Ungarns Leid, Ungarns Stolz

Zoltán Kodálys „Psalmus hungaricus“

Zoltán Kodály, der vor fünfzig Jahren in Budapest starb, wurde als Exponent ungarischer Musik weltberühmt. Der international Durchbruch gelang ihm mit dem „Psalmus hungaricus“, der nun, am 16. März 2017, mit dem ORF RSO und dem Wiener Singverein auf dem Programm steht.

Der „Psalmus hungaricus“ verdankt seine Entstehung einem eher unspektakulären Anlass: 1923 fand in Budapest ein Festakt statt, der das 50-Jahre-Jubiläum der Vereinigung der ehemals selbstständigen Städte auf beiden Seiten der Donau – Buda (Ofen) und Pest – zur Hauptstadt Budapest feierte. Höhepunkt war ein Galakonzert am 19. November 1923 in der Budapester Redoute mit drei neuen Kompositionen, die der Stadtrat bei den führenden Komponisten der Zeit in Auftrag gegeben hatte: Ernst von Dohnányi, Béla Bartók und Zoltán Kodály.

Dreimal Ungarn

Die musikalische Momentaufnahme bildet ziemlich präzise die Stilbereiche ab, in denen sich ungarisches Komponieren dieser Zeit bewegte: Ernst von Dohnányi trat als Repräsentant der Vergangenheit in Erscheinung, als Komponist im Gefolge deutscher Romantik, die sich ungarischer Themen bediente. Seine Festouvertüre „Ünnepi Nyitány“ zitiert patriotische Melodien von Ferenc Erkel und Béni Egressy und verharrt dabei in der Sprache der Wagner- und Brahms-Nachfolge.  Deutlich kontrastieren dazu die Werke der beiden Neuerer, denen es um den Aufbau einer zeitgenössischen Musikkultur in Ungarn zu tun war. Béla Bartók schrieb eine „Tanz-Suite“, in der sich ungarische und rumänische Themen zu einem Klangbild von rhythmisch-dynamischer Wucht verbinden, und Kodály – der ursprünglich ebenfalls eine Tanz-Suite komponieren wollte, dies aber aus Rücksicht auf seinen Freund Bartók unterließ – steuerte den „Psalmus hungaricus“ bei, ein oratorisches Werk für Tenorsolo, Chor und Orchester.

Festgesang in gedrückter Stimmung

Ein Chorwerk für ein Jubiläum, geschrieben für ein patriotisches Fest – da ließe sich wohl Freudig-Festliches erwarten. Doch es sind eher düstere, expressive Klänge, in die Kodály seinen „Psalmus“ kleidet, und auch der Beginn des Chores lässt in getragenem, strengem Unisono keinen Zweifel über den Ernst und die Gedrücktheit der Stimmung aufkommen. Hier feierte sich eine Stadt, aber die Worte, die ihr entgegengerufen werden, sind die eines strafenden Propheten: „Als könnt die Stadt nur zürnen und hassen,/ Hader und Streit füllt Mauern und Straßen,/ Solch Taumel des Goldes, solch Gier der Reichen,/ Trägt die Erde wohl nirgends ihresgleichen.“ Weniger ein Festgesang, eher ein „De profundis“ ist diese Jubiläumskomposition, und so stellt sich die Frage, welchem Zeitgefühl der Komponist hier unterlag und wie er von seinem Publikum verstanden werden wollte.

Dreimal nein

Ungarn 1923: Das war ein Land, das eben eine der größten Krisen seiner Geschichte hinter sich hatte. Den Ersten Weltkrieg hatte die Doppelmonarchie verloren, und Ungarn – so schien es – sollte den größten Preis für diese Niederlage bezahlen. In der Tat enthielt der Vertrag von Trianon Bedingungen, für die es in der Geschichte kaum ein Beispiel gab: Zwei Drittel seines Staatsgebietes musste Ungarn aufgeben; die Abtretungen gingen großteils an Rumänien, die Slowakei und den „SHS-Staat“, das spätere Jugoslawien. Dass mehrere Millionen Ungarn sich nun außerhalb des ungarischen Staatsgebietes befanden, schien den Siegermächten kein Problem zu bereiten; der ungarischen Verhandlungsdelegation wurden keine wesentlichen Mitspracherechte eingeräumt. „Unter Widerspruch“ unterschrieben die Ungarn am 4. Juni 1920 den Vertrag – ohne jegliche Akzeptanz. Trianon – dreimal nein! Nein, nein, niemals! Das war der Wahlspruch der Folgezeit, und er wurde nicht nur von einer revisionistischen Minderheit, sondern auf breitester Basis mitgetragen. Das 1919 restaurierte „Königtum ohne König“ unter Miklós Horthy ließ sich von diesem Impetus leiten, sah später in Hitler einen Verbündeten im Kampf um die Wiedergewinnung der verlorenen Gebiete und konnte tatsächlich mit NS-Hilfe einige Revisionen erreichen. Der Preis für die unheilige Allianz war hoch, und das Ungarn von 1945 sah sich auf den Status von 1920 zurückgeworfen.

