man es nur ,richtig' macht. Man muß seine individuellen Antworten finden. Ich denke sehr deutsch und möchte, daß eins und eins eine glatte Zwei ergibt. Ich mag Sicherheiten, aber das kann man in der Kunst nicht haben."

In Kanada lebt er mit seiner Familie noch immer - wenn er nicht gerade als Tamino durch die Welt reist. Mehr als 125mal stand Michael Schade in seiner Paraderolle schon auf der Bühne, so 1997 bei den Salzburger Festspielen und zuletzt in der neuen Wiener "Zauberflöte"-Produktion unter Sir Roger Norrington. Dabei würde er vom Charakter her viel lieber den Vogelfänger als den Prinzen verkörpern. Doch ihm ist klar, daß der Tamino wie keine andere Partie die seine ist. "Als ich zum ersten Mal die Partitur aufgeschlagen habe, wußte ich, daß Mozart das für eine Stimme wie die meine komponiert haben muß." Im DaPonte-Zyklus im Theater an der Wien war er außerdem als Ferrando in "Così fan tutte" und als Don Ottavio in "Don Giovanni" zu erleben.

In Wunderlichs Mantel

In Wien haben Schade und seine Frau, die kanadische Mezzosopranistin Norine Burgess, auch ihren zweiten festen Wohnsitz aufgeschlagen. Seit seinem Staatsopern-Debüt 1992 ist Schade ständiger Gast im Haus am Ring. Mit wohligem Schaudern erinnert er sich an das Gefühl, als er einmal einen Mantel tragen durfte, der seinem großen Vorbild Fritz Wunderlich gehört hatte. Schade war hier nicht nur in Mozart- und Strauss-Rollen (Henry Morosus in "Die schweigsame Frau" und Matteo in "Arabella") zu hören, sondern auch in den italienischen Belcanto-Partien von Rossinis "Barbiere" und Donziettis "Elisir d'amore" - und als David in den "Meistersingern"; zumindest bis auf weiteres eine Grenzpartie, zu der ihn Ioan Holender nur deshalb überreden konnte, weil ein anderes großes Vorbild, nämlich Peter Schreier, zu ihren größten Interpreten zählt.

Da an lyrischen Tenören im allgemeinen und an charismatischen Tamino-Darstellern im besonderen vorderhand kein Überschuß herrscht, ist er mit seinem angestammten Repertoire weltweit gefragt. An der Met, wo er 1993 in "Fidelio" debütierte, ebenso wie an der Mailänder Scala, an der Opéra Bastille in Paris und an der Hamburgischen Staatsoper Bei den Salzburger Festspielen hat er letzten Sommer als Jason in Cherubinis "Medée" unter Sir Charles Mackerras einen ersten Schritt in ein neues Fach gewagt, und im Februar sang er unter Sir Colin Davis in Dresden erstmals "Idomeneo".
"Meine Stimme wird schwerer, deshalb kann ich jetzt zu Idomeneo und ins französische Repertoire gehen", sagt er. "Ich denke auch über leichtere Rollen im italienischen Fach nach, etwa über die Tenorpartie in 'Gianni Schicci' oder über 'La Traviata'. Aber ich muß achtgeben, weil ich eine ,deutsche' Stimme habe, ohne diese romanische Färbung. Und mein Herz wird immer an der Barockmusik hängen."

Oratoriensänger und "Müllerbursch"

Mit Barockmusik hat er begonnen, sein erster Bühnenauftritt erfolgte in einer Cavalli-Oper in Toronto. Nach seiner Ausbildung am Curtis Institute in Philadelphia machte er sich als Oratoriensänger zunächst in Kanada einen Namen, sang Händels "Messias" in der Carnegie Hall und absolvierte erste Operngastspiele in Bologna und beim Rossini-Festvial in Pesaro. Was seine Karriere in Europa betrifft, war sein Mentor in den ersten Jahren Helmuth Rilling, der ihm die Partie des Evangelisten in der "Johannes-Passion" anvertraute. Inzwischen hat Schade mit John Eliot Gardiner und mit Trevor Pinnock ebenso gearbeitet wie mit Claudio Abbado und Pierre Boulez (mit dem er Mahlers "Lied von der Erde" aufnahm), mit Riccardo Muti und Nikolaus Harnoncourt.

Mit letzterem verbindet ihn eine besonders enge Zusammenarbeit, die nicht nur durch mehrere gemeinsame Auftritte im Musikverein dokumentiert ist. Unter Harnoncourts Leitung sang Schade den Rinaldo in Haydns "Armida" mit Cecilia Bartoli bei der styriarte 1998, unternahm im Bach-Jahr 2000 eine Tournee mit der h-moll-Messe und gestaltete die Tenorarien in der neuen Aufnahme der Matthäus-Passion.
Zwischen der Arbeitsweise von Muti, der prinzipiell erst eine Woche vor der Premiere anreist, und der intensiven Art gemeinsamen Probens mit Harnoncourt liegen Welten, die Schade scheinbar mühelos überbrücken kann. "Man muß sich als Sänger darauf einstellen, daß jeder Dirigent einen anderen Stil hat. Auf den sollte man sich im Vorfeld vorbereiten", sagt er pragmatisch. "Dann kommt es meist zu großartigen Proben und zur Erweiterung der eigenen Klang- und Interpretationsfarben, von denen man ein Leben lang zehrt."

Fast überflüssig, jetzt noch zu erwähnen, daß der Liedgesang für Michael Schade immer großen Stellenwert besaß. Er findet es kurzsichtig, wenn sich Kollegen ausschließlich auf die Oper konzentrieren. Ausgerechnet vor dem so verwöhnten wie sachkundigen Publikum der Schubertiade interpretierte er im vergangenen Herbst erstmals "Die Schöne Müllerin". Der Naturbursch vom Erie-See ist sich seiner Sache eben sicher - und der Erfolg gibt ihm recht.

Monika Mertl
Monika Mertl ist Musikjournalistin in Wien. Sie arbeitet für die Salzburger Nachrichten sowie für in- und ausländische Fachmagazine, ist sie Herausgeberin des Salzburger FestspielAlmanachs und Buchautorin