Wie gelbes Feuer

Gustavo Dudamel dirigiert die neun Beethoven-Symphonien

Die neun Symphonien Ludwig van Beethovens gelten in der Klassikwelt als ultimative interpretatorische Herausforderung. Gustavo Dudamel präsentiert den symphonischen Makrokosmos mit seinem Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela an fünf März-Abenden im Musikverein.

Es gab vor einigen Jahren bei den Salzburger Festspielen eine bemerkenswerte Veranstaltungsreihe, die sich „Schule des Hörens“ nannte. Alfred Brendel hielt hier eine seiner vergnüglich-didaktischen Lectures und Nikolaus Harnoncourt probte da öffentlich mit dem Simón Bolívar Orchester die Fünfte Symphonie Beethovens. Wer damals dabei war, wird nicht vergessen, wie ein zunehmend atemloser und enthusiasmierter Harnoncourt vor der vollbesetzten Aula der Universität das Werk auseinandernahm, die einzelnen Instrumentengruppen justierte und dann wieder zusammensetzte. Neben ihm saß – alles strahlend aufsaugend – Gustavo Dudamel, der, wenn notwendig, auch übersetzte.

Gelbes Feuer und Tropenfieber

„Hier muss es klingen wie gelbes Feuer“, ereiferte sich Harnoncourt und hatte dann alle Hände voll zu tun, den tropischen Übermut zu kanalisieren. An einer Stelle sagte Harnoncourt zu den Holzbläsern, sie müssten die Akkorde so schneiden, als wären sie eine Salami – und Dudamel übersetzte Salami ins spanische Salchicha. Sage noch einer, es gäbe ein Lebensmittel, das Harnoncourt nicht zur Verdeutlichung seiner Ideen einsetzen konnte. Für das Orchester war diese Lehrstunde jedenfalls wie eine Taufe mit dem Beethoven-Zaubertrank.
Zum Beginn der Veranstaltung erklärte Harnoncourt, dass Monteverdi der erste Komponist gewesen sei, der die Tonwiederholung eingeführt habe, um Zorn auszudrücken. Und dann wurde es politisch: „Diese Symphonie“, so Harnoncourt, „ist sein einziges politisches Werk, das auf einem freien Platz endet, mit Instrumenten, die sonst nie in der Musik verwendet werden. Eine tragische c-Moll-Symphonie, die in strahlendem C-Dur endet.“ Harnoncourt sagte wörtlich: „Wenn Sie einen Diktator haben, und Sie mögen ihn nicht, würde er Sie ins Gefängnis werfen und die Hände fesseln. Was würden Sie tun?“ Und dann intonierte er selbst den c-Moll-Beginn, während er seine Hände wie gefesselt aneinanderpresste. Die nächste halbe Stunde sprach er über die Sehnsucht nach der Befreiung, immer wieder Phrasen singend, gar halb tanzend, als wäre er im Tropenfieber. Am Ende bekam er einen Schal in den Landesfarben Venezuelas. Es war eine Sternstunde.

Kein Beethoven „light“

Nun ist es mit der Salamitaktik bei Beethoven so eine Sache. Wenn man sie quasi humorlos befolgt, dann kann das Ergebnis ebenso klingen: blutleer und entseelt. Harnoncourt war ja ein grandioser Übertreibungskünstler, und er wusste, dass seine Schüler seine Ideen immer durch den Filter ihrer Persönlichkeit bewerten würden. Das gilt für Daniel Harding, dessen Identifikation mit Harnoncourt so weit ging, dass er seine Brille ebenso mit einem Lederband um den Hals trug. Das gilt in gleichem Maß für Gustavo Dudamel, der aus dieser Salzburger Stunde vor allem die Idee des transparenten, aufgefächerten Klangs übernahm. Die überfallsartige, fast schockhafte Betonung der Akzente Harnoncourts hat Dudamel jedoch nicht gänzlich übernommen. Ein schönes Paradoxon. Der vermeintliche Draufgänger ist vorsichtiger als der väterliche Mentor. Harnoncourt hätte das sicher als Auszeichnung verstanden.
Einen Beethoven „light“ hat Dudamel deswegen noch lange nicht im Sinn. Im Gegenteil. Als er jüngst in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles die „Eroica“ dirigerte, erinnerte ein Kritiker daran, dass Beethoven die Widmung an Napoleon nach dessen Selbstkrönung zum französischen König im Jahr 1804 auf dem Manuskript wild durchstrich. „Nun hat Dudamel den Titel erneut geändert“, schrieb Mark Swed in der „Los Angeles Times“, „von Bonaparte in Bolivar“.