Der gramgebeugte König

Kodály selbst befand sich 1923 überdies in einer misslichen Situation. Nach der Restauration des „Königtums ohne König“ geriet er unter die politisch Verfolgten, denn er war während der kurzen Zeit der Räterepublik zum Vizedirektor der Budapester Musikakademie ernannt worden, und dies hatte ein langwieriges Disziplinarverfahren zur Folge. Und so lässt sich kaum die Vorstellung abweisen, hinter dem gramgebeugten König David der Psalmen den Komponisten selbst zu erahnen: „Als König David Schweres erleidend, grausam bedrängt ward auch von den Freunden, da er im Herzen bitteren Gram trug, niedergebrochen rief er zu Gott empor.“ (Die etwas holprige deutsche Übersetzung stammt vom ungarischen Musikologen Bence Szabolcsi).
Es ist kein Zufall, dass Kodály zu diesem Text gefunden hatte. Er entstand in der Epoche der Reformation in Ungarn, im 16. Jahrhundert, und wurde in seiner ungarischen Version vom Prediger Mihály Vég verfasst, einem reformierten Geistlichen aus Kecskemét. Ungarn im 16. Jahrhundert: Auch dies eine der tragischen, traumatischen Epochen der ungarischen Geschichte, die Zeit der türkischen Invasion, der eine 150-jährige Besetzung des Landes folgte. Und auch damals verstand man die Psalmen Davids als Spiegelbild einer zerrissenen und perspektivlosen Gegenwart. Aktuelle Kriegsereignisse und biblische Geschichten wurden in diesen Gesängen mit Anspielungen auf die Parallelität zwischen dem Volk der Bibel und den verfolgten Ungarn erzählt; ob das Volk daraus Trost und Kraft schöpfte, wie dies der Intention des Autors entsprach, sei dahingestellt, doch zweifellos fungierte die biblische Vorlage hier ebenso als Projektionsfläche für aktuelle Bedrängnis wie Jahrhunderte später zur Zeit des „Psalmus hungaricus“.
Ein Volk des Leidens, ein Volk des Stolzes, ein Volk der unbeugsamen Hoffnung – so wollten (und wollen) sich Ungarn selbst sehen, doch Innen- und Außensicht der eigenen Befindlichkeit sind nicht immer kongruent. Was in Ungarn selbst als Teilhabe an nationaler Identität angesehen wird, stößt außerhalb des Landes nicht selten auf Befremden. Dies reicht bis in die unmittelbare Gegenwart, in der „Orbáns Ungarn“ zum Gegenstand buchfüllender Erörterungen wird und politische Kommentatoren die Eigenwilligkeit ungarischer Politik mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Bewunderung zur Kenntnis nehmen.

Eine neue Welt
           der Expressivität

Doch zurück zu Zoltán Kodály und seinem „Psalmus hungaricus“, der es verdient, nicht nur als Zeitdokument, sondern auch als kompositorischer Meilenstein verstanden zu werden. Kodály gelang es hier, eine Musiksprache zu entwickeln, die sich vom epigonal-spätromantischen Schönklang Dohnányis grundlegend unterscheidet und das Tor zu einer neuen Welt der Expressivität aufstößt, und darin liegt seine Bedeutung für die Musik des 20. Jahrhunderts. Diese Musiksprache löst sich vom dramaturgischen Klischee, dass ein oratorisches Chorwerk, zumal eines für eine Jubiläumsfeier, mit Jubelklängen im Fortissimo zu enden hat. Zwar baut der Komponist im Schlussteil mit der variierten Wiederaufnahme des Chorals einen Höhepunkt auf („Doch den Gerechten wirst Du bewahren“) – ein mächtiger, fugatoartiger Klangturm entsteht vor dem Hörer –, doch hat er nicht das letzte Wort. In der letzten Szene verdunkelt sich das Bild wieder. Die Phase der Verklärung, zu der die Erniedrigten emporgehoben werden, erweist sich bloß als Traum und Vision, und in Klage und Resignation endet das Werk.
So wenig der „Psalmus“ auch den Konventionen von Jubiläumskompositionen entsprach – seinem Erfolg tat dies keinen Abbruch. Bereits bei der Uraufführung errang er stürmischen und entschiedenen Beifall, und er begründete Kodálys Ruhm. Nach der ersten Aufführung des Werkes außerhalb Ungarns, 1926 in Zürich, wurde der Name Kodály weltweit zum Begriff.
Ungarn 2011: Das Land erhält eine neue Verfassung, der als Präambel ein „Nationales Bekenntnis“ (Nemzeti Hitvallás) vorangestellt ist. Der „Psalmus hungaricus“, aber auch die Assoziationen und Emotionen, die ihm anhaften, besitzen ungebrochene Aktualität.

Thomas Leibnitz
Dr. Thomas Leibnitz ist Direktor der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.