Tango und Humor mit Leidenschaft

Fritz Karl

„Du hörst mir ja doch nie zu“ – ein Satz, der wesentlich öfter zu Hause fallen dürfte als ausgerechnet im Gläsernen Saal des Musikvereins. Dort lohnt es sich nun unter diesem Titel freilich doppelt, die Ohren zu spitzen: für die musikalischen Spielarten und Transformationen des Tangos, mit denen das Ensemble Tango de Salón mitreißt und für die brillanten Satiren des brasilianischen Humoristen Luís Fernando Veríssimo, die Schauspielstar Fritz Karl zu prallem Leben erweckt.

Zu verdanken sei das Programm „Du hörst mir ja doch nie zu“ eigentlich zwei Zufällen, die sich zusammengefügt hätten, verrät Fritz Karl. Konkret: Ö1, seinem Lieblingssender, und seinem Freund Erwin Steinhauer. „Im Radio habe ich eine Geschichte von Veríssimo gehört und mir sofort das längst vergriffene Buch beschafft. Seine Kurzgeschichten sind toll: witzig, voller Situationskomik, aus dem Leben gegriffen.“ Und dann habe ihn eines Tages auf Empfehlung Steinhauers der Musiker Peter Gillmayr gefragt, ob er nicht einmal mit ihnen auftreten wolle.
Dazu muss man wissen, dass Karl bis dahin mit Lesungen wenig anfangen konnte: Lange hatte er unter schwerer Legasthenie gelitten – und obwohl er sich die Schwäche mühsam abtrainieren konnte, war eine gewisse Scheu zurückgeblieben. Doch als sich herausstellte, dass Gillmayr mit seinem Ensemble Tango de Salón selbstverständlich Tango spielte, fielen dem Schauspieler Veríssimos Geschichten wieder ein – und die beiden Facetten Südamerikas fügten sich ganz logisch zusammen. „Musik und Text ergänzen und beleuchten einander ganz wunderbar“, schwärmt Fritz Karl – und der Erfolg bei einem „Probelauf“ in Frankenmarkt, 50 Kilometer von seinem Heimatort Traunkirchen in Oberösterreich entfernt, gab ihm sogleich recht. Außerdem schenken ihm diese nun geliebten Leseauftritte etwas wieder, das er schon vermisst hat: den direkten Kontakt zum Publikum.

Aus Spaß wird Spiel

Als Schauspieler steht Fritz Karl ja längst fast ausschließlich vor der Kamera anstatt auf der Bühne; seine letzte Premiere am Theater in der Josefstadt, „Das Fest“ von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov, liegt nun schon zehn Jahre zurück. Dafür ist er im Fernsehen in Filmen vom Thriller bis zur Komödie zu erleben, ermittelt erfolgreich als Inspektor Jury und spielt die Hauptrolle in Ruth Maders Streifen „Life Guidance“, der heuer in die Kinos kommt: ein düsterer Blick in eine nahe Zukunft, in der die Menschen zu fröhlich funktionierenden Zahnrädern des allumfassenden Kapitalismus „optimiert“ sind. Da scheint die Abwechslung gerade recht zu kommen: Beziehungen stehen in den heiteren Geschichten Veríssimos immer wieder im Zentrum. Es geht also um Liebe, um Missverständnisse – und um die Komik des Lügens. Veríssimo sei „ein Champion der intelligenten Satire und des zwerchfellerschütternden Humors“ und verstehe es „meisterhaft, den Einheimischen nicht nur auf den Mund, sondern auch in die Seele zu schauen, wobei er nicht nur brasilientypische Skurrilitäten aufstöbert, sondern auch ganz allgemein menschliche“, rühmt ihn etwa der nach Brasilien ausgewanderte Autor und Übersetzer Klaus D. Günther. Zur eigenen Lust und zur Freude des Publikums gerät Fritz Karl dabei aus dem Vorlesen auch ins Vorspielen, lässt sich von Veríssimo so weit inspirieren, dass er die Charaktere von der strikten Lesung fallweise ins Theatralische rückt.

Authentizität mit Know-how

Da setzt sich der Drang zur Darstellung durch – aber mit Bedacht. Denn Fritz Karl weiß seine Mittel sehr präzise und dem Anlass entsprechend einzusetzen. „Vor der Kamera zu arbeiten erfordert ein ganz anderes Handwerk, als wenn man auf die Bühne geht. Schon beim Auftritt spürt man da die Menschen, die einem entgegenatmen. Das fühlt sich völlig anders an und bewirkt eine ganz eigene Wechselwirkung. Unser Tango-Abend wird auch im Musikverein eine Menge mit dem Publikum zu tun haben. Wie man einander begegnet und trägt, ist das Spannende am Live-Moment – und die positive Anstrengung macht sich bezahlt. Vor der Kamera muss man viel mehr technische Details verinnerlichen und mit einer anderen Art von Konzentration arbeiten. Vom ersten Tag am Filmset an muss die Figur voll entwickelt sein, der Text gelernt, die Vorstellung konkret. Da gibt es nicht wochenlange Proben wie am Theater, wo das Ganze in stärkerem Miteinander entsteht. In beiden Fällen aber ist wichtig, dass man immer authentisch, ehrlich bleibt.“