Vorbilder und das Original

Es ist dabei interessant, sich die Entwicklung von Dudamels Dirigiertechnik genauer anzusehen. Als er seine ersten Konzerte mit den europäischen Spitzenorchestern bestritt, war von einer Sensation die Rede, die er auch war. Dieser junge Wuschelkopf war schlichtweg nicht zu fassen. Igor Strawinskys „Sacre“ peitschte er selbstredend auswendig vor sich her wie ein Jockey sein bestes Pferd – und auch das restliche Repertoire durchpflügte er erregt. An seiner Schlagtechnik sah man das Vorbild Abbado, vor allem an den fließenden Bewegungen der rechten Hand. Die Technik bei den starken Akzenten wiederum schien von Rattle beeinflusst. Einem Skalpell gleich sauste der Taktstock nach unten, während der Oberkörper ruhig blieb. Der Impuls ging dabei ganz von der Schulter aus. Und beim Wiener Neujahrskonzert 2017 konnte man dann schön sehen, wie Dudamel leicht verzögerte Impulse aus den Knien heraus setzte, in der Elastizität dabei an Carlos Kleiber erinnernd. In der Gesamterscheinung bleibt Dudamel freilich Dudamel: alles aufsaugend und in sein überbordendes Talent integrierend.
In den vergangenen Jahren hat sich eine gestalterische Ruhe dazugesellt, die als ordnendes Element seinem immer noch sehr jungen Orchester überaus gut tut. Die Hingabe der jungen Musiker ist nun fokussiert, ähnlich „einer effizienten Armee“, wie abermals Mark Swed schrieb. Der Eindruck des Simón Bolívar Orchesters bei Beethoven: „Unbesiegt, als würden sie in eine noble, notwendige Schlacht ziehen.“

Inmitten eines Konflikts

Dass diese Schlacht nun auch abseits des Konzertsaals stattfindet, ist ein weiteres Paradoxon von Dudamels wundersamer und wunderbarer Karriere. Es ist neuerdings schwer geworden, über ihn zu schreiben, ohne den Konflikt anzusprechen, der um seine Person in seiner Heimat Venezuela, und nicht nur da, entbrannt ist – und man kann das Thema erst recht nicht ausklammern, wenn er Beethoven dirigiert.
Kurz zusammengefasst: Dudamel, 1981 in Barquisimento geboren, der viertgrößten Stadt Venezuelas, wird als prominentestem Spross des El-Sistema-Projekts eine Rolle zugeschrieben, der er kaum gerecht werden kann. Er soll das Simón Bolívar Orchester, das kulturelle Aushängeschild des Landes, weiter an die Weltspitze heranführen, gleichzeitig soll er aber auch als Sprachrohr gegen die Regierung auftreten, die das Land gerade gegen die Wand gefahren hat. Allein für 2016 wird die Inflation auf 750 Prozent geschätzt. Das ölreichste Land der Welt hat keine Devisen, um die wichtigsten Nahrungsmittel zu importieren. Die Statistik weist Caracas als gefährlichste Stadt der Welt aus, noch vor Bagdad. „Fiedeln, während Venezuela verhungert“, titelte die „New York Times“ nach einem Konzert in der Carnegie Hall. Der Autor stellte die Frage in den Raum, ob Dudamel nicht Propaganda für ein korruptes Regime betreibe.
Danach ging Dudamel in die Offensive. Er spürt, dass diese Diskussion nicht nur ihm schaden kann, sondern auch seinem Orchester – und das wäre für ihn ein Albtraum. Dudamel fühlt sich dem Projekt so sehr verbunden, dass er dafür so gut wie alles geben würde, die Auftritte mit Obama ebenso wie seinen Celebrity-Status in Los Angeles.

Fühlen, was richtig ist

Dem „Zeit“-Magazin hat er eines seiner raren Interviews zu diesem Thema gegeben. Dass El Sistema das Land repräsentiere und nicht die Regierung, war dabei ein zentraler Gedanke: „Es ist wichtig, gerade in Momenten, in denen die Gesellschaft gespalten ist, Elemente zu haben, die vereinen.“ Für ihn urteilen Kritiker mit einer Moral, die eine Perfektion verlange, die es so nicht gibt. Natürlich mache ihm der soziale Verfall der Gesellschaft zu schaffen, Gewalt inklusive. Dass die 800.000 Kinder, die von El Sistema betreut werden, genau hier eine Alternative bekämen, ist für ihn ein stärkeres Argument als ein Auftreten gegen die Machthaber mit unabsehbaren Folgen. Er fühle, dass es richtig ist, was er macht, bekräftigte Dudamel.
Als Harnoncourt bei seiner Probe auf das Diktatorenthema zu sprechen kam, sahen ihn die jungen Musiker wissend an. Kaum wahrscheinlich, dass Harnoncourt zufällig dieses Thema wählte, dabei nicht an die reale Situation in Venezuela dachte. Er nannte die Dinge nicht explizit beim Namen, aber trotzdem waren sie präsent. Gut möglich, dass Dudamel sich auch hier etwas abgeschaut hat.

Wolfgang Schaufler
Wolfgang Schaufler ist Verlagsmitarbeiter der Universal Edition und Herausgeber des Buchs „Gustav Mahler – Dirigenten im Gespräch“.