Selber schwitzen für die Musik

Am Tango fasziniert ihn „das Flirrende, der innere Dampf, das Schwitzende“ dieser Musik. Immerhin war dieser Tanz – und mit ihm eine eigene musikalische Gattung – im stickigen Mief der Bordelle und Spelunken argentinischer Immigrantenviertel entstanden. Und obwohl historische Größen des Genres den Tango längst geadelt haben, darunter Carlos Gardel und später Ástor Piazzolla, blieb sein Wesen doch gleich: „Die Säle, in denen heute Tango erklingt, mögen sich verändert haben, die Seele dieser Musik aber ist noch dieselbe“, ist Fritz Karl überzeugt. „Die Enge, die Hitze, das hat bis heute den Hautgout des Hinterhofes. Und wir merken auch, dass man nach so einem Konzert wirklich auf höherer Körpertemperatur rangiert als vorher.“
Das Sensorium für die Musik, die keineswegs nur passive Beziehung zu ihr verbindet den Schauspieler übrigens mit Luís Fernando Veríssimo: Der 1936 in Porte Alegre geborene Zeitungsmacher, Autor, Cartoonist, Fußball- und Jazzfan wurde etwa mit 24 Jahren Saxophonist in einer Band, seiner eigenen Beschreibung nach das „größte Sextett der Welt – weil es nämlich neun Mitglieder hatte“. Fritz Karl, im Wirtshaus der Eltern aufgewachsen, wurde einst Sängerknabe und erinnert sich darüber hinaus auch noch anerkennend an seinen Musikunterricht im Gymnasium – Vorzüge einer Schulbildung, die er mittlerweile im Schwinden begriffen sieht. „Ich arbeite viel in Deutschland, da heißt es oft: ‚Mensch, ihr Österreicher habt das im Blut!‘ Aber wie lange noch, wenn die Voraussetzungen immer mehr beschnitten werden?“

Nichts Plattes auf Platte

Fritz Karl war in seinen Anfangsjahren im Theater der Jugend in einem Musical über die Rolling Stones zu erleben, hat später mit Alexander Kukelka als Komponist am Klavier und Franz Hautzinger an der Trompete unter dem Titel „Chet“ den großen Jazzmusiker Chet Baker porträtiert und dabei auch viel gesungen; zuletzt gab er 2013 in einer augenzwinkernden Neuverfilmung von Ralph Benatzkys Operette „Im weißen Rössl“ den liebeskranken Oberkellner Leopold. „Es gibt so viel interessante Musik, ich finde es schrecklich, sich da einzuschränken“, lautet sein Credo.
Für eine kreative Durchmischung sorgt da neben der eigenen Neugier auch sein Nachwuchs: drei erwachsene Kinder sowie mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Elena Uhlig, drei weitere, die heuer neun, sieben und zwei Jahre alt werden. „Mein Sohn Aaron, der auch Schauspieler geworden ist, beherrscht außerdem noch vier oder fünf Instrumente – da denkt sich sein Vater manchmal: Verdammt, das würde ich auch gerne können! Unlängst kam er mit Monteverdi daher, dessen Musik ich aktuell besonders gerne höre. Dann kommen wieder die Stones dran, Jethro Tull – oder Wagner.“ Eines aber ist klar in diesem musikalischen Haus, quer durch Altersgruppen und Stilrichtungen: „Wir sind Plattenfanatiker und schwören auf Vinyl!“

Macht der Leidenschaft

Doch auch das Musizieren hat seinen Platz. „Im Moment versuche ich, meinen jüngeren Kindern ein Instrument beizubringen. An der Gitarre funktioniert das ganz gut, am Klavier weniger – aber wir haben viel Spaß miteinander. Im Salzkammergut ist außerdem das Brauchtum noch stärker verankert, mit Adventliedern und am Vorabend des 6. Jänners mit den Glöcklerläufen. Ich merke schon, dass das auf die Kinder Eindruck macht. Wir machen nicht etwa regelmäßig Hausmusik, aber wir singen und musizieren miteinander.“ Versucht Fritz Karl seinem Nachwuchs die idyllischen Seiten der eigenen Kindheit auf dem Land zu bieten? Ja, aber die Region bedeutet auch für ihn selbst Erdung und die Möglichkeit zum Kraft schöpfen. „Meine größte Angst war immer, dass meine Kinder so werden wie ich und jeden Unsinn ausprobieren“, lacht er. „Aber wenn sie das tun, kann man auch nichts dagegen machen. Letztendlich muss jeder seinem eigenen Weg folgen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, mit 16, 17 nach Wien gekommen, aus dem Reinhardt-Seminar geflogen, habe aber trotzdem oder gerade deshalb mein Ding gemacht. Niemand kann sich das aussuchen: Entweder ist man ein leidenschaftlicher Mensch oder man ist es nicht. Ich bin einer.“

Walter Weidringer
Mag. Walter Weidringer lebt als Musikwissenschaftler, freier Musikpublizist und Kritiker (Die Presse) in Wien